„Max!" Molly Weasley umarmte das Mädchen so herzhaft, dass Harry befürchtete, gleich würde er einen Knochen brechen hören. „Max! Oh, Liebes, es ist so schön, dich zu sehen!"
„Mom, lass sie mal Luft holen!", bat Ron.
„Ja, das ist nämlich lebenswichtig", fügte George hinzu. Aber kaum hatte seine Mutter sie losgelassen, drückte er sie so ruckartig an sich, dass sie stöhnte. „Oh Mann, Maxi! Dich so putzmunter zu sehen ist toll!"
„Danke, George. Und dass du mir vor Freude die Rippen eindrückst, ist furchtbar rührend!"
Auch Ginny und Oliver Wood umarmten Max zur Begrüßung, selbst Percy ließ es sich nicht nehmen und auch, wenn sich niemand etwas anmerken ließ, fühlten sie sich alle unwohl, als sie merkten, wie zerbrechlich sie aussah.
„Jetzt ist endlich alles vorbei!", sagte Molly und musste sich sogar eine Träne aus dem Augenwinkel wischen. Arthur legte ihr beide Hände auf die Schultern und lächelte. Die beiden hatten beim Kampf gegen Voldemort einen Sohn verloren – und dass es Max gut ging, war als hätten sie dem Schicksal doch noch einen Toten abgerungen. Es waren viel zu viele gestorben.
„Hier! Aber mach es erst später auf." Mit breitem Grinsen überreichte George Max ein in braunes Papier eingewickeltes Päckchen.
Sie sah ihn misstrauisch an. „Springt mir was ins Gesicht, werd' ich davon blau oder kommen mir Schmetterlinge aus den Ohren?"
„Was denkst du von mir?", fragte er gespielt empört.
„George", warnte seine Mutter, „wenn das..."
„Hey, es ist harmlos!"
Die Weasley und Oliver Wood blieben den Nachmittag über und Max ließ sich erzählen, wie es ihnen in den letzten Jahren ergangen war. Molly und Arthur waren zum ersten Mal Großeltern geworden, Bill und Fleur hatten eine kleine Tochter namens Victoire, Ginny hatte sich im vorigen Sommer mit Neville verlobt, Percy und Penelope wollten ebenfalls heiraten, sobald Percy befördert worden war...
Es waren so viele Neuigkeiten, dass Max der Kopf schwirrte. Und sie freute sich über alles Gute, was ihren Freunden widerfahren war – Leid hatten sie genug ertragen müssen.
Als Harry und Max wieder alleine waren, waren beide fast gleichermaßen erschöpft.
„Das war schön", meinte Max.
„Ja." Harry legte sich neben sie, damit sie ihren Kopf an seine Schulter lehnen konnte.
„Hast du dir das gewünscht?"
„Ja", sagte er. „Und du?"
Sie nickte.
„Wir haben es geschafft. Es ist schon so lange her – aber erst jetzt hab ich das Gefühl, dass wir Voldemort wirklich besiegt haben."
„Wie war es?", fragte sie leise.
„Als... Er wollte mich töten. Er hat mich mitgenommen, um mich zu töten. Aber er wollte es allen zeigen – meinen Tod vorführen, um zu zeigen, dass ich keine Macht habe. Und dann... Ich weiß nicht, er wurde schwächer. Er stand da und wartete, er drohte mir und dann... strauchelte er. Das muss gewesen sein, als du den Horcrux zerstört hattest. Ich hab's gemerkt – er war verwundbar.
Und ich... ich hatte das Gefühl, dass ich es schaffen kann. Ich war vollkommen fertig und im nächsten Moment hatte ich wieder Kraft. Er ließ seinen Zauberstab fallen und ich hab ihn mir gegriffen."
„Hattest du Angst?"
„Ja. Und du?"
„Ja." Sie schloss die Augen.
„Erinnerst du dich daran, was passiert ist?"
„Ich... Ich weiß nicht genau. Da war... Ich weiß es nicht."
„Ist auch nicht so wichtig", meinte er. „Das wird schon wieder."
„Da fällt mir ein: das Geschenk von George!"
Harry stand auf und hob es von der Fensterbank auf, um es Max zu geben. Interessiert wickelte sie es aus dem braunen Papier.
„Ein Feindglas", erkannte Max. „Wie... furchtbar originell." Es war nicht so, dass Mad Eye in seinem Haus drei Millionen davon hatte stehen gehabt. Nein, es waren eher fünf Millionen gewesen...
Heilig Abend. Der Vorabend der Hölle.
Wie eklig.
Weihnachten war ein Fest für die Familie – aber Alecto war NICHT bei ihrer Familie. Sie konnte keinen einzigen Menschen in diesem Haus leiden.
Und dann auch noch Max!
Dachte Tante Narzissa wirklich, sie wollte das Halbblut sehen? Dieses Mädchen war nicht Alectos Schwester. Und sie hatte ihr auch nur geholfen, weil Oktavian sie darum gebeten hatte. Weil es zu seinem Plan gehörte...
Als Draco und Hermine abends ins Krankenhaus gingen, blieb sie auf ihrem Zimmer und reagierte nicht, als Narzissa an ihre Tür klopfte. Erst Draco schaffte es, sie zu überzeugen, doch mitzukommen. Das hieß, als er meinte, sie würde vielleicht eine große Überraschung erleben, fiel ihr ein, dass sie vielleicht für ihren Bruder etwas ausspionieren konnte und sie gab vor, überzeugt zu sein.
Also machte sie sich auf ins Krankenhaus.
Harry kam gerade lächelnd aus Max' Krankenzimmer, als Hermine als Letzte durch das Kaminfeuer trat.
„Schön euch zu sehen." Er umarmte Hermine, schüttelte Draco und seiner Mutter die Hand und wandte sich dann mit noch breiterem Grinsen an Alecto.
Dass hier euch immer alle so Ekel erregend fröhlich sein mussten.
„Du solltest vielleicht erstmal alleine reingehen", meinte Hermine dann und schob das Mädchen Richtung Tür.
Klasse, was für ein Weihnachtsgeschenk, dachte Alecto genervt.
„Wir warten hier, Liebes", fügte ihre Tante Narzissa hinzu.
Also hatte Alecto ja keine andere Wahl, als dem Schlammblut – denn Max war kaum etwas Besser, in ihrer Verwandtschaft waren mehr Muggel als Magier! – alleine gegenüber zu treten. Allerdings bezweifelte sie, dass es bessere gewesen wäre, mitanzusehen, wie furchtbar glücklich alle waren...
Max saß aufrecht im Bett und schien auf sie gewartet zu haben. Sie lächelte kurz. „Hallo. Du musst Alecto sein."
Sie sagte nichts, sondern ließ sich nur trotzig auf der Fensterbank nieder. Die Stühle standen zu nah an dieser Person!
„Danke", sagte Max, die vom Verhalten ihrer jüngeren Halbschwester nicht sonderlich irritiert zu sein schien. „Ohne dich wär' ich nicht. Oder jedenfalls nicht wach. Danke."
Alecto zuckte mit den Schultern. Was sollte sie auch sagen.
„Harry hat mir erzählt von... Dass du bei Narzissa Malfoy lebst."
„Besser als bei nem durchgeknallten Auroren", murmelte Alecto vor sich hin.
Aber Max hatte sie sehr wohl gehört. Sie wusste, dass Snapes Tochter bestimmt nicht einfach sein würde – dass sie kompliziert war, hatte Harry ihr ja schon gesagt. Aber irgendetwas kam ihr an diesem Mädchen seltsam vor. Sie tat ihr leid – so verschlossen, so vereinsamt. So furchtbar wütend.
Doch die Geduldige zu spielen lag ihr nicht. Ja, wenn man von einem durchgeknallten Auroren aufgezogen wurde, lernte man bestimmte Lektionen im Umgang mit unzugänglichen Menschen.
„Na schön, ich schätze mal, der Punkt geht an dich", sagte sie schulterzuckend.
Alecto hob eine Augenbraue. Sollte das etwa witzig sein?
Mit diesem Gesichtsausdruck erinnerte sie Max an eine bestimmte Person: Snape.
Sie mochte ihre Zauberkräfte zur Zeit nicht mehr haben, aber ihr Instinkt war immer noch da. „Warum hast du's getan?"
„Was?"
„Warum hast du mir geholfen?" Sie musste diese Frage einfach stellen. Sie musste das alles verstehen... Und zwar so schnell wie möglich!
Alecto zuckte unmerklich zusammen. „Weil ich sehen wollte, ob... Ich wollte..."
„Was wolltest du?" Ja, sie war eine Snape! Sie hatte es getan, weil SIE etwas wollte. Und Max gefiel das ganz und gar nicht.
„Ich weiß es nicht."
„Du lügst."
„Kann sein." Alecto stand auf und ging aus dem Zimmer. Sie hielt das einfach nicht aus!
„Besuch", kündigte der Wachposten an, der für Snapes Trakt zuständig war.
Er erwartete keinen Besucht. Vielleicht war es Potter, mutmaßte er. Andere Leute kamen ihn nicht besuchen. Jedenfalls nicht, ohne sich vorher drei Jahre im Voraus anzukündigen.
Als er sah, wer ihn aufsuchte, blieb ihm für einen Moment das Herz stehen. Sie war blass und mager – ein Schatten ihrer selbst, würde man wohl sagen – und nichtsdestotrotz war sie es.
„Max?", fragte er erschrocken, als würde er einen Geist sehen.
Sie war in einen schwarzen Umhang gewickelt und zitterte, als würde sie frieren. Aber ihr Blick war fest. Sie nickte wortlos und trat näher an die Gitterstäbe seiner Zelle heran. Er machte ebenfalls ein paar Schritte auf sie zu. Wenn er es gewollt hätte, hätte er seine Hand ausstrecken und sie berühren können. Er wollte es nicht.
Sie sah ihn eine Weile an, ohne etwas zu sagen.
„Du bist also wieder wach?", meinte er dann kühl.
„Wie du siehst. Dank deiner Tochter", fügte sie hinzu. „Was hast du damals zu mir gesagt: Du hast drei Kinder – Oktavius, Aurelian und Alecto. Damit hattest du Recht. Sie sind wirklich alle drei deine Kinder." Und ich?, fragten ihre Augen für den Bruchteil einer Sekunde.
„Ich schätze mal, der kleine Potter ist außer sich vor Freude", sagte Snape bissig. Sie freuten sich wahrscheinlich alle: Granger, die Weasleys, Kingsley Shacklebolt...
„Harry hat erzählt, dass du ihm helfen wolltest", erklärte sie unbeirrt. „Zuerst tötest du mich nicht und dann versuchst du noch mich zu retten. Was willst du von mir?"
Er lachte auf. „Was ich von dir will? Du bist hierher gekommen, zu mir! Wie sonst auch immer." Und er hatte sie immer abgewiesen.
Sie ging nicht darauf an. „Was willst du von mir? Was hat dein Sohn mit mir gemacht?"
Er zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Das hab ich auch schon Potter gesagt. Es ist die Wahrheit."
Sie griff nach den Gitterstäben. Ihre Augen wirkten glasig, das fiel ihm jetzt erst auf. Sie flüsterte mit erstickter Stimme: „Was habt ihr mit mir gemacht? Ich habe meine Zauberkräfte verloren!"
„Was?" Überrascht hob er die Augenbrauen. „Max", sagte er aufrichtig, „ich habe keine Ahnung, welchen Zauber sie auf die angewandt haben. Und ich habe auch keine Ahnung, was Alecto tun konnte, um dir zu helfen."
„Und ich denke, du weißt auch nicht, warum sie es tat!"
Er erkannte, dass sie sich an den Gitterstäben festhalten musste, um nicht umzufallen. „Hat dich Potter in diesem Zustand hierher kommen lassen?"
Sie lächelte kurz. „Glaubst du, wenn ich etwas will, kann mich jemand aufhalten? Gerade du solltest mich besser kennen."
Ja, das sollte er. Das tat er auch. „Ich kann dir nicht helfen."
„So wie du meiner Mutter nicht helfen konntest", erwiderte sie.
Das machte ihn wütend. „Rede nicht über sie – du weißt gar nichts!"
„Ja, ich kannte sie nicht, weil sie deinetwegen gestorben ist! Unseretwegen. Aber weißt du was? Ich hatte mal eine nette kleine Unterhaltung mit Bellatrix Lestrange. Sie, Malfoy und Karkaroff haben sie getötet – nachdem DEINE Frau ihrem geliebten Bruder Lucius erzählt hat, wo er sie finden kann. Du wärst nie so unvorsichtig gewesen und hättest unabsichtlich irgendwie preisgegeben, wo sie ist. Du nicht! Wenn du wirklich gewollt hättest, wäre es nie so weit gekommen!"
„Ich habe deine Mutter geliebt, mehr als mein eigenes Leben!"
„Du kannst doch gar nicht lieben! Aber ich kann es – es grenzt an ein Wunder, aber ich kann es!"
„Wen liebst du denn? Potter, den Knilch? Oh, er ist wie sein Vater! Und du bist zu sehr wie ich. Du bist doch ein kluges Mädchen, rechne dir aus, wie lange das gut gehen kann!"
„Ich hab mir schon was anderes ausgerechnet", entgegnete Max. „Ihr habt irgendetwas mit mir vor. Ich hab euch gesehen – alle drei, dich und deine Söhne! Und ich weiß, ich lebe, weil ihr es wollt – weil es euch in irgendeiner Weise nützt. Ich traue euch nicht. Ich hab zu viel zu verlieren und deshalb will ich jetzt wissen, was ihr mit mir gemacht habt!" Ihre Stimme zitterte nun ebenso wie ihr Körper und ihre Knie gaben nach.
Er kniete sich ebenfalls auf den Boden, so dass ihre Augen auf derselben Höhe waren. Vorsichtig – als würde er sich oder ihr wehtun – legte er seine Hände auf ihre.
„Schau mich an: Ich weiß nicht, was meine Kinder vorhaben. Aber du hast Recht, sie sind gefährlich."
„Warum hast du mich nicht getötet?"
„Dasselbe könnte ich dich fragen." Ein spöttisches Lächeln umspielte seine Lippen. „Es war dumm, hierher zu kommen."
„Ich hab sie gestern gesehen, deine Tochter", sagte Max. „Sie ist... Sie wäre ich. Ich wäre wie sie, nicht wahr? So verschlossen, so... einsam. Wenn ich wirklich deine Tochter wäre, wäre ich wie sie. Aber Mad Eye hat mich davor gerettet. Weißt du das? Wusstest du es damals?" Sie weinte. Sie weinte tatsächlich! „Er hat mich geliebt. Oh bei Merlin, er hat die seltsamste Art, das zu zeigen, aber er hat mich wirklich geliebt. Er war mein Großvater – und jetzt ist tot! Ihr habt ihn umgebracht! Ihr habt meine Mutter getötet! Hört auf damit, verdammt!" Sie schluchzte so heftig, dass ihre nächsten Worte untergingen.
Sie war vollkommen entkräftet, das konnte er sagen. Auch wenn sie jetzt wieder wach war, aber gesund war sie noch lange nicht.
Die letzten Jahre hatten Potter und die anderen Zeit gehabt zu trauern, alles aufzuarbeiten und zu lernen weiterzumachen. Schritt für Schritt. Aber Max war aufgewacht und es war alles auf einen Schlag gekommen.
Sie schloss die Augen und sank in sich zusammen.
„Max?"
Sie antwortete nicht. Das hatte ihm gerade noch gefehlt!
„Mad Eye! Schau dir an, was ich gemacht hab! Mad Eye!"
„Ja, was denn?" Ständig hieß es: ‚Mad Eye, schau mal was ich kann! Sieh dir an, was ich gemacht hab!' Und fast immer war es nichts Erfreuliches, was sie getan hatte oder tun konnte...
So schnell sein Holzbein ihn trug begab er sich in den Garten, wohin er Max zum Spielen geschickt hatte, weil sie im Haus zu laut gewesen war.
Zuerst sah er sie nicht. Weit und breit keine Spur von ihr.
„MAD EYE!" Der siebenjährige Schreihals saß oben, in einer Birkenkrone und grinste ihm zu. „Ich bin hochgeklettert! Ganz ohne Zauberei!", rief sie vergnügt.
„Du kommst da sofort runter!", brüllte er. Das durfte doch nicht wahr sein! „Willst du dir den Hals brechen oder was?"
Das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht und sie sah enttäuscht aus. „Aber... Du hast doch zu mir gesagt, ich soll lernen, manche Sachen auch mal so zu machen."
Ja, das hatte er wirklich. Aber nur, weil es definitiv nicht normal war, dass ein Kind in ihrem Alter Magie so präzise anwenden konnte – und in so exzessivem Maß. Das könnte den Leuten auffallen. Und das wollte er nicht. Er dachte, wenn er es ihr verbieten würde, würden sich ihre Fähigkeiten zurückbilden. Natürlich würde sie es nie ganz verlieren – Was die angeboren, das geht nimmermehr verloren, lautete ein altes Sprichwort. Aber verkümmern. Das würde schon helfen.
Zaubern würde sie in Hogwarts noch früh genug lernen!
Er konnte nicht anders: Manchmal war sie ihm unheimlich. Was er für sie empfand, das war nicht normal. Natürlich liebte er sie, sie war seine Enkeltochter. Und gleichzeitig hatte er Angst vor ihr. Nicht vor dem, was sie war, aber vor dem, was sie werden könnte.
Ihr Vater.
Manchmal dachte er, es wäre besser, wenn er sie nicht aufgenommen hätte. Wenn er sie einfach ihrem Schicksal überlassen hätte...
Trotzig stieg Max vom Baum.
„Und wie siehst du aus? Deine Hose hat schon wieder ein Loch! Geh und zieh dich um, damit ich dich zu Mrs. Filch bringen kann!"
Sie ließ die Schultern hängen. „Kommst du mit?"
„Ich hab wichtige Dinge zu erledigen!"
Also trottete sie ins Haus und er folgte ihr. „Und noch was, Missy", raunzte er sie an, „du kletterst hier auf keine Bäume mehr! Verstanden?
Sie nickte.
Ein Muggelkrankenhaus! Was in aller Welt sollte seine Enkeltochter in einem Muggelkrankenhaus?
Kannten Muggel sich überhaupt mit Krankheiten und Verletzungen aus!
Das Schlimmste war, dass er nicht sofort zu ihr konnte. Zuvor musste er sich in den Anzug von Agatha Filchs verstorbenem Mann zwängen (der um einiges schlanker gewesen war als Mad Eye), damit er nicht auffiel. Das war ihm höchst zuwider.
„Es tut mir leid, Alastor", betonte Mrs. Filch immer wieder. „Ich... Ich hatte ja keine Chance, jemandem so schnell Bescheid zu sagen. Bevor ich überhaupt wusste, was passiert ist, hatten ein paar Nachbarn schon den Krankenwagen gerufen... Und ich hatte keine andere Möglichkeit..."
Er hörte gar nicht richtig hin. Das durfte alles nicht wahr sein!
Da lief er, der beste Auror seiner Generation, durch die Gänge eines Muggelkrankenhauses und war vollkommen machtlos.
Einer der Muggel, die eine Art seltsamen, weißen Umhang trugen, trat auf ihn zu. „Sind Sie Mr. Moody?"
„Ja, ich bin Max' Großvater." Es war seltsam mit diesem Muggel zu reden. Es war immer seltsam, mit Muggeln zu reden. Man musste gut aufpassen, was man sagte. Er hatte so lange nur unter Zauberern gelebt, dass er sich im Umgang mit Muggeln schon wie sie fühlte, obwohl keiner seiner Verwandten ein Zaubrer war.
„Ihre Enkeltochter ist aus ziemlich großer Höhe gestürzt. Es sieht nicht besonders gut aus. Sie hat sich das Becken gebrochen sowie beide Arme."
Gebrochene Knochen waren nicht schlimm. In St. Mungo's konnte man das mit einem Zaubertrank in Sekundenschnelle wieder in Ordnung bringen. Er musste Max nur hier rausschaffen...
„Kann ich zu ihr?" Er hatte vor, sich die Kleine zu schnappen und wegzubringen, damit ihr jemand richtig helfen konnte.
Allerdings ging sein Plan doch nicht so einfach auf. Max trug Gipsverbände um beide Arme und konnte sich nicht bewegen. Sie sah so furchtbar blass aus, dass Mad Eye erschrak.
„Mein Onkel Kingsley sagt, dass man Knochen mit Osmotium ganz schnell heilen kann", erklärte sie einer Krankenschwester, sie dazu nur mild lächelte und hinausging.
„Hast du sie noch alle?", fuhr Mad Eye auf sie ein, als er mit ihr alleine war. „Ich hab dir doch gesagt, du sollst nicht auf Bäume klettern!"
„Du hast gesagt, ich soll „hier" – also zu Hause – auf keine Bäume klettern. Ich war im Park bei Mrs. Filchs Haus", verteidigte sich Max, aber klang dabei nicht trotzig wie sonst, sondern verzweifelt. „Mad Eye", begann sie zu weinen, „es tut so weh! Ich kann mich nicht bewegen. Mach, dass es aufhört!"
Und da konnte er nicht mehr böse auf sie sein. Er konnte sich auch nicht vorstellen, sie jemals im Stich zu lassen – oder sie gar nicht erst bei sich aufgenommen zu haben. Es war, als würde er jetzt erst entdecken, dass sie ihn wirklich brauchte. Dass sie ein Kind war wie jedes andere auch!
Er setzte sich zu ihr und strich ihr die Haare aus der Stirn. „Es wird ja alles wieder gut, Maxie. Ich bring dich in ein richtiges Krankenhaus!"
„Es tut überall weh!"
„Ja, ist ja gut!" Aber als er sie aus dem Bett heben wollte, schrie sie vor Schmerzen. Es ging nicht, er konnte sie nicht wegbringen. Nicht einfach so. „Ich geh und hol dir einen Trank, einverstanden?"
„Nein, du sollst da bleiben!", bettelte sie. „Das ist nur passiert, weil du nicht da warst!"
Das durfte doch nicht wahr sein! Er war ein Zauberer, ein Auror, hatte es mit so viele Todessern aufgenommen... hatte halb Askaban mit diesem Pack gefüllt! Und nun konnte er gar nichts tun?!
„Ist ja gut, Maxie", murmelte er. „Ich bleib da. Ich versprech's dir." Er konnte sie nicht alleine lassen. Und schon gar nicht bei diesen unfähigen Muggeln! Dann musste Mrs. Filch eben jemandem Bescheid sagen, der den richtigen Zaubertrank holen konnte...
Muggel waren einfach rückständig! Von wegen „sechs Wochen Gips" oder was auch immer das sein sollte. Osmotium und in weniger als sechs Sekunden waren Max' Knochen wieder heil, so dass sie an diesem Abend wieder gesund und vollkommen von den Schmerzen befreit in ihrem Bett zu Hause liegen konnte.
Mad Eye saß bei ihr und sah ihr beim Schlafen zu. Als sie ein Baby gewesen war, hatte er das oft getan – damals, als er kurz nach Ende des Krieges nicht sehr gut schlafen konnte, hatte er seine Nächte damit zugebracht.
Und nun tat er es wieder. Er stellte sich vor, was wäre, wenn er Max nicht hätte und stellte dabei überrascht fest, dass er es sich gar nicht vorstellen KONNTE.
Sie gehörte zu ihm, voll und ganz. Einmal hatte sie ihn gefragt, warum er so viele Narben hatte. Was war mit seinem Auge und mit seinem Bein passiert?
„Das waren die Todesser!"
„Ich mag keine Todesser, sie tun dir weh! Sie sind gemein und böse!"
Oder die Frage, was er als Kind so gemacht hatte.
„Ich hab bei den Muggeln gelebt."
„Warum?"
„Weil meine Eltern welche waren. Ich wusste nicht, dass ich ein Zauberer bin, bis ich meinen Bief aus Hogwarts bekam."
„Du hast so richtig bei Muggeln gelebt? Bei dir ist es wie bei Mrs. Filch – nur umgedreht. Das ist lustig. Mrs. Filch lebt echt cool!" Sie war ganz versessen auf Mrs. Filch und den Muggelkram. Sie liebte die alte Frau über alle Maßen und umgekehrt war es auch so.
Im Schlaf murmelte sie etwas vor sich hin und Mad Eye musste unwillkürlich lächeln.
Wenn Snape eines Tages hier auftauchen würde, dann wusste er, was er sagen musste: Siehst du das, dieses unschuldige Kind, das nie jemandem etwas zuleide tun könnte? Das Kind, das Todesser verachtet, stolz auf die Muggelgeborenen ist, von denen sie abstammt und Squibs vergötterte – das ist nicht deine Tochter!
Und vor allem: Dieses Kind, das liebt und anderen vertraut. Das mit vertraut, dass ich ihr alle Schmerzen nehme und sie immer beschütze. Sie glaubt, dass ich alles Böse von ihr fernhalten kann – und das werde ich auch, solange ich lebe!
