Kapitel 10: Normal?

Harry stand still, kaum atmend, als Snape seinen verwundeten Arm betrachtete. Snapes Miene war regungslos, doch dass jemand anders seine Verletzungen sah, gab Harry ein schreckliches Gefühl.

Oh mein Gott, ich bin ein solcher Freak! Wie konnte ich je denken, ich sei normal? Wie konnte ich denken DIES wäre normal? Ich BIN wirklich verrückt."

Er hatte sich nie als Freak gefühlt, während er es getan hatte ... er war zu beschäftigt, an andere Dinge zu denken. Und danach tat er gewöhnlich die normalsten Dinge der Welt und was er allein in seinem Schlafzimmer tat, hatte nichts mit seinem wirklichen Leben zu tun. Es war etwas, dass er verdeckt machte, wenn er allein war – niemand wusste davon, also war es auch nur halb in seinem Kopf. In der Tat war er jedes Mal, wenn er seinen Ärmel zurückrollte so fasziniert von den Schnitten, weil ein kleiner Teil von ihm nicht damit rechnete, dass sie da waren, wenn er nachsah.

Harry versuchte seinem Professor den Arm zu entwinden, doch Snape griff weiterhin fest zu.

„Lassen Sie los", schnappte Harry, „Sie tun mir weh!"

Harry erwartete einen sarkastischen Kommentar, etwas wie „und das würden Sie sicher nicht wollen, oder Potter". Snape fuhr fort nichts zu sagen und festigte seinen Griff nur ein wenig. Erst nachdem Harry aufhörte sich zu sträuben, ließ Snape seinen Arm langsam los. Er wandte Harry seinen Rücken zu.

„Nun", sagte er endlich, etwas Sonderbares in seiner Stimme, „kommen Sie Mr. Potter." Snape schritt zur Tür.

„Was? Wo gehen wir hin?", fragte Harry misstrauisch.

„Wir werden mit Professor McGonagall über die Male an Ihren Armen reden und dann werden wir zusehen, dass Madame Pomfrey sie heilen kann."

„Was!" Harry blieb wie angewurzelt stehen. „Haben Sie etwa vor, dem gesamten Hogwarts Personal davon zu berichten? Wenn Professor McGonagall das herausfindet, dann bin ich tot, ich bin einfach tot ..."

Snape wandte sich um und warf Harry einen seltsamen Blick zu.

„Es ... es ist nur eine Redewendung", sagte Harry, der den Blick kannte, „jeder sagt es. Das bedeutet überhaupt nichts."

„Sicher", sagte Snape kurz. „Professor McGonagall ist Ihre Hauslehrerin, Mr. Potter. Wenn ein Lehrer herausfindet, dass ein Schüler ein persönliches Problem hat, wird dieses Problem an den Hauslehrer weitergetragen."

„Oh, kommen Sie, glauben Sie, das hilft mir?", fragte Harry. „Können Sie sich vorstellen, dass McGonagall verständnisvoll ist oder ... oder in der Lage mir zu helfen? Nicht dass ich Professor McGonagall nicht mag, aber sie ... ich will nicht, dass sie es weiß."

Snape erwiderte nichts.

„Hören Sie Sir", sagte Harry, während er versuchte seinen Ärmel zuzuknöpfen und bemerkte, dass Snape den Knopf abgerissen hatte. „Warum vergessen Sie nicht einfach, was Sie gesehen haben? Sicherlich kümmert es Sie nicht ob ich ein paar kleine Schnitte an meinen Armen mache?"

Plötzlich schien Snape sehr wütend zu werden. „Ich habe nicht meine ganze Zeit darauf verwendet nach Ihnen zu sehen, sicherzustellen, dass Ihre Dummheit Sie nicht umbringt, nur damit Sie die falsche Vene treffen – entweder zufällig oder absichtlich – und verbluten, Potter!"

„Das werde ich nicht tun! Ich habe es unter Kontrolle!"

„Haben Sie?", fauchte Snape und griff nach Harrys Arm. „Was ist mit diesem Schnitt?", er berührte einen langen Riss auf Harrys Handgelenk, „gefährlich nahe an Ihrer Ader im Handgelenk, meinen Sie nicht?"

„Vielleicht. Ich habe nicht nachgedacht, okay."

„Wirklich? Klingt nicht nach 'unter Kontrolle haben' in meinen Ohren."

Harry schauderte es. „Vielleicht", gab er zu, „aber, guter Gott, ich kann nicht an ihre Gesichter denken, wenn sie es herausfinden. Das Mitleid, das Entsetzen. Leute, die sich um mich sorgen denken, ich sei verrückt."

„Professor McGonagall ist seit dreißig Jahren Hauslehrerin. Ich bin sicher, sie hatte schon vorher mit solchen Dingen zu tun."

„In Gryffindor? Nicht sehr wahrscheinlich."

„Auch Gryffindors können Probleme haben. Wie Sie gerade demonstrieren."

„Ich wette, auch Sie haben schon mit so etwas zu tun gehabt, huh?", fragte Harry ruhig, zögernd. „Sie sind auch Hauslehrer."

„Vielleicht", sagte Snape ausweichend.

„Und ich wette, Sie haben viele Heiltränke herumliegen."

„Mr. Potter, wollen Sie ernsthaft vorschlagen, dass ich versuche Ihnen zu helfen?"

„Am liebsten wäre mir, Sie könnten es einfach vergessen", flüsterte Harry, „aber ich will sicher nicht, dass jemand anderer davon erfährt."

„Ich denke, es wäre ratsam mit jemandem, dem Sie vertrauen und respektieren darüber zu reden."

„Nein ...", sagte Harry langsam. „Ich schätze ...", er sortierte seine Gedanken, „ich schätze, wenn es schon jemand wissen muss, macht es mir nichts aus, wenn Sie es sind. Weil Sie mich nicht mögen. Sie haben keine Erwartungen an mich."

Snape warf Harry einen zweifelhaften Blick zu.

„Sie werden sich nicht enttäuscht oder schuldig oder so fühlen", versuchte Harry zu erklären. „Sie können objektiv bleiben. So lange Sie es nicht jedem gegenüber in Slytherin ausplaudern müssen oder etwas ähnlich Dummes tun", beendete er seine Erklärung und dachte daran, was Snape über Lupin in seinem dritten Jahr ‚herausgerutscht' war.

„Glauben Sie, ich will meine Arbeit verlieren, Potter? Ich kann so etwas niemandem erzählen."

Harry sagte nichts. Snape seufzte tief auf, als gebe er sich selbst auf. „Setzen Sie sich auf den Stuhl, Potter", sagte er.

Harry setzte sich und Snape verließ prompt den Raum. Harry hoffte, er würde nicht McGonagall oder Pomfrey oder (schlimmer noch) Dumbledore holen. Nach ein, zwei Minuten kam Snape jedoch mit einigen Tränken wieder.

Also heilt er mich jetzt?"

„Ziehen Sie das Hemd aus", sagte Snape kurz.

Harry zog sein Hemd aus und sah hinunter auf seine Arme. Er hatte sie nie zuvor als Ganzes betrachtet, immer nur auf den einen oder anderen Schnitt gerichtet, nicht auf den gesamten Arm. Er war wirklich angewidert. Seine Arme sahen nicht mehr wie menschliche Körperteile aus. Snape zog sich einen Stuhl vor ihn.

„Strecken Sie den Arm aus", sagte er.

„Ich kann das selber tun", verteidigte Harry sich, „ich bin kein Kind."

„Ich werde Ihnen nicht gestatten, es halbherzig zu tun oder absichtlich Stellen auszulassen. Strecken Sie Ihren Arm aus."

Harry stieß seinen Arm vor und kam sich sehr albern vor. Snape begann systematisch eine grüne, klebrige Paste auf seinen Schnitten zu verteilen. Bei der Anzahl Schnitte, die er hatte, dachte er es sei einfacher den ganzen Kram über seinem Arm auszugießen, doch Snape tat das nicht. Snape gelangte zu einem besonders schlimmen Schnitt, der infiziert aussah.

„Nicht diesen", sagte Harry plötzlich. Snape sah ihn überrascht an. „Es ist mein Lieblings-", sagte Harry mit leiser Stimme.

Snape griff fest nach seinem Arm und schien ein besonderes Vergnügen daran zu haben, eine sehr große Menge Paste über den Schnitt zu verteilen. Harry seufzte.

„Warum hatten Sie das Bedürfnis so etwas zu tun?", fragte Snape, während er Harrys Arm behandelte. „Sie haben alles, was sich ein junger Mann Ihres Alters wünschen kann. Reicht Ihnen das nicht aus?" Snapes Stimme war nicht sarkastisch, Harry hatte das Gefühl, dass der Mann ihn ernsthaft fragte.

„Ich habe nichts", sagte Harry zornig. „Alles, was andere Teenager ausprobieren dürfen, darf ich nicht. Ich will nicht darüber reden."

„Ich verstehe."

Beide schwiegen, während Snape fortfuhr Harrys Arme zu heilen. Harry zitterte erneut, es war kalt in Snapes Büro ohne sein Hemd, obwohl er ein Unterhemd trug. Als Snape beinahe fertig war, begann er wieder zu sprechen.

„Ich werde Ihnen etwas von der Salbe geben und möchte, dass Sie sie jeden Tag anwenden", sagte er geschäftsmäßig. „Ihre Schnitte und anderen Verletzungen sollten bald verheilt sein, wenn jedoch viele von ihnen magisch zugefügt waren, befürchte ich, dass Sie bleibende Narben behalten werden."

Daran hatte Harry nicht gedacht. Würde er nie wieder kurze Ärmel tragen können?

„Obwohl Sie möglicherweise einen Spruch finden werden, um sie zu verbergen."

„Werden Sie mir einen Zauber zeigen, der die hier auf meiner Hand versteckt?", fragte Harry.

Snape schnaubte. „Und Ihnen einen Weg zeigen, wie Sie in Zukunft selbst zugefügte verstecken können? Das denke ich nicht, Mr. Potter."

„Sie werden mir Ihre Arme vor Beginn jeder Okklumentikstunde vorzeigen", fuhr Snape nach einem Moment fort.

„Was?", rief Harry. „Nein, nein …"

„Und", machte Snape weiter, als habe er Harry nicht gehört, „wenn Sie weiterhin Zeichen einer Selbstverletzung aufweisen, dann werde ich gezwungen sein, Professor McGonagall oder Professor Dumbledore davon zu berichten."

„Das können Sie nicht!"

„Dann tun Sie es nicht!"

Einen Augenblick später beendete Snape seine Behandlung und redete weiter. „Sie werden ebenfalls jetzt in Ihr Zimmer gehen und mir Ihre Rasierklinge, Ihr Taschenmesser, welchen Zaubertrank auch immer Sie benutzt haben um sich zu verbrennen und alles andere bringen."

„Aber ..."

„JETZT, Potter."

Ich hätte ihn gleich zu McGonagall gehen lassen sollen. Wahrscheinlich hätte sie mir nur eine strenge Rede gehalten und ein paar bedeutungsvolle Blicke während des Unterrichts zugeworfen."

„Ja Sir", sagte Harry hoffnungslos. Er zog sein Hemd wieder an und eilte hoch in den Schlafsaal. Er nahm die Dinge, die Snape verlangt hatte (es waren nur noch wenige Tropfen des Tranks übrig), tat sie in seine Tasche und eilte zurück in Snapes Büro. Er war nicht allzu besorgt, er konnte immer noch einen der vielen Sprüche in seinem Buch verwenden, wenn er es wieder brauchte. Er konnte sich immer noch in seine Beine schneiden oder andere Stellen. Snape konnte ihn ja schlecht vor Beginn jeder Stunde ausziehen.

Als er zurückkam schüttete er schweigend die Dinge aus seiner Tasche und gab sie nacheinander Snape.

„Diesen Trank haben Sie in meinem Unterricht gelernt", kommentierte Snape.

„Wo sonst denken Sie, würde ich Zaubertränke lernen?"

„Oh ich weiß nicht. Ich dachte, Sie hätten vielleicht tatsächlich ein Buch gelesen."

„Üben wir jetzt Okklumentik?", fragte Harry aufgebracht.

„Ich glaube, wir haben in der Tat schon einige Minuten überzogen."

„Oh verdammt!", schrie Harry. „Oh – ich meine ... 'tschuldigung. Ich habe Quidditchtraining jetzt gleich, und ich muss rennen."

„Fünf Punkte von Gryffindor für Ihre Ausdrucksweise, Mr. Potter", sagte Snape glatt.

Harry grollte. Konnte Snape ihm nicht einmal jetzt eine Pause gönnen? Er wollte nicht länger darüber nachdenken und begann aus dem Raum zu laufen.

Snapes Stimme stoppte ihn. „Potter", sagte der Mann.

„Ja?", Harry zuckte zusammen.

„Es könnten Ihnen schlimmere Dinge geschehen, wissen Sie."

Harry senkte seinen Kopf und ging hinaus.


Er kam ein paar Minuten zu spät zum Quidditch und fand die anderen im Kreis sitzend auf dem Quidditchfeld vor.

„Was machen wir?", fragte Harry, sich neben Ginny setzend und im Kopf verständlicherweise mit anderen Dingen beschäftigt.

„Darauf warten, dass du aufkreuzt", antwortete Ron. „Es wird erwartet, dass wir heute einen neuen Teamkapitän wählen und alle Mitglieder müssen für die Wahl anwesend sein.

„Oh, richtig", sagte Harry atemlos. „Nun, ich stimme für Ron."

„Was?", fragte Ron. „Ich bin erst seit zwei Jahren im Team."

„Ja, aber die einzigen, die länger dabei sind, sind ich und Katie und keiner von uns will."

„Woher wissen wir, dass du ihn nicht nur vorschlägst, weil er dein Kumpel ist", fragte Jack Sloper.

„Ron ist die beste Wahl", antwortete Harry vehement, „er liebt Quidditch, niemand weiß mehr über Spielstrategien und ich schätze, er ist bereit euch alle in Reih und Glied zu halten."

Ron errötete. „Ich kann kein Kapitän sein."

„Ich werde für Ron stimmen", sagte Katie lächelnd.

„Aber ... aber ...", meinte Ron.

„Wer stimmt alles für Ron als neuen Teamchef?", schrie Harry.

Einer nach dem anderen hob seine Hand. Harry lächelte.


Nach dem Training traf Ron Harry allein im Schlafsaal an.

„Äh, hi Harry", sagte er und fuhr sich nervös mit der Hand durch die Haare.

„Hi", sagte Harry leise.

„Also, hm, warum hast du das für mich getan, obwohl wir gestritten haben?"

„Ich habe nicht gelogen, als ich sagte, dass du der Beste wärst. Außerdem", Harry zuckte die Schultern, „bist du immer noch mein Freund."

„Ja. Einiges von dem Kram, den ich gesagt habe tut mir wirklich Leid", Ron sah ihn hoffnungsvoll an. Harry wusste, dass er keine vielsagendere Entschuldigung erwarten konnte.

„Du hattest Recht. Ich war selbstsüchtig. Wenn ich das Team verlassen wollte, hätte ich gehen sollen. Ich hätte nicht jeden einfach hängen lassen dürfen, so wie ich es tat."

„Also wirst du immer noch gehen?"

Harry überlegte einen Moment. „Ja", sagte er, „ich habe es nicht getan, um dir eins auszuwischen, weißt du. Das ist das, was ich tun muss."

Ron sah ihn scharf an. „Ich verstehe das wirklich nicht. Ich meine, Quidditch war immer etwas, was du wirklich gemocht hast. Aber ich schätze, es ist besser, wenn ich nichts mehr dazu sage."

Harry war für den Rest des Abends in gehobener Stimmung, es war gut zu wissen, dass er und Ron Freunde sein konnten, egal was für Unterschiede bestanden. Später jedoch, begann er sich Sorgen zu machen, dass Snape nun sein Geheimnis kannte. Es verkomplizierte die Dinge und Snape war unvorhersagbar, er könnte es jedem erzählen. Harry dachte noch immer, es sei besser, als das es seine Freunde wüssten und ihn für einen Freak hielten.

Sorgen hielten Harry bis in die späte Nacht hinein wach. Normalerweise hätte er sich in so einem Moment verletzt, doch er fand es eine bessere Idee, wenigstens jetzt davon zu lassen. Harry begann durch seinen Besitz zu wühlen, auf der Suche nach etwas, dass ihn vom Ritzen ablenkte. Er tauchte mit der Karte der Rumtreiber wieder auf.

Dieses Jahr habe ich kaum darauf geschaut", dachte Harry bei sich, öffnete die Karte und sah sie an. Er schaute genauer, als er drei Punkte auf einem Haufen sah, oben in dem selten besuchten Korridor im dritten Stockwerk.

Habe ich richtig gesehen?"

Drei Punkte, zwei gegen einen, sie waren mit Draco Malfoy, Theodor Nott und Caydon Snape beschriftet. Harry runzelte die Stirn, das war sicher einen näheren Blick wert. Harry warf sich seinen Tarnumhang um und ging nachsehen.

Harry schlich um die Ecke, möglichst leise, um nicht gehört zu werden. Er fand nur Caydon vor, in eine Ecke gedrückt und schniefend. Weinte er etwa? Harry überprüfte rasch die Karte, kein Malfoy war mehr in Sicht.

Er ging zurück um die Ecke und nahm seinen Umhang ab, so dass Caydon nicht sehen würde, dass es ein Tarnumhang war. Dann ging er leise auf den Jungen zu.

„Caydon", sagte er sanft.

Caydon sprang auf und sah hoch. Harry schnappte nach Luft, der Junge war verletzt, obwohl es im Licht von Caydons Lumos schwer zu erkennen war. Seine Nase blutete, der Umhang war zerrissen, dass Auge fing an blau zu werden.

„H – Harry", stotterte Caydon.

„Hat Malfoy dich zusammengeschlagen?", fragte Harry.

„Was! Nein, wie kommst du darauf?", fragte Caydon noch immer weinend.

„Was ist dann geschehen?"

Caydon sagte nichts, fuhr nur fort, leise zu weinen.

„Komm schon, ich bring dich zu Madam Pomfrey", drängte Harry.

„Nein!", schrie Caydon plötzlich auf.

„Du musst verarztet werden. ich werde dich nicht hier lassen."

„Dann bring mich zu meinem Vater", sagte Caydon schließlich. „Er wird mir helfen."

By Youcantseeus

Danke für eure Reviews. Nachdem ich endlich meine Prüfungen über- und bestanden habe, kann ich mich endlich mal wieder dem Übersetzen widmen und höre auch direkt wieder an einer netten Stelle auf ...

Viel Spaß beim Lesen! Bis zum nächsten chap!