Blizzard

Kaika reckte den Kopf, um genug sehen zu können, was auf dem großen Kampfplatz abging. Beißend kalt war es geworden, da ihre Freundin gewaltige Schneemassen erzeugt hatte. Ein eisiger Sturm zerrte an ihrer Kleidung, und wäre das rote Gewand nicht aus Feuerrattenfell, hätte sie gar in der eigentlich lauen Frühlingsnacht jämmerlich gefroren. Die dunkle Wand eines Schneesturms hatte Suis Gegnerin vollständig verschluckt, doch die johlenden Feuerdämonen auf den Rängen spornten sie an, mit der Kälte Schluss zu machen. Kein Feuerzeichen konnte Eis und Schnee leiden, und da sogar die Zuschauer nicht ungeschadet davon kamen, forderten sie tobend eine neue Attacke.

Die alte Dämonin unter dem Schnee ließ sich da nicht zweimal bitten. Langsam wurde es ihr zu bunt, sie fing schon an zu frieren. Und so weit sollte es in einem Turnier dann doch nicht kommen. Hier würde sie noch etwas mehr einheizen müssen. Das Eis musste verschwinden, und zwar ohne jeglichen Dampf, sonst kam die Kleine wieder auf so blöde Gedanken. Brrrr, wie sehr hasste sie die Kälte. Jetzt war gerade der Frühling gekommen, und den ließ sie sich nicht von so einem Grünschnabel verderben. Also, wohin mit dem ganzen mistigen Schnee und Eis? In die Luft oder in den Boden? Na, ab in den Boden damit, dann kam die Wasserbraut nicht mehr dran, damit wäre endlich Schluss mit dem Quatsch.

Die Dämonin schloss die Augen, viel sah sie in dem dunkeln Schneeberg eh nicht. Sie konzentrierte sich auf ihre Füße, die nackt auf dem matschigen Gras standen, das noch nicht vom Schnee bedeckt war. Sie nahm Verbindung auf zu den Feuerströmen in den Tiefen der Erde. Ja, nicht weit entfernt spürte sie die glühende Hitze drängen, rot glühendes Gestein floss wie ein unterirdischer Fluss durch das Innere der Erde. Sie lenkte es um, hob es an, hinauf zu ihr, und nur einige Meter entfernt von ihrem Standort brach sie dann den Boden auf. Das war ein Teil der Magie, die sie einem Erdzeichen verdankte, das in ihre Familie eingeheiratet hatte. Ganz praktisch, gerade in diesem Fall, wenn man auch heiße Erde oder kochendes Gestein bewegen konnte. Durch den tiefen Spalt sah man die träge fließende Lava leuchten, gefährlich und unheilvoll. Das dumpfe Glühen war durch den Schnee hindurch erkennbar, jedoch konnten die Zuschauer und auch ihre Gegnerin nicht genau erkennen, was sie vorhatte. Der Spalt brach weiter auf und mit einem großen Wisch ihrer Arme trieb sie die Schneemassen in den Spalt. Mehrmals holte sie aus und trieb mit ihrer Zauberkraft das verfestigte Wasser in den brodelnden Spalt. Dann schloss sie ihn wieder, bevor der entstehende Dampf entweichen konnte. Und damit sie wieder warme Füße bekam, beschwor sie einen Wüstenwind herauf, der nicht nur sie, sondern auch die Zuschauer und die Umgebung mit seinem heißen Atem umfing. Tja, das war das Vermächtnis des Uronkel väterlicherseits, einem Windmagier. Man sollte immer alle Mächte nutzen können, die in einem wohnten. Zufrieden grinste sie. Das Gelände trocknete in sekundenschnelle ab, der Boden wurde hart und bekam Risse, wie in einem Dürregebiet. So, jetzt war es wieder trocken hier und mehr nach ihrem Geschmack. Mal sehen, was die Kleine nun machen würde. Triumphierend schaute sie dem zierlichen Mädchen entgegen.

„Na, gibst du auf?"

Sui stand wütend da und überlegte fieberhaft. Auch atmete sie schwer, sie hatte schon viel Energie und Magie verbraucht. Und ihre neue Attacke hatte auch nichts bewirkt. Langsam gingen ihr die Ideen aus. Eine Möglichkeit stellte noch der Nahkampf dar, doch sie sagte sich schon selbst, dass ihr das nicht weiterhelfen würde. Vor ihr stand eine Spezialistin für Nahkampf und in ihrem Zustand würde sie das nicht lange aushalten können.

Vielleicht sollte sie wirklich aufgeben. Sie war am Ende und die andere sah noch topfit aus. Aufgeben war also eine gute Option, bevor sie noch ernsthaft Schaden nahm. Aber wirklich? Sie war eine Prinzessin des Ostens. Ihre Familie stand bei ihr, was würden sie sagen? Ihre Mutter hatte ihr gesagt, sie solle ihr Bestes geben. Hatte sie das bereits getan?

Ihre Hände ballten sich zu Fäusten. Nein. Das Beste bestand nicht nur aus ihrer stärksten Attacke, sondern auch aus ihrem Durchhaltevermögen, ihrem Willen zu gewinnen und stark zu sein.

Die Feuerdämonin sah die geballten Fäuste der jungen Kämpferin. Da war aber jemand ganz schön wütend.

„Na komm, Kleine, gib auf. Du hast tapfer gekämpft, und für dein zartes Alter sind ein Blizzard und ein Eislabyrinth schon ein paar prächtige Pluspunkte. Ich werde dich nicht direkt angreifen, da kannst du machen was du willst, denn ich vergreife mich nicht an jungen, unerfahrenen Mädchen. Ich werde mich nur gegen deine Attacken wehren bis du umfällst. Aber lieber noch würde ich mein Feuer verwenden, um einen Ochsen damit zu braten. Und zu diesem Essen würde ich dich auch gerne einladen, denn du hast dir große Anerkennung errungen. Na, was ist? Kommst du mit feiern?"

‚Junges, unerfahrenes Mädchen?' zornig blitzten ihre Augen auf. ‚Pah! Also wirklich! OK; ich bin vielleicht noch jung. Aber unerfahren? Obwohl…das ist mein erster Kampf hier. Und sonst hab ich nur immer gegen meine Familienmitglieder gekämpft. Was soll ich tun? Gemein! Das ist so was von gemein! Und Hunger hätte ich auch…'

Unentschlossen schaute sie zu ihrer Familie hinüber. Was würden sie tun? Würden sie ihr ein Zeichen geben?

In einer Reihe standen sie alle da, ernste Gesichter beobachteten das Geschehen.

Die alte Dämonin, die inzwischen neben ihr stand, lachte auf. Sie hatte den suchenden Blick bemerkt, den ihre Gegnerin zu ihrer Mutter sandte. „Ha, da kannst du lange warten. Bevor deine ehrgeizige Mama dir den Segen gibt, aufzugeben, wird die Hölle zufrieren. Deine werte alte Dame bricht sich doch einen ab hier die Stärkste und Mächtigste zu sein. Hey, wir sind gekommen um zu feiern und unsren Spaß zu haben. Komm doch einfach mit und lass die Alte stehen. Ich verspreche dir, unsere Feten sind ein wenig Familienärger wert. Schau, da drüben ist Kaika, das ist doch deine Freundin. Die will auch dass du kommst." Sui schaute immer noch fragend zu ihrem Clan hinüber. „Hast'n schlechtes Gewissen, Kleine? Na komm, ich geb' dir Deckung, sag, ich will dich als Pfand haben bis morgen. Na, was ist??"

Sui senkte ihren Blick. Es klang verlockend ihr Angebot, gar keine Frage. Aber…es ging nicht.

„Nein." Antwortete sie und ihre Stimme klang fest und bestimmt.