Entschuldigt bitte, dass es so lange gedauert hat! Bei mir fängt jetzt das erste Semester an und es gibt soooo viel zu tun! Neue Wohnung, neue Leute, neue Umgebung, das ganze Studium… Aber das Warten hat sich gelohnt, denn dafür gibt es jetzt ein gaaaaaaaaaaanz langes Kapitel.

Jetzt wünsche ich euch viel Spaß mit dem 10. Kapitel!

Es dauerte fünf Tage, bis Narzissa endlich wieder richtig zu sich kam. Die ganze Zeit über hatte sie geglüht vor hohem Fieber. Lucius hatte stets einen Umweg um ihr Zimmer gemacht, war schlecht gelaunt und durch und durch unausgeglichen. Er scheute den Anblick seiner Frau. Ihm wurde alleine schon bei dem Gedanken an ihre entstellte Schönheit übel. Er musste sich wohl damit abfinden, dass jeglicher Reiz der für ihn von ihr ausging, mit einem Schlag verschwunden war. Dieser Fakt löste eine ihm bis Dato unbekannte Wut in ihm aus. Da er sich nicht anders zu beruhigen wusste, tat er das, was er immer tat, wenn er unzufrieden war. Er suchte sich eine Gespielin. Ein schlechtes Gewissen seiner Frau gegenüber kam ihm noch nicht einmal in den Sinn, in gehobenen Kreisen war solch ein Verhalten durchaus üblich. Schon am zweiten Abend nach der Versammlung, brachte er die erste mit nach Hause. Er hatte sie einfach in der Winkelgasse aufgegriffen. Sie machte einen guten Eindruck, sah ansehnlich aus und war durchaus willig ihm ohne große Fragen das zu geben, was er wollte. Sie erfüllte demnach alle seine Kriterien. Mädchen für eine Nacht führte er in der Regel auf ein Gästezimmer. Ihm war es zu wider, sie in dem Bett zu wissen, in dem er die meisten Nächte verbrachte. Dafür waren sie einfach nicht würdig. Als er sich über seine neuste Errungenschaft hermachte, musste er zu seinem Leidwesen feststellen, dass es ihn nicht mehr so erfüllte, geschweige denn Befriedigte, wie es ihn früher hatte. Nachher war er nur noch mürrischer und schickte das Mädchen mit kargen, unfreundlichen Worten hinaus. Er tröstete sich mit dem Gedanken, dass sie einfach nicht sein Typ gewesen war und versuchte es am nächsten Tag erneut. Kurzzeitige Erleichterung, mehr nicht. Auch am fünften Tag hatte er eine Begleitung mit nach Hause genommen.
Narzissa war hungrig wie ein frisch geschlüpftes Küken. Ihr Magen krampfte sogar schon. Vielleicht war es dieses Gefühl und die damit einhergehende Übelkeit, vielleicht auch das gesunkene Fieber, das sie aufwachen ließ. Zum ersten Mal seit Tagen nahm sie ihre Umgebung wider richtig wahr, konnte einen schwachen Blick hinaus in den Sternenhimmel wagen, vor dem, von der Nacht gänzlich grau gefärbt, einige Blätter zu Boden schwebten. Es war Herbst geworden, fast schon Winter. Vorsichtig stützte sie sich auf die Ellenbogen und zog sich in eine sitzende Position. Dabei durchfuhr ein jäher Schmerz ihren linken Unterarm. Voller Missgunst blickte sie auf das Dunkle Mal. Doch aller Hass brachte nichts, er machte es nur unerträglicher. Mit schwacher Stimme verlangte sie nach einem Hauself. Sofort erschien Dobby mit einem ‚Plopp'.

„Sie wünschen?"

„Etwas zu Essen. Obst, ein wenig Brot. Und Tee."

Dobby nickte, verneigte sich leicht und verschwand dann mit einem erneuten ‚Plopp'. Wenn sie etwas im Magen hatte, würde es ihr sicherlich sofort besser gehen. Zissa schien erst nach und nach ihre Umgebung wahr zu nehmen. Alle Eindrücke auf einmal waren wohl zu viel für einen Körper, der fast eine ganze Woche lang mit sich selbst gekämpft hatte. Erst jetzt nahm sie die Geräusche wahr, die aus einem der benachbarten Zimmer zu kommen schienen. Keuchen, schwerer Atem, heisere Schreie. Narzissa war wie erstarrt, sie hörte auf zu atmen, verkrampfte ihre Hände und presste die Augen zusammen. Erst nach einer halben Ewigkeit holte sie keuchend Luft. Das konnte doch nicht sein. Das durfte er nicht tun! Auf einmal kehrten ihre Kräfte zurück, sie warf die Bettdecke zurück und schwang die Beine über die Bettkante. Als sie aufstand, wäre sie beinahe zurückgekippt, doch ihr unbändiger Wille, herauszufinden was dort vor sich ging, ließ sie weiter schreiten. Es bedurfte eigentlich keiner Vergewisserung, doch sie wollte es mit eigenen Augen sehen. Für sie stellte es keine Schwierigkeit da, den genauen Aufenthaltsort der sich Liebenden herauszufinden, denn der Geräuschpegel war ein unfehlbarer Wegweiser. Nun stand sie vor der Tür, hinter der sie wusste, dass ihr Ehemann eine andere beglückte. Mit zitternder Hand und halb ohnmächtig vor Schwindel öffnete sie die Tür. Ihre Seele schien bei dem Bild, das sich ihr bot, in tausende kleine Scherben zu zerspringen. Lucius lag auf dem Rücken, auf ihm saß eine ihr unbekannte Frau, die sich in ihrer Ekstase wild bewegte. Sie saß mit dem Rücken zu der Frau, dessen Ehemann sie ihr unrechtmäßig nahm. Lucius hingegen konnte Narzissa sehen. Er hatte die Tür vernommen, war doch sowieso nicht auf den eigentlichen Akt konzentriert gewesen. Nun blickte er sie aus seinen starren, emotionslosen Augen an. Narzissa ertrug den Anblick nicht mehr, senkte den Kopf und verließ den Raum. Plötzlich schien alle Kraft in ihr wie verflogen, sie fühlte sich elend, zu tiefst erniedrigt, gedemütigt und… wertlos. Sie schwankte unbeholfen zurück, prallte dabei immer wieder gegen die Wände, den Türrahmen und schließlich den Bettpfosten in dem Zimmer, aus dem sie gekommen war. Warum befand sie sich eigentlich dort? Wieso hatte man sie nicht in ihr Schlafzimmer gebracht? Sie ahnte die Antwort, besaß aber nicht die Kraft, um weiter darüber nachzudenken. Sie ließ sich vorne über aufs Bett fallen, lag dort mit immer noch vor Entsetzen geweiteten Augen, die sich langsam mit Tränen füllten. Es war nicht ihre Art zu weinen, sie mochte es nicht sonderlich, doch sie schien an ihre Grenzen zu stoßen. Monoton widerholte sie beruhigende Worte in ihrem Kopf, rief sich selbst zur Vernunft. Er war ihr keinerlei Rechenschaft schuldig. Sie hatten sich einander nie verpflichtet. Es war bloß eine arrangierte Ehe. Erleichtert stellte sie fest, dass ihre Tränen langsam verebbten, der salzige Geschmack auf ihren Lippen blieb. Erneut richtete sie sich auf, bemerkte das Tablett mit Essen, welches neben ihrem Bett stand und griff nach einem Apfel. Sie musste zu Kräften kommen, wieder ganz sie selbst werden. Sie durfte nicht ihre Selbstachtung verlieren. Es war nicht ihre Schuld, dass ihr Mann sie betrog, sie hatte getan, was er wollte. Es war im Grunde auch nicht schlimm, solange er kein uneheliches Kind zeugte. Doch sie schätzte Lucius so verantwortungsbewusst ein, dass er selbst davor zurückschrecken würde. In seinem eigenen Interesse.
Was bei Merlins Barte hatte sie hier zu suchen gehabt? Fahrig fuhr sich Lucius durch die Haare, während er zurück in sein Schlafzimmer ging. Die Frau, von der er noch nicht einmal den Namen wusste, hatte er bereits hinaus gebracht. Narzissa hatte ihm gründlich den Spaß verdorben. Er bekam ihren Blick einfach nicht mehr aus dem Kopf, es schien, als habe er sich auf seiner Netzhaut eingebrannt. Wütend schlug er die Tür hinter sich zu. Plötzlich hatte sie im Türrahmen gestanden, ihr langes Haar offen und wirr, am Körper ein cremefarbenes Nachthemd. Wie eine Erscheinung. Selbst in diesem Zustand war sie tausendmal schöner als jede andere Frau. Doch trotzdem schenkte er ihr keine weitere Beachtung, sie durfte ihn nicht so beeinflussen. Dazu sollte sie auch eigentlich nicht mehr in der Lage sein. Schnell hatte er sich das Bild in Erinnerung gerufen, wie sie sich vor Schmerzen entstellt und mit verunstaltetem Arm auf dem Marmorboden der Eingangshalle gewunden hatte. Dann hatte er das Liebesspiel vollendet. Doch nun ging es ihm wie schon so oft. Er fühlte kaum die erlösende Befriedigung, war immer noch unausgeglichen und unzufrieden. Mürrisch begab er sich ins Bett.

Am nächsten Tag schaffte es Narzissa ins Bad. Sie badete, nahm sie viel Zeit für ihre Körperpflege, ging dabei jedoch besonders vorsichtig mit ihrem geschundenen Arm um. Nachdem sie sich sorgsam abgetrocknet hatte, cremte sie sich mit einer eigens für sie hergestellten Körperbutter ein, die herrlich nach Magnolien duftete. Sie hasste raue Stellen an ihrem Körper und so sorgte sie durch die Verwendung verschiedener Cremes und Öle dafür, dass alles an ihr weich und geschmeidig war. In solchen Dingen konnte man sie durchaus als penibel bezeichnen. Auch die Pflege ihrer Haare lag ihr am Herzen. Es kam nicht selten vor dass sie nach dem Trocknen jede einzelne Strähne noch einmal einzeln mit Hilfe der Magie formte, bis jedes noch so kleine Härchen perfekt lag. An diesem Tag vollführte sie diese Prozedur ein weiteres Mal. Das Blond ihrer Haare glänzte, sie fielen in großen Locken weich über ihre zarten Schultern. Sie betrachtete sich im Spiegel. Was hatte die Frau, die sie gestern Nacht mit ihrem Mann hatte schlafen sehen, was sie ihm nicht zu bieten hatte? Größere Brüste? Eine schmalere Taille? Es war zwecklos, darüber nachzudenken. Wahrscheinlich genügte sie ihm einfach nicht.
In den kleinen Kleiderschrank im Gästezimmer, waren einige ihrer Kleider gebracht worden. Wie immer legte sie leidgeprüft ihr verhasstes Korsett an, schnürte es so gut sie konnte, bevor sie sich ein dunkelblaues Chiffonkleid überzog. Nach der letzten Nacht musste sie wirklich alle Register ziehen, um sich ein wenig Selbstbewusstsein zu bewahren.
Außerdem hatte sie sich für heute etwas vorgenommen. Sie musste hinaus. Etwas anderes sehen, sich ablenken. Ein Blick auf das Datum hatte ihr Verraten, dass es nur noch wenige Wochen bis Weihnachten Waren. Wie es wohl sein würde, ihr Weihnachtsfest? Sie wollte mit Lucius darüber sprechen und ihn um Erlaubnis bitten, einen Ausflug in die Winkelgasse machen zu dürfen. Was für eine Schmach, jemanden um die einfache Erlaubnis bitten zu müssen, das Haus zu verlassen. Wieder einmal schluckte Narzissa ihre Wut hinunter. Es quälte sie, nicht nur auf ihr Verhalten, sondern auch auf ihre Gedanken peinlich genau achten zu müssen. Noch nicht einmal zu sich selbst durfte sie seit ihrer Einwilligung zu diesem verdammten Unbrechbaren Schwur ehrlich sein. Sie fühlte sich gefangen, fast unfähig zu atmen, durch die ganzen Zwänge die sie einengten.
Es war Sonntag sie vermutete Lucius deshalb zu Hause. Sie war unsicher, wie sie ihm entgegentreten sollte. Er hatte sie gesehen, wusste also, dass sie sich selbst von seiner Untreue überzeugt hatte. Zissa vermutete, dass es ihm egal sein würde, er war höchstens über ihre Störung erbost. Geräuschlos glitt sie durch die Flure, die Treppe hinunter, durch die Eingangshalle und ins Esszimmer, wo sie ein kleines Frühstück zu sich nahm.

„Wo befindet sich mein Mann?"

Der angesprochene Hauself hielt augenblicklich in seine Arbeit, die daraus bestand den Tisch abzuräumen, inne und blickte seine Herrin aus großen, verquollen wirkenden Augen heraus an.

„Er hat sich vor einer Stunde in sein Arbeitszimmer zurückgezogen, MyLady."

Sie nickte und winkte ab, damit er sich wieder seiner Arbeit widmete. Etwas schlug gegen die Scheibe. Narzissa drehte sich erschrocken um und stellte fest, dass ein Bündel vom Regen verklebter Blätter vom Wind gegen das Fenster geschleudert worden war. Es stürmte. Der Himmel war grau und dunkel wie bei Nacht, der Regen ließ sie nicht weiter blicken, als einige Meter, so dicht fielen die schweren Tropfen. Blätter wurden vom Wind aufgewirbelt und vom Regen wieder zu Boden gedrückt zu werden. In der Ferne hörte sie leises Donnergrollen, auch wenn noch keine Blitze am Himmel zu sehen waren. Fürchterliches Wetter, wie Narzissa fand. Hoffentlich war das kein schlechtes Omen. Beinahe melancholisch blickte sie in das prasselnde Feuer, welches im Kamin brannte. Wenn es nur irgendwie möglich war, würde sie sich am Abend mit einer großen Tasse Tee im Salon direkt vor den Kamin setzen und ein gutes Buch lesen. Dazu lud dieses Wetter förmlich ein, so unangenehm es auch sein mochte, es hatte auch eine gemütliche Komponente.
Sie riss sich selbst auf ihren Gedanken und erhob sich und machte sich auf den Weg zu Lucius Arbeitszimmer. Dort angekommen klopfte sie wie es sich gehörte gegen die schwere, dunkle Tür. Nachdem sie sein ‚Herein' vernommen hatte, trat sie ein und schloss die Tür hinter sich. Ihren Mann fand sie hinter seinem Schreibtisch sitzend vor, auf welchem sich drei große Stapel Papiere türmten. Er selbst hielt seine Schwarze, in Silber eingefasste Schreibfeder noch in der Hand. Als er bemerkte, dass es Narzissa war, die seine kostbare Zeit in Anspruch nahm, beendete er in aller Ruhe den vor ihm liegenden Bogen und stellte dann die Feder in ihre Halterung. Narzissa hatte die ganze Zeit über ruhig im Raum gestanden. Nun ging sie einen Schritt auf ihn zu und sah ihm direkt in die grauen Augen. Sturmgraue Augen, wie sie in diesem Moment feststellte. Sein Gesicht sah gleichgültig aus wie immer, als hätte es den gestrigen Abend nicht gegeben. Zu gerne hätte sie ihn angeschrien, ihm ihren Ekel deutlich gemacht und ihm ordentlich die Leviten gelesen, doch das war undenkbar, gerade da sie mit einem Anliegen zu ihm kam.

„Sir, ich habe eine Bitte. Würden sie mir gestatten die Winkelgasse zu besuchen? Ich würde gerne einige Besorgungen machen."

Lucius zog die Augenbrauen hoch.

„Dann schick einen Hauself."

Das war also seine knappe Antwort. Er wollte sich schon dem nächsten Bogen zuwenden, doch Narzissa blieb hartnäckig.

„Entschuldigt, aber ich würde gerne selbst gehen. Es wäre meiner Ansicht nach auch von gesellschaftlichem Interesse, dass ich mich in der Öffentlichkeit sehen lasse."

Diesem Argument konnte noch nicht einmal er widersprechen.

„Solange du dich an die Regeln hältst, gestatte ich es."

Ihr Herz machte einen kleinen Freudenhüpfer, doch äußerlich zeigte sie keine Regung. Vielleicht war das Wetter, dass die Farbe seiner Augen widerspiegelte ja ein gutes Zeichen gewesen. Doch noch war es zu früh um in Jubel auszubrechen, denn sie hatte noch eine weitere Frage. Lucius blickte sie bereits in der Erwartungshaltung an, dass sie sich schnellstmöglich zurückziehen würde. Erneut handelte Narzissa nicht so, wie Lucius es erwartet hatte, denn sie blieb.

„Ich habe noch eine Frage. In drei Wochen ist Weihnachten. Ich wollte wissen, wie sie wünschen, die Weihnachtstage zu verbringen, da ich weiß, dass es meine Pflicht ist mich um die Organisation von Festlichkeiten in unserem Haus zu kümmern."

Der blonde Mann schien überrascht. Als hätte er gedacht, dass sie die Feiertage einfach übergehen würden. Schon jetzt sehnte sich Narzissa zu den Weihnachtsfesten in Hogwarts zurück. Dort hatte man sich wenigstens darauf gefreut.

„Tatsächlich gibt es in diesem Zuge einen Termin, an den wir uns halten müssen. Die Zaubereiministerin Millicent Bagnold lädt wie jedes Jahr ihre engsten Mitarbeiter zu einer kleinen Feier in ihr Anwesen ein. Den Abend des ersten Weihnachtsfeiertages werden wir also dort verbringen."

Bisher hatte Lucius die meiste Zeit während er sprach auf die Papiere vor ihm gestarrt, doch nun hob er den Blick und sah Narzissa an.

„Adäquates Auftreten ist also erforderlich. Ansonsten habe ich nichts geplant."

Sein Blick wandte sich wieder seiner Arbeit zu und er machte ihr durch seine Haltung durchaus deutlich, dass er nicht länger von ihr belästigt werden wollte. Das sollte ihr nur Recht sein, sie wollte sowieso nicht länger als nötig mit ihm zusammen sein. Und sie hatte alle ihre Fragen geklärt. Deshalb verließ sie ohne Verzögerung den Raum.
Als sie sich auf den Weg nach oben machte, um sich die Wartezeit auf den nächsten Tag und ihren damit einhergehenden Besuch der Winkelgasse mit ihrem liebsten Hobby, dem nähen zu verkürzen, hörte sie ein kläglich krächzendes Geräusch von draußen. Neugierig lief sie auf eines der Fenster im Eingangsbereich zu und blickte nach draußen. Zuerst konnte sie durch das Unwetter gar nichts erkennen, doch dann erklang das Geräusch noch ein zweites, dann ein drittes Mal und sie konnte den Verursacher ausmachen. Unter einem kleinen Rosenbusch, einige Meter vom Haupteingang entfernt, hatte sich ein kleiner, weißer Pfau zusammengekauert, der es wohl nicht rechtzeitig an einen sicheren Ort geschafft hatte, bevor das Unwetter hereingebrochen war. Die schmalen Ästchen boten ihm kaum Schutz, sie bogen sich im Wind und peitschten ihm die wunderschönen Federn auf. Narzissa empfand Mitleid für das Tier, das sie noch vor kurzem für seine Schönheit bewundert hatte. Hektisch lief sie zur Garderobe, schnappte sich wahllos eine Umhang, zog nur die Kapuze über den Kopf, öffnete die Tür, welche vom Sturm hart nach innen gedrückt wurde und rannte hinaus. Der Regen schlug ihr ins Gesicht, als würde sie durch einen Wasserfall laufen, der Wind zerzauste ihr schönes Haar. Mit Müh und Not konnte sie ihre Augen offen halten, sodass sie das verängstigte Tier ausmachen konnte. Als sie es erreicht hatte, sank sie auf die Knie und streckte die Arme nach dem Pfau aus. Dieser schlug in seiner Panik mit seinen Flügel und hackte mit dem Schnabel nach Narzissa, doch sie konnte ihn schließlich geschickt packen und in ihren Umhang wickeln. So schnell sie gegen den ihr entgegenpeitschenden Sturm angehen konnte, eilte sie zurück in ihr schützendes Heim, den angsterfüllt kreischenden Vogel fest an sich gedrückt. Als sie endlich unter dem schützenden Dach war, lehnte sie sich mit dem Rücken gegen die Tür um sie zu schließen. Endlich konnte sie ihre Augen wieder richtig öffnen. Sie redete beruhigend auf den Pfau ein und rief nach den Hauselfen. Augenblicklich erschienen drei von ihnen. Einem drückte sie das Tier in die Arme.

„Kümmere dich um ihn und sorg dafür, dass es auch den anderen Pfauen gut ergeht."

Lucius hatte das Geschrei ebenfalls vernommen. Erneut unterbrach er seine Arbeit und begab sich zum Fenster. Von dort aus konnte er das ganze Schauspiel gut geschützt und in aller Ruhe beobachten. Was tat sie da nur? Weshalb schickte sie keinen der Elfen um das kostbare Tier zu retten? Lucius schüttelte bloß den Kopf. Ihm lag viel an seinen eigens für ihn gezüchteten Pfauen. Sie passten einfach in seine Welt. Grotesk perfekt, wie alles in seinem Reich. Er ließ den Tieren die größtmögliche Pflege zukommen und so verärgerte es ihn, dass eines von ihnen nicht vor dem Sturm gerettet worden wäre, hätte Narzissa sich seiner nicht erbarmt. Das würde noch Konsequenzen haben. Doch erst einmal würde er nun endgültig diesen Berg Papier bewältigen.

Erst am nächsten Tag hatte sich der Sturm zum Großteil gelegt. Die vor Freude ganz aufgeregte Herrin des Hauses war bereits früh aufgestanden und hatte kurz nach ihrem Mann, der selbstverständlich seiner Arbeit im Ministerium nachging, das Haus verlassen. Narzissa hatte sich einen dicken Umhang übergezogen, der sie vor dem verbliebenen Nieselregen schützen sollte, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen und war dann in den Tropfenden Kessel appariert. Dort war es dem Wetter entsprechend sehr voll. Viele Zauberer hatten sich hier hin, Schutz suchend vor dem klammen Wetter, ins Warme zurückgezogen und saßen nun dicht an dicht an den kleinen Tischen und tranken Butterbier oder Feuerwhiskey. Narzissa ließ ihren Blick durch den Raum streifen, doch sie entdeckte niemanden, dem sie Aufmerksamkeit schuldig war. So bahnte sie sich schnellstmöglich einen Weg durch die Menge, hinaus in den Hinterhof, wo sie dann nur noch mit ihrem Zauberstab die richtigen Steine berühren musste, um in die Winkelgasse zu gelangen. Der Regen prasselte auf sie herab, alles sah grau und düster aus und die Gasse war fast menschenleer, doch Narzissa freute sich wie ein Kind unter dem Weihnachtsbaum, endlich wieder an diesem ihr vertrauten Ort sein zu können. Hier hatte sie viele schöne Stunden verbracht, war mit ihren Schwestern bummeln oder Eis essen. Mit jedem der Geschäfte verband sie eine Erinnerung, es war fast, als wäre sie in ein Fotoalbum gestiegen. Doch dieses Mal war es anders. Sie kam nicht wie sonst sorglos hierher um zu bummeln oder neue Schulbücher zu kaufen. Nun war sie eine verheiratete Frau, durfte nicht mehr laut kichernd mit ihren Freundinnen einfach das tun, was ihr gerade in den Sinn kam. Sie hatte jetzt noch mehr Aufgaben zu erfüllen und wenn sie ein Weihnachtsfest wollte, dann würde sie sich ab sofort selbst darum kümmern müssen. Schon jetzt waren die Geschäfte der Winkelgasse weihnachtlich dekoriert überall glitzerte und funkelte es aus den Schaufenstern heraus. Im Schaufenster von Madame Malkins flogen kleine, goldene, verzauberte Engel um die ausgestellten Kleider und Umhänge. Narzissa blieb kurz vor dem Fenster stehen und sah den Engeln zu, wie sie einander jagten. Dann jedoch wurde ihr Blick von den Ausstellungsstücken in Beschlag genommen. Sie studierte die Schnitte, Stoffe und Farben, die Verarbeitung des Futters sowie die objektive Gestaltung. Zissa musste an ihre unvollendeten Werke in dem kleinen Dachgeschosszimmer denken. Bei nächster Gelegenheit würde sie daran weiter arbeiten.
Als sie alle ihre Einkäufe erledigt hatte, wobei sie sich mehr Zeit als nötig genommen hatte, war sie bepackt mit Tüten und Kartons. Mittlerweile hatte auch der Nieselregen aufgehört und die Winkelgasse war wie üblich gefüllt mit Menschen. Narzissa hatte sich so sehr auf diesen Ausflug gefreut, hatte alles besorgen können, weshalb sie hergekommen war und trotzdem trübte etwas ihre Stimmung: alle schienen sie anzustarren. Von überall her wurden ihr unverhohlene Blicke zugeworfen und sie wusste nicht weshalb. Sie sah an sich herab. Sie sah aus wie immer. Vielleicht hatte sie etwas im Gesicht. Eilig bemühte sie sich an ein Schaufenster heran zu kommen und blickte dann in ihr Spiegelbild auf der Scheibe. Nichts. Narzissa fühlte sich unwohl, sie wollte hier weg. Eilig lief sie durch die Gassen, auf der Suche nach einem ruhigen Ort. Hier im Getümmel würde sie keinesfalls die nötige Konzentration aufbringen können, um zu apparieren, ohne dabei zu zersplintern. Plötzlich erklang ein Klirren. Der Tragegriff einer der Taschen war gerissen und um die Stelle, an welcher die junge blonde Frau stand, herum kugelten glitzernde Weihnachtsbaumkugeln davon. Seufzend stellte sie die anderen Einkaufstaschen auf den Boden und begann die Kugeln wieder einzusammeln. Da sie sich nicht mehr in der Winkelgasse, sondern in einer der davon abführenden, kleineren Einkaufsstraßen befand, gab es hier nicht allzu viele Schaulustige, worüber sie sehr froh war. Jemand kniete sich auf den Boden, reichte ihr eine der Kugeln. Überrascht blickte Narzissa auf und sah in ein ihr bekanntes Gesicht. Schwarzes, strähniges Haar fiel ihm in das hagere Gesicht, welches sie sanft anblickte. Der junge Mann war wie üblich ganz in schwarz gekleidet, wirkte schlaksig und unbeholfen. Dass dieser Eindruck täuschte, wusste Narzissa. Es handelte sich nämlich um einen der begnadetsten Zaubertränkemeister ihrer Zeit. Sie selbst hatte ihn noch zu seiner Schulzeit kennengelernt, wenn auch nur flüchtig. Dadurch, dass sie beide in Slytherin gewesen waren, liefen sie sich zwangsläufig des Öfteren über den Weg. Doch schon zwei Jahre nach ihrer eigenen Einschulung hatte dieser äußerst talentierte Mann die Schule verlassen. In Slytherin hatte man sich so einiges über seinen weiteren Werdegang erzählt. Auch ihr eigener Zaubertranklehrer, Professor Slughorn, hatte sich stets auf dem Laufenden halten lassen, was diesen einen seiner ehemaligen Schüler betraf, so viel hielt er von ihm. Er sollte sich dem Dunklen Lord angeschlossen haben. Oft war er in der Gesellschaft von Lucius Malfoy gesehen worden. Narzissa hatte ihn hingegen nicht wiedergesehen. Bis jetzt. Severus Snape reichte ihr nun also eine ihrer eben erworbenen Weihnachtsbaumkugeln und sie nahm sie mit einem dankbaren Lächeln entgegen, um sie zurück in die Tüte mit dem gerissenen Henkel zu legen.

„Vielen Dank."

Sagte sie freundlich und immer noch überrascht, ihn hier nach all den Jahren zu treffen. Auch Severus blickte Narzissa interessiert an. Sie war erwachsen geworden, war keinesfalls noch ein Mädchen. Ihre Schönheit hatte seit dem letzten Mal, an dem er sie gesehen hatte, unglaublicher Weise noch zugenommen. Als Lucius ihm von der Hochzeit mit ihr erzählte, hatte er ihm ohne jeglichen Vorbehalt gratuliert. Auch jetzt, als er sie zum ersten Mal seit Jahren aus dieser Nähe wieder vor sich sah, bestätigte sich sein Eindruck, dass sie wie gemacht für Lucius war. Ihr vollkommenes Aussehen, ihre elfengleiche Anmut und ihre guten Manieren hätten in keiner Familie besser zur Geltung kommen können, als in der Familie Malfoy. Über mehr als ihr Aussehen wusste er nicht Bescheid, er hatte sie nie richtig kennengelernt. Auch bei ihrer Hochzeit hatte er nicht anwesend seinen können. Lord Voldemort hatte einen wichtigen Aufrag für ihn gehabt und so sehr es Severus auch gefreut hätte, bei der Hochzeit seines Freundes anwesend sein zu können, blieb ihm nichts anderes übrig, als den Auftrag so schnell wie möglich zu erledigen. Wobei er jedoch hatte anwesend sein können, war Narzissas Todesserweihe. Es hatte ihn beeindruckt, dass sie so standhaft hatte sein können. Er hatte erwartet, dass sie zumindest vor Schmerz schreien würde. Doch man hatte ihr die Qualen nicht angesehen. Da er im Hintergrund gestanden hatte, vermutete er, dass Narzissa ihn nicht gesehen oder gar erkannt hatte. Gut so, sie sollte ihn nicht mit einer solchen Erinnerung in Zusammenhang bringen.

„Gerne geschehen."

Er half ihr die Kugeln aufzusammeln. Dabei erhaschte er einen flüchtigen Blick auf Narzissas linken Unterarm, als der Umhang etwas verrutschte, während sie ihn nach dem Baumschmuck reckte. Das Mal sah entzündet aus.

„Wie geht es ihnen?"

Nachdem sie die Kugeln aufgesammelt hatten, erhoben sie sich. Während Narzissa den Staub aus ihrem Rock klopfte und ihren Umhang zurecht rückte, wartete Severus einfach ab.

„Gut, vielen Dank. Und ihnen?"

Sie sagte dies aus reiner Höflichkeit, das wusste Severus. Sie musste Schmerzen haben.

„Ebenfalls sehr gut. Darf ich ihnen helfen, ihre Einkäufe nach Hause zu bringen?"

Narzissa blickte Severus verdutzt an. Sie war unschlüssig, was sie sagen sollte. Auf der einen Seite wäre sie sehr froh über etwas Hilfe, auf der anderen Seite kannte sie ihn fast überhaupt nicht und war aus Höflichkeit dazu geneigt sein Angebot nicht anzunehmen.

„Ich weiß ihr Angebot sehr zu schätzen, aber ich schaffe das schon."

Mit dieser Antwort hatte er gerechnet. Es ging ihm auch nicht vordergründig darum, ihre Einkäufe heil nach Hause zu bringen, er wollte sich das Mal genauer ansehen. Wenn er es nicht unauffällig gestalten konnte, musste sie eben darauf ansprechen.

„Narzissa, ich habe von ihrem neuen… Körperschmuck gehört. Wenn es ihnen Recht wäre, würde ich ihnen am Abend einen kurzen Besuch abstatten. Ich werde ihnen einen kleinen Trank zubereiten."

Narzissa wusste sofort wovon er sprach und versteifte ihren Körper. Sie war unentschlossen, ob sie sein Angebot annehmen sollte. Severus bemerkte ihr Zögern, trat einen Schritt auf sie zu, damit er so leise wie möglich sprechen konnte. Immerhin musste nicht jeder wissen, wovon sie sprachen.

„Der Trank fördert die Heilung und verhindert, dass sich Narben bilden."

Nun war es keine schwere Entscheidung mehr für sie.

„Ich nehme ihr Angebot gerne an."

Severus nickte.

„Weshalb haben sie sich in eine solche Gasse verirrt Mrs Malfoy? Ich nehme nicht an, dass sie ein bestimmtes Geschäft gesucht haben? Immerhin haben sie ja wohl den Großteil ihrer Einkäufe erledigt, nicht wahr?"

Er blickte schmunzelt auf die sich türmenden Einkaufstüten. Auch Narzissa lächelte leicht.

„In der Tat habe ich meine Einkäufe bereits erledigt. Ich habe bloß nach einem ruhigen Ort zum apparieren gesucht."

Severus hob die Augenbrauen.

„Und in der Winkelgasse war es nicht möglich, einen solchen zu finden?"

Sie schüttelte den Kopf.

„Leider nein."

Erneut legte sich ein Lächeln auf Snapes Gesicht. Er ahnte, weshalb Narzissa die Flucht aus der Winkelgasse angetreten hatte. Die Leute redeten viel über das neuste Mitglied der Familie Malfoy, immerhin waren sie so etwas wie Prominenz. Es wurde über eine mögliche Schwangerschaft spekuliert und darüber, ob Narzissa und Lucius wohl in ihrer Ehe mit einander litten. Klatsch und Tratsch. Außerdem fürchteten viele Leute auch die mächtige Familie Malfoy und begegneten jedem Familienmitglied deshalb besonders vorsichtig und aufmerksam. Daran musste sich Narzissa wohl erst noch gewöhnen.

„Der Name Malfoy hat schon viele Leben verändert."

Mit diesen Worten vollführte Severus eine leichte Verbeugung und verabschiedete sich damit. Narzissa nickte ihm verhalten zu. Dann knotete sie die beiden Enden des zerrissenen Griffs der Einkaufstasche zusammen, schnappte sich dann ihre Einkaufstüten und kehrte schließlich nach Hause zurück. Ein wenig Verwunderung über die Hilfsbereitschaft des Zaubertrankmeisters war ihr geblieben. Sie verstand nicht, warum er sich so fürsorglich gab. Vielleicht hatte sie ihn falsch eingeschätzt und er war, obwohl er zu den Anhängern Lord Voldemorts gehörte, ein im Herzen guter Mensch. Da es ihr nicht weiterhalf darüber nachzudenken, übergab sie den Hauselfen ihre Einkäufe, damit sie diese wegräumen konnten, zog dann ihren regennassen Umhang aus und beschloss sich warme, trockene Kleidung anzuziehen. Es war auch hier im Haus kühl geworden und deshalb ließ sie alle Kamine entzünden, um es wohnlicher und angenehmer zu machen. Nachdem sie sich ein langärmliges Kleid aus wärmenden, dicken Stoff angezogen hatte, ging sie nach unten ins Esszimmer und wartete auf Lucius. Sie hoffte, dass es für ihn in Ordnung sein würde, dass Severus später noch vorbei kam. Umso länger sie selbst darüber nachdachte, desto mehr freute sie sich über sein Angebot. Die Schmerzen pulsierten immer noch unangenehm in ihrem Arm und die ganze Wunde sah nicht wirklich gut aus. Lucius ließ sich an diesem Tag wirklich viel Zeit, wie sie fand. Fast im Minutentackt blickte sie auf die große Pendeluhr und klapperte nervös mit ihren Fingern auf der Tischplatte. Endlich hörte sie das Geräusch der sich öffnenden Tür. Sie erhob sich und schritt hinaus in die Eingangshalle. Sein Anblick ließ sie für einen Augenblick in ihrer Bewegung erstarren, bis sie sich schnell wieder unter Kontrolle hatte und so tat, als wäre nichts. Lucius Haare waren durcheinander, sein Hemd halb geöffnet und beschmiert mit rotem Lippenstift. Doch er tat einfach als wäre nichts, legte seinen Umhang ab und schritt dann ohne ihr Beachtung zu schenken auf die Treppe zu.

„Warte im Esszimmer, ich ziehe mich vor dem Essen noch um."

Zissa war froh sich von ihm abwenden zu können, denn sein Anblick verletzte sie. Immer wieder kam ihr der bittere Gedanke, dass Lucius ihr die Unschuld hatte nehmen dürfen und ihm dieses große Geschenk immer noch nicht genügte. Ganz im Gegenteil, er machte sich auch noch über sie lustig und demonstrierte ihr wie wenig ihm es wert war.
Er hatte sich ganz bewusst in diesem Zustand nach Hause begeben. Warum sollte er auch seine Liebschaften vor ihr verbergen? Sie sollte sich ruhig darüber bewusst sein, dass sie keinesfalls etwas besonderes war. Und in einem nicht geringem Maße wollte er auch sich selbst davon überzeugen. Denn noch immer konnte er keine Befriedigung verspüren, bemerkte nichts von dem Kick, den er von seinen Liebeleien sonst immer gewohnt gewesen war. Dafür machte er Narzissa verantwortlich. Nachdem er sich frisch gemacht hatte, begab er sich zum Essen nach unten. Er musste sich abreagieren und er wusste auch wie. Narzissa wartete auf ihn, so wie er es angewiesen hatte. Er setzte sich auf seinen Platz und begann zu essen. Doch schon nach kurzer Zeit begann er zu sprechen.

„Wie geht es dir?"

Verdutzt blickte ihn Narzissa an. Sie wusste beim besten Willen nicht was das sollte. Sonst zeigte er doch auch kein Interesse an ihrem Wohlbefinden.

„Gut. Danke sehr."

Lucius begeisterte diese Antwort ganz und gar nicht. Verdrießlich blickte er sie an.

„So? Keine Übelkeit, keine Gewichtszunahme, kein Schwindelgefühl?"

Darum ging es ihm also. Schnell senkte Narzissa den Blick und schüttelte den Kopf.

„Nein, nichts dergleichen."

Wütend warf Lucius seine Serviette auf seinen Teller. Narzissa fuhr erschrocken zusammen.

„Bist du denn zu nichts zu gebrauchen? Bei der Vorstellung noch einmal mit dir schlafen zu müssen wird mir schlecht! Ich werde morgen sofort einen Heiler hierher schicken, der alles überprüfen soll."

Das war nun endgültig zu viel für Narzissa. Bis jetzt hatte sie immer alles runtergeschluckt, doch das hier ging einfach zu weit. Erbost funkelte sie ihn an

„Das es so schlimm für sie ist mich anzufassen, diesen Eindruck haben sie mir aber nicht vermittelt."

Zischte sie und ließ ihn erst gar nicht zu Wort kommen.

„Ich habe heute in der Winkelgasse Severus Snape getroffen. Er bringt mir heute noch einen Trank zur Beschleunigung der Wundheilung vorbei."

Man konnte Lucius die Wut ganz deutlich ansehen. Auf seiner Stirn pulsierte eine Ader gefährlich, sein Mund war zu einer harten Linie verzogen und seine Fäuste lagen geballt auf dem Tisch. Wie konnte sie es nur wagen, so mit ihm zu reden? Es überraschte ihm, dass sie es sich überhaupt traute, das Wort gegen ihn zu erheben. Bisher hatte sie dies ja auch nicht gewagt. Das diese Frau mehr Pepp hatte, als sie im allgemeinen an den Tag legte, hatte er ja schon festgestellt. Trotzdem minderte seine Überraschung nicht seinen Zorn über ihr Verhalten. Doch mit ihrem Bericht über ihr Treffen mit Severus, hatte sie ihn in seiner Wut gebremst. Er war überrascht zu hören, dass sie ausgerechnet ihn getroffen hatte.

„Was hast du ihm erzählt?"

Narzissa hatte sich schon wieder beruhigt und war froh, dass Lucius alles nicht noch schlimmer machte.

„Nichts. Er hat es von sich aus angeboten. Ich musste gar nichts sagen."

Lucius wusste nicht, ob er ihr glauben sollte. Er hoffte inständig, dass sie nichts falsches von sich gegeben hatte. Doch bei Severus war er sich sicher, dass dieser es ihm in diesem Falle mitteilen würde.

Die Hauselfen hatten gerade den Tisch abgeräumt, da ertönte der Türklopfer. Narzissa erhob sich und öffnete die Tür. Wie erwartet war es Severus, der um Einlass bat. Sie bat ihn lächelnd herein und führte ihn in den Salon. Dort wartete Lucius bereits, ein Glas Rotwein in der Hand. Auch er begrüßte Severus und bat ihn, sich zu setzen.

„Ich wollte euch nicht lange stören."

Er holte ein kleines Fläschchen mit rundem Bauch, langem, in Windungen gebogenen Hals und einer blauen Flüssigkeit darin aus seiner Umhangtasche.

„Das ist der Trank, den ich Narzissa versprochen habe."

Lucius nickte und somit übergab Severus die Flasche an Narzissa.

„Hab tausend Dank, Severus."

„Narzissa, lass uns jetzt alleine."

Mit dieser Anweisung hatte Narzissa nicht gerechnet doch sie befolgte sie und machte sich auf den Weg in ihr kleines Nähzimmer. Dort nahm sie erst einmal den Trank zu sich. Sofort verspürte sie ein warmes Gefühl ihren Körper durchfluten und ein Kribbeln machte sich in ihrem linken Arm breit. Gebannt blickte sie auf ihren Unterarm. Unter ihrer Haut bildeten sich kleine Kügelchen, die durch ihre Venen zu fließen schienen. Sie bekam es etwas mit der Angst zu tun, wusste sie doch nicht, ob diese Reaktion beabsichtigt war. Als dann aber die Umrisse des Dunklen Mals zu verblassen begannen, konnte sie es kaum glauben. Es verschwand mehr und mehr, bis am Ende nur noch ein paar dünne, weiße Linien zurückblieben, die auf ihrer hellen haut kaum zu erkennen waren. Tränen der Erleichterung standen in ihren Augen. Sie hatte auf Schmerzlinderung, die Heilung der Entzündung gehofft, aber an so etwas hatte sie sich noch nicht einmal zu denken erlaubt. Severus hatte ein Wunder vollbracht. Noch eine ganze Zeit lang blickte sie ihren Arm an, hatte Angst, dass die Wirkung nur vorübergehend war. Doch nichts tat sich mehr. Ihr Schmerz war mit der Sichtbarkeit des Mals verschwunden. Nach einer Ewigkeit traute sie sich wieder weg zu sehen. Befreit machte sie sich daran, an einem ihrer Werke weiter zu arbeiten.

„Möchtest du auch ein Glas?"

Fragte Lucius seinen Freund und dieser nickte. Sofort brachte ein Hauself ein Glas Wein und reichte es Severus demütig.

„Ich würde gerne wissen, was dich dazu veranlasst hat, meiner Frau diesen Trank zu bringen."

Severus hatte mit einer solchen Frage bereits gerechnet und reagierte dementsprechend gelassen.

„Nun, sie ist deine Frau und ich dachte du würdest es begrüßen. Immerhin war ich während ihrer Weihe anwesend und außerdem weiß ich, wie schmerzhaft es ist, wenn man keinen solchen Trank zur Verfügung hat."

„Hat sie dir irgendetwas erzählt, was nicht für andere Ohren bestimmt ist?"

„Wie kommst du darauf? Sie wollte mir gegenüber noch nicht einmal zugeben, dass sie Schmerzen hatte. Du machst dir zu viele Gedanken. Sie spielt ihre Rolle sehr gut. Du hast sie doch gesehen, als der Lord ihr das Mal aufbrannte. Wie kannst du da nur an ihrer Loyalität zweifeln?"

Lucius nahm einen Schluck Wein. Er hatte damit gerechnet zu hören, dass Narzissa sich beklagt hatte oder dergleichen. Er war jedoch so verbissen und konzentrierte all seine Wut auf seine Frau, dass er ihr ihre Zurückhaltung noch nicht einmal positiv anrechnen konnte. Sie barg für ihn etwas, dass er nicht zu kontrollieren wusste, denn sie hatte die Macht ihn zu beeinflussen. Das durfte er nicht zulassen. Und somit ließ er keinen positiven Gedanken über sie zu.

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