Puh, ich kann mich noch genau erinnern, wie schwer mir dieses Kapitel gefallen ist. Wie ich nachdenken musste, um ein bisschen Logik in die ganze verfahrene Situation zu bringen. Dieses Kapitel trieft dementsprechend auch vor Gefühlen. Aber das entspricht ja genau dem kleinen Schnattchen ;) Ich hoffe es gefällt euch...


Kapitel 10: Ein längst überfälliges Gespräch

Lisa hatte es über die Freude ihrer Eltern, die Tochter wieder in den Armen zu halten, nicht übers Herz gebracht, ihnen die Ohren voll zu heulen. Und zwar über ein Thema, was eigentlich abgeschlossen war. Ihr Vater hätte es sowieso nicht verstanden und ihre Mutter war so damit beschäftigt, ihr Fragen zu stellen, dass es nicht gepasst hätte. Also hatte sie sich in das Verhör ergeben, was ihre Eltern begonnen hatten. Aber Helga merkte schon bald, dass Lisa nicht ganz bei der Sache war, auch wenn sie den Grund dafür in dem langen Flug sah. Also bedeutete sie Bernd, ins Bett zu gehen. Da dieser wie immer etwas schwerer von Begriff war, schaute er seine Frau nur fragend an.

„Bärchen, die Lisa hatte einen langen Tag und ist jetzt total müde. Ich würde sagen, wir haben morgen früh noch genug Zeit, sie auszuquetschen. Oder nicht?"

„Na ja, wenn ihr meint. Dann gute Nacht, mein Schnattchen, dann musst du aber morgen ganz ausführlich erzählen. Ach ja, wie lange bleibt ihr eigentlich in Berlin?"

Lisa schluckte.

„Das weiß ich noch nicht, Papa. Darüber haben David und ich noch nicht gesprochen."

„Aber doch sicher länger als nur einen Tag. Ich meine, immerhin haben wir dich jetzt ein Viertel Jahr nicht gesehen und da gibt es doch einiges nachzuholen."

„Das stimmt, Papa. Dafür werden wir auf jeden Fall genug Zeit haben. Gute Nacht."

Bernd drückte seine Tochter an sich und ging dann ins Schlafzimmer. Helga schaute ihre Tochter lange an, bevor sie sagte:

„Lisa, irgendwas ist doch mit dir. Willst du es mir nicht erzählen?"

„Nein Mama, heute nicht mehr. Es war wirklich ein langer Tag und ich muss mich dringend hinlegen."

„Muss ich mir denn Sorgen machen? Ist alles mit euch beiden in Ordnung?"

„Mama, ich will heute Abend wirklich nicht mehr. Und nein, es geht nicht um David, bei uns ist alles in Ordnung. Wirklich. Du musst dir keine Gedanken machen, Mama."

„Na gut, wenn du das sagst, dann bin ich beruhigt. Aber du kannst mir alles erzählen, dass weißt du, oder?"

Lisa nickte und wurde dann auch von ihrer Mutter gedrückt, bevor diese sich ebenfalls zurückzog. Lisa saß noch eine Sekunde etwas verloren auf der elterlichen Couch, bevor sie erst ins Bad und dann in ihr Zimmer ging. Heute war sie froh, ihre Kontaktlinsen abzulegen, denn sie befürchtete, dass noch einige Tränen fließen würden.

In ihrem Zimmer angekommen, musste sich lächeln.

‚Mama hat nichts verändert, sondern mein Zimmer genauso gelassen, wie es war.'

Darüber freute sich Lisa. Es war zwar schön, verheiratet zu sein, aber sie hatte ja nicht umsonst so lange bei ihren Eltern gelebt. Ihr hatte es bis zum Schluss gefallen, denn hier war sie aufgewachsen und hier fühlte sie sich wohl. Sie war noch nicht wirklich müde, sondern eher schlapp wegen der zurückliegenden Begegnung. Sie hatte zwar gehofft, dass sie zu Hause von ihren Eltern abgelenkt werden würde, aber ihre Gedanken kreisten immer noch um das Gespräch mit Rokko. Na ja, ein Gespräch war es ja nicht wirklich gewesen.

Lisa hatte sich währenddessen aus alter Gewohnheit auf die Fensterbank gesetzt und überlegte gerade, was sie in Berlin alles nachholen und welche Freunde sie besuchen musste, als sie unten auf der Straße unter eben jener Laterne Rokko stehen sah.

Auf einmal schlug ihr das Herz bis zum Hals und sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, sondern starrte ihn einfach nur an. Rokko bedeutete ihr mit einer Handbewegung, dass sie nach unten kommen soll. Lisa wusste nicht, was sie davon halten sollte. Noch vor einer guten Stunde hatte er gesagt, er wolle nicht mit ihr sprechen und jetzt auf einmal doch? Sie zog sich noch schnell eine Jacke ihrer Mutter an, bevor sie das Haus verließ und ging dann zaghaft auf Rokko zu, verunsichert darüber, was jetzt passieren würde.

Auch ihm schien es schwer zu fallen, etwas zu sagen, aber offensichtlich gab er sich in dem Moment einen Ruck.

„Lass uns bitte ein Stück gehen. Ich will nicht hier auf der Straße stehen bleiben."

Damit drehte er sich um und hielt auf den kleinen Kinderspielplatz zu, der eine Straße weiter lag. Dort setzte er sich auf eine der Schaukeln. In Ermangelung einer besseren Sitzgelegenheit tat Lisa es ihm gleich. Sie kam sich seltsam vor. Sie hatte lange nicht mehr auf einer Schaukel gesessen und prompt stiegen Bilder in ihrem Kopf auf, wie sie lachend mit Rokko schaukelte. Sofort verscheuchte sie diese Bilder und gleich darauf wurden wieder ihre Augen feucht.

‚Das ist eine Zukunft, die es nicht gegeben hat, Lisa. Das sind Dinge, die Rokko mit dir getan hätte, aber das wird nie passieren!'

Lisa hatte keine Zeit den Gedanken zu Ende zu denken, denn jetzt fing Rokko endlich an zu sprechen.


„Du wunderst dich vielleicht, dass ich doch noch mal wieder gekommen bin, obwohl ich vorhin ziemlich deutlich gesagt habe, dass ich dich nicht mehr sehen will?"

Lisa konnte sich noch genau daran erinnern, weil ihr dieses Gefühl, was sie dabei gehabt hatte, sehr wehtat. Sie blickte Rokko an und konnte nur stumm nicken. Auch er blickte sie jetzt an, aber sein Blick war unergründlich. Seine weichen Augen waren hart und auch seine Stimme, als er weiterredete, war nicht so unbeschwingt, wie in Lisas Erinnerung, sondern hatte einen harten Klang angenommen.

„Na gut. Ich habe vorhin noch mal darüber nachgedacht und musste mir endlich eingestehen, dass es mir nicht besser gehen wird, solange ich das hier nicht endgültig abgeschlossen habe."

Rokko stieß dabei verächtlich die Luft aus und zuckte die Schultern.

„Verstehst du, ich muss mich damit konfrontieren, was eigentlich genau passiert ist, damit ich wirklich neu anfangen kann und wieder frei bin."

Obwohl Lisa sich eine Jacke angezogen hatte, überlief sie bei Rokkos Worten eine Gänsehaut. Sie hatte nicht wirklich gewusst, wie Rokko sich wohl fühlen musste, sie hatte es immer wieder verdrängt. Konnte es wirklich sein, dass sie daran schuld war, dass es ihm 3 Monate schlecht gegangen war? Hatte sie verschuldet, dass er unglücklich war? Dieser Gedanke war unerträglich und Lisa fühlte sich ganz elend.

„Also, Lisa, sag mir, was du mir sagen wolltest!"

Jetzt zeigte sich doch eine Gefühlsregung in seinem Gesicht, als er weiter sprach.

„Erkläre mir, warum du mich belogen hast?"

Lisa war wie vor den Kopf geschlagen und konnte nicht antworten. Aber Rokko war auch noch nicht fertig.

„Sag mir, warum du mir deine Liebe vorgespielt hast. Wolltest du einfach nur nicht allein sein? So habe ich dich eigentlich nie eingeschätzt, aber irgendwie muss ich das in letzter Zeit immer wieder denken. All diese Fragen machen mich noch verrückt!"

Rokko war von der Schaukel gesprungen.

„Du musst es mir sagen, Lisa, sonst werde ich noch verrückt und kann bald an gar nichts mehr denken!"

Er sah sie eindringlich an und Lisa, der schon wieder die Tränen auf den inzwischen bleichen Wangen herunter liefen, wusste immer noch nicht, was sie sagen sollte. Wie konnte sie glaubhaft rechtfertigen, was sie getan hatte. Alles, was sie sagen konnte, würde Rokko keinen Trost spenden und sie wollte ihn so gerne trösten, wollte so gerne rückgängig machen, wie sie ihn verletzt hatte. Das Einzige, was sie wusste, war, dass ihre Liebe nicht gespielt war. Das konnte er ihr nicht vorwerfen! Rokko blickte sie mit gequältem Gesicht an. Lisa sah mit tränenfeuchten Augen zu ihm auf und flüsterte eher, als dass sie sprach:

„Rokko, du musst mir glauben, dass ich dich wirklich geliebt habe. Das war nicht gespielt. Du musst mir einfach glauben! In deiner Nähe habe ich mich sehr wohl gefühlt. Es war alles so unkompliziert. Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann und du hast immer so genau gewusst, was mich bewegt. Das hat mich am Anfang ganz schön erschreckt, aber mit der Zeit habe ich es zu schätzen und zu lieben gelernt. Du warst so vorbehaltlos mir gegenüber und ich war sehr glücklich. Du musst mir das einfach glauben."

Lisa sah Rokko beinahe flehentlich an.

„Du wirst mir wohl verzeihen, aber warum bist du dann jetzt mit David verheiratet und nicht mit mir?"

Lisa konnte sehr schlecht damit umgehen, dass Rokko so kalt zu ihr war. Obwohl er wohl das Recht hatte, solche Fragen zu stellen. Aber es war alles so kompliziert. Sie hatte Rokko wirklich geliebt und wenn David nicht in allerletzter Sekunde noch die Kurve gekriegt hätte, würde sie heute dieses Gespräch mit Rokko nicht führen. Sie hatte sich darüber selber noch keine Gedanken gemacht, weil das alles verdorben hätte. Die Flitterwochen, die gemeinsame Zeit mit David und ihr Glück. Aber ihr Glück konnte sie sich jetzt nicht länger vorspielen, denn hier stand der Mensch, auf dessen Kosten sie glücklich war. Sie konnte wieder nichts sagen, sondern nur schluchzen. Stattdessen ergriff Rokko das Wort. Er hatte sich wieder auf die Schaukel neben Lisa gesetzt und ließ mit auf den Knien gestützten Händen den Kopf hängen. Diesmal war sein Stimme nur noch traurig und er sprach mehr zu sich selbst.

„Na ja. Irgendwie bin ich ja selber schuld. Obwohl ich genau wusste, dass David immer noch in deinem Kopf herumspukte, habe ich mich darauf eingelassen, obwohl ich es nicht glauben konnte. Und warum? Weil ich davon überzeugt war, dass du ihn vergessen könntest, wenn du nur genügend Zeit hattest. Und immer wenn mir Zweifel kamen, hast du mich ja wieder vom Gegenteil überzeugt. Zumindest habe ich mir das eingeredet. Es war ein furchtbares Gefühl. Mit der Frau, die man über alles liebt, zusammen zu sein, aber im Inneren nicht sicher zu sein, ob sie es wirklich ernst meinte. Aber dann habe ich mich immer wieder damit beruhigt, dass du ein ehrlicher Mensch bist und niemals jemanden benutzten würdest. Und als du meinen Antrag angenommen hast, habe ich es dir geglaubt. Versteht du das überhaupt, Lisa?"

Verbitterung hatte sich jetzt in seine Stimme geschlichen.

„Kannst du verstehen, wie das ist? Ich habe mich am Ziel meiner Träume gewähnt. Ich dachte, dass von nun an nichts mehr unser Glück zerstören könnte. Ich habe mir ausgemalt, wie wir eines Tages zusammen leben, in einem kleinen Häuschen mit großem Garten. Ich habe uns gesehen, wie wir super zusammen arbeiten und Kerima wieder gemeinsam zu Erfolg führen. Und irgendwann habe ich mir sogar vorgestellt, wie unsere Kinder aussehen könnten. Weißt du, dass war der glücklichste Augenblick meines Lebens."

Rokko seufzte einmal tief und nun standen auch ihm die ersten Tränen in den Augen. Er schüttelte leicht den Kopf:

„Aber ich bin selber schuld. Obwohl ich wusste, dass es David noch gibt, habe ich dir geglaubt, weil ich dir glauben wollte. Das war mein Fehler."

Lisa konnte sich nicht mehr zusammen reißen. Sie hatte so viele Gefühle auf einmal. Traurigkeit, unendliche Traurigkeit darüber, dass die Situation so ausweglos war und sie nichts tun konnte. Und dann Wut, dass er ihr vorwarf, zu lügen. Und Verwirrung, Verwirrung darüber, dass Rokko auch schon Kinder gesehen hatte. Beinahe hatte sie fragen wollen, wie die in seiner Vorstellung ausgesehen hatten. Aber jetzt liefen ihr die Tränen in Strömen. Sie konnte nicht anders und fiel vor Rokko auf die Knie und drückte ihn an sich, so fest sie konnte. Erst blieb er ganz steif sitzen, aber schließlich konnte auch er sich nicht dagegen wehren. Uns so lagen sie sich viele Minuten in den Armen und weinten stumm, während die Nähe des anderen Trost spendete.

Und trotzdem war dadurch noch nichts gesagt. Es war zum Verzweifeln. Lisa nahm Rokkos Gesicht zwischen ihre Hände und legte ihre Stirn an seine. Mit erstickter Stimme sagte sie schließlich:

„Rokko, es tut mir leid. Als ich zu deinem Antrag ja gesagt habe, habe ich es so gemeint. Mit jeder Faser meines Herzens. Ich weiß, dass dir das jetzt auch nicht hilft, aber in diesem Moment wollte ich dich wirklich heiraten und da hat es David nicht gegeben. In diesem Moment gab es nur dich und mich. Für immer."

Sie schaute ihm eindringlich in die Augen und Rokko musste schlucken. Lisa im Arm zu halten fühlte sich immer noch so richtig an, aber das hier war ein Abschied und er musste diesen Gedanken einfach akzeptieren. Obwohl es sich nicht richtig anfühlte, dass es ein Abschied sein sollte. Hier und jetzt war sie die Lisa, in die er sich verliebt hatte. Die er zu kennen geglaubt hatte. Er versteifte sich wieder etwas. Er konnte ihr nicht mehr vertrauen, oder doch? Dabei hatte er so feste Vorsätze für dieses Treffen gehabt. Und trotzdem hatte er sich umarmen lassen. Er entfernte sich ein Stück von ihr, brauchte dringend einen kleinen Abstand. Jetzt saßen sich beide im Schneidersitz unter den Schaukeln gegenüber und Lisa nahm zaghaft und mit kalten, zitternden Händen Rokkos Hände in die ihren.

„Ich weiß nicht, ob ich dir erklären kann, wie es dann passiert ist. Ich verstehe es ja selber nicht so richtig. Ich habe dich auf jeden Fall nicht belogen. Aber..."

Lisa fiel es unheimlich schwer, weiterzusprechen. Schließlich saß ihr da Rokko gegenüber und ihm hatte sie das Herz gebrochen. Welche Ironie des Schicksals. Sie drückte seine Hände fester, als suche sie selbst in diesem Moment, wo sie stark sein musste um Rokkos Willen, bei ihm Halt. Mit einem traurigen Blick lächelte sie Rokko an. Er war so stark gewesen und sie hatte ihn gebrochen. Das raubte ihr fast den Atem und ihr kamen neuerlich die Tränen.

„Weißt du, ich habe mich sofort in David verliebt, als ich ihn das erste Mal gesehen habe. Das hat mich wie ein Schlag getroffen. Das hatte ich bis dahin noch nicht gekannt. Und das Gefühl ging auch nicht weg, egal was zwischendurch passiert ist. Mariella war egal, es war egal, dass ich bloß Lisa war und David, David. Alles war egal, weil ich davon überzeugt gewesen bin, dass wir zusammen gehören. David war meine erste Liebe und die ist immer etwas ganz besonderes. Als du dann in mein Leben getreten bist, da wollte ich zuerst nicht wahrhaben, dass ich auch jemand anderen mögen könnte, ich habe mich irgendwie wie eine Betrügerin gefühlt. Und da habe ich zum ersten Mal den Fehler gemacht mir einzureden, dass ich David nicht mehr liebe. Mit dir war es so einfach. Wir haben miteinander gelacht und dir war nichts peinlich. Ich konnte unbeschwert ich selbst sein. Und ich bin sicher, dass wenn David sich damals nicht eingestanden hätte, dass auch er mich liebt, die Gegenwart heute auch anders aussehen würde. Aber er hat es und..."

Lisa holte tief Luft und fügte leiser hinzu:

„Den Rest kennst du ja. Ich wollte dir schon damals nicht wehtun, aber ich war einfach nur glücklich, dass ich endlich dort war, wo ich mich über ein Jahr vorher hingeträumt hatte. Und dann wurde David entführt und du warst einfach wunderbar. Wenn ich dich nicht gehabt hätte, wäre ich bestimmt verzweifelt. Und ich schäme mich dafür, dass ich dir so wehgetan habe. Du bist der beste Mensch, den ich kenne. Und eigentlich habe ich dich nicht verdient gehabt. Und wenn ich dich mit David vergleichen würde, dann hätte der sowieso keine Chance. Aber ich habe das alles nicht mit dem Verstand entschieden, Rokko, sondern mein Herz hat gesprochen. Und bis mir David den Heiratsantrag gemacht hat, war ich auch selbst der Meinung, dass ich dich heiraten würde. Aber dann sind all die Gefühle wieder hoch gekommen. Die Sehnsucht, die Hoffnung auf David, die ich immer hatte und die nie erfüllt wurden. Und dann waren sie zum Greifen nah. Und ich glaube, ab hier war ich wirklich so dumm und unfair. Ab da hätte ich es wissen müssen. Aber ich habe mir aus Stolz immer wieder eingeredet, dass ich ihn nicht mehr liebe. Und außerdem hatte ich es dir ja so oft gesagt, dass ich nur dich will. Rokko, ich komme mir selbst so schäbig vor. Im Inneren habe ich es gewusst und trotzdem immer wieder ignoriert. Ich hätte ehrlich sein müssen! Aber ich habe das nie getan, um dich zu verletzten. Rokko, ich habe dich geliebt. Aber David einfach länger und ich hätte mich immer gefragt, was wäre wenn."

Lisa war ganz ausgelaugt nach dieser Rede, denn sie hatte jetzt zum ersten Mal in Worte gefasst, was sie drei Monate verbissen ignoriert hatte. Ihr Fehler war nicht gewesen, David zu heiraten, sondern es sich nicht früher einzugestehen. Rokko hatte während Lisas Monolog genau zugehört und jetzt wich erst Recht alle Kraft aus ihm.

‚Wenn es David nicht gäbe oder dieser sich nicht plötzlich an seine Liebe erinnerte hätte.'

Rokko war verbittert. Was Lisa an ihm fand, konnte er sowieso nicht verstehen. Wenn es um ihn ging, war sie nie ganz sie selbst und in Rokkos Augen konnte sie sich in seinem Schatten nicht entfalten. Sie war ein Schatten ihrer selbst, unterdrückte ihre Wünsche immer ein bisschen zu seinen Gunsten und vergaß zum Teil, ihren eigenen Gefühlen Priorität einzuräumen. Er schüttelte wieder den Kopf. Das war eine Sache, die würde sie ihm sowieso nicht erklären können. Genauso wenig wie Lisa ihr Herz beeinflussen konnte, konnte er seinem sagen, dass es Lisa vergessen sollte. Hier saßen sie nun und Rokko schaute Lisa traurig an. Aber als er weiter sprach, war aller Vorwurf aus seiner Stimme gewichen:

„Ja, dass hättest du tun müssen. Du hättest um deiner selbst und um meinetwillen, ehrlich sein müssen. Ich habe dir dafür viele Chancen gegeben. Aber mich dann vor dem Altar zu verlassen, war fast mehr, als ich ertragen konnte. Du standest da vor mir, hattest dich für mich so hübsch gemacht, aber erkannt habe ich dich trotzdem nicht mehr. In diesem Moment warst du nicht die Lisa, der mein Herz gehört. Nur deshalb bin ich gegangen, ohne ein Wort zu sagen. Aber dadurch haben sich viele Gefühle angestaut, die immer wieder an die Oberfläche kommen. Aber jetzt ist es zu spät. Wenn du es früher getan hättest, dann hätte ich auch nicht immer so einen bitteren Beigeschmack, wenn ich an dich denken muss. Es hätte mich bestimmt nicht glücklich gemacht, dich gehen zu lassen, aber ich hätte es getan."

„Das weiß ich, Rokko. Das macht es alles noch schlimmer. Oh bitte, du darfst mich nicht hassen, Rokko, das würde ich nicht ertragen."

Rokko blickte Lisa wieder an, nachdem er zwischenzeitlich wieder in die Dunkelheit gestarrt hatte. Er brachte ein Lächeln zu Stande und Lisas Herz machte einen Sprung. Wenn er so lächelte, dann wurde ihr ganz anders.

„Lisa, ich könnte dich niemals hassen. Das ist irgendwie mein Fluch. Nein, ich hasse dich nicht, aber du hast mich enttäuscht und ich glaube kaum, dass ich dir noch einmal vertrauen kann. Mich zu belügen, war ein Vertrauensbruch und ich bin eher maßlos enttäuscht als wütend. Ich habe dir vertraut und du hast dieses Vertrauen nicht gerechtfertigt. Zum Teil liegt das sicher an deiner Geschichte mit David, aber das ist keine Rechtfertigung. Die Lisa, die ich geglaubt habe zu kennen, hätte das nicht gemacht. Aber zumindest kann ich jetzt nicht mehr böse sein."

Er lächelte sie noch einmal an und nahm sie dann vorsichtig in den Arm. Lisa kamen sofort wieder die Tränen und sie drückte Rokko so fest an sich, wie sie konnte. Das war er jetzt, der endgültige Abschied von Rokko. Ihr wurde schmerzlich bewusst, dass dies eine große Leere in ihr hinterließ und sie wollte ihn nicht loslassen. Rokko jedoch löste die Umarmung, obwohl auch ihm das sehr schwer fiel. Ihm liefen stumme Tränen das Gesicht hinunter und er nahm Lisas Gesicht zwischen die sanften Hände. Dann gab er ihr einen zarten Kuss auf die Stirn und sagte dann man einem unendlich traurigen Blick:

„Ich glaube ich werde dich immer lieben. Leb wohl, Lisa."

Dann drehte er sich um und ging die Straße hinab und ließ ein in Tränen aufgelöste Lisa zurück.

TBC