Kapitel 10

Hermine kam nur sehr langsam zu Bewusstsein und schlief immer wieder ein, nachdem sie kurz winzige Details ihrer Umgebung wahrgenommen hatte. Sie fror erbärmlich und ihre Haut schien zwei Nummern zu klein für ihren Körper. Doch außer dem entsetzlichen Spannungsgefühl spürte sie auch noch einen unglaublichen Schmerz der allgegenwärtig zu sein schien. Wo er seinen Ursprung fand konnte sie nicht ergründen und sie fiel zurück in einen schmerzlindernden Dämmerzustand noch bevor sie sich darüber Gedanken machen konnte.
Später erwachte sie erneut, wohl von dem lauten Stöhnen, irgendwo in ihrer Nähe.
Erst nach einigen Sekunden wurde ihr bewusst, dass sie selbst für diese Laute verantwortlich war.
Da war er wieder, der Schmerz. Sie krümmte sich, rollte sich auf die Seite und zog ihre Beine an den Körper heran. Sie konnte sich dunkel daran erinnern, den Schmerz schon einmal gespürt zu haben.
Doch wann war das gewesen?
Wo war sie?
Wieder dieser Laut, der ihr so fremd erschien und doch aus ihrem eigenen Mund drang.
Unvermittelt griffen zwei Hände nach ihr und drehten sie auf den Bauch.
Es war nicht nur so, dass der Schmerz sich weiter steigerte, sie bekam es mit der Angst zu tun. Hatte sie bisher noch geglaubt vollkommen allein zu sein, fühlte sie sich mit einem Mal schutzlos ausgeliefert.
Wer hatte ihr diese Schmerzen zugefügt?
Was würde als nächstes geschehen?
Wo war sie?
Warum konnte sie stöhnen aber nicht schreien?
Sie versuchte es, doch es wollte ihr nicht gelingen. Zu mehr als einem Wimmern war sie nicht in der Lage.

„Bleiben Sie ruhig, Miss Granger."

Wem auch immer diese Stimme gehörte, sie war unglaublich beruhigend. Es lag etwas Bekanntes darin. Sie glaubte den Worten vertrauen zu können. Wollte ihnen vertrauen.
Sie spitzte ihre Ohren, wollte noch mehr von ihnen hören, Worte die so unscheinbar waren und ihr dennoch so viel gaben. So nahm sie mehr und mehr Geräusche wahr.
Ein Gefäß wurde geöffnet, kurz darauf klang es so, als würden zwei Hände aufeinander reiben. Noch bevor sie sich nach dem Sinn dieser Laute fragen konnte, spürte sie zwei warme Hände, die an ihrem Nacken entlang glitten und eine klebrige Masse darauf verteilten. Augenblicklich verringerten sich die Schmerzen an dieser Stelle. Auch das Spannungsgefühl ebbte auf ein erträgliches Maß ab.
Sie gab sich diesen angenehmen und vorsichtigen Berührungen hin. Es war nicht nur die Tatsache, dass der Schmerz genommen würde. Es war das Empfinden an sich.
Die Hände glitten sanft über ihren Rücken, ihre Arme, kaum mehr als eine streichelnde Berührung, sie vermittelten ihr das Gefühl von Geborgenheit. Ein ums andere Mal drang ein leises Seufzen aus ihrem Mund. Sie fühlte sich sicher und scherte sich kaum um den Gedanken, wer sie da behandelte. Sie war sich schlicht sicher, dieser Person vollkommen vertrauen zu können. Ein schlechter Mensch würde sich kaum so viel Mühe geben, ihr die Schmerzen zu nehmen.
Sie driftete wieder in einen leichten Schlaf und erwachte erst, als sie erneut umgedreht wurde.
Diesmal strichen die Hände von ihren Füßen nach oben den Körper entlang. Wann immer sie verschwanden um erneut Salbe aus dem Gefäß zu nehmen, empfand Hermine ein intensives Verlustgefühl.
Nachdem auch die Vorderseite ihres Halses vom Schmerz befreit war, spürte sie, wie eine warme Decke über sie ausgebreitet wurde. Es fiel ihr immer schwerer, bei Bewusstsein zu bleiben, nur am Rande bekam sie noch mit, wie auch ihr Gesicht behandelt wurde.
Kurz bevor sie endgültig einschlief, öffnete sie mühsam die Augen.
Sie blickte in ein Gesicht, das ihr sehr vertraut vor kam, welches sie aber nicht zuordnen konnte.
Schwarze Haare umrahmten die blassen Züge. Unter den dunklen Augen lagen noch viel dunklere Schatten.
Dann schlief sie ein.

Als sie das nächste Mal erwachte, herrschte fast vollkommene Finsternis um sie herum. Einzig ein silbriges Schimmern diente als Lichtquelle und so konnte sie wenigstens ihre Umgebung erkennen. Sie befand sich wieder in dem Pensionszimmer.
Wie sie hier her gekommen war, war ihr ein Rätsel.
Das letzte was ihr in Erinnerung geblieben war, waren unbeschreibliche Schmerzen.
Oder nein.
Das letzte woran sie sich erinnerte... war das Gesicht von Snape.
Snape.
Beklommen wagte sie einen Blick unter die Decke, die sie noch immer bis zum Kinn bedeckte.
Ihre Befürchtungen wurden wahr. Sie war vollkommen nackt.
Hitze stieg ihr ins Gesicht, die sich noch verstärkte, als sie sich an ihre wohligen Laute erinnerte, mit denen sie seine Behandlung quittiert hatte.
Was war nur geschehen?
Sie sah sich genauer um. Snape lag ausgestreckt auf dem Sofa, er schien zu schlafen. Vor ihm stand ein steinernes Gefäß, welches das diffuse Licht verströmte.
Das Denkarium.
Sie hatte es gefunden, im Schornstein... Die Flammen... Die Hitze... Der Schmerz.
Die Erinnerungen brachen über sie herein und mit ihnen ein unangenehmer Schmerz zwischen ihren Beinen.
Mit vorsichtigen Bewegungen führte sie ihre Hand an ihren Intimbereich. Er schien förmlich zu glühen.
Sie atmete einmal tief durch. Mit was auch immer Snape sie eingerieben hatte – wenn sie ihrer Nase vertrauen konnte, war es eine einfache Brandsalbe gewesen - zumindest hatte er es nicht dort getan. Aber wohl überall sonst. So fern es möglich war, intensivierte sich die Hitze in ihrem Gesicht noch einmal. Die Vorstellung nackt vor ihm gelegen zu haben, die Vorstellung das seine Hände. Sie brach diesen Gedanken ab. In diesem Moment wäre sie am liebsten im Erdboden versunken.
Sie verharrte noch einige Minuten verkrochen unter ihrer Decke und versank in Selbstmitleid. Dann trieb sie ein kaum zu ertragener Durst aus dem Bett.
Mit der Decke um ihren Körper geschlungen, machte sie sich auf dem Weg zum Wasserhahn im Bad.
Dabei wäre sie beinahe über ihre Sachen gestolpert, die verstreut auf dem Fußboden lagen. Erleichterung machte sich in ihr breit. Es erschien ihr wesentlich einfacher, Snape unter die Augen zu treten, wenn sie wenigstens vollständig bekleidet war.
Nach einer kleinen Katzenwäsche und geschätzten drei Litern kühlen Trinkwasser, schlich sie zurück in das Zimmer.
Snape schlief noch immer. Seine tiefen Atemzüge verrieten es ihr allzu deutlich.
Und so wurde sie magisch angezogen von dem Steingefäß, das so verlockend schimmerte. Noch ehe sie es sich richtig überlegt hatte, war sie in die Erinnerungen eingetaucht.
Ein fataler Fehler, wie sie nur kurze Zeit später erfahren sollte.
Sie fand sich an einer groben Mauer wieder, an die ein keines Waldstück grenzte.
Es war eine tote Gegend, im wahrsten Sinne des Wortes.
Kaum ein Laut war zu hören, nichts.
Kein Rascheln, kein Heulen, kein Knacken.
Gespenstisch war diese Umgebung, weder die Bäume lebten, noch schien es auch nur ein lebendes Tier zu geben.
Es wehte nicht mal der kleinste Windhauch. Unweit von ihr brannte ein Feuer. Ein Mann, in einen schwarzen Umhang gehüllt, stand davor und streckte seine Hände nach der Wärmequelle aus.
Hände die so weiße waren, dass die Haut transparent zu sein schien.
Hermine wusste genau, wem sie sich gegenüber sah. Es war schließlich nicht das erste Mal. Obwohl sie sehr genau wusste, dass dies nur eine Erinnerung war, dass Voldemort besiegt und tot war, bekam sie es mit der Angst zu tun.
Zu gerne hätte sie die Erinnerung verlassen, doch sie wusste nicht wie.
So wurde sie Zeuge, wie eine weitere Gestalt die Szenerie betrat.
Ein Plopp erklang.

„Du kommst spät, Thomas.
Ich bin es nicht gewohnt, dass man mich solange warten lässt."

Der Angesprochene sank augenblicklich auf die Knie, senkte den Blick in Richtung Boden.

„Ich weiß, mein Herr. Bitte verzeihen Sie. Doch ich kann erklären..."

Voldemort trat an ihn heran.

„Schweig, deine Ausreden interessieren mich nicht.
Kannst du dir vorstellen, warum ich dich gerufen habe?"

Den Blick weiter starr nach unten gerichtet, war die einzige Reaktion ein Kopfschütteln.

„Du solltest es wissen...
Es geht um deine Tochter, Thomas.
Um deine Tochter, die als Aurorin inzwischen eine wirkliche Gefahr für meine Todesser darstellt."

„Meister, sie hat ihren eigenen Willen. Sie weiß nicht, dass ich ein Todesser bin, sie weiß es nicht."

Voldemort ging zu ihm. Seine rechte Hand fasste unter das Kinn des Todessers, zwang ihn, in die roten Augen des Unmenschen zu blicken.

„Dann wird es Zeit, dass sie es erfährt.
Ich will, dass du sie zu mir bringst. Ich will, dass sie lernt, was es bedeutet, sich mit mir anzulegen.
Haben wir uns verstanden?"

Der drohende Ton verfehlte seine Wirkung nicht.
Ein Schlucken und dann die leise Antwort.

„Ja, Meister."

Ein leichter Strudel bildete sich in der Umgebung.
Wenige Augenblicke später, fand sich Hermine auf derselben Lichtung wieder.
Diesmal waren es drei Personen, die sich am Feuer befanden.
Voldemort, der Todesser der letzten Erinnerung und eine junge Frau, sicher nicht viel älter als Hermine selbst.

„Ein so hübsches Mädchen."

Flüsterte Voldemort.
Sein Zauberstab fuhr prüfend an ihrem Körper entlang.

„So hübsch, so gesund und so voller magischen Potentials.
Eine Schande, dass dein Vater es versäumt hat, dir die richtige Erziehung zukommen zu lassen. Eine wirkliche Schande, denn nun wirst du leider..."

Gerade als sein Zauberstab ihren Bauch erreicht hatte, hielt er in seinen Worten inne.

„Jung, gesund und fruchtbar."

Er streckte die Hand nach der Frau aus. Sie versuchte ihm auszuweichen, doch er packte sie so fest, dass sie nur aufschreien konnte.

„Haben Sie Angst, meine Liebe?
Das brauchen Sie nicht. Nicht mehr.
Ich werde ihr Leben verschonen. Vorerst.
Das Schicksal meint es gut mit Ihnen. Ich wünsche mir schon lange einen Erben, ein Kind das meinen Weg beschreiten soll. Ich glaube nicht an meine Vernichtung, bei Merlin, nein.
Doch die Erfahrung lehrt uns schließlich, dass selbst ein kleiner Junge, fast noch ein Baby, Pläne um Jahre zurückwerfen kann."

Er lachte, kurz und bösartig.

„Ein Kind. Unzählige meiner Gefolgsleute bilden sich ein, meine rechte Hand zu sein, mein Kronprinz.
Niemals würde ich einen aus ihren Reihen wählen, keiner ist mir gewachsen, keiner.
Doch mein eigen Fleisch und Blut, meine rechte Hand. Eine Stütze, ein Vertrauter.
Wie sehr sehne ich mich danach."

Er zog die Frau näher an sich heran, drängte sich an ihren Körper, sog ihren Geruch in sich ein. Hermine konnte die Gier erkennen, die er in diesem Moment empfand.

„Und dann diese Gelegenheit.
Du, so voller Magie, so schön."

Er zog sie mit sich, unweit des Feuers stand ein... Hermine konnte es nur als eine Art steinernen Altar bezeichnen.
Sie wollte sich abwenden, wollte ihre Ohren und Augen verschließen, doch ihr Blick blieb wie gebannt an Voldemort hängen.

„Meister, ich bitte Euch."

Der Todesser bewegte sich aus seiner Starre.

„Schweig, Thomas. Deine Tochter wäre nun eigentlich schon tot.
Sei Zeuge dieser Ehrung in deiner Unfähigkeit ein solches Kind gezeugt zu haben. Wenigstens dazu warst du nütze."

Und das Unfassbare geschah. Der Todesser verharrte in seiner Position.
Auch er blickte stumm zum Altar.
Voldemort stieß die Frau hinauf, sie versucht sich zu wehren, mit allem was ihr möglich war, Händen, Füßen, Zähnen.
Doch Voldemort wich ihren Angriffen scheinbar spielend aus und richtete seinen Zauberstab auf sie. Sie war gefesselt, ihm schutzlos ausgeliefert.
Hermine schlug ihre Hände vor das Gesicht. Sie wollte fort, nur noch fort.
Verzweifelt versuchte sie, ihre Ohren vor den Schreien der Frau zu verschließen, doch sie drangen zu ihr durch, trieben ihr Tränen in die Augen.
Immer wieder schrie das Opfer nach ihrem Vater, ein Vater der sie ausgeliefert hatte und nun zusah wie Voldemort sie vergewaltigte. Der wahrscheinlich wirklich stolz auf diese Ehre war.
Übelkeit stieg in Hermine auf, sie schrie um Hilfe wie die Frau.
Doch während deren Rufe ungehört verhallten, während ihre Laute immer mehr von Schmerzen gezeichnet und schriller wurden, kam Hermine tatsächlich jemand zur Hilfe.
Sie wurde grob an den Schultern gepackt und fand sich kurz danach im Pensionszimmer wieder. Nur kurz erblickte sie Snapes wütendes Gesicht.
Dann sank Hermine in sich zusammen und erbrach sich.