Show me your face

Kapitel 10

Uncertainty

Am nächsten Tag bin ich furchtbar nervös, als ich am Frühstückstisch nach ihm Ausschau halte. Aber er ist nicht da. Und er kommt auch nicht. Selbst im Unterricht wird er von jemand anders vertreten. Ich habe keine Ahnung, was ich davon halten soll. Verspüre ich Erleichterung darüber, ihn nicht zu sehen? Nein. Eher Unsicherheit. Es beunruhigt mich, dass ich nicht weiß was los ist. Alle anderen machen weiter wie immer. Die ganze Schule lebt ihren Rhythmus. Im Gegensatz zu mir. Ich will damit nicht sagen, dass der Vorfall vom Tisch ist. Nein. Aber ich weiß, dass es Unsinn wäre, mir etwas vorzumachen. Sein Verhalten in der Nacht hat mir deutlich gezeigt, wie sehr er es bereut. Und auch dann, wenn es mir schwer fällt, es zuzugeben, hat mich seine Gegenwart berührt, genauso wie seine Eingeständnisse mich bewegt haben.

Sein Leben hängt davon ab. Damit umzugehen ist alles andere als leicht für mich. Zwar hat es gedauert, bis ich begriffen habe, was für ein trauriges Dasein er führt, obwohl ich schon früher versucht habe, ihn in Schutz zu nehmen, als Harry oder Ron nicht wahrhaben wollten, dass Dumbledore Gründe haben muss, ihm zu vertrauen. Aber was er gesagt hat, auch wie er es gesagt hat, lässt mich nicht los. Es gibt zwei Fragen, die mich seither beschäftigen, nämlich: wieso und warum.

Sein Leben hängt davon ab. Und trotzdem hat er mir davon erzählt. Ist das nicht ein weiterer Beweis dafür, wie wichtig ich ihm sein muss und wie ernst die Lage ist, unabhängig von der Zerstreuung, die in mir herrscht?

Ich erinnere mich daran, dass ich ihm zu Zeiten vertraut habe, zu denen ich keine weiteren Beweise für seine Glaubwürdigkeit hatte, als das Wort unseres Schulleiters.

Schon immer war Snape ein sehr eigentümlicher Lehrer. Kaum ein anderer hat so viel Unfrieden heraufbeschworen wir er; mal abgesehen von Umbridge. Nachdem wir aber diese gemeinsamen und intimen Momente miteinander geteilt haben lässt mich der Gedanke an ihn nicht los. Es war noch nie meine Stärke, Dinge einfach auf sich beruhen zu lassen. Und ich kann auch jetzt nicht so tun, als wäre er mir gleichgültig. Sein Zustand letzte Nacht war besorgniserregend. Ich muss wissen was mit ihm los ist.

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„Ist Ihnen bewusst, was Sie angerichtet haben, Miss Granger?"

„Ich?"

Dumbledore rückt seine Brille zurecht und sieht mich über die Gläser hinweg an. Es ist nicht sonderlich schwer, zu erkennen, dass er verärgert ist.

„Ja. Sie haben mit Ihrer Neugierde einen liebestollen Narren aus ihm gemacht."

Empört springe ich auf die Beine und lehne mich über den Tisch zu ihm vor. Die Stimmung in seinem Büro ist angespannt, selbst die Personen in den Portraits an den Wänden scheinen die Luft anzuhalten.

„Offenbar fehlt es Ihnen an Feingefühl für die Menschlichkeit, Professor. Ihr Ruhm ist Ihnen wohl zu Kopf gestiegen und so haben Sie ihn Stück für Stück zerstört. Wie können Sie nur von ihm verlangen, so etwas zu tun?"

„Vorsicht, Miss Granger", sagt er drohend. „Was Sie da von sich geben, ist nicht für anderer Leute Ohren bestimmt."

„Pah! Denken Sie, das ist mir nicht bewusst? Umso schlimmer ist es, dass er sich die Finger schmutzig machen soll, damit Sie einen würdevollen Abgang haben ... Ist es nicht so?"

„Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber vielleicht wäre es wirklich besser gewesen, Harry sich selbst zu überlassen, als ihn mit Ihnen zu betrauen."

„Das ist nicht Ihr Ernst! Er braucht seine Freunde!"

„Durchaus. Doch vermutlich hätte er sich bei der Wahl derselbigen etwas mehr Zeit lassen sollen."

Ich rolle mit den Augen. „Genügt es Ihnen denn nicht, dass Sie Professor Snape auf sich alleine gestellt diesen Gefahren aussetzen? Müssen Sie nun auch noch Harry im Stich lassen?"

„Wenn es sein muss ..."

Ich bin so wütend auf ihn, dass ich nicht weiß, was ich noch darauf antworten soll, also drehe ich mich um und stürme eiskalt davon.

„Warten Sie, Miss Granger!", dröhnt er mir nach.

Ich halte inne, ohne ihn anzusehen. Sein Anblick ist mir einfach zuwider. Er mag zwar ein angesehener Mann sein, doch langsam aber sicher wird mir klar, dass er es mindestens ebenso drauf hat, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln nach der Erfüllung seiner Ziele zu streben.

„Glauben Sie nicht, dass Sie die Situation für ihn durch Ihr Eingreifen und Ihre Präsenz in seinem Leben erschwert haben?", fragt er seelenruhig.

Seine Worte treffen mich hart. „Nein. Ich habe es bereichert", sage ich leise. „Zwar nur kurz, doch er brauchte jemanden, der für ihn da war. Er brauchte den Glauben, nicht nur eine Maschine zu sein, die darauf programmiert ist, anderer Menschen Befehle auszuführen."

„Und das sagen Sie, obwohl er das mit Ihnen getan hat?"

Wie eine Furie fahre ich herum. Der beiläufige Ton in seiner Stimme stachelt meine Wut in meinem Inneren nur noch mehr an.

„Woher wissen Sie davon? Haben Sie ihn gesehen? Geht es ihm gut?"

Er zwirbelt seinen Bart um seinen Zeigefinger und starrt auf die Tischplatte.

„Den Umständen entsprechend." Erst jetzt hebt er den Blick und sieht mich an. „Man könnte glatt meinen, Ihre Gefühle für ihn sind ernster Natur."

„Wagen Sie es nicht, darüber zu urteilen. Das ist alleine meine Sache."

Er legt den Kopf schief. „Glauben Sie das wirklich? Vielleicht interessiert es Sie, zu erfahren, dass Severus nur sehr wenige Dinge vor mir verborgen hält, Miss Granger."

„Das hätte ich mir denken können, schließlich sind Sie es, der seinen Verstand manipuliert", schnaube ich ihn bitter an. Dumbledore aber reagiert nicht darauf. „Wo ist er?", frage ich ernst. „Ich will ihn sehen."

„Er ist in seinem Zimmer."

Erleichterung durchströmt mich, doch ich bemühe mich, mir nichts anmerken zu lassen und recke mein Kinn in die Höhe. „Dann will ich zu ihm", beharre ich steif.

Er setzt sich aufrecht hin und faltet die Hände ineinander. Beinahe sieht es so aus, als würde er es genießen, mich warten zu lassen. „Wieso sollte ich das zulassen, Miss Granger? Sie sind seine Schülerin und haben da nichts verloren."

„Was? Ich bitte Sie, Professor! Wir wissen doch beide, dass Sie wissen, dass ich ihn im Grimmauldplatz gefunden habe. Wäre es Ihnen lieber gewesen, wenn ich ihn einfach auf dem Boden liegengelassen hätte?"

Er blinzelt mich an. „Das bleibt dahingestellt."

„Aber sein Zustand war äußerst kritisch", werfe ich energisch ein.

„Er kennt die Risiken."

„Das habe ich jetzt nicht gehört! Sie verlangen von ihm, Sie zu töten, damit Ihnen Schmerzen erspart bleiben und lassen ihn im Gegenzug leiden? Können Sie nicht um seinetwillen etwas von Ihrem hohen Ross runterkommen? Glauben Sie nicht, dass er es verdient, dass jemand an ihn denkt und für ihn da ist?"

Er sieht mich eindringlich an. Mein Herz pocht wild vor lauter Aufregung, während ich auf eine Reaktion von ihm warte.

„Meinetwegen", sagt er dann. „Aber lassen Sie es nicht zur Gewohnheit werden, ihn zu besuchen. Ich kann nicht zulassen, dass ein Professor dieser Schule ein Verhältnis mit seiner Schülerin eingeht."

Ich funkle ihn an. Nur mit Mühe kann ich meinen Zorn auf ihn unter Kontrolle halten.

„Keine Angst, Professor, dafür hat er selbst gesorgt, als er mich von sich gewiesen hat. Ich will lediglich sehen, ob er etwas braucht."

Dass wir in den Ferien Sex miteinander hatten, erwähne ich besser nicht. Vermutlich weiß er es ohnehin schon...

„So wie im Grimmauldplatz?"

Das bestätigt meine Vermutungen. Ich schlucke peinlich berührt. „Es war nicht meine Schuld, dass er dort erschienen ist."

„Nein. Aber niemand hat Sie darum gebeten, sich so aufopfernd um ihn zu sorgen."

„Was soll das nun wieder heißen?"

„Für so etwas gibt es Hauselfen, Miss Granger", sagt er mahnend.

„Ach ja? Wie damals, wo sich niemand um ihn gekümmert hat?"

„Denken Sie, das kommt von ungefähr? Severus lässt für gewöhnlich niemanden an sich heran."

„Wofür er auch seine Gründe hat, nicht wahr? Denn wenn wir ehrlich sind, gibt es nicht gerade viele Menschen, die sich um seinen Verbleib scheren."

„Mit Ausnahme von Ihnen", sagt er nüchtern.

Ich muss schlucken. „Ja."

Er seufzt nachdenklich. „Gehen Sie besser gleich zu ihm, Miss Granger, bevor ich es mir anders überlege. Guten Tag."

Ich nicke ihm zu, dann bin ich auch schon verschwunden.

Der Weg hinunter in die Kerker ist mir vertraut. Schon als ich von hier aus in den frühen Morgenstunden in meinen Schlafsaal aufgebrochen bin, fühlte ich mich an all die Zaubertrankstunden in seinem Klassenzimmer erinnert. Dass er in diesem Jahr Verteidigung gegen die Dunklen Künste unterrichtet, hat für viele Spekulationen unter den Schülern gesorgt. Nicht zuletzt, weil ein Fluch auf diesem Posten zu liegen scheint, der bisher all seine Vorgänger auf unerklärliche Weise dahingerafft hat, sodass sie das Fach nur für ein Jahr unterrichten konnten.

Etwas verunsichert setzt ich meinen Weg fort. Sollte sich dieser Fluch ein weiteres Mal bewahrheiten, würde das bedeuten, dass auch er nur ein einziges Jahr für das Fach zur Verfügung stehen wird.

Je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr beunruhigt mich die Vorstellung. Bedenklich ist auch, warum ich mir das antue. Eigentlich hätte ich triftige Gründe, ihn sich selbst zu überlassen. Als ich dann aber nach mehrmaligem Klopfen unaufgefordert in sein Schlafzimmer eintrete, werden meine Zweifel schnell wieder zerstreut.

Er liegt in seinem Bett und schläft. Der Ausdruck auf seinem Gesicht ist ebenso wie damals leicht angespannt, dennoch verschafft mir sein Anblick ein Gefühl des Friedens. Was zwischen uns geschehen ist, war bedeutungsvoll, obwohl er es durch sein Verhalten zerstört hat. Abgesehen davon bildet den einzig störenden Faktor an dem Bild vor meinen Augen die leere Flasche mit dem Hochprozentigen, die auf dem kleinen Tisch neben seinem Bett steht.

Ich schnappe mir einen Stuhl und setze mich zu ihm. Dann stütze ich den Kopf auf die Hände und sehe ihn an.

Noch nie zuvor hat ein Mensch ein solches Gefühlschaos in meinem Inneren ausgelöst. Von positiv bis negativ ist so ziemlich alles vertreten: Enttäuschung, Sehnsucht, verglommene Leidenschaft, Angst, Erwartung...

Ich kann nicht genau sagen, wie viel Zeit so vergeht, doch dann wälzt sich sein Kopf auf dem Kissen umher. Er öffnet die Augen und sieht mich an, genauso wie damals.

„Hi", sage ich in einem erstickten Flüstern.

Mehr bringe ich nicht hervor, denn meine Augen brennen auf eigenartige Weise und meine Nase kribbelt. In Gedanken sehe ich uns im Grimmauldplatz, was in einer Situation wie dieser alles andere als hilfreich ist.

„Hi." Seine Stimme klingt selbst leise und rau. Er ist erschöpft und ausgelaugt, dennoch setzt er sich auf.

Es trifft mich hart, ihn nach den Ereignissen von gestern so zu erleben und so beuge ich mich voller Erwartung und Unsicherheit zugleich zu ihm vor.

„Wie – wie geht es dir?"

Seine dunkel umrandeten Lider flattern. „Ging schon mal besser." Er räuspert sich und sieht mich mit seinen leuchtenden schwarzen Pupillen an. „Und wie geht es dir?"

Ziemlich schmerzhaft beiße ich mir auf die Lippe. „Geht so."

„Hermine ..."

Ich schüttle den Kopf. „Sag nichts dazu. Ich bin nicht deswegen hier."

Er atmet tief ein und zieht die Brauen zusammen. „Du solltest so oder so nicht hier sein."

Ich zucke mit den Schultern. „Du steckst bis zum Hals in Schwierigkeiten, Severus. Was denkst du, kann da noch passieren?"

„Ich rede nicht von mir, sondern von dir. Es ist ein Risiko für dich, in meiner Nähe zu sein."

Ich nicke bedrückt. „Du hast doch nicht wieder vor, etwas Dummes zu tun, oder?"

Er kneift angestrengt die Augen zusammen. „Nein."

„Gut. Dann lass uns jetzt nicht daran denken, okay?"

„Es gehört sich trotzdem nicht, wenn man bedenkt, dass du nun schon zum zweiten Mal in meinem Schlafzimmer bist."

„Ach weißt du ... wenn du dir wegen Dumbledore Sorgen machst, kann ich dich beruhigen. Der weiß Bescheid." Eine seiner Brauen rutscht fragend in die Höhe und so fahre ich eilig fort. „Na ja, das ist eine etwas längere Geschichte ..."

„Kann ich mir denken." Er fährt sich seufzend mit den Fingern durch die Haare. „Wie hast du es geschafft, ihn dazu zu bringen, dich damit durchkommen zu lassen?"

„Wenn ich das nur so genau wüsste ..."

„Ich glaube nicht, dass das komisch ist", bemerkt er ernst.

Er hat Recht, also gebe ich nach. „Nein, eigentlich ist es das nicht. Wir hatten ein kleines Wortgefecht und da hat er plötzlich eingelenkt."

Nun ist auch seine andere Braue bis zum Anschlag nach oben gezogen. „Eingelenkt?"

„So in etwa."

„Hm."

„Severus?"

„Ja?"

„Was hast du bei Vol-Voldemort gemacht?"

„Er hat mich überprüft, Hermine. Er versucht beharrlich, irgendwelche Dinge aus mir herauszufiltern, die ihm etwas über die Pläne unseres Schulleiters verraten könnten."

Für einen Moment schließt er die Augen. Es ist kein Wunder, dass er so ausgelaugt ist. Wenn ich mir vorstelle, meinen Kopf dafür zur Verfügung stellen zu müssen, dass so ein kranker Spinner darin nach etwas sucht, wird mir ganz übel.

„Weißt du, es erscheint dir vielleicht grausam, was Albus tut, doch es ist der einzige Weg, um sicherzugehen, dass den Dunklen Lord nicht die falschen Informationen erreichen."

Ich nicke. „Vermutlich. Trotzdem ist es nicht richtig, dir etwas zu nehmen, was dir gehört. Es sind deine Erinnerungen. Und bestimmt, na ja, bestimmt gibt es welche, die dir wichtig sind."

Unsicher senke ich den Blick und höre ihn seufzen.

„Warum bist du hier, Hermine, obwohl ich das getan habe?"

Ich ziehe die Nase hoch und weiß nicht, was ich darauf antworten soll.

„Sieh mich an", sagt er sanft, doch ich starre beschämt auf meine Hände, die fest ineinander verschlungen auf meinem Schoß liegen. Plötzlich spüre ich, dass mich seine Finger an der Wange berühren, nur ganz kurz, dann zieht er sich wieder zurück.

Etwas überrascht blicke ich auf und sehe mich mit seinen durchdringenden Augen konfrontiert. Es ist unbeschreiblich, zu erklären, was in mir vorgeht. Ein Teil von mir würde sich am liebsten in seine Arme flüchten, während ein anderer mich davor warnt. Es wäre falsch, mich jetzt gehen zu lassen, wo ich mir nicht klar darüber bin, was genau ich eigentlich hier suche. Fest steht nur, dass ich bereit bin, ihm zu vergeben, solange ich erkenne, dass es ihm ernst ist; dass er es bereut und so etwas nie wieder tun wird.

„Brauchst du noch etwas?", frage ich leise.

Er schüttelt den Kopf. „Nein."

„Gut."

Hin und her gerissen stehe ich auf.

„Bis dann, Severus."