10.

Lisa wollte sich gerade damit abfinden, dass Rokko nicht mit ihr reden würde, als er sich schließlich räusperte. „Weißt du, streng war mein Vater immer. Ich weiß nicht genau, was er bei der Marine gemacht hat, aber er trug diese Uniformen, die ich als kleiner Junge so schick fand und die so eine Autorität ausgestrahlt haben. Richtig angefangen hat es kurz nach Gabys Geburt – da war ich fünf. Getrunken hat er immer schon zu viel, aber als er dann entlassen wurde und er einfach keine Arbeit fand, da wurde es noch schlimmer – kaum ein Abend, den er nicht in der Kneipe verbracht hat. Das erste Mal, dass er mich verprügelt hat, da war ich in der ersten Klasse. Ich hatte ein Bild gemalt, das beim Schulfest ausgestellt werden sollte. Wenn er einfach nicht hingegangen wäre, dann hätte ich damit leben können, aber so… er fand es unmännlich und hat mir das sehr plastisch gezeigt. Am nächsten Tag habe ich dann allen erzählen müssen, ich wäre gegen eine Tür gelaufen. Und weißt du was? Obwohl ich ganz offensichtlich log, interessierte sich niemand für die Wahrheit." Rokko klang verbittert. Lisas Hand hielt inne und sie schluckte hart. Sollte sie etwas sagen? Und wenn ja, was sollte sie sagen? Was sagte man in so einer Situation? Langsam setzte sich ihre Hand wieder in Bewegung. Lisa hatte entschieden, dass diese Reaktion wohl die beste war. „Irgendwie war ich immer froh, wenn er mich verprügelt hat – das war fast besser als nur wüst beschimpft zu werden. Außerdem hat er sich immer nur ein ‚Opfer' ausgesucht, Mama oder mich. Ich habe mir dann immer vorgestellt, ich wäre an einem schönen Ort, auf einem Floß mit Tom und Huck oder auf der Alm mit Heidi und Peter, dann hat's nicht so wehgetan. Nichts habe ich ihm Recht machen können… Als er dann endlich einen Job im Hafen gefunden hat, da hat ihm da ein Kollege erzählt, dass Profifußballer Millionen verdienen können. Ich musste dann zum Fußball, aber Training ist nicht alles, ein bisschen Talent wäre hilfreich gewesen. Außerdem hat mich das nicht interessiert und Spaß gemacht hat es auch nicht. Dafür hätte ich stundenlang den Straßenmusikanten in der Fußgängerzone zuhören können oder einfach nur vor mich hinträumen. Im Gegensatz zu Gaby hatte ich das Pech, dass ich immer erwischt wurde… Außerdem hab ich nicht ganz so gut funktioniert wie sie. Als ich älter wurde, hab ich Mama dann immer gedrängt, ihn zu verlassen – ich meine, sie hat sich nie gewehrt und wenn er auf Gaby oder mich losgegangen ist, dann ist sie meistens nur aus dem Raum gegangen, ganz selten hat sie mal was gesagt. Weißt du, wie oft sie mir versprochen hat, ihn zu verlassen und wie oft sie dann angekrochen kam? Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen - ich liebe ihn doch, ich kann ihn nicht verlassen, hat sie immer wieder gesagt. Wenn Liebe hörig macht und so verletzt, dann will ich das nicht, habe ich mir geschworen…" Wieder wurde Rokko still. Lisa nutzte seine kurze Pause, um sich verstohlen ein paar Tränen wegzuwischen. „Aber dann… dann habe ich dich getroffen." Lisas Herz begann angesichts Rokkos Worte wild zu rasen. „Den Absprung habe ich dann mit 16 geschafft", erzählte Rokko faktisch weiter. „Ich habe nach dem Realschulabschluss eine Empfehlung für die Oberstufe gekriegt und das war genau das, was ich wollte - ich habe so viel gelernt und gearbeitet, um diese Chance zu kriegen. Ich wollte doch studieren und reisen und endlich aus dieser Gosse raus. Mein Vater wollte, dass ich in der Werft eine Ausbildung mache. Ich und Handwerk? Glaube mir, wenn er sich durchgesetzt hätte, dann würde die Statistik jetzt mehr Schiffsunglücke verzeichnen können. An jenem Abend haben wir uns entsetzlich gestritten und alles, was sich in mir aufgestaut hat, wollte einfach raus – auch, dass er mich immer wieder geschlagen und getreten hat, hat dem keinen Abbruch getan. Ich habe dann einfach meine Sachen gepackt und bin gegangen. Mama hat mich angefleht, nicht zu gehen und ich hatte ein schrecklich schlechtes Gewissen wegen Gaby, aber ich konnte einfach nicht mehr, ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten." Lisa kämpfe immer heftiger mit den Tränen, suchend tastete sie mir ihrer Hand nach Rokkos. Als sie sie auf seinem Bauch fand, drückte sie sie ganz fest. „Du hättest mal das Gesicht von Philipps Eltern sehen sollen, als ich bei ihnen in der Tür stand und sie darum bat, ein paar Tage bei ihnen bleiben zu dürfen. Philipp war damals mein bester Freund und er wusste, was bei uns Zuhause los war. Seit ich in Berlin bin, habe ich keinen Kontakt mehr zu ihm… es würde mich ja mal interessieren, was aus ihm geworden ist. Als mein Vater aber mehrmals dort auftauchte und vor ihrem Haus randalierte, wurde ich mehr oder weniger diskret gebeten, mir eine andere Bleibe zu suchen. Wenigstens hat mir Philipps Mutter dabei geholfen, in dieses Wohnen-gegen-Haushalt-Programm zu kommen und das war wirklich traumhaft. Ich landete bei einem älteren Bildhauer, Lasse. Seine Frau war gerade erst gestorben und er wollte einfach jemanden, damit er nicht alleine ist. Bloß die Sache mit dem ‚gegen Hausehalt' funktionierte nicht ganz so gut – ich habe das meiste erst noch lernen müssen. Aber spaßig war's und richtig gute Freunde sind wir geworden. Von Zeit zu Zeit durfte ich Lasse im Atelier helfen. Wir telefonieren oft und wenn ich nicht so schrecklich feige wäre, dann würde ich ihn auch mal besuchen. So war er ein paar Mal hier, aber mittlerweile kann er nicht mehr reisen – Alterswehwehchen nennt er das. Ich habe mir immer vorgestellt, wie es gewesen wäre, wenn er mein Vater wäre. So jemanden wollte ich immer. Als ich deinen Vater kennen gelernt habe, habe ich einen richtigen Schreck bekommen – er ist Lasse so ähnlich, was Gestik und Mimik und so betrifft." Rokko begann glücklich zu lächeln. „Abi machen und einen Job zu haben, um über die Runden zu kommen, war gar nicht so einfach, aber ich wollte es so sehr, dass ich das hingekriegt habe – nicht glorreich, aber gut genug, um den Studienplatz zu kriegen, den ich mir so sehr gewünscht habe. Hier in Berlin – ich wollte unbedingt weg von Hamburg und je weiter, desto besser. Nur wegen Gaby hatte ich ein schlechtes Gewissen. Als alles organisiert war, habe ich sie vor der Schule abgefangen, um ihr zu sagen, dass sie jederzeit zu mir kommen könnte. Das war auch das letzte Mal, das ich sie gesehen habe – also, das letzte Mal, bevor sie dann plötzlich hier aufgetaucht ist." Schweigend genoss Rokko noch einige Minuten, wie Lisa ihm durch die Haare strich. Irgendwann sah er auf und musste feststellen, dass Lisa die Tränen sturzbachartig die Wangen hinunterliefen. Sofort setzte er sich auf: „Hey, kein Grund zu weinen. Es hat kaum Spuren bei mir hinterlassen oder hältst du mich für so verkorkst?" Ohne weiter darüber nachzudenken, legte Lisa ihre Arme um Rokko und flüsterte gegen seine Schulter: „Oh Rokko, das tut mir alles so leid. Ich bin so glücklich, dass ich dich lieben darf." Eine gefühlte Ewigkeit hielten sie sich einfach nur ganz fest – so als müssten sie sich gegenseitig davon abhalten, in eine tiefe Gletscherspalte zu rutschen. Wer eigentlich wen tröstete, spielte schon eine ganze Weile keine Rolle mehr. Rokko war einfach nur froh, dass Lisa ihm so nah war. Und Lisa? Die versuchte das wilde Gefühlsknäuel in sich zu ordnen. Sie dachte wieder an ihre Pro-und-Contra-Liste und fragte sich, ob Pros wie Schmetterlinge, Kribbeln, das Gefühl von 100iger Sicherheit und Geborgenheit mehr zählen sollten als perfekte Zusammenarbeit und die Aussicht, dass ein lang gehegter Traum endlich in Erfüllung gehen konnte... Erst Olivers eindringliches und unüberhörbares Verlangen nach einem Fläschchen sorgte dafür, dass die zwei sich von einander lösten. „Ich geh schon", bot Rokko an. „Was hältst du davon, wenn du einfach schlafen gehst und ich die Nachtschicht übernehme?" Lisa schüttelte mit dem Kopf. „Nicht viel. Ich fände es schöner, wenn du nach der Raubtierfütterung auch ins Bett kommen würdest." Lisa errötete, als ihr klar wurde, wie missverständlich ihre Bitte war. „Zu dir ins Bett?" – „Ja… naja, es ist ja dein Bett…" – „Aber du liegst drin." – „Ich möchte es trotzdem." Rokko lächelte glücklich. „Okay, dann komme ich gleich nach."

Lisa schien schon zu schlafen, als Rokko Oliver in sein Bettchen legte. Er ließ seinen Blick über sie gleiten und wieder machte sich ein Gefühl von Wärme in ihm breit. Als wäre es schon immer so gewesen, dachte er bei sich, als er zu ihr ins Bett kletterte und vorsichtig den Arm um sie legte. Zu seiner Überraschung schien Lisa noch nicht so weit ins Land der Träume abgedriftet zu sein, denn sie griff nach seiner Hand und zog seinen Arm fester an ihren Bauch…