Danke für eure Reviews. Liebe Tashgan, den "Logikfehler" habe ich beseitigt. Danke, dass du mich darauf aufmerksam gemacht hast. Bist ein recht akribischer Leser. ;) #drück#
Kapitel 10 - Gespalten
Am nächsten Abend stand sie wieder vor der Kerkertür und bestaunte sie wie ein seltenes Lebewesen. Snape schien sich ihre Worte zu Herzen genommen haben. Eine andere Erklärung dafür, dass er sie diesmal erst zwanzig Uhr bestellt hatte, konnte sie nicht finden.
Das war ein sehr großer Fortschritt, fand sie. Eventuell war er um diese Tageszeit ansprechbarer, nur ganz eventuell. Es lag im Bereich des Möglichen, dass er solch schwierige und kräftezehrende Aufgaben wie Wut und Unmut verarbeiten oder gar Punkte abziehen bewältigt hatte. Obwohl es Wunschdenken war, wäre es doch nicht übel, wenn es Ravenclaw nicht mehr so hart treffen würde.
Dieses Punktegelaber ging ihr mächtig auf den Zeiger und nachmittags im Gemeinschaftsraum hatte sie überlegt, ob sie sich lieber ein paar Punkte ausstanzen sollte, die sie ihm geben könnte oder ob sie an ihrem Plan arbeitete. Den Sieg trug der Plan davon, da sie zu der Einsicht gelangt war, dass Unmengen an Pergamenten vonnöten waren, um seine Punktegier zu befriedigen.
Nun stand sie hier, ziemlich unentschlossen, und erhoffte sich einen relativ entspannten Abend. Bedächtig wiegte sie den Kopf hin und her – genauso, als wollte sie alle Möglichkeiten und Gefahrensituationen in Betracht ziehen und von vornherein einkalkulieren, die hinter dieser Tür auf sie lauern und unabdingbar auf sie zurollen könnten, sobald sie diese öffnete.
Doch selbst die Tätigkeit des Abwägens wurde ihr irgendwann zu öde. Denn in ihr versteckte sich nicht gerade ein Meister, wenn es darum ging, sich die Beine in den Bauch zu stehen. Ihr Arm kroch langsam nach oben und sie klopfte leise.
Nach einer kurzen Massage ihrer Nasenwurzel zeigte sie sich selbst einen Vogel. Er würde sie doch wohl kaum auf dem Gang Wurzeln schlagen lassen. Also überlegte sie auch nicht weiter, wischte alle Überlegungen beiseite, öffnete die Tür und trat ein.
Als außerordentlich nervtötend empfand sie inzwischen das Geräusch des Herumkratzens auf Pergamenten. Bei dieser und keiner anderen Tätigkeit traf sie ihn an. Das schien ihm die wohl größte Satisfaktion zu bereiten – es wies bereits Suchtcharakter auf und war therapiebedürftig. Aniram konnte sich nicht erinnern, Professor Snape jemals anders gesehen zu haben, wenn sie abends durch diese Tür trat. Seine Finger mussten doch schon wund sein.
Seinen stur nach unten gerichteten Blick interpretierte sie – erst einmal gar nicht.
Die selten geniale Überlegung, einen schriftlichen Antrag zu stellen, dieses Territorium außerhalb der Unterrichtszeit nicht mehr betreten zu müssen, platzte unwillkürlich in ihr Hirn.
Das würde sie in die Tat umsetzen, sollte er sie wieder so lange stehen lassen, dass sie ihn lautstark auf ihre Präsenz aufmerksam machen musste. Nicht, solange er nicht wusste, was er wollte. Seine Artikulation diesbezüglich ließ sehr zu wünschen übrig.
Wie sehr sie mit dieser Überlegung ins Schwarze getroffen hatte, wurde ihr rasch klar. Kaum vor seinem Schreibtisch angekommen, wusste sie, dass es sein würde wie immer.
Ihrem ausgeprägten Sportsgeist war es zu verdanken, dass sie a) nicht festfror und b) es als absolut fair empfand, als Sieger aus diesem Wettbewerb hervorzugehen. Dieser Wettstreit, den sie gerade ins Leben gerufen hatte, hieß Bewegung.
Während er immer noch kratzte, fletschte sie abwechselnd die Zähne, blähte die Nasenflügel auf, rollte mit den Augen – gut, Hawkwing, bereits zwei Disziplinen mehr, das gibt Gold – knetete ihre Hände hinter dem Rücken: kurzum, sie tat alles, um auf irgendeine Weise ihren Unmut kundzutun.
Nur leider war kein Mensch in der Lage, den ganzen Abend zu zucken. Demzufolge entschied sie sich, noch ein bisschen Gas zu geben, bevor daraus ein Dauerzustand wurde.
Wenn er schon nicht auf dezentes Geraschel ansprach, sollte sie das Ganze vielleicht lautmäßig unterlegen.
Ihr Räuspern war unmöglich zu überhören. Es wurde gefolgt von einem ausgewachsenen Raucherhusten, der beharrlich in ein beinahe unerträgliches Bellen überging. Sicherheitshalber schnaubte sie noch durch die Nase. Es würde wohl nicht mehr viel fehlen und sie lieferte ganzen Körpereinsatz. Spätestens dann, wenn sie damit begann, mit den Hufen zu scharren.
Er musste doch merken, dass jemand vor seinem Tisch stand. In ihren Augen war es eine bodenlose Frechheit, jemanden zu bestellen und dann nur als Paravent zu benutzen.
Aber Snape hatte sie bemerkt. Ihr Schnaufen, Prusten und Bellen waren unerhört und unerträglich. Nicht einmal den letzten Aufsatz ließ sie ihn zu Ende korrigieren.
Langsam hob er den Kopf und wortlos beschrieb seine Feder einen eleganten Weg bis zur Tür, gefolgt von einem vernichtenden Blick. Auf diese Art und Weise musste er sie loswerden, ansonsten würde dieser Abend in einem Fiasko enden.
Schlagartig hing eine Pergamentrolle unter seiner Nase. Seine Nase zuckte. Frechheit! Seine Augen wurden schmal.
„Was ist das?"
So schüchtern wie möglich versuchte Aniram zu antworten.
„Extra für Sie gemacht. Ich… ich hab mir ganz große Mühe gegeben."
Er spürte irgendein Unheil auf sich zukommen. Aber in einer Pergamentrolle? Die Plagen der Ägypter vielleicht? Wer wusste denn schon, welche Plagen Australier hatten. Es lag im Bereich des Möglichen, dass gegen diese die Plagen der Ägypter regelrecht lächerlich wirkten und an Sandkastenspielerei erinnerten. Noch schwankte er, ob er danach greifen sollte oder nicht.
„Was ist das?", fragte er erneut.
„Bitte schauen Sie es sich an, bitte." Ihr Tonfall war fast flehend.
Zweimal bitte in einem Satz?
‚Vorsicht, Sev, Vorsicht. Hier kommt Ungeheuerliches auf dich zu.'
Mit immer noch schmalen Augen und spitzen Fingern griff er nach der Rolle. Skeptisch rollte er das Pergament auseinander und erstarrte. Fassungslos schaute er darauf und obwohl er es sah, konnte und wollte er es nicht glauben. Nein, nein, nein!
Dreifach nein hatte er gestern Abend schon gehabt, aber ihm wollte beim besten Willen keine Steigerung einfallen. Vierfach Nein? Infantiler Gedanke!
Doch bevor er auch nur zu einer vernichtenden Antwort ansetzen konnte, ertönte hinter dem Pergament ein leises Stimmchen.
„Das hab ich extra für uns gemacht, Professor. Ganz allein, niemand weiß davon."
Dann linste ein fröhliches Gesicht mit leuchtenden Augen am Pergament vorbei und schaute ihn an.
„Und jetzt machen Sie unter den Worten, welche eben Ihre elegante Bewegung begleiten sollten, ein Kreuz."
Snape schoss wütende Blicke Giftpfeilen gleich in ihre Richtung. Einfach unglaublich. Als er das Pergament auseinandergerollt hatte, glaubte er an einen schlechten Scherz. Aber es blieb dabei, diese Rolle war fein säuberlich in zwei Spalten unterteilt.
Ihre Überschriften lauteten: „Raus!" und „Verlassen Sie umgehend meinen Kerker!"
Seine rechte Augenbraue schnellte nach oben.
„So, sind wir jetzt im alten Rom? Mach dein Kreuz? Ich kann schreiben, Hawkwing!" zischte er wütend.
Aber schon wieder drängelte sich eine ungebetene Überlegung in sein Denken. Was sagte Albus von einer Herausforderung? Sollte er, der Potions Master, der Generationen von Schülern das Fürchten gelehrt hatte, wirklich vor einer sechzehnjährigen Schülerin klein beigeben und somit eingestehen, dass er nur zu diesen beiden Sätzen in der Lage war? Deren Häufigkeit auch noch schriftlich festgehalten wurde? Nie und nimmer!! Er überlegte nicht lange.
„Kinderkram, Hawkwing, aber wenn Ihnen solche Spielchen gefallen, bitte."
Welcher Teufel ihn jetzt ritt, konnte er nicht sagen. Vielleicht war es auch nur Kalkül, vielleicht auch nur die dumpfe Ahnung eines Wissens, dass sie mit ihren eigenen Waffen am besten zu schlagen war. Obwohl man ja nie wusste, wohin das ausuferte. Denn als ihr Umhang brannte, hatte sie sich bedankt wie bei einem alten Kumpel.
Dennoch ergriff er eine neue Pergamentrolle, legte sie quer und unterteilte sie sorgfältig in viele, viele Spalten. Wenn er Kreuze machen sollte, dann hatte sie das ebenfalls zu tun.
Die Beschriftung der Spalten enthielt vom vertilgten Essen und Trinken bis zu Schauspielern, Opern und Filmen so ziemlich alles, was ihm gerade in den Sinn kam und was er ihr ansatzweise zuordnen konnte.
Zufrieden mit seinem Werk lehnte er sich zurück und brachte dann noch das akrobatische Kunststück fertig, schwungvoll seine Tabelle unter ihre Nase zu befördern.
Aniram nahm sie freudestrahlend entgegen. Nach einem aufmerksamen Studium trat sie nervös von einem Fuß auf den anderen und gab ihm die Rolle zurück.
Snape lehnte sich zurück und betrachtete sie.
„Sind Sie mit irgendeinem Punkt nicht einverstanden?"
„Nei… hein, eigentlich nicht. Es ist nur so, ich weiß nicht, nicht dass Sie das übel nehmen, äh, wie ich das sagen soll…", sie bereitete ihrem Stottern ein Ende.
„Seit wann so schüchtern? Ich habe soeben beschlossen, heute nichts übel zu nehmen. Also frisch heraus."
Er musterte sie kühl, während seine Gedanken rotierten. ‚Was soll ich nach diesem Desaster schon noch übel nehmen?'
„Na ja", druckste sie herum, „es… es fehlt noch eine Spalte."
Mit unbewegtem Gesicht schob er die Tabelle zusammen und machte Platz für eine neue Spalte.
„Die da lautet?"
„Häufigkeit der Badbenutzung."
Er fuhr auf. „Sie…"
Er wollte nach ihrer Kehle fassen und sie abmurksen. Ja, endlich einmal löste sie in ihm ein echt menschliches Gefühl aus. Schnell wie der Wind kam er um den Schreibtisch herum.
Aniram ergriff die Flucht. Unterwegs riss sie ein Tintenfass aus der Halterung und brüllte hinein.
„Mayday, mayday, ich werde von einem Wahnsinnigen mit funkelnden Augen verfolgt. Kreuzung fünfte Bank und dritter Stuhl…"
Snape kam unaufhaltsam näher. Seine Augen funkelten wirklich, da log sie nicht einmal. Aber was für einen Unsinn fabrizierte sie nun schon wieder?
„MAYDAY, das Teil heißt Hogwarts, steht in Schottland und ich bin im Kerker, bevor Sie eine genaue Ortsangabe verlangen..."
Sie verhedderte sich im Umhang, war eine Sekunde unachtsam und fand sich gegen die Kerkerwand gedrückt wieder.
„Meine Hochachtung, weshalb haben Sie mir verschwiegen, dass Sie die Hauptrolle für „Das Phantom des Kerkers" übernommen haben? Diese Rolle steht Ihnen."
Er stützte seinen rechten Arm neben ihrem Kopf ab und grinste. Und grinste.
Aniram schaute perplex auf. Dann wanderte ihr entsetzter Blick zum Tintenfass, welches… leer war. Phantom? Das würde ja bedeuten… Sie fummelte sich im Gesicht herum, nur um an ihren schwarzen Fingerspitzen ihre Vermutung bestätigt zu sehen. Ihre untere Gesichtshälfte war schwarz. Sie hatte sich auf der Flucht die Tinte ins Gesicht geschüttet.
Ungeachtet dieser Tatsache schaute sie ihm fasziniert ins Gesicht. SO hatte sie es noch nie gesehen. Mit dem Gesichtsausdruck eines Menschen, den so schnell nichts aus der Bahn werfen konnte, zückte sie ihren Zauberstab, richtete ihn auf den Schreibtisch und zischte etwas.
Snape hielt sich nicht lange mit der Frage auf, was sie eben gemacht hatte.
„Accio."
Dann hielt er seine Rolle in der Hand und stellte fest, dass sie eine weitere Spalte hinzugefügt hatte. Unter „Grinsen in ihrer Gegenwart" hing jetzt ein dickes, fettes Kreuz.
Aniram war der felsenfesten Überzeugung, ihn vorübergehend zur Genüge abgelenkt und vor allem auch geschockt hatte. Frohen Mutes nahm sie ihr nächstes Vorhaben ins Visier.
„Dann wird's ja Zeit, dass ich Ihr Bad kennen lerne, nicht wahr?"
Enttäuschung machte sich in ihr breit, als sie feststellen musste, dass der verpasste Schock wohl noch nicht tief genug saß. Oder aber er gehörte zu der Sorte Mensch, der sich wahnsinnig schnell erholte. Denn kaum, dass sie sich vorbeidrücken wollte, befand sich sein linker Arm auf gleicher Höhe wie sein rechter. Sie zog kurz den Kopf ein und schielte nach oben.
„Irrtum! Wenn Sie erledigt haben, weshalb Sie hier sind, können Sie sich Ihrer Körperpflege widmen."
„Oh, warum bin ich denn hier? So eigentlich? Hm?"
„Von Eulenlesen halten Sie wohl nichts?"
Bevor er weiter sprechen konnte, unterbrach sie ihn freudestrahlend.
„Das war ernst gemeint? Ich darf assistieren?"
Dabei lächelte sie und kam sehr schnell zu der Schlussfolgerung, dass das überhaupt keine gute Idee war. Die Folge ihres verzückten Gesichtsausdruckes war ein bitterer Geschmack. Die Tinte schmeckte nun mal eklig.
Er wandte sich seinem Schreibtisch zu, nahm eine Pergamentrolle auf, beförderte sie auf den Arbeitstisch und ließ lediglich am Rande fallen, dass sie einen Kupferkessel Größe 3 benötigte.
Aniram schwebte auf Wolke Sieben. Fast. Diese zerzauste Eule hatte sie nicht für voll genommen. Das Pergament an deren Bein teilte ihr in kurzen und knappen Worten mit, dass sie ab übermorgen, also exakt drei Tage nach dem Krokodil, täglich ab zwanzig Uhr eine Assistentenstelle bei Professor Snape anzutreten habe.
Natürlich stand dort nicht das Wort Assistentenstelle, sondern Aushilfe, aber Aniram bearbeitete dieses Wort so lange mit ihren Augen, bis es so klang, wie sie es wollte. Jetzt versuchte sie, die größte Nässe aus dem Gesicht zu wischen und ging nach vorn. Als sie die Pergamentrolle entrollte und entrollte und immer noch entrollte und irgendwann endlich lesen konnte, fehlten ihr die Worte.
„Mannomann, das ist ja ein Haufen. Was soll das eigentlich werden?"
„Seit wann halten Sie sich mit Fragen auf, was das werden soll?"
„Ah… hm, haben Sie auch wieder Recht."
Während der Zeit, in der sich Aniram als Goldgräber betätigte, war ausnahmsweise einmal Ruhe. Es dauerte nicht lange und sie hatte in ihrem Arbeitseifer die Umwelt vergessen.
Einfach alles. Professor Snape, ihr mit Sicherheit rabenschwarzes Gesicht und sogar den Raum, in dem sie sich befand.
Die Pergamentrolle in der Hand und zwischenzeitlich die Nase darin lief sie zwischen Arbeitstisch und Regalen hin und her, bis sie alle Zutaten eingesammelt hatte.
Wenn Zaubertränke nicht gerade ihr Lieblingsfach gewesen wäre, würde sie an dieser Stelle stocken und sich höchstwahrscheinlich nur noch um einen Kupferkessel Größe 3 kümmern. Natürlich war es damit nicht getan, denn sie konnte ohne die entsprechenden Arbeitsmittel nicht einmal beginnen. Also landeten noch Mörser, Stößel, Waage, etliche Phiolen, Metallspatel und Petrischalten auf dem Tisch. Nichts war schlimmer als fehlendes Material, das die Arbeit ins Stocken brachte.
Die Plünderung der Regale hatte sie hinter sich gebracht und machte sich nun an die Tischdekoration. Sie ordnete alles, wie sie es gewohnt war. Entsprechend der Reihenfolge von innen nach außen und mit einem genügend großen Abstand zwischen den trockenen und feuchten Zutaten.
Der Kessel hing schon in seiner Halterung. Ihre Nase verschwand gerade wieder im Pergament, als sie eine laute Frage aufschreckte.
„Weshalb ist noch kein Feuer unter dem Kessel?"
Aniram machte sich nicht einmal die Mühe, über die Schulter zu schauen.
„Ich wüsste keinen Grund, unter einem leeren Kessel Feuer anzuzünden."
Kopfschüttelnd las sie weiter. So ein Unfug, Feuer.
'Na warte, Hawkwing, na warte. Wenn du freiwillig keinen Fehler machst, erschrecke ich dich mal kurz.'
Der kleine Sev in ihm erlaubte sich diesen Scherz, zog seinen Zauberstab, richtete ihn an ihr vorbei auf den Kessel und flüsterte: "Inflammare!"
Mit einem quietschenden und erschrockenen Schrei sprang Aniram zwei Sätze nach hinten.
„Oh, verzeihen Sie mir meine Unachtsamkeit. Ich bin mir sicher, in Australien wurde das Feuer erst in der Neuzeit entdeckt. Ich erinnere mich an eine ähnliche Reaktion vor kurzer Zeit…"
Ganz seidig, ölig und voller Genuss brachte er diese Sätze über die Lippen.
Er stand auf und ging mit einem mörderischen Grinsen auf sie zu. Glücklicherweise drehte sie ihm den Rücken zu. Auf ein weiteres Grins-Kreuz wollte er gerne verzichten.
Sanft legte er die Hände auf ihre Schultern und schob sie beharrlich einen Schritt näher an den Arbeitstisch heran.
„Sehen Sie", murmelte er hypnotisch, „das Feuer ist harmlos. Die Menschen haben es sich schon vor langer, langer Zeit nutzbar gemacht. Sie brauchen keine Angst zu haben."
„Das weiß ich", brüllte Aniram geradeaus. Dann wirbelte sie herum und stoppte ihre Faust kurz vor seiner Nase. „Sie… Sie…"
Mit einer fließenden Handbewegung half Snape ihr aus.
„Trottel? Dussel? Dämlack? Rindvieh? Hornochse? Idiot? Mistkerl? Den Bastard habe ich heute sogar im Angebot."
Mit einem undefinierbaren Geräusch drehte sich Aniram um und hüpfte mehrmals mit beiden Beinen gleichzeitig in die Luft. Sie kochte vor Wut. Als sie die Zutaten zusammengesucht hatte, war sie wirklich dem Glauben anheim gefallen, ernsthaft arbeiten zu können. Und jetzt? Jetzt schien es, als ob er ihr einen Schlüssel in den Rücken gesteckt hatte und wieder anfing, sie aufzuziehen. Nein, nein, nein! Dreifach nein.
„Miss Hawkwing", erklang es verdächtig seidig hinter ihr, „bitte entschuldigen Sie meine Unwissenheit. Es ist durchaus möglich, dass ich in einer dekadenten Gesellschaftsordnung lebe. Aber führen Sie gerade einen Fruchtbarkeitstanz auf oder beschwören Sie einen Dämon? Ich habe so etwas noch nie gesehen."
Jetzt hingen beide Fäuste unter seiner Nase.
„Ich beschwöre mich und dann bin ich ein Dämon", funkelte sie ihn an.
Mit einem abfälligen Lächeln ging er an ihr vorbei.
„Lassen Sie sich nicht stören, arbeiten Sie weiter an den Reitern der Apokalypse. Ich schätze mich glücklich, dass Sie mich nicht beschwören. "
„Vielleicht keine schlechte Idee", knurrte sie. „Dann drück ich Ihnen ein Messer in die Hand und es sieht aus wie Selbstmord."
„Haben Sie immer das letzte Wort?"
Schon wieder musste er um Fassung ringen. Er musste sich unbedingt Ersatz besorgen, falls die Sicherungen reihenweise herausflogen.
„In der Regel, ja."
„Und außerhalb der Regel?"
Viel zu spät merkte er, was er da eben gesagt hatte. Selbstverständlich war ein breites Grinsen aus einem schwarz-weißen Gesicht die Antwort.
„Außerhalb der Regel auch."
Er ächzte und gab bei Merlins Bart nicht zu, dass sie ihn soeben geschlagen hatte. Ihm wollte beim besten Willen kein Widerpart auf dieses – in seiner ursprünglichen Bedeutung - Frauenproblem einfallen. Scheinbar hatte sie auf alles eine Antwort. Egal, ob es sich um Pferde oder Regel handelte. Wo eben nichts zu antworten war, fragte sie einfach drauflos.
„Jetzt machen Sie sich endlich an die Arbeit. Ich möchte heute noch etwas schaffen."
„Ich hab nicht angefangen", maulte sie noch leise hinterher.
Diese Instruktion erreichte sie absolut überraschend: Erst hinderte er sich bei der Arbeit, um anschließend herumzumaulen, dass ER noch was schaffen wollte. Pah! Sein ewiges mal hüh und mal hott begann zu nerven. Aber wenigstens hatte er mit diesem letzten Satz eine wirklich klare Anweisung hinterlassen. Endlich bekam sie etwas zu tun.
Voller Elan stürzte Aniram zum Arbeitstisch. Dort prasselten die Anweisungen wie ein Bombardement auf sie nieder, gefolgt von einigen zynischen Bemerkungen.
„Ich bin gespannt, wie lange Sie brauchen." Er hämmerte weiter. „Sicherlich die ganze Nacht."
‚Du Esel, du weißt genau, wie schnell sie ist!' Schockiert bemerkte er, dass sich sein Innerstes immer häufiger ungefragt meldete.
Sie beschloss, überhaupt nichts mehr zu sagen und stürzte sich in die Arbeit. Innerlich fluchte sie wie ein Kesselflicker und fügte der langen, langen Latte der Titel, die er selbst aufgezählt hatte, noch ein paar eigene hinzu.
Zwischen sich und den zubereiteten Materialien, ob nun zerschnitten, zerstampft, zermahlen oder nur abgezapft, ließ sie nicht eine Sekunde Luft.
Als sie fertig war, bahnte sich der Schweiß in kleinen Rinnsalen seinen Weg durch ihr schwarz-weißes Gesicht. Aufatmend schob sie alles in des Meisters Richtung, wobei sie bei dieser innerlichen Formulierung fast einen Lachkrampf bekam. Dann wartete sie, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.
Mit unbewegter Miene nahm er einfach von dem, was vor ihm stand. Schließlich hatte er ihre Arbeit mit Argusaugen überwacht und wusste, dass sowohl Menge als auch Reihenfolge der Zutaten stimmte.
„Sicherlich haben Sie sich jetzt völlig verausgabt. Also dürfen Sie eine kleine Pause einlegen."
Das klang dermaßen gönnerhaft und herablassend, dass es sie schon wieder hinauf trieb.
Aniram stand neben dem Objekt ihrer Begierde, nämlich einem Kupferkessel der Größe 3, und wippte ab und zu auf den Zehenspitzen, um einen Blick hinein zu werfen.
‚Komische Assistenz', dachte sie, ‚eigentlich hab ich gedacht, ich kann ein bisschen mitrühren. Und außerdem, wenn du wüsstest, dass das der unterste meiner Adrenalinspiegel war, würdest du nicht so die große Klappe haben.'
Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus und sie fragte etwas spitz: „Kann ich sonst noch was zersägen? Mein Adrenalinspiegel schreit förmlich danach, abgebaut zu werden."
Snape hatte ihre Unruhe schon gespürt und er wartete nur auf den Moment, an dem sie ihre Untätigkeit beenden wollte. Vor allem war das Wie interessant.
Aber zersägen? Teufelchen Nr. zwei schlug zu. Er nickte schräg an ihr vorbei.
„Den Kandinsky können Sie sich vornehmen."
