Kapitel 9: Ohne mich wäre alles besser

Voller Panik, Angst und Wut fuhr Kit am späten Nachmittag nach Hause. Er konnte nicht glauben was nur wenige Augenblicke zuvor passiert war. Wie konnte Lana das nur seiner Familie antun? War sie wirklich so kalt geworden? Noch mehr quälte Kit die Frage wie Lana überhaupt von Jude erfahren konnte. Hatte sie ihm nachspioniert? Er hoffte und betete inständig, dass Jude den Artikel noch nicht gesehen hatte und er es ihr so schonend wie möglich beibringen konnte. Jude hatte in den letzten Jahren so viel durchgemacht, er wollte sie nicht leiden sehen. Die ganze verdammte Stadt hatte den Artikel gelesen und Kit wusste nicht, wie er noch mit seiner Familie das Haus verlassen sollte. Wieder dachte er an das Gespräch mit seinen vermeintlichen Freunden vor weniger als einer halben Stunde.

Hey Walker, musst du nach Hause? Pass auf das du nicht zu spät kommst, sonst wartet dein Frauchen schon mit dem Rohrstock." Rief lauthals lachend ein Mann, den Kit für seinen Freund hielt. Noch immer hörte er das schallende Gelächter der anderen Männer. Zu diesem Zeitpunkt wusste er noch nicht, was diese dumme Anspielung sollte, doch die Kommentare wurden immer deutlicher „Sag mal Walker, musst du sie im Bett mit Schwester ansprechen?". Schwester? Woher wussten diese Männer so genau Bescheid? Mit fragenden Blick, sah Kit zu den anderen Männern die immer noch lachten. Einer trat aus der Menge und gab Kit die Zeitung, wobei er ihm auf die Schulter klopfte und weiter lachte. Kopfschüttelnd blickte Kit auf die Titelseite der Anderson Post und konnte es nicht glauben. Auf dem Titelblatt von dieser Klatschzeitung war ein großes Foto von Jude gedruckt und die Worte über ihrem Bild sprachen Bände. Mit blassen und fassungslosen Gesicht lass Kit den Artikel und hatte das Gefühl erbrechen zu müssen. Er musste nach Hause, er musste sofort zu seiner Familie. Er schenkte den Männern keinerlei Beachtung mehr und rannte zu seinem Wagen.

Endlich kam Kit Zuhause an und rannte sofort in sein Haus in der Hoffnung Jude und seine Kinder wie immer fröhlich beim spielen zu finden. Doch als er das Haus betrat, herrschte eine Totenstille. Im Wohnzimmer brannte zwar das Licht aber es war niemand zu sehen. Nervös fuhr Kit mit seiner Hand durch seine Haare und sah sich um, auf dem Tisch entdeckte er eine geöffnete Flasche Rotwein und er wusste nun, dass Jude bereits Bescheid wusste.

„Jude? Jude? Wo bist du? Thomas? Julia?" rief Kit, doch er erhielt keine Antwort, dann sah er das die Tür zum Garten offen war und er eilte nach draußen. Ein leises Seufzen der Erleichterung entkam ihm, als er Jude auf der kleinen Terrasse sitzen sah. Sie hielt ein Glas Wein in der Hand und starrte regungslos in den Garten. Seit er Jude aus Briarcliff geholt hatte, hatte sie einen Tropfen Alkohol mehr getrunken. Er verfluchte Lana und ging langsam auf Jude zu, die sich noch immer nicht bewegte. Er kniete sich neben Jude hin und sah ihre roten und geschwollenen Augen. Vorsichtig nahm er ihre eiskalte Hand in seine.

„Judy, lass uns reingehen bitte, du bist eiskalt." seine Stimme war ruhig und liebevoll. Es brach ihm das Herz die Frau die er liebte so zu sehen „Wo sind Thomas und Julia?"

Jude schluckte schwer, sie fühlte sich kaum in der Lage zu sprechen und sie wagte es nicht Kit anzusehen. Sie schniefte und trank noch einen Schluck Wein „Ich…ich habe sie zu Amanda gebracht. Ich dachte da sind die beiden heute besser aufgehoben. Vielleicht….sind die beiden überall besser aufgehoben." Weitere Tränen liefen Jude über ihre Wangen und sie kämpfte immer noch hart damit, die Fassung zu bewahren.

Kit seufzte, er wusste Jude würde sich Vorwürfe machen.

„Judy komm, lass uns reingehen und über alles reden."

„Reden? Über was willst du noch reden Kit? Du….du hast doch selbst gelesen was in der Zeitung steht." Sie zeigte mit zitternden Finger auf die Zeitung in Kits Hand und blickte ihn dann das erste Mal an. In ihren Augen spielgelte sich die blanke Verzweiflung und Angst.

Kit nahm ihr das Glas Wein aus der Hand und stellte er neben den Stuhl ab, sanft nahm er ihre zitternden Hände in seine und zog sie zu sich hoch. Er spürte sofort wie sie mit dem Gleichgewicht kämpfte und stützte sie beim laufen. Er verfluchte Lana mit jeder Minute die verging mehr. War ihr überhaupt bewusst was sie getan hatte? Beide nahmen Platz auf der Couch und Kit legte seine Arme um Jude.

„Jude, wie lange hast du da draußen in der Kälte gesessen?" fragte er als er sanft ihre Arme rieb um sie ein wenige aufzuwärmen.

Jude aber ignorierte die Frage und schüttelte leicht den Kopf „Ich bin nicht gut für euch Kit! Weder für dich noch für die Kinder." Ihre Stimme war leise und gebrochen und dennoch verstand Kit jedes Wort.

Er schloss für einen Moment die Augen und atmete tief durch „Sag das nicht Judy." Er zog sie dichter zu sich heran und küsste liebevoll ihre Stirn „Die Kinder lieben dich….ich liebe dich. Dieser Artikel ist nicht als Schund und Lüge."

Jude löste sich aus Kits Umarmung und rutschte weg von ihm. Sie schrie ihn fast an und dennoch klang ihre Stimme so verletzlich wie zuvor.

„Nein, das ist er eben nicht! So vieles was dort über mich steht ist wahr. Ich habe so viele Dinge getan auf die ich nicht stolz bin und ich will nicht, dass die Menschen die ich liebe darunter leiden müssen. Du bist in diesem Artikel der arme liebe Kerl, der von einer verrückten herrschsüchtigen Frau beeinflusst wird. Aber ich….ich bin das Monster. Solange ich hier bin, werden Thomas und Julia niemals eine normale Kindheit haben, verstehst du das nicht? Du bist nicht das Problem sondern ich und das wissen die Leute. Vielleicht…..vielleicht sollte ich einfach….."

Noch bevor Jude zu Ende sprechen konnte, fiel ihr Kit ins Wort.

„Nein Judy, stop! Schluss damit! Hörst du? Ich will das nicht mehr hören. Du bist nicht das Problem, hast du mich verstanden? Das Problem ist Lana und der Dreck den sie geschrieben hat. Dieser Artikel ist voll von Lügen und Verleugnungen."

Ein freudloses Lachen entkam Jude, als sie sich die Tränen aus den Augen wischte „Aber das weiß niemand Kit. Niemand wird das glauben. Du warst nicht dabei, als diese Furien ihre Kinder von Thomas und Julia wegzogen. Es war….es war einfach so grausam. Wieso müssen die beiden für meine Sünden bezahlen? Ich kann damit nicht leben Kit, dafür liebe ich die beiden zu sehr."

Kit spürte einen Stich in der Brust als er an die schockierten und traurigen Gesichter seiner Kinder dachte. Vielleicht hatte Jude recht, hier würden sie kein normales Leben führen können.

„Dann lass uns von hier verschwinden und ein neues Leben anfangen. Wir verkaufen das Haus und ziehen woanders hin." Es war Kit ernst damit, er würde alles auf dieser Welt aufgeben aber niemals seine Familie.

„Das kann ich nicht von dir verlangen Kit. Das ist dein Zuhause, hier auf diesem Grundstück hast du Alma und Grace begraben, hier liegen alle Erinnerungen die Julia und Thomas noch an ihre Mütter haben."

Kit wurde nun auch zunehmend verzweifelter, denn er wusste das Jude Recht hatte. Aber was sollte er sonst tun? Jude einfach gehen lassen? Die Frau die er liebt verlieren und das nur wegen den Lügen einer Ehrgeizigen Reporterin. Seinen Kindern die Mutter nehmen?

„Dann sag mir was wir tun sollen Jude! Sag es mir." Schrie Kit sie an, er hasste es zu schreien aber in diesem Moment war die Angst Jude zu verlieren und vollkommen machtlos zu sein so groß.

Jude vergrub ihr Gesicht in ihren Händen und schüttelte heftig den Kopf unter Tränen schrie sie „Ich weiß es nicht! Ich weiß es nicht! Ich…ich weiß es nicht!"

Kit der nun selbst Tränen in den Augen hatte, zog seine weinende Freundin zu sich und hielt sie so fest er nur konnte. In diesen Moment wusste weder Kit noch Jude wie es weiter gehen sollte aber eines war sicher. Sie brauchten einander jetzt mehr als jemals zuvor. Es verging einige Zeit, bis Jude sich etwas beruhigt hatte und ihr Körper sich langsam in seinen Armen entspannte. Sanft küsste er ihre Stirn und flüsterte ihr leise ins Ohr.

„Lass uns schlafen gehen, wir werden morgen überlegen was wir jetzt tun."

Jude hatte das Gefühl, jegliche Kraft hatte ihren Körper verlassen und so nickte sie nur kurz und ließ sich von Kit in ihr Schlafzimmer bringen.