Carpe Noctem

by CarpeDiem

"In Freud und Leid ist meine Heimat in deinen Armen.

In einer Welt aus Schall und Rauch ist mein Herz immer bei dir."

# 9 #


Dicke, graue Wolken zogen am Himmel dahin und ließen nicht den Hauch eines Sonnenstrahls hindurch. Es sah nicht nach Regen aus, aber es wäre wohl schöner gewesen, hätte die Braut mit der Sonne um die Wette strahlen können.

Doch es gab auch einen Menschen, oder besser gesagt einen Vampir, dem der wolkenverhangene Himmel gerade Recht kam. Anastasia hatte ein Bein ungezwungen über das andere gestellt, die Arme verschränkt und lehnte an einer der vier Zeltstangen, die mit Ranken aus goldenen und weißen Blumen umwickelt waren. Sie hielt sich im Hintergrund, und stand deswegen in der Ecke links neben dem Eingang des rechteckigen Zeltes. Ihr Blick lag auf einem der fünf Auroren, die verteilt und von den Gästen unbemerkt auf den weißen Stühlen saßen, die in mehreren Reihen hintereinander aufgestellt waren. Anastasia hatte jeden einzelnen von ihnen bemerkt, obwohl sie sich die größte Mühe gegeben hatten in der Menge unterzutauchen, doch auf ihren Gesichtern lag einfach nicht der gleiche glückliche Ausdruck, den man bei den anderen Gästen finden konnte. Sie waren hier, um auf Rufus Scrimgeours Befehl hin nach Harry Potter Ausschau zu halten, und für den Fall, dass Voldemort ebenfalls vermutete, dass der Junge hier auftauchen würde, und vorhatte ein paar Todesser mit seinen Glückwünschen herüber zu schicken. Doch sollte es tatsächlich einen Angriff geben, gab es wohl nicht viel was sie tun konnten. Jedenfalls würden sie den Kampf nicht allein aufnehmen müssen, wenn sich Anastasia die Familie der Braut, die aus Frankreich angereist war, so ansah.

Die Hochzeit fand im Garten der Familie Weasley statt, und Anastasia konnte nicht umhin die Weasley als durchaus ansehnliche Zauberer anzuerkennen. Es war schlichtweg ein magisches Wunder, wie ein Haus, das so schief war, noch auf seinen Grundmauern stehen konnte. Außerdem war einiges an Mühe darauf verwendet worden das chaotische Grundstück auf Hochglanz zu polieren. Der Geruch der Hühner und die Gnome, die zwischen den verwilderten Blumenbeeten saßen, hatten sich allerdings nicht beseitigen lassen. Es war allgemein bekannt, dass die Weasleys zwar eine reinblütige Familie waren, aber auch, dass sie nicht besonders viel Geld hatten. Doch das hatte Molly nicht davon abhalten können ganz offensichtlich ihre letzten Galleonen für diese Hochzeit zu opfern.

Der Garten wurde von einem riesigen Zelt ausgefüllt, das etwas halb so groß war wie die große Halle in Hogwarts. Eine Stuhlreihe nach der anderen reihte sich darin auf und die Gäste, die dort saßen, verfolgten zum Teil mit Tränen in den Augen die Zeremonie. In der Mitte zwischen den beiden Reihen war ein eisblauer Teppich verlegt worden, der an der Stirnseite des Zeltes unter einem weißen Bogen endete, der wiederrum mit goldenen Ballons geschmückt war. Zu beiden Seiten des Teppichs standen in kurzen Abständen antike weiße Blumentröge mit atemberaubenden Blumen, und dazwischen spannte sich ein weißes Band. Die Blumenblätter waren extrem groß und die Pflanzen hingen über die Ränder der Tröge hinunter bis fast auf den Boden. Die weißen Blüten strahlten auf eine seltsame, mystische Weise bläulich, und der warme Glanz, der von den Blumen ausging, ließ sie fast wie kleine Laternen wirken.

Anastasia ließ ihren Blick über die Menge schweifen, und ihr drängten sich Erinnerungen an die mit Gästen überfüllten Bankreihen einer Kirche der Muggel auf, die sie vor langer Zeit bei einer Hochzeit besucht hatte. Anastasia sah das gotische Gebäude, mit seinen kunstvoll verzierten, weißen Säulen und den bunten Glasfenster so deutlich vor sich, als würde sie soeben in Paris in eben jener Kirche stehen. Das war das erste und einzige Mal gewesen, dass sie bei einer Muggelhochzeit gewesen war, und jetzt, da sie das erste Mal in 527 Jahren auf einer Hochzeit der Zauberer war, musste sie nur wieder einmal feststellen, dass die Unterschiede zwischen Muggeln und Zauberern bei weitem nicht so groß waren, wie die magische Gesellschaft dachte. In beiden Welten durften nur bestimmte Personen die Ehe zwischen zwei Menschen schließen, bei den Muggeln waren es Vertreter einer der vielen Religionen oder Beamte, der die Lizenz dazu hatten, und bei den Magischen übernahmen Beauftragte des Ministeriums, oder Träger des Merlins Ordens Erster Klasse diese Aufgabe. Auch weiße Kleider und Anzüge hatten beide Welten gemeinsam, genauso wie die Dekoration mit Blumen aller Arten.

Ein Teil von Anastasia fand es töricht und unbarmherzig zu heiraten. Das Leben der Menschen war so unglaublich kurz und konnte so schnell enden, dass es grausam war jemandem ein Versprechen für die Ewigkeit zu geben, von dem man genau wusste, dass man es nicht halten konnte. Diese Liebe war dazu verdammt eines Tages zu sterben, und es erstaunte Anastasia, dass die Menschen sich überhaupt für eine so kurze Zeit aneinander banden. Irgendwann würde einer der beiden sterben und den anderen mit dem Schmerz zurücklassen und obwohl sie wussten, dass sie diesem Schmerz nicht entkommen konnten, nahmen sie ihn in Kauf. Und der andere Teil von Anastasia, der Teil, den sie vermutlich ihr Herz nannte, war wiederum der Meinung, dass es unglaublich mutig war zu heiraten. Denn es gehörte Mut dazu mit Ungewissheit zuversichtlich in die Zukunft zu blicken.

Anastasia hatte die Gesichter der Gäste gesehen und die Zuversicht, die trotz dieser dunklen Zeiten in ihren Augen zu sehen war. Aber vor allem hatte sie die strahlenden Augen des Brautpaares gesehen, und das Vertrauen, das die beiden in die Zukunft setzten, eine Zukunft, von der sie sich nicht sicher sein konnten, ob sie sie haben würden. Es hatte sie damals ungemein beeindruckt, als ihr Freund Jarno, ein Vampir, damals in Paris einen Menschen geheiratet hatte. Anastasia hatte niemals verstehen können wie Jarno diese Frau so sehr lieben konnte, sie aber niemals verwandelt hatte. Er hatte sich dazu entschieden ihr sein Leben zu Opfern. Er war bei ihr geblieben bis sie starb, und war ihr anschließend in den Tod gefolgt.

Anastasia verdrängte die Bilder der Vergangenheit und konzentrierte sich auf die Gegenwart. Der angegraute Ministeriumsbeauftragte begann mit seiner Rede. Fleur Delacour stand zusammen mit ihrem Zukünftigen Bills Weasleys unter dem weißen Bogen und hielt seine Hand.

„Wir sind heute hier zusammen gekommen, um diese zwei Menschen für immer aneinander zu binden. Diese beiden Seelen haben sich gesucht und gefunden, und was die Magie zusammenfügt, das soll man bekanntlich nicht trennen."

Ein Schmunzeln ging durch die Reihen der Gäste und Fleur und Bill drehten die Köpfe zueinander um ein liebevolles Lächeln auszutauschen. Anastasia konnte sich ein Schmunzeln ebenfalls nicht verkneifen. Die beiden waren schon ein ungewöhnliches Paar.

In Fleurs Augen glitzerte ein Ausdruck purer Glücksseligkeit, der auf Anastasia völlig aufrichtig wirkte. Sie hatte Fleurs Mutter und Schwester gesehen, aber auch ohne das auffällige Aussehen hätte sie gewusst, dass in ihren Adern Veelablut floss, diesen ungewöhnlich hohen Pheromonausstoß würde Anastasia auch zehn Meilen gegen den Wind riechen. Es kam nicht oft vor, dass Veela es ernst meinten mit dem Bund fürs Leben, da sie nicht auf Liebe angewiesen waren, um einen Mann ihr eigen nennen zu können, aber bei Fleur zweifelte Anastasia nicht daran, dass sie es ernst meinte. Ein weiterer Blick in Bills Augen und die ganzen Vorurteile über Veela waren hinfällig. Diesem jungen Mann kam es eindeutig auf die inneren Werte seiner Angebeteten an, obwohl Anastasia zugeben musste, dass Fleur wirklich hinreißend aussah.

Ihre langen blonden Haare hingen ihr wie ein Schleier um die Schulter und wurden nur von einem schlichten, silbernen Diadem, mit einem einzigen blauen Stein in der Mitte, gehalten. Sie trug ein bodenlanges, ärmelloses Kleid aus einem fließenden, weißen Satinstoff, das sich perfekt um ihre schlanken Rundungen legte und nicht eine Falte warf. Auf einen Umhang hatte sie verzichtet. Ihr Rückenausschnitt reichte bis zu ihrer Taille und ohne Magie würde dieses Kleid wohl niemals an ihrem Körper bleiben, worüber einige Männer wahrscheinlich gar nicht so traurig wären. Ihr Zukünftiger aber hätte da wohl etwas dagegen, und es wäre gar nicht verwunderlich, wenn er noch einen extra Haltezauber auf das Kleid gelegt hätte.

Es war Bill deutlich anzusehen, dass er ein paar Jahre älter war, als seine Braut, und die fast verheilten Kratzer, die sich quer über sein Gesicht zogen, ließen ihn noch ein wenig älter erscheinen. Seine langen, roten Haare hatte er mit einem Band im Nacken zusammengebunden, und in seinem ganzen Aussehen lag etwas Sprunghaftes und Starkes, trotz seiner schlanken Statur. Anastasia roch die feinen Nuancen von Nelken und Zedernholz, aber der Geruch war zu schwach, als dass er Anastasias natürliche Abneigung gegen Werwölfe aufkommen ließ. Der Haifischzahn, den Bill als Ohrring trug, passte nicht so ganz zu seinem schwarzen Anzug und dem Festumhang, aber weder das noch die Narben in seinem Gesicht konnten sein gutes Aussehen zu Nichte machen.

Während der Beauftragte des Ministeriums mit der Trauung fortfuhr, suchte Anastasia die Stuhlreihen und das Innere des Zeltes nach einem schwarzen Haarschopf ab. Im Grunde war ihre Suche jedoch unnötig, wenn Harry Potter hier tatsächlich irgendwo war, dann bestimmt nicht für jedermann sichtbar.

Sie selbst bemühte sich ebenfalls darum so gut wie unsichtbar zu bleiben. Sie wollte mit ihrer Anwesenheit niemanden stören, und sie wusste wie die Menschen auf Vampire reagierten. Halbblüter wurden schon immer mit Argwohn und Abscheu betrachtet, besonders Vampire. Die Menschen hatten instinktiv Angst vor ihnen, und fühlten sich in ihrer Gegenwart immer eigenartig unwohl, ohne dieses Gefühl erklären zu können. Das Serum, das Anastasia nahm, schwächte diesen Effekt drastisch ab, doch bei ihr hatte diese Ablehnung eher persönliche Gründe. Sie war deshalb sehr spät gekommen und hielt sich im Hintergrund. Wenn sie Harry Potter gefunden hatte, würde sie sich wieder in Luft auflösen.

Doch ihre scharfen Augen konnten weder auf der Seite der Braut, noch auf der des Bräutigams oder sonst irgendwo einen Jungen erkennen, auf den ihre mentale Beschreibung passte. Minerva hatte sich wohl geirrt, Harry Potter war nicht gekommen. Oder er versteckte sich so meisterhaft, dass Anastasia ihn nicht fand, doch das hielt sie für eher unwahrscheinlich.

Die Zeremonie ging weiter, hin und wieder raschelte ein Taschentuch mit dem sich jemand die Tränen trocknete, aber niemand bemerkte Anastasias Anwesenheit. Doch der Vampir wurde das Gefühl nicht los, dass sie hier nicht die einzige war, die von niemandem bemerkt wurde. Hier war noch jemand. Doch auf Gefühle konnte man sich nicht verlassen, und nachdem Anastasia ihre verkrüppelten Sinne so weit es ging sensibilisiert hatte, nahm sie es wahr. Als ein Windhauch von draußen in das Zelt wehte, brachte er einen seltsamen Geruch mit sich, der Anastasia kaum merklich in die Nase stieg. Doch sie nahm den Geruch nur so schwach wahr, dass sie einen Moment brauchte, um diesen Duft nach Salbei und Metall einordnen zu könne. Es roch nach Demiguisen Haar. Es roch nach einem Tarnumhang.

Der nächste Windhauch trug auch den Geruch einer eindeutig männlichen Person zu ihr hinüber, wenn auch nur schwach, aber doch stark genug, dass Anastasia ihn wahrnehmen konnte. Hier wollte noch jemand unbemerkt bleiben, doch dieser Jemand hatte sich größere Mühe gegeben, als Anastasia. Und der Vampir wusste sogar, wer hier so erpicht darauf war keine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken: Harry Potter. Anastasia hatte bereits gesehen, dass der Junge einen Tarnumhang besaß, und da Anastasia keine anderen Personen mehr ausmachen konnte und der Geruch nach Tarnumhang so schwach war, dass es höchstens einer sein konnte, schieden Todesser oder andere ungebetene Gäste aus.

Anastasia drehte den Kopf und versuchte zu ergründen woher genau der schwache Duft kam, und sie musste sich beträchtlich konzentrieren, um eine Richtung ausmachen zu können. Als echter Vampir, im Vollbesitz ihrer Sinne, wäre das für sie eine geradezu lächerlich einfache Übung gewesen, aber so lag es an der Grenze dessen, was für sie gerade noch möglich war. Der Geruch kam von rechts, vermutlich aus der anderen Ecke des Zeltes. Mit schnellen Schritten setzte sich Anastasia in Bewegung und für jemanden der nicht wusste, dass sie einer Fährte folgte, sah es so aus, als wolle sie das Zelt durch den Eingang verlassen, doch sie wartete nur bis sie sich sicher war, woher genau der Geruch kam, um die menschliche Geschwindigkeit hinter sich zu lassen.

# # #

Harry hatte eigentlich gar nicht kommen wollen, aber nun war er doch hier. Die letzten Wochen waren nicht so verlaufen, wie er sich das vorgestellt hatte, und er hatte alle schmerzlich vermisst. Er hatte gedacht, dass es ihm helfen würde, ein paar vertraute Gesichter zu sehen, und dass es seine zunichte gemachte Zuversicht wieder etwas heben würde. Er wurde nicht enttäuscht. Es tat gut seine Freunde wiederzusehen. Es gab ihm etwas von der inneren Ruhe zurück, die er vor Wochen verloren hatte. Er wusste, dass keiner von ihnen gestorben war - er hatte jeden Tag die Todesmeldungen im Tagespropheten zwei Mal durchgelesen - aber er hatte sich einfach mit eigenen Augen davon überzeugen müssen, dass es allen gut ging. Es war wie ein Zwang gewesen und er fühlte sich besser, jetzt da er diesem Zwang nachgegeben hatte.

Natürlich war es ein Risiko gewesen hierher zu kommen, aber er hatte schließlich seinen Tarnumhang, auch wenn es ihm mittlerweile lästig geworden war sich unter diesem Stück Stoff zu verstecken. Der Umhang war für ihn zu einer zweiten Haut geworden und er wünschte sich nichts sehnlicher, als ihn endlich einmal wieder ablegen zu können. Aber das war nicht möglich. Ganz England war auch der Suche nach ihm und wenn er nicht gefunden werden wollte, und das wollte er nicht, dann blieb ihm nichts anderes übrig, als unsichtbar zu bleiben. Früher hätte er viel dafür gegeben unsichtbar zu sein, aber jetzt hasste er es. Ein Teil von ihm wünschte sich sogar, dass sie ihn finden würden, irgendwie, aber das bezweifelte er, er war sehr gut darin geworden sich vollkommen unerkannt unter dem Umhang unter Menschen zu bewegen.

Er hatte versprochen zu dieser Hochzeit zu kommen und wenn man sich nicht einmal mehr auf seine Versprechen verlassen konnte, was gab es dann noch auf das man sich verlassen konnte? Er war es seinen Freunden schuldig gewesen zu kommen und auch wenn sie ihn nicht sehen konnten, war er doch hier.

Er hatte gedacht er wäre allein besser dran, aber mittlerweile war er sich da nicht mehr so sicher. Er hatte im letzten Monat nicht gerade viel erreicht, um nicht zu sagen gar nichts, aber er hatte wenigstens keinen seiner Freunde in Gefahr gebracht. Hermine und Ron hatten versprochen ihm zu helfen, ihm beizustehen was immer auch geschehen würde, und obwohl er von diesem Angebot tief berührt gewesen war, hatte er es doch nicht annehmen können. Er konnte nicht zulassen, dass sie ihr Leben für ihn aufs Spiel setzten. Er durfte nicht zulassen, dass irgendjemand sein Leben für ihn aufs Spiel setzte. Den einzigen Ausweg, den er gesehen hatte, war es gewesen zu verschwinden, und sich allein auf die Suche nach den Horkruxen zu machen. Er durfte niemanden etwas von ihnen erzählen, denn wenn Voldemort herausfand, dass er auf der Suche nach ihnen war, und dass bereits zwei von ihnen zerstört waren, dann würde er ihm keine Gelegenheit mehr geben weitere von ihnen zu vernichten. Und wenn der Orden nicht wusste, nach was er suchte, konnten sie ihm auch nicht helfen.

Es hatte auch keinen Sinn wieder nach Hogwarts zu gehen und dort schön brav jeden Tag seine Hausaufgaben zu machen. Er wollte sich nicht länger so verdammt unnütz fühlen, schließlich war er derjenige, der Voldemort gegenübertreten musste, und dabei würde ihm kein Buch der Welt helfen. Wenn er in Hogwarts war, würde er nur einen weiteren Angriff auf das Schloss provozieren und es würde Opfer geben - seinetwegen. Er wollte nicht, dass sich Leute seinetwegen in Gefahr brachten und ihr Leben riskierten, das hatte er nie gewollt, und schon immer hatte alle Welt diesen Wunsch ignoriert. Aber damit war jetzt Schluss.

Eine Zeit lang hatte er sich den Kopf darüber zerbrochen was er tun sollte, und als er den Entschluss gefasst hatte zu verschwinden, hatten die Probleme erst begonnen. Doch Hermine und Ron hatten ihm geholfen einige dieser Unbekannten zu lösen, in dem Glauben, dass sie mit ihm zusammen verschwinden würden. Ihnen hätte klar sein müssen, dass Harry das niemals zulassen würde. Hermine hatte ihnen Beschwörungen beigebracht mit denen man einen Ort gegen ungebetene Gäste absichern, unsichtbar, unhörbar oder unortbar machen konnte und noch vieles mehr. Diese nützlichen Zauber und den groben Plan an Gegenständen, die sie mitnehmen wollten, hatte sich Harry ebenfalls zu Eigen gemacht. Er hatte sich schuldig gefühlt, mit ihnen etwas zu planen, und sie dann nicht mitzunehmen, doch seinen Entschluss hatte er bereits gefasst gehabt.

Die einzige offene Frage war nur noch gewesen wo er untertauchen sollte. Er durfte nie zu lange an einem Ort bleiben, da immer das Risiko bestand, dass ihn jemand erkannte. Die Zaubererwelt würde er sowieso meiden müssen, sonst könnte er sich gleich ein Schild um den Hals hängen. Und dann war ihm eine Idee gekommen. Horace Slughorn hatte es ihm vorgemacht. Er hatte sich noch letztes Jahr darüber gewundert, wie sein ehemaliger Lehrer es geschafft hatte unbemerkt in ein Muggelhaus nach dem anderen einzubrechen und dort, während die Eigentümer im Urlaub waren, für ein paar Wochen zu wohnen. So einfach wie Slughorn ihm das beschrieben hatte, hatte er sich das natürlich keinesfalls vorgestellt, aber da hatte er sich getäuscht. Slughorn hatte kein bisschen untertrieben, es war wirklich lächerlich einfach, wenn man ein Zauberer war. Die Leute fuhren andauern in den Urlaub, und mit ein paar einfachen Zaubern war es ein Kinderspiel irgendwo einzubrechen, ohne bemerkt zu werden.

Harry stand erst seit wenigen Minuten in der Ecke des großen Zeltes. Er hatte sich zuerst davon überzeugt, dass Mad Eye Moody nicht hier war, denn sonst nutzte ihm auch sein Tarnumhang nicht viel. Doch der in die Jahre gekommene Ex-Auror war nirgends zu sehen gewesen, also hatte er sich hinter den Gästen in diese Ecke zurückgezogen. Er war nur hier, um bei der Trauung dabei zu sein und sein Gewissen zu beruhigen, danach würde er wieder verschwinden.

Er hatte Hermine und Ron bereits gesehen, sie saßen nebeneinander in einer der vordersten Reihen, und sein bester Freund hatte einen Arm um Hermine gelegt. Obwohl er sich bemüht hatte nicht nach ihr zu suchen, hatte Harry auch Ginnys rötlichen Haarschopf sofort in der Menge ausgemacht, und seine Augen nicht mehr von ihr abwenden können. Er liebte sie immer noch, und er würde sie immer lieben, aber das änderte nichts daran, dass sie keine Zukunft hatten. Und es war besser das zu akzeptieren, als sich etwas vorzumachen. Wenn ihr etwas zustoßen würde, könnte er sich das niemals verzeihen.

Harry ließ seinen Blick wieder über die Gäste schweifen, und blickte ganz unbewusst auf die linke Seite der Stuhlreihen hinüber, dorthin wo Ginny saß, und mit einem Mal sah er sie. Er hatte sie nur flüchtig aus den Augenwinkeln gesehen, doch das hatte gereicht um seine volle Aufmerksamkeit auf sie zu lenken. Er war sich sicher, dass sie noch nicht dort gestanden hatte, als er das Zelt betreten hatte, doch er war sich auch sicher, dass er sie hätte hören müssen, als sie hereingekommen war.

Er war in den letzten Wochen geradezu paranoid und übervorsichtig geworden und es wunderte ihn, dass er sie nicht bemerkt hatte. Doch nichts davon ging ihm durch den Kopf, als er sie ansah. Das erste, was ihm in den Sinn kam war, dass sie einfach außergewöhnlich schön war. Sie war geprägt von Gegensätzen. Strahlend blauen Augen, volle rote Lippen, dazu eine Hautfarbe, die so blasse war, dass sie einer Leiche alle Ehre gemacht hätte, und tiefschwarze Haare, die ihr in sanften Wellen den Rücken hinab flossen. Sie war etwa so alt wie er, und ziemlich klein, bestimmt einen Kopf kleiner als er, aber ihre elfenhafte Figur war einfach perfekt. Ihre Gesichtszüge waren unglaublich zart und überirdisch schön. Neben ihr wirkten alle anderen Menschen in dem Zelt unglaublich durchschnittlich. Und doch konnte Harry sie mit einem Wort beschreiben. Sie war vollkommen.

Sie beobachtete die Trauung ohne sichtbares Interesse und stand so unbeweglich dort, als wäre sie eine Statue. Doch dann bewegte sie sich plötzlich. Sie drehte den Kopf und blickte Harry an, jedenfalls kam es ihm so vor. Das war natürlich abwegig, er war unter dem Tarnumhang verborgen, sie konnte ihn nicht sehen, aber trotzdem war es ihm, als wüsste sie, dass er da war. Das Ganze war Harry unheimlich, und als sie sich elegant in Bewegung setzte, und mit tanzenden Schritten genau auf ihn zukam, riss er seinen Blick von ihr los und ergriff die Flucht.

# # #

Anastasia nahm den Geruch der verborgenen Person immer deutlicher wahr, und als sie Kleidung rascheln hörte, sah sie sich in ihrer Vermutung bestätigt. Hätte sie die Fülle an Sinnen zur Verfügung, auf die ein richtiger Vampir zugreifen konnte, wäre es einfacher gewesen, aber auch ein erneuter Windhauch sagte ihr bereits überdeutlich, dass Harry Potter gerade dabei war sich aus dem Staub zu machen. Jedenfalls bewegte er sich auf den Ausgang zu, und verließ eben das Zelt. Anastasia kam das gerade recht. Mit ein paar schnelle Bewegungen, die für das menschliche Auge nicht mehr sichtbar waren, näherte sie sich ihm, und packte ihn vor der Außenwand des Zeltes durch seinen Umhang hindurch am Arm.

Harry fuhr fürchterlich zusammen, als er die stahlharten Finger spürte, die sich um seinen linken Oberarm schlossen, und drehte ruckartig den Kopf. Während sein Herz noch etwas brauchte, um sich wieder an den Takt zu erinnern, in dem es schlagen sollte, sahen seine Augen bereits das wunderschöne Mädchen neben sich stehen, und er hatte nicht die geringste Ahnung wo sie auf einmal hergekommen war. Erst jetzt, da er sie aus der Nähe sah, wurde er sich wirklich der unnatürlich blauen Färbung ihrer Augen bewusst, die ihn mit einem Ausdruck von Schärfe, Belustigung und ungeheurem Wissen durchdringend anblickten, und selbst wenn er es gewollt hätte, hätte er den Blick nicht abwenden können.

„Harry Potter nehme ich an. Es freut mich dich kennen zu lernen", sagte Anastasia leise, und ihre seidige Stimme ließ Harry einen Schauer über den Rücken hinunter laufen. Einen Moment darauf drangen laute Worte aus dem Zelt zu ihnen hindurch.

„…hiermit erkläre ich Sie als gebunden für ihr Leben."

Es wurde geklatscht und gejubelt und Harry hörte wie einige der Gäste von ihren Stühlen aufstanden. Flüchtig sah er noch wie sich die vollen Lippen des Mädchens bewegten, so schnell, dass er glaubte es sich nur eingebildet zu haben, doch dann erwachte er endgültig aus seiner Trance. Er versuchte ihr seinen Arm zu entreißen, musste aber beinahe sofort feststellen, dass er gegen ihre stählernen Finger keine Chance hatte, und nicht eher freikommen würde, bis sie es ihm gestattete. Gleichzeitig wunderte er sich woher sie diese übermenschliche Kraft nahm.

Harry sah nur einen Ausweg, und wollte nach seinem Zauberstab greifen, aber Anastasia hörte das Rascheln seiner Kleidung, noch bevor er ihn erreicht hatte.

„Ah, das würde ich besser bleiben lassen", schlug sie mit ihrer melodischen Stimme nun wieder in normaler Lautstärke vor. Sie hatte einen Zauber über sie gelegt, der verhinderte, dass sie gehört wurden. Zwar war sie sich nicht sicher, dass der Junge tatsächlich nach seinem Zauberstab greifen wollte, aber sie vermutete es. Sie würde das in seiner Situation zweifellos tun.

Anastasia zog mit ihrer freien Hand an Harrys Umhang, woraufhin sein ganzer Körper für einen Augenblick sichtbar wurde, aber kaum so lange, dass man sich sicher sein könnte, tatsächlich jemanden gesehen zu haben, vorausgesetzt jemand wäre nicht im Zelt und hätte ihn sehen können.

„Ach übrigens, schöner Umhang", meinte Anastasia beiläufig, als Harry sich nicht mehr bewegte. Er hatte gar nicht so schnell reagieren können, wie sie ihm den Umhang von Kopf gezogen hatte. Wenn er also nicht wollte, dass sie ihm den Umhang wegnahm, und Harry zweifelte nicht daran, dass sie das konnte, dann würde er wohl seinen Zauberstab da lassen müssen wo er war. Das gefiel ihm jedoch gar nicht, denn er wusste nicht, ob dieses Wesen, denn ein Mensch war sie nicht, nicht vielleicht gefährlich war. Doch das bezweifelte er eher, denn sie war schließlich hier, ohne Tarnumhang oder andere Verschleierungszauber und bis jetzt hatte noch niemand einen Zauberstab auf sie gerichtet.

Anastasia nickte zufrieden, als sie keine Bewegung mehr hörte.

„Gut so, und jetzt nimm deine Hand bitte wieder nach vorne."

Harry tat was sie wollte, auch wenn es ihm nicht gefiel.

„Wer sind Sie?", zischte er sauer, und sein Gehirn war fieberhaft auf der Suche nach einer anderen Fluchtmöglichkeit.

„Ich bin Lady Anastasia Gray. Und damit du es gleich weißt, du redest hier mit einem Vampir, der über fünfhundert Jahre alt ist, also bitte keine Tricks", riet ihm Anastasia mit einem Grinsen und Harry fand es beinahe gespenstisch, wie sie ihn direkt mit ihren blauen Augen ansah. Ein kalter Schauer lief ihm den Rücken hinunter. Er war noch nie zuvor einem Vampir begegnet, aber er wusste genug über diese Geschöpfe um zu wissen, dass er durchaus in Gefahr war. Doch bis jetzt hatte sie ihm noch nichts getan, und er wusste auch, dass nicht alle Vampire gefährliche Bestien waren.

Anastasia konnte fast sehen, wie sich Harrys Augen weiteten, und ihr Aussehen für ihn plötzlich einen Sinn ergeben musste. Man bekam nicht alle Tage einen Vampir zu sehen, auch als Zauberer nicht.

„Was wollen Sie von mir?", fragte Harry abweisend, aber in seiner Stimme fehlte die Verachtung und die Angst, die bei vielen deutlich zu hören war, wenn Anastasia ihnen sagte was sie war, falls sie es nicht schon selbst heraus gefunden hatten.

„Ich will nur mit dir reden. Weiter nichts."

„Na gut, dann reden Sie", forderte er, aber Anastasia war sich ziemlich sicher, dass er sie zwar ausreden lassen, aber ihr nicht wirklich zuhören würde. Er suchte immer noch nach einer Möglichkeit ihr zu entwischen. Aber das würde sich nach ein paar Sätzen ändern.

„Ich bin - oder vielmehr ich war eine gute Freundin von Albus Dumbledore. Und, nun ja, sagen wir es einmal so, er hatte noch etwas gut bei mir. Er hat mir einen Brief hinterlassen und mich gebeten dir zu helfen."

„Das kann jeder behaupten", schnappte Harry. Er glaubte ihr kein Wort.

„Mag sein, aber ich kann es beweisen", sagte Anastasia mit einem Grinsen, und griff mit ihrer Hand in ihre Tasche, um Albus' Brief hervor zu holen, als Harry seine Chance sah und erneut versuchte sich ihrem Griff zu entwinden. Anastasias Finger gaben nicht einen Zentimeter nach.

„Spar dir das", schlug sie gelangweilt vor, aber Harry dachte gar nicht daran auf sie zu hören.

„Lassen Sie mich los!", befahl er zornig, und zerrte weiter an seinem Arm, aber Anastasias Finger schlossen sich nur noch fester um seinen Oberarm und drückten ihm beinahe das Blut ab. Anastasia wurde langsam wütend. Mit einer festen Bewegung riss sie ihn näher zu sich heran, und Harry erstarrte.

„Jetzt hör mir mal zu!", fauchte Anastasia ihn an, und ihre Worte kamen so schnell aus ihrem Mund, dass Harry Mühe hatte sie zu verstehe. „Ich bin um ein Vielfaches stärker als du, und ich kann dir mit Leichtigkeit den Arm brechen, wenn ich das will. Ich habe nicht vor dir weh zu tun, aber wenn du mir keine andere Wahl lässt, werde ich es tun. Ich verlange nur von dir, dass du mir zuhörst!"

Ihr Griff um den Arm des Jungen lockerte sich etwas, und Anastasia schloss kurz die Augen um sich wieder zu beherrschen. Dann griff sie nach dem Brief in ihrer Tasche und hielt ihn Harry unter die Nase.

„Ich bin sicher du kennst Albus' Handschrift."

Harry ließ seinen Blick über die verschnörkelten Zeilen gleiten und musste feststellen, dass das tatsächlich Albus Dumbledores Handschrift war, und auch das Siegel von Hogwarts am Ende des Briefes schien echt zu sein. Doch eine Handschrift konnte man fälschen, und ein Siegel ebenso.

„Ich glaube Ihnen kein Wort."

„Das solltest du aber, denn ich bin die einzige, die dir helfen kann die sechs Horkruxe zu finden", erwiderte Anastasia mit einem selbstgefälligen Lächeln auf den Lippen, und Harry starrte sie an.

„Woher wissen Sie davon?", fragte er tonlos. Wenn sie, wer auch immer sie war, es herausgefunden hatte, dann konnten das auch andere.

„Wenn es etwas gibt, von dem niemand etwas wissen soll, dann weiß ich es ganz bestimmt. Ich weiß auch, dass bereits zwei davon zerstört sind, das alte Tagebuch von Tom Riddle und ein Ring, der einst Salazar Slytherin gehört hat. Ich weiß, dass du und deine Freunde Ronald Weasley und Hermine Granger die einzigen seid, denen Albus dieses Wissen anvertraut hat. Und ich weiß, dass Albus kurz davor war das Medaillon zu finden."

Einen Moment herrschte Stille, dann fuhr Anastasia fort. „Er hat mich gebeten dir zu helfen, und ich werde dir meine Hilfe anbieten, wenn du sie haben willst."

Harry starrte sie wortlos an. Sie wusste Dinge, die sie nicht wissen durfte, die sie gar nicht wissen konnte. Es sei denn, sie hatte die Wahrheit gesagt, und Dumbledore hatte sie tatsächlich gebeten ihm zu helfen. Diese Möglichkeit kam ihm nun immer wahrscheinlicher vor, auch wenn der alte Zauberer nie einen Vampir namens Anastasia Gray erwähnt hatte. Aber das wunderte ihn im Grunde nicht wirklich. Dumbledore hatte die Angewohnheit gehabt nie die ganze Wahrheit zu sagen und ihm Dinge, die er für unwichtig hielt, zu verschweigen. Trotzdem, er hatte seine Entscheidung bereits vor einem Monat getroffen, und er würde an ihr festhalten.

„Ich brauche Ihre Hilfe nicht. Lassen Sie mich los."

Anastasia verdrehte die Augen. Die Meisten Leute, die sie kannte, und denen Ruhm zu Teil geworden war, war er letzten Endes fast immer zu Kopf gestiegen. Überheblichkeit führte zu Fehleinschätzungen und Fehleinschätzungen führten fast immer zu einem schnellen Tod. Das hatte sie bereits mehr als ein Mal erlebt.

„Das kann ich nicht. Ich bin es Albus schuldig, das habe ich dir bereits gesagt. Er ist dafür gestorben, dass du eine Chance hast. Lass dir eines gesagt sein, du hast noch nicht einmal ansatzweise die Zusammenhänge in diesem fürchterlichen Spiel begriffen, und du hast nicht die geringste Ahnung was noch auf dich zukommen wird. Es ist keine Schande und auch kein Zeichen von Schwäche Hilfe anzunehmen, wenn man sie braucht."

Harry sah schweigend zu Boden. Ein Teil von ihm wusste, dass er Hilfe brauchte, aber er wusste auch, dass er ihr nicht vertrauen konnte. Sie war ein Vampir und er hatte keine Ahnung ob sie die Wahrheit sagte. Leider fiel ihm im Moment auch keine Möglichkeit ein, wie er das herausfinden konnte. Alles was er wusste war, dass sie äußerst gut über Dinge im Bilde war, die sie im Grunde nur von Dumbledore selbst wissen konnte. Womöglich hatte der alte Zauberer bereits mit seinem Tod gerechnet und in weiser Voraussicht Vorkehrungen getroffen, falls der schlimmste Fall eintreten sollte. Harry weigerte sich zu glauben, dass Dumbledore ihn verlassen hatte, ohne dafür zu sorgen, dass er sein Ziel erreichen würde. Er hatte immer gewusst, was zu tun gewesen war, und ohne ihn fühlte sich Harry schrecklich hilflos. Vielleicht wünschte er sich gerade deswegen, dass Anastasia die Wahrheit sagte. Doch er befürchtete, dass er sich das so sehr wünschte, dass er in diesem Vampir etwas zu sehen glaubte, das gar nicht da war. Doch dieses Risiko würde er wohl eingehen müssen. Er allein war der Auserwählte, es war sein Schicksal Voldemort zu vernichten, nicht das seiner Freunde. Es waren schon zu viele seinetwegen gestorben. Aber er schaffte es nicht allein und falls Dumbledore Anastasia Gray tatsächlich darum gebeten hatte ihm zu helfen, dann würde er das nicht ablehnen. Sie war ein Vampir, sie konnte auf sich aufpassen, und außerdem hatte Harry das Gefühl, dass sie verdammt genau wusste, worauf sie sich hier einließ.

„Und wie genau soll diese Hilfe aussehen?"

Anastasia grinste. Dann war Harry Potter so wie es aussah doch nicht vor seinem Schicksal davon gelaufen.

„Ich werde dir beibringen wie du dich gegen Voldemort verteidigen kannst, dann werden wir die Horkruxe suchen, sie zerstören, und anschließend Voldemort vernichten."

Harry schnaubte leise und ein grimmiges Lächeln erschien auf seinem Gesicht. All diese Worte hörten sich furchtbar einfach an, doch er wusste nur zu gut, dass sie das keinesfalls waren. Zudem kam ihm dieser Plan äußerst bekannt vor. Diesen Plan hatte er auch gehabt, und er war gescheitert. Aber irgendetwas sagte ihm, dass Anastasia dafür sorgen würde, dass dies nicht noch einmal geschehen würde.

„Du wirst zu mir ziehen, ich habe ein Anwesen an der Grenze zu Schottland. Dort wird dich niemand finden, und außerdem ist das Haus einer der sichersten Orte in England."

Harry nickte nachdenklich. Er kannte sie seit gerade einmal zehn Minuten und sollte ihr bereits blind vertrauen. Selbst wenn er gewusst hätte, dass sie ihm die Wahrheit gesagt hatte, würde er sich damit noch äußerst schwer tun. Es blieb ihm wohl keine andere Wahl, als mit Professor McGonagall zu reden, um sich davon zu überzeugen, dass Anastasia Gray ihm tatsächlich helfen wollte. Und dabei würde ihm auch nichts anderes übrig bleiben, als all die Vorwürfe, die sie ihm, zugegebenermaßen nicht unbegründet, machen würde, zu ertragen. Doch er wusste was er getan hatte, und er wusste, dass er es aus einem guten Grund getan hatte. Wenn er sich von Anastasia helfen ließ, würde er seine Freunde hoffentlich nie wieder seinetwegen in Gefahr bringen.

Anastasia vermutete jedoch mit diesem Vorschlag bereits etwas zu viel von dem Jungen verlangt zu haben.

„Wenn du möchtest, kannst du natürlich auch zurück nach Hogwarts, ich bin sicher wir werden…"

„Nein", unterbrach Harry sie, und hob den Kopf, um ihr direkt in die Augen zu sehen.

„Ich will niemanden meinetwegen ihn Gefahr bringen. Es ist besser wenn niemand weiß wo ich bin."

Anastasia nickte. „In Ordnung."

Sie musste zugeben, dass sie die Worte des Jungen durchaus beeindruckten. Seine Stimme war fest und bestimmt gewesen, und sie war sich sicher, könnte sie jetzt in seine Augen blicken, würde sie Entschlossenheit in ihnen funkeln sehen. Solche selbstlosen Worte hörte man jedoch für gewöhnlich von den wahren Helden, die im Hintergrund standen, und nicht von denen, die den ganzen Ruhm abbekamen. Nun war Anastasia auch in der Lage zu verstehen, warum Harry Potter verschwunden war. Er hatte versucht sein Schicksal allein zu erfüllen, ohne Unschuldige in Gefahr zu bringen. Diese Entscheidung war dumm gewesen, weil er es nicht allein schaffte, aber sie war auch sehr edelmütig gewesen. Doch Edelmut rettete einen auch nicht vor dem Tod.

„Meine verehrten Gäste!", rief eine Stimme im Inneren des Zeltes über die Gespräche. „Wenn Sie bitte alle für einen Moment aufstehen würden!"

Es wurden Stühle über den Boden gerückt und Anastasia hörte durch das Stimmengewirr, wie der Zauberer einige Formeln murmelte. Sämtliche Gäste hatten, während sie mit Harry geredet hatte, dem Brautpaar ihre Glückwünsche ausgesprochen, und es war nun an der Zeit das Zelt für den Rest der Feierlichkeiten in einen etwas angenehmeren Ort zu verwandeln, und die starren Stuhlreihen verschwinden zu lassen.

Anastasia entschied, dass es an der Zeit war sich ebenfalls einen anderen Ort zu suchen, und zog Harry an einem Arm mit sich.

„Komm, lass uns ins Haus gehen. Ich möchte, dass du eine Gelegenheit hast ungestört mit Minerva zu reden."

Sie durchquerten den Garten und Harry folgte Anastasia gezwungenermaßen. Es gefiel ihm zwar nicht sich von den Menschen im Zelt zu entfernen, aber er wusste, dass er im Grunde keine andere Wahl hatte, als zu tun, was sie von ihm verlangte. Dazu kam, dass er eigentlich froh war, dass sie nicht von ihm verlangte den Umhang sofort abzulegen. Es würde schon schlimm genug werden, sich die Vorwürfe von Professor McGonagall anhören zu müssen, und er verspürte kein gesteigertes Verlangen danach, sich den Vorwürfen und Blicken aller Hochzeitsgäste auszusetzen. Außerdem war er hier nicht sicher, es wäre durchaus möglich, dass Spione des Dunklen Lords hier waren - er hatte es schließlich auch geschafft unbemerkt an den Auroren vorbei zu kommen.

Er und Anastasia entfernten sich weiter von dem großen Festzelt, und gingen um das Gemüsebeet herum, wo sie nur kurz darauf vom Zelt aus nicht mehr zu sehen waren und unbemerkt das Haus betraten.

Einen Augenblick darauf verschwanden auf der Wiese hinter dem Haus die Wände des Zeltes. Die Stuhlreihen, auf denen die Gäste gesessen hatten, erhoben sich in die Luft und schwebten dort einen Moment, während Arthur Weasley seinen Zauberstab ein weiteres Mal schwang. Das Zeltdach wurde nur noch von den vier goldenen Stangen gehalten, und diente nun als Pavillon. Als nächstes breitete sich, ausgehend von der Mitte des Zeltes, eine Masse aus geschmolzenem Gold aus, und formte eine Tanzfläche. Die schwebenden Stühle kehrten auf die Erde zurück, und arrangierten sich selbst in kleinen Gruppen um eine Vielzahl kleiner, weißer Tische, die aus dem Nichts erschienen waren.

Anastasia und Harry bekamen davon nichts mehr mit, sie waren bereits im Haus, wo Harry seinen Umhang vom Kopf zog. Der Vampir erblickte daraufhin einen jungen Mann, mit entschlossenen grünen Augen, aber auch einer Portion Zweifel im Gesicht, die er hinter seiner runden Brille zu versteckten versuchte. Sie hatte Recht gehabt, er war tatsächlich einen ganzen Kopf größer als sie, wenn nicht sogar etwas mehr, und trotz seiner schlanken Figur sah er kräftig und zäh aus. Auf diesem Jungen ruhten also die Hoffnungen der magischen Gesellschaft, und obwohl Anastasia ihn erst seit wenigen Minuten kannte, glaubte sie, dass das Schicksal damit einen klugen Schachzug gemacht hatte. Sie verschwand nach einem Augenblick wieder nach draußen, um sich auf die Suche nach Minerva zu machen, und ließ Harry allein mit seinen Gedanken in der Küche der Weasleys zurück.

tbc.