Kapitel 10: Evra Von
Gillian stürzte die Steinstufen nach oben und riß den Deckel des Sarges, der den Eingang verbarg auf. Hastig kletterte sie aus dem Sarg und überprüfte das Zelt.
Darren war nicht hier.
Wutentbrannt stürmte sie nach draußen und über den Campingplatz des Cirque du Freak zum Zelt von Evra Von, wo sie den Assistenten des Vampirs vermutete.
Zu ihrem eigenen Schrecken und der Enttäuschung, dass sich der Junge den Anweisungen,
im Geheimversteck zu bleiben, widersetzt hatte, mischte sich die Wut des Meisters, die in ihren Adern pulsierte. Larten Crepsley war zornig genug auf sie, Gillian, und er würde es noch mehr werden, wenn er erfuhr, dass der Junge abgehauen war.
Oder wusste er es schon?
Gillian war sich der Verbindung zu ihrem Meister mehr als bewusst, denn sie spürte das Blut des Vampirs zornig in sich pulsieren.
Die Sonne blendete sie, als sie an den Wohnwagen vorbei stürmte, und ein roter Schleier legte sich über ihre Augen. Ein paar Darsteller des Cirque sprangen erschrocken beiseite, und starrten ihr hinterher, als Kristina Teeth von ihr rücksichtslos zu Boden gestoßen wurde, da sie nicht rechtzeitig den Weg freigegeben hatte.
Gillian schlug die Plane, die den Eingang des Zeltes von Evra Von bedeckte, beiseite und stürmte in die Ecke wo Darrens Hängematte sich befand.
Die Hängematte war leer.
Zornig riß Gillian den Schlafsack herunter und schleuderte ihn quer durchs Zelt, so dass die Becken des Schlagzeugs scheppernd zu Boden gerissen wurden.
Evra, der mit seiner Gitarre auf seinem Bett saß, ließ vor Schreck sein Notizheft mit Liedertexten an denen er gerade feilte, fallen, und starrte sie mit offenem Mund an.
„Gillian? Was…?"
„Wo ist er!?", fuhr Gillian ihn an.
„Wer? Darren? Ich weiß nicht, nicht hier. Was ist denn…?" Evra, dem es nicht möglich war unter seiner grünen Schlangenhaut zu erbleichen, verstummte, denn Gillian sah fuchsteufelswild aus.
Normalerweise war ja schon nicht mit ihr zu spaßen. Jetzt aber sah sie außer sich aus, und ihre vampirische Seite trat deutlicher hervor, denn je. Ihre Augen hatten einen roten Glanz, ihre Haut war porzellanweiß, und auf ihrer Stirn und an ihren Händen, die sie zu zornigen Fäusten ballte, traten Adern bläulich hervor.
Gillian schoß vorwärts auf ihn zu, und Evra stieß vor Schreck einen spitzen Schrei aus, und kauerte sich in die Ecke seines Bettes, seine Gitarre als Schutzschild vor sich.
Gillians Gesicht war dicht über seinem, und sie bleckte die Zähne.
Noch nie hatte er sie so gesehen: In ihrem sonst so hübsches Gesicht funkelten schwarze Augen und zwischen ihren schönen Lippen blitzten spitze Zähne.
Evra hielt den Atem an.
Das war nicht Gillian.
Das war Gillian, der Vampir, und sie hatte sich nicht unter Kontrolle. Erkannte sie ihn überhaupt? Würde sie sich jetzt auf ihn stürzen und sein Blut trinken?
Evra hatte davon geträumt, der schönen Studentin des Vampirs einmal nah sein zu dürfen, aber so hatte er es sich nicht vorgestellt.
Viele hatten Angst vor dem Vampir und seiner Dienerin, tuschelten hinter vorgehaltener Hand darüber, dass sie strenggenommen keine Freaks seien, und im Circus nichts zu suchen hätten. Sie hielten sie für unkontrollierbar und für eine Bedrohung.
Evra hatte auf dieses Gerede nichts gegeben, er fand den Vampir weniger bedrohlich als den Wolfsmenschen oder Madam Octa. Er hatte Larten Crepsley immer als vernünftigen und sehr kontrollierten Menschen erlebt.
Und normalerweise stand ihm seine Studentin in nichts nach.
Dennoch war sie nur eine Halbvampirin, deren Kräfte noch nicht ganz erwacht und deren Blutdurst noch nicht ganz unter Kontrolle war.
Und nun schien sie eine echte Gefahr zu sein.
Hinter Gillian erhob sich Evras Schlange zischend vom Boden und fauchte die Halbvampirin bedrohlich an.
Gillian drehte den Kopf und sah zu der meterlangen und armesdicken Python.
Gerade als Evra seine Muskeln anspannte, um zu versuchen, mit einem Hechtsprung vom Bett zu entkommen, wich Gillian zurück, so dass genügend Abstand zwischen ihr und der Schlange war.
Der rote Schleier vor ihren Augen lichtete sich und sie konnte wieder klarer denken.
Beherrsch dich, Gillian, Evra hat nichts damit zu tun.
Sie atmete tief ein, legte die Stirn in Falten und blickte nachdenklich auf den Schlangenjungen, der sie furchtsam hinter seiner Gitarre hervor anstarrte.
„Mach dich nicht lächerlich, Evra, ich tue dir nichts", sagte sie so ruhig wie möglich.
Die Python zischte.
Gillian war erschrocken über sich selbst.
Hatte sie sich gerade auf den Schlangenjungen stürzen wollen?
Er roch noch nicht einmal gut, sein Blut war wie das eines Tieres.
Außerdem war sie nicht hungrig, kein bisschen, im Gegenteil das Vampirblut ihres Meisters erfüllte sie, und sie fühlte sich so satt und stark und voller Energie wie schon lange nicht mehr.
Trotzdem…fast hätte sie sich eben auf ihn gestürzt um…ja, um was?
Ihn zu töten?
Die Phyton fauchte bedrohlich und richtete sich weiter zu voller Größe auf.
Gillian wurde klar, wie viel Angst Evra vor ihr hatte in diesem Moment und sie schämte sich.
„Evra… es…es tut mir leid."
Die ganze Wut und Energie, die sich in ihr aufgestaut hatte, zog sich aus ihrem Kopf zurück, und wurde zu einem harten Klumpen in ihrem Bauch.
Ihre Knie wurden schwach, und sie setzte sich auf die Bettkante, so dass ihr Gesicht vor Evra verborgen war.
Das war besser so, denn sie hatte das Gefühl, sie könnte jeden Moment in Tränen ausbrechen.
Evra rutschte vorsichtig an ihr vorbei vom Bett, die Gitarre noch immer als Schild zwischen sich und der Halbvampirin.
Doch als er sah, dass sie sich augenscheinlich beruhigt hatte, legte er die Gitarre ab, und ging zu seiner Python. Er hob die Hände und summte leise, um sie zu beschwichtigen, und die Phyton senkte langsam den Kopf, gab ihre bedrohliche Haltung auf, und ließ es zu, dass Evra sie hochhob und in ihre Kiste legte.
Er klappte den Deckel sachte zu, atmete aus, und sah zu der Halbvampirin herüber, die auf seinem Bett saß.
Sie sah so einsam und verloren aus.
Evra machte ein paar vorsichtige Schritte auf sie zu, und setzte sich dann neben sie.
„Du hast mir einen gehörigen Schrecken eingejagt."
Gillian sah zu ihm auf. Glänzten da Tränen ?
Evra lächelte schief.
Gillian sah Evra zum ersten Mal richtig in die Augen.
Eben noch hatte sie sich auf ihn stürzen, und ihm die Kehle aufreißen wollen. Evra war nicht dumm, er hatte gespürt, wie gefährlich sie gewesen war.
Die Reaktion seiner Phyton sagte alles.
Doch nun saß er hier neben ihr auf der Bettkante, versuchte seine Angst zu verbergen und sie aufzumuntern.
Ein Welle der Dankbarkeit schwappte über sie.
Sie hatte Evra nie ernst genommen.
Er war nur einer der Freaks aus dem Circus, weder der Abgefahrenste noch der Begabteste. Zugegebenermaßen war er auch nicht unbedingt der hässlichste, aber mit seiner grünen Schlangenhaut, war Evra auch nicht unbedingt eine Schönheit.
Sie wusste, dass er ein wenig für sie schwärmte, und dass hatte ihr als Grund ausgereicht, ihn zu meiden.
Doch jetzt war sie ihm sehr dankbar, dass er sie nicht mied, ja, dass er keine Angst zeigte. Er vertraute ihr, in einem Moment, wo sie sich selbst nicht vertraute.
Sie war weder hungrig, noch in Gefahr.
Und doch hätte sie sich eben fast auf Evra gestürzt.
Lag das an dem Vampirblut, dass in ihrem Körper pulsierte?
Sie hatte sich nicht unter Kontrolle gehabt.
Würde es als Vampir immer so sein?
War da immer die Gefahr, dass sich dieser rote Schleier vor ihre Augen legte, der sie nicht Freund von Feind unterscheiden ließ?
War es für Larten immer so?
Plötzlich bewunderte sie die kühle Diszipliniertheit, die ihr Meister immer an den Tag legte. Sie hatte noch nie miterlebt, dass er die Kontrolle verlor, obwohl es schon Momente gegeben hatte, in denen er sehr zornig gewesen war.
Auch jetzt war er zornig, zornig auf sie, das spürte sie noch immer.
Und dennoch hatte er sich beherrscht, als sie im Sarg bei ihm gelegen hatte.
Gillian, du musst lernen, dich zu beherrschen.
„Hey…", sagte Evra „Bitte, weine nicht."
Weinen? Nein, Evra hatte Recht. Larten hatte Recht. Sie durfte nicht weinen.
Sie durfte sich nicht von Wut überrennen lassen.
Sie durfte nicht die Kontrolle über sich verlieren.
Gillian sah Evra geradewegs in die Augen.
Sie waren nicht menschlich, er hatte die geschlitzten Pupillen eines Reptils und seine Iris hatte eine gelbliche Färbung. Sie fragte sich, wie Evra durch diese Augen die Welt wahrnahm.
„Ich werde nicht weinen", sagte Gillian fest.
„Ich war nur einen Moment…sehr wütend."
Sie überlegte, ob sie sich noch einmal entschuldigen sollte, stattdessen aber bat sie ihn: "Sag, Mr Creplsey nichts davon. Es wird nie wieder vorkommen, das schwöre ich."
„Schon gut…", murmelte Evra verlegen, und sah weg, er konnte ihrem eindringlichen Blick nicht länger standhalten.
„Evra. Ich muß wissen, wo Darren ist."
„Ich dachte, er wäre bei euch. Soll ich mich im Lager umsehen?", bot er eifrig seine Hilfe an.
„Nein…", murmelte Gillian nachdenklich. "Er ist nicht im Lager. Wo könnte er hingegangen sein?"
„Ich weiß nicht. Hattet ihr Streit? Ich meine… wenn er weg ist…vielleicht ist er zurück nach hause…"
„Nach hause?"
„Hmm, ja wäre möglich. Er hat davon gesprochen, wie sehr er seine Eltern vermisst, und dass er gerne einmal nach ihnen sehen würde. Ich meine, er weiß, dass er sich ihnen nicht zeigen darf, weil sie glauben, er sei tot und so, aber er meinte, es würde ihm schon genügen, nur mal durchs Fenster zu sehen, ob es ihnen gut geht….He, wo willst du hin?"
Gillian war aufgesprungen und eilte hinaus.
Am Eingang blieb sie noch einmal stehen, und warf einen Blick zurück.
„Danke, Evra!", dann verschwand sie.
In Evras Magen hüpfte es.
Zum allerersten Mal hatte Gillian ihn angelächelt.
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