Eine sehr gemischte Gefühlslage erfüllte ihn, als er am nächsten Morgen mit Eileen nach Edinburgh apparierte. Einerseits konnte er es kaum erwarten wieder zu Hermine zu dürfen, aber es waren da auch eine unerträgliche Unruhe und Nervosität vorhanden, die sich nicht gut mit seiner Ungeduld vertrugen. Dies hing wohl mit dem ungewissen Gesundheitszustand seiner Frau zusammen, aber auch damit, dass er nicht wusste, wie Eileen auf ihre Mutter reagieren würde, blass und geschwächt, mit all diesen Schläuchen und Apparaten um sie herum. Natürlich versuchte er diesen unsnapschen Gemütszustand vor seiner Tochter zu verbergen, aber ihm war schon klar, dass dies nur mäßig, bis gar nicht gelingen würde.
So konnte er sich nur mit Mühe davon abhalten, ständig an seinem neuen schwarzen Rollkragenpullover herum zu zupfen. Aber auch das gelang ihm leider nicht ausreichend genug, denn irgendwann hatte Eileen sachte seinen Arm berührt und ihm zugeflüstert: „Dad, hör auf damit, er steht Dir ausgezeichnet, Mum wird er gefallen!"
Mit zusammengepressten Lippen hatte er seine Tochter angesehen und dann traurig gemurmelt, „Eileen, Deine Mum ist sehr krank und ist schon seitdem sie ihm Krankenhaus liegt ohne Bewusstsein, sie wird ihn nicht sehen können."
So, jetzt war es heraus und er hatte vieles erwartet, Bestürztheit oder Verzweiflung, vielleicht auch Tränen, aber seine Älteste überraschte ihn mal wieder, denn sie lächelte ihn nachsichtig an, „Weißt Du Dad, man kann nicht nur mit den Augen sehen und auch wenn sie vielleicht nicht wach ist, heißt das ja nicht unbedingt, dass sie nichts mitbekommt, oder?"
Severus hob erstaunt die Augenbrauen an und dachte eine Weile über die Worte seiner klugen Tochter nach, dann nickte er langsam, „Ja, vielleicht ist das so, ich würde es mir jedenfalls von ganzem Herzen wünschen!"
„Dann hör auf Dich unwohl zu fühlen!", verlangte Eileen und wischte sich ihre schwitzigen Hände am Mantel ab. Na, so cool war sie dann wohl auch nicht und eine wissende Augenbraue zeigte ihr auch, dass er es wusste. Verlegen lächelnd senkte sie den Blick.
Dann betraten sie gemeinsam das Krankenhaus und Eileen schob verstört ihre Augenbrauen zusammen, „Das ist ja noch furchtbarer, als das St. Mungos!", wisperte sie entsetzt.
„Natürlich ist es das", antwortete ihr Vater abfällig und durchschritt die Eingangshalle so zügig es ging, „Heiler Clement wollte den unmagischsten Ort haben, den man sich vorstellen kann, er hat ihn bekommen!"
Viele Augenpaare beobachteten die beiden aufmerksam, denn auch ohne schwarze Roben und sichtbarem Zauberstab war die besondere Aura überdeutlich, die dieser große, bedrohlich wirkende Mann mit dem außergewöhnlich hübschen jungen Mädchen an seiner Seite ausstrahlte.
Bevor sie in den Flur abbogen, der zu Hermines Zimmer führte, kam ihnen schon Dr. Clement mit einer kleinen Truppe Ärzte und Schwestern entgegen.
„Ah, Professor Snape", freute sich der Arzt Hogwarts düsteren Tränkemeister zu treffen und schüttelte Severus Hand, während er ihn prüfend musterte, „Wie ich feststellen darf, sehen Sie heute schon viel besser aus! Und diese junge Dame ist Ihre Tochter?" Er betrachtete Eileen interessiert.
„Sehr richtig, Dr. Clement, das ist unsere Älteste, Eileen", bestätigte Severus.
Dem Chefarzt entlockte die gehörige Portion Stolz in der Stimme des Tränkemeisters ein kleines Lächeln. „Es freut mich ungemein, Miss Granger-Snape, Sie kennen zu lernen", und zu Severus gewandt stellte er prüfend fest, „Sie hat Ihre Augen und wie mir scheint auch einiges von Ihrer Ausstrahlung, Sir."
Eileen lächelte den Arzt freundlich an, „Guten Tag, Dr. Clement, wie geht es meiner Mutter?"
„Hm", Dr. Clement legte seine Stirn in Falten, „das Wort, das es auf den ersten Blick am besten trifft, heißt zwar ‚unverändert', aber im Falle Deiner Mutter würde ich es eher mit dem Wort ‚stabil' bezeichnen und das ist doch schon mal ein guter Anfang, wie mir scheint", er blätterte in einer Akte, die ihm Schwester Agatha geflissentlich reichte, „Ihre Temperatur ist nicht weiter angestiegen und es gab seit vorgestern auch kein bedenkliches Absinken der Vitalfunktionen mehr."
Severus atmete erleichtert auf, ja das waren wahrlich keine schlechten Nachrichten.
„Misses Potter und ihr Vater, Mister Weasley sind gerade bei ihr, sie können noch ungefähr eine Stunde bleiben, wie ich gehört habe." Natürlich meinte Dr. Clement damit den Magiebann, der noch eine Stunde lang aktiv war.
Die Kolleginnen und Kollegen gingen auf ein Nicken von Dr. Clement schon in ein weiteres Zimmer, nur die Oberschwester, Schwester Agatha blieb demonstrativ stehen, starrte Eileen skeptisch an – ‚Wahrscheinlich überlegt sie sich gerade, das dies einer unserer missglückten Verhütungsversuche ist', dachte Severus amüsiert. Er wurde aber aus seinen Gedanken gerissen, als Schwester Agatha sich nun vernehmlich räusperte und ihren Chef auffordernde Blicke zuwarf, was Dr. Clement sofort veranlasste ein gestrenges Gesicht aufzusetzen. „Ach ja, Professor, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass ein Krankenhaus kein geeigneter Ort für die Demonstration von Scherzartikeln jeglicher Art ist, bitte richten Sie das Ihren Bekannten aus."
„Scherzartikel?", Severus war sichtlich erstaunt, „War George Weasley auch hier?"
„Jawohl, Sir, der und ein gewisser Mister Jordan!", bestätigte Schwester Agatha säuerlich, „Die Kinder auf Station 5 konnten die halbe Nacht nicht einschlafen, so durcheinander waren sie!"
„Aber sie hatten eindeutig eine Menge Spaß!", wagte Dr. Clement einzuwerfen, allerdings verschwand sein anfängliches Grinsen augenblicklich, als er Schwester Agathas Gesicht sah.
„Sie sollen keinen Spaß haben, sie sollen gesund werden!", schimpfte sie, „Das ist hier schließlich kein Zirkus, sondern ein Krankenhaus!", sie warf einen vernichtenden Blick auf Severus, doch bevor sie von dannen rauschte, fügte sie noch gnädig an, „Allerdings kann dieser junge Geschichtenerzähler gerne wiederkommen".
„Oh, ja, der war wirklich unglaublich! Aber auch die Weasleys! Ich habe mir jedenfalls die Adresse von ihrem Geschäft geben lassen! Tolle Sachen haben die!", flüsterte Dr. Clement beeindruckt, dann glitt sein Blick wieder zu Eileen, „Gehst Du auch schon nach Hogwarts?"
Eileen nickte bestätigend, „Ja, seit dem Sommer."
„So! Und in welches Haus hat Dich Euer sprechender Hut gesteckt, mit dem Slytherinvater schlechthin und einer Gryffindormutter, die auch noch Schulleiterin ist?"
„Der Hut meinte, ich wäre in Slytherin gut aufgehoben", antwortete Eileen und
schenkte ihrem Vater einen schnellen, liebevollen Blick.
„Oh", Dr. Clement hob überrascht die Augenbrauen, „also eine Löwin in der Schlangengrube."
„Meinen Sie?", lächelte Eileen.
„Ganz gewiss, junge Dame!", war sich Dr. Clemens völlig sicher, „dafür braucht man nur in Deine Augen zu schauen!"
„Sie sagten doch, dass sie meine Augen hat?", merkte Severus verwirrt an.
„Und?", zuckte Dr. Clement grinsend mit den Schultern, „Wo ist da der Widerspruch?" Dann zog er den weißen Kittel vom Armgelenk, um auf seine Uhr zu schauen, „Oh, ich muss die Visite weiterführen, mein Bruder kommt sicherlich bald, Professor. Bis nachher!" Er reichte Eileen die Hand, die sie lächelnd ergriff, „Es hat mich sehr gefreut, Miss Granger-Snape!" mit einem kurzen freundlichen Nicken an Severus eilte er seinem Ärztetross hinterher, die in der Zwischenzeit schon zwei Zimmer weiter waren."
„Ich mag ihn!", entschied Eileen leise, als sie in den Flur abbogen, indem die Zimmer der Intensivstation untergebracht waren.
„Nun, er ist durchaus akzeptabel", war Severus zurückhaltender Kommentar dazu, aber Eileen wusste nur zu gut, dass dies bei ihrem Vater soviel hieß wie, ‚ich stimmte Dir voll und ganz zu!'
„Diese Schwester mag ich aber nicht!", ergänzte Eileen entschieden.
„In der Tat, sie ist ein Quell ewiger Freude!", seufzte Severus.
„Wir sollten vielleicht ein gutes Werk tun", überlegte Eileen weiter.
„Und das wäre?"
„Ein Date zwischen Schwester Agatha und Mister Filch!", kicherte Eileen leise, „Die zwei hätten sich eine Menge zu sagen und viele gemeinsame Ansichten auszutauschen."
„Dann würde aber Misses Noris eifersüchtig werden!", gab Severus zu bedenken und schüttelte schon den Kopf über die Vorstellungen seiner Tochter, sie war eindeutig zuviel mit ihrer Schwester Sera unterwegs.
„Ein bisschen Verlust gibt´s immer!", entschied seine Tochter grinsend, sie mochte die Katze des Hausmeisters anscheinend auch nur bedingt.
Dann atmeten Vater wie Tochter kollektiv tief ein, denn sie waren an der Glasscheibe vor Hermines Zimmer angekommen.
Aber Severus Sorge war tatsächlich unbegründet. Schon ein erster Blick genügte, um die Diagnose von Dr. Clement zu bestätigen, es ging ihr besser. Gut, sie sah immer noch eindeutig krank aus und Eileen fand das wohl auch, denn ihre Hand schlich sich wieder in die ihres Vaters, aber dennoch, irgendetwas war anders. Er kniff die Augen zusammen und dachte angestrengt nach, aber er kam nicht drauf. Egal was es war, es war alles besser als ihr Zustand in den letzten Wochen.
Ginny und Arthur winkten ihnen froh zu, als sie die beiden bemerkten und Ginnys emporgereckter Daumen sagte, dass sie der gleichen Meinung wie Dr. Clement war. Sie ging zur Glasscheibe und drückte die Gegensprechanlage.
„Hallo, Ihr beiden, schön dass Ihr schon da seid!"
„Eileen konnte es nicht mehr aushalten", erklärte Severus ihr zu frühes Erscheinen, „der Bann hält noch eine Stunde, sagt der Doktor?"
„Ja, so ungefähr", bestätigte Ginny, dann grinste sie den Tränkemeister unverhohlen an,
„Der Pullover steht Ihnen aber ausgezeichnet, Professor!"
„Danke, der Kittel Ihnen auch, Misses Potter!", entgegnete Severus und Ginny schaute erst verwirrt an sich herunter, bevor sie in lautes Lachen ausbrach.
„Haben Sie Arthur gesagt, dass alle Apparate in diesem Raum für ihn tabu sind?", fragte Severus misstrauisch, nur zu gut um die Schwäche seines Ordensbruders wissend.
„Klar, ich habe ihm das bereits einige Male heute ins Gedächtnis rufen müssen", Ginny warf einen vorwurfsvollen Blick auf ihren Vater, „aber das tut seiner Begeisterung keinerlei Abbruch!"
„Man darf sich doch noch freuen!", rief Arthur etwas pikiert.
„Freuen ja, aber nichts anfassen!", stellte Ginny klar.
„Es geht ihr besser, nicht wahr?", fragte Severus und er nickte in Hermines Richtung.
„Ja, das denke ich auch, gerade in den letzten beiden Stunden war sie viel ruhiger und ihr Herzschlag war kräftiger", bestätigte Ginny, dann lächelte sie Eileen an, „ich habe ihr erzählt, was ihr gestern geplant habt und dass Du sie heute besuchen wirst."
„Wir haben einen ganz langen Brief geschrieben und Lillian hat ein Bild gemalt", erzählte Eileen lächelnd, „Max hat am Wochenende ein Konzert, das will er aufnehmen lassen und Dad kann die Aufnahme dann mit hierherbringen." Eileens bester Freund Max war ein begnadeter Cellist und spielte schon seit einigen Jahren mit den führenden Orchestern dieser Welt.
„Das wird Deiner Mum bestimmt gefallen, sie mag es, wenn Max spielt", befand Ginny.
Eileen wrang unbehaglich die Hände, „Es wird ihr aber sicherlich nicht so sehr gefallen, dass Max ein ‚Mies' bei Professor McGonagall bekommen hat."
„Oh", machte Severus, „Ich dachte, seitdem Du mit ihm lernst, schafft er in den meisten Fächern wenigstens ein ‚Annehmbar'." Max war zwar ein herausragender Musiker, aber ein grottenschlechter Schüler, was nicht unbedingt an seinen Fähigkeiten lag, sondern eher an seiner Prioritätensetzung. Für ihn gab es außer Musik lange nichts, was wirklich der Beschäftigung lohnte.
Eileen wurde rot und murmelte „Tut er auch, aber ich hatte in den letzten Wochen und Tagen keinen Nerv, um mit ihm die Sprüche zu üben."
Severus trat wieder an die Sprechanlage und meinte sehr akzentuiert, „Siehst Du, Hermine, es wird Zeit, dass du Gesund wirst, damit sich unsere Tochter wieder um ihr humanitäres Projekt kümmern kann."
„Er ist kein humanitäres Projekt, Dad!", beschwerte sich Eileen, „Er ist mein Freund und Freunden hilft man nun mal!"
„Dr. Clement hatte schon recht! Eine Gryffindor in Slytherin!", seufzte Severus theatralisch, schenkte aber seiner Ältesten ein zustimmendes Lächeln.
„Halten nicht auch Slytherins zusammen, wenn es ihnen nützt?", fragte Eileen dann mit glitzerndem Blick, worauf Severus erstaunt seine Augenbrauen empor schnellen ließ.
„Er ist ein Hufflepuff!"
„Ja, das stimmt", gab Eileen zu, „aber einen Nutzen hat es doch auch."
„Und der wäre?"
„Ganz einfach, so kann er auf der Schule bleiben!", grinste Eileen, „und wo bekommt man schon solch wunderbare Musik zu hören, ohne dafür bezahlen zu müssen?"
Severus musste über seine Tochter den Kopf schütteln. Auch er wusste nur zu gut, dass Eileen lediglich wegen ihm in Slytherin war. Sie wäre genauso gut in Gryffindor oder Ravenclaw aufgehoben gewesen. Aber da sie klug und clever war, würde sie ihr Löwenherz mit Schlauheit tarnen können.
„Ginny, sieh mal", unterbrach Arthur das Gespräch und starrte auf den Monitor.
„Was ist?", fragte Severus sofort besorgt und seine Falte auf der Stirn vertiefte sich.
„Nichts weiter, aber seitdem ihr hier seid, hat sich ihr Pulsschlag erhöht, ist aber noch gleichmäßiger geworden!", berichtete Ginnys Vater aufgeregt.
„Wie gesagt, ich denke sie freut sich!", meinte Ginny zufrieden, als sie die Aussage ihres Dads bestätigt sah.
„Merlin sei Dank!", Severus atmete erleichtert durch.
„Dann kann ich Sera auch sagen, dass sie morgen nach der Schule mitkommen darf, nicht wahr Dad?", schloss Eileen und auch ihr sah man die Erleichterung an.
„Ja, das kannst Du ihr sagen!", bestätigte Severus und streckte den Rücken durch. Das erste Mal seit Wochen hatte er das Gefühl, dass es wirklich Bergauf ging und dass er wusste was zu tun war, damit es auch noch weiter hinauf ging!
Ein gutes Gefühl.
Ein wirklich gutes Gefühl!
Wahrlich!
