9. Teil unserer Familie

Ich trat auf den Kiesweg vor unserer Garage und blickte in den Nachthimmel. Die Wolken waren aufgerissen und der Vollmond beleuchtete alles mit seinem matten silbrigen Glanz. Wie immer in solchen Nächten sah ich gen Norden und suchte meinen Lieblingsstern. Hell und fest verankert leuchtet sein Licht, wie immer schenkte er mir Ruhe und Gewissheit. Gewissheit auf ein Morgen, egal was auch geschehen er würde, er würde beständig an seinem Platz stehen, unverrückbar.

„Betrachtest du wieder den Nordstern.", erklang Maries helle Stimme.

Ich drehte mich in die Richtung aus der ihre Stimme kam und erspähte sie auf ihrem Lieblingsplatz. Sie saß mit angezogenen Beinen auf dem Dachfirst und sah zu mir herunter. Dort war sie immer wenn sie für sich sein wollte, doch heute hatte sie offensichtlich auf mich gewartet. Sie klopfte auf den Platz neben sich und sah wieder zum Mond. Mit einem Satz sprang ich aufs Dach und setzte mich zu ihr. Über eine Stunde saßen wir wortlos nebeneinander und betrachteten den Himmel, sie den Mond und ich den Nordstern. Dann legte sie den Kopf an meine Schulter und zog geräuschvoll Luft durch die Nase ein.

„Du riechst nach Mensch.", stellte sie emotionslos fest und ich war mir nicht sicher, ob sie mich mit ihren Worten tadeln wollte oder ob es nur eine Aufforderung war endlich zu reden.

„Wie war euer Wochenende und wie geht es Claire und Stuart?", begann ich das Gespräch mit dem einfachsten Thema, in der Hoffnung das sie viel spaß hatten und so milde gestimmt waren.

„Das Wochenende war OK, wir hatten viel Spaß, aber wir haben dich alle vermisst. Besonders Claire war sehr enttäuscht, das du dich nicht hast blicken lassen, aber darüber wollte ich nicht mit dir reden. Was läuft da zwischen dir und diesem Mädchen?", fragte sie scharf und direkt.

„Nenn sie nicht dieses Mädchen, sie hat einen Namen, du kennst ihn, benutz ihn auch.", antwortete ich genauso scharf.

„Also gut,", grummelte sie, „was läuft da zwischen dir und Sandy?"

„Wir nähern uns einander an."

„Was soll das jetzt heißen?"

„Das heißt… das wir… oh man, das ist schwere zu erklären. Ich liebe sie und ich glaub das sie mich auch liebt.", flüsterte ich.

„Du liebst sie und sie liebt dich auch, wie? Ich mein am Freitag wusstest du noch nicht was du für sie empfindest und nun das. Was ist geschehen?" Eindringlich sah sie mich an. Die Lippen zu einem Strich gepresst und die Augenbrauen hochgezogen, trommelte sie ungeduldig mit den Fingern auf den Dachziegeln.

„Als ich am Freitag in der Mensa auf sie wartete,", fing ich an und dann erzählte ich was am Freitag alles passiert war. Die Sache mit Nancy, der blutige Zwischenfall in der Mensa, das sie mich danach beruhigt hat, das wir essen waren und uns danach unterhalten haben. Nur das mit unseren Gaben, was sie wusste und unsere Vereinbarung erwähnte ich nicht.

„Und dann bist du über Nacht geblieben. Was ist dann passiert?", fragte sie jetzt neugierig.

Ich erzählte ihr vom Samstag, vom Frühstück, als ich den ersten Kuss erwähnte riss sie die Augen auf und sah mich entsetzt an, sagte aber nichts. Also sprach ich weiter, von unserer Reise nach Montreal, vom Konzert und der Party. Als ich die Möchtegern Vampire und das ganze drum herum erwähnte lachte sie so ausgiebig und hemmungslos, das ich angst hatte sie fällt gleich vom Dach, was sie natürlich nicht tat. Dann erzählte ich ihr noch von heute und nachdem ich geendet hatte sah ich sie erwartungsvoll an.

„Das wird schwierig und sie hat nichts gemerkt, wo ihr euch doch geküsst habt und so? Ihr ist doch bestimmt was aufgefallen." Sie war besorgt, das konnte man ihr ansehen.

„Nun, sie hat so einiges bemerkt.", druckste ich rum. „Meine Körpertemperatur, das mit unseren Augen, das ich hart wie Stein bin, die Kriegsnarben, das ich nicht esse oder trinke und mich manchmal zu schnell bewege."

Bei jedem Punkt den ich aufzählte wurden ihre Augen größer und blankes entsetzen spiegelte sich in ihnen. Ihre Hände zitterten vor Erregung und ein Ziegel zerbröselte als sie wieder auf ihm rum trommelte.

„Sie weiß zuviel, das ist nicht gut, das ist nicht gut.", sagte sie panisch.

„Sie wird nichts sagen.", stellte ich bestimmt fest, davon war ich felsenfest überzeugt.

„Wie kannst du dir da sicher sein?", fragte sie skeptisch.

„Sie hat es mir versprochen."

„Einfach so, das kann ich nicht glauben."

„Nicht einfach so. Ich hab ihr im Gegenzug versprochen, das ich ihr ALLES erkläre und damit meine ich wirklich alles, die ganze Wahrheit."

Ich sah sie prüfend an. Sie war mehr als nervös und jedem anderen hätte sie jetzt in die Fresse geschlagen.

Wütend fuhr sie mich an. „Das ist nicht dein Ernst. Das kannst du nicht machen. Du darfst ihr nicht sagen das wir Vampire sind, das ist ein Verstoß gegen die Regeln. Du bringst uns alle in Schwierigkeiten."

„Sie ahnt es, nein sie weiß es schon seit langem. Sie wusste es schon bevor wir sie getroffen haben. Sie spricht es nur nicht aus, weil sie weiß das ich noch nicht bereit bin darüber zu sprechen.", versuchte ich sie zu beruhigen.

„Wie das, hatte sie schon mal mit Vampiren zu tun?", fragte sie ungläubig.

„Nein, soweit ich weiß sind wir die ersten, aber sie hat eine Gabe, daher weiß sie es."

„Eine Gabe, was für eine?"

„Das wird sie dir irgendwann selber sagen, aber es ist sehr beeindruckend und ich weiß es schon seit wir sie zum ersten Mal gesehen haben."

„Du weißt das schon so lange. Warum hast du nie was gesagt.", warf sie mir keifend vor.

„Weil wir eigentlich hätten verschwinden müssen, aber ich konnte schon damals nicht gehen. Erinnerst du dich noch an den Montag, wo du sie mit an unseren Tisch brachtest und an den Zeitungsartikel?"

„Irgendwas von einem Footballspieler der von einem Dach gefallen war, oder?"

„Ja Dave, nur das er nicht vom Dach gefallen ist."

„So stand es aber damals in der Zeitung."

„Ja, weil ich gut war.", ich grinste selbstgefällig. "Ihr wart doch damals auf der Party und du hattest sie doch auf einer anderen gesehen. Nachdem ich mit dir gesprochen hatte, war ich neugierig und hab sie gesucht. Als ich sie gefunden hatte, sah ich wie Dave ihr KO-Tropfen ins Bier geschüttet hat. Eh ich überhaupt nachdenken konnte saß ich in meinem Auto und war unterwegs um einzugreifen. Du weißt, das es nicht meine Art ist mich in Menschensachen einzumischen, aber hier konnte ich nicht anders. Schon damals bestand diese Bindung zwischen uns, die ich einfach nicht erklären kann, aber darüber reden wir gleich. Nachdem ich sie nach Hause gebracht hatte, hab ich mir erst ein Alibi und dann Drogen besorgt. Danach bin ich zu Dave hab die Drogen bei ihm deponiert und dann hab ich ihm bestraft, ach und das die Bullen ihn gefunden und die Drogen gefunden haben, dafür hab ich auch gesorgt. Keine Angst der sagt nichts, der ist froh das er noch lebt und mich nie wieder sehen muss.", vor meinem inneren Auge sah ich noch mal sein angstverzerrtes Gesicht und Lachte bitter. „Seitdem hab ich ein sehr ausgeprägtes Bedürfnis sie zu Beschützen, das geht soweit das ich sie die ganze Zeit im Auge behalte. Rund um die Uhr."

Sie hatte mir aufmerksam zugehört, das Trommeln ihrer Finger wurde immer schneller.

„Rund um die Uhr, wie? Ich dachte immer das wäre zu anstrengend und was meinst du mit Bindung?", fragte sie verblüfft.

„Meine Gabe verändert sich, sie ist stärker geworden, zumindest wenn ich sie bei ihr einsetze, sie zu beobachten streng mich überhaupt nicht an, nur wenn ich ganz genau zuhöre bin ich etwas abwesend, aber das ist nicht alles. In gewissen Situationen kann sie mich hören, obwohl ich nicht in ihren Geist eingedrungen bin und gestern… bin ich in ihren Geist eingedrungen. So was hab ich noch nie erlebt. Ich hab dir das mit der Wand ja schon mal erklärt, jeder hat sie, dachte ich zumindest, aber bei ihr da war nichts, kein Widerstand, gar nichts, es ist so als ob meine Gabe perfekt auf ihren Geist geeicht ist. Jetzt z.B. beobachte ich sie nicht und trotzdem weiß ich ganz genau wie weit sie von mir weg ist und in welche Richtung ich gehen muss, das kann ich eigentlich gar nicht.", erklärte ich ihr ruhig. Während ich sprach wurde das Trommeln erst langsamer, um dann ganz aufzuhören, am Ende sah sie mich mit weit aufgerissenem Mund an. Unfähig zu sprechen starrte sie mich an, sie verstand nicht wie das möglich sein konnte, aber wie sollte sie auch, es war ja meine Gabe und ich verstand es auch nicht.

„Meinst es hat was mit ihrer Gabe zu tun?"

„Ich denke nicht, ihre Gabe ist ganz anders als meine."

„Mhmm, dann kann ich es mir auch nicht erklären. Eins interessiert mich aber brennend. Wie ist das so, ich mein wie fühlt es sich an einen Menschen zu küssen?"

Ich sah hinauf zu den Sternen und dachte über ihre Frage nach. Wie war es sie zu küssen? Schön. Sehr schön traf es nicht annähernd. Als ich an sie dachte zauberte sich ein glückliches Lächeln meine Züge. Sie war so weich und warm, ihre Berührungen waren so zart und dann das Pulsieren in ihren Lippen wenn sie sich auf meine drückten. Wie sollte ich das nur erklären, wie sollte ich diesen Rausch erklären den jede ihrer Berührungen in mir entfachte. Doch da war auch die andere Seite und selbst jetzt wo ich nur an das Schöne dachte, erinnerte mich mein Köper daran, dass ich nicht wie sie war. Das da in mir dieser Dämon, diese Monster war, das nach ihrem Blut lechzte. Was würde ich nur dafür geben ein ganz normaler Mensch zu sein? Alles! Doch ich war in dieser Existenz gefangen und aus ihr gab es kein entkommen, nur den endgültigen Tot.

„Überwältigend.", antwortete ich letztendlich. „Es ist wie ein Rausch. Sie ist so weich und warm und ihr Geschmack, so schön Salzig, dann das Pulsieren wenn sich unsere Lippen treffen, das kann ich gar nicht beschreiben. Ich kenne nur ein Gefühl das stärker ist als dieses Feuerwerk." Ja, wenn man die Zähne in sein Opfer schlägt und sein Blut trinkt, fügte ich im Gedanken hinzu.

Sie legte ihre Hand auf meinen Arm, wie unterschiedlich ihre Berührungen doch waren. Sandys Berührung war die einer Feder, zart und weich, aber voll intensiver Wärme und wenn sie mich streichelte war es wie ein Lufthauch oder besser wie ein Saharawind. Marie war zwar nicht weniger sanft, aber ihrer Berührung war natürlicher, kräftiger und durchdringender und auch wenn ihre Haut für mich nicht kalt war, so fehlte ihr doch diese angenehme Wärme.

„Macht sie dir den keinen Durst?" Alles an ihr strahlte Besorgnis aus, das war nicht mehr das wütende Mädchen von vorhin, das war wieder meine geliebte Tochter, der verbindende Pol in unserer kleinen Gemeinschaft.

„Doch sie macht mir Durst, vor allem wenn sie so stürmisch ist und mich fast anspringt, aber ich hab das unter Kontrolle." Hoffte ich zumindest, aber machte ich mir da nichts vor? Doch Sandy war sich so sicher und das nahm mir die letzten Hemmungen. „Das ist noch so eine Sache, der Klang ihres Herzens. Normalerweise müsste er ja den Durst anheizen, aber nicht ihrer. Ihr Herzschlag hat so was angenehm beruhigendes, das ist unvorstellbar."

„Was hat sie nur mit dir gemacht?", kicherte Marie. „Wo ist unser Bruce? Der ewig ernste, grübelnde, oft melancholische Bruce. Dich kenn ich nicht. Du bist viel zu heiter, du strahlst ja richtig und in deiner Stimme liegt soviel wärme, wenn du von ihr sprichst. Sie tut dir offensichtlich gut und ich mag sie ja auch. Ich werde euch nicht im weg stehen, auch wenn ich die Gefahr nicht übersehen kann. Denk immer daran sie ist nur ein Mensch. Doch…" Sie ließ ihren Kopf zwischen den Schultern hängen und starrte nach unten. Eine gefühlte Ewigkeit später hob sie wieder ihren Kopf und sah mich bekümmert an. „Ich habe Angst. Sie ist ein Mensch und sie weiß zuviel, wenn das rauskommt. Du kennst die Konsequenzen."

Ich wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als mich das Klappern von Dachziegeln, am anderen Ende des Daches, aufsehen ließ. Eddie stürmte den First entlang und blieb vor Marie stehen. Seine rabenschwarzen Haare fielen ihm in Strähnen ins Gesicht, als er Marie an seine breite Brust zog. Eddie war mit sein 1,75 gut 10 cm kleiner als ich, doch seine breiten Schultern glichen das mehr als aus.

Sanft strich er ihr übers Haar und sah sie besorgt an. „Wer weiß zuviel? Sag es mir.", fragte er sie eindringlich.

„Sandy, sie weiß was wir sind.", antwortete Marie sofort.

„Keine Angst, Schatz. Ich kümmere mich darum." Er war eiskalt und entschlossen, wenn Gefahr für Marie bestand kannte er kein zögern.

‚Ich kümmere mich darum.', halte es immer wieder durch meinen Kopf, wenn er so sprach bedeutete das nichts Gutes. Was hatte er nur vor? Mein Gesicht fror zu einer Maske.

„Was hast du vor?", kam mir Marie mit ihrer Frage zuvor.

„Was wohl, ich werde das Problem beseitigen. Ein Treppensturz oder sie läuft vor ein Auto, so was halt. Menschen haben Un."

Weiter kam er nicht. Als ich hörte wie er ihr ableben plante, schrie alles in mir auf. Das konnte und würde ich nicht zulassen. Der Instinkt sie zu Schützen gewann die Oberhand. Ein wütendes Knurren drang aus meiner Kehle und im selben Moment hockte ich mit gebleckten Zähnen in Angriffshaltung vor ihm.

Einige Ziegel, die sich durch mein wütendes Aufspringen gelöst hatten, rutschten scheppernd das Dach herunter, um mit lautem Klirren auf dem Boden zu zerschellen. Angespannt suchte Eddie die Umgebung nach einer vermeintlichen Bedrohung ab. Er hatte noch nicht verstanden das meine Angriffhaltung ihm und nicht irgendjemand anderen galt.

„DU WIRST IHR NICHTS TUN!", zischte ich, während ich in gebückter Haltung auf ihn zu ging.

Augenblicklich wirbelte er Marie hinter sich und stand in Abwehrhaltung vor ihr, als wenn ich ihr je was tun würde. Finster sah er mich an.

„Das geht jetzt zu weit Bruce. Deine Menschenliebe in allen ehren, aber sie muss ausgeschaltet werden. Ich muss Marie schützen, du hast ja niemanden für den du so empfindest, das kannst du gar nicht beurteile." Brüllte er so laut das es über das ganze Grundstück halte.

„Du.", schrie ich wutentbrannt und wollte mich gerade auf ihn stürzen als Marie mit einem Satz zwischen uns landete. Erneut rutschten Ziegel das Dach herunter. Sie hatte die Arme in beide Richtungen ausgestreckt und sah von einem zum anderen.

„Jungs, beruhigt euch.", dann sah sie zu mir. „Er weiß es noch nicht."

„Du hast es ihm nicht gesagt?", fragte ich überrascht.

„Was hast du mir noch nicht gesagt?", zischte Eddie.

Marie seufzte, dann nahm sie einen tiefen Atemzug und wand sich zu Eddie.

„Ed,", sprach sie ihn sanft an, „du wirst ihr nichts tun, nie. Du wirst sie sogar beschützen wenn ihr Gefahr droht."

Skeptisch sah er sie an. „Wieso sollte ich das machen, was geht sie mich an."

„Weil wir das so machen, wir passen auf einander auf und sie ist jetzt ein Teil unserer Familie."

„Wie das?" Er sah von ihr zu mir und dann wieder zu ihr.

„Sie ist ein Teil unserer Familie, weil sie mit Bruce zusammen ist." Mühsam bahnten sich die Worte den weg über ihre Lippen, als könnte sie selbst noch nicht den Sinn dahinter verstehen. Eddie machte einen Schritt nach hinten, ungläubig sah er zwischen uns hin und her, während sein Verstand das gerade gehörte verarbeitete.

Dann Lachte er lauft auf und zweigte auf mich. „Bruce, das kann nicht dein Ernst sein, mit einem Menschen. Jetzt drehst du wohl total durch. Gibt's denn nicht genug schöne Vampirfrauen, muss es denn unbedingt die sein?"

„Ja, es muss Sandy sein, darüber diskutier ich nicht, finde dich damit ab." Meine Wut war noch nicht abgeflacht, aber da für sie keine Bedrohung mehr bestand gab ich meine Angriffshaltung auf.

„Oh, ich soll mich damit abfinden das du uns alle in Gefahr bringst, sehr nett.", antwortete er sarkastisch.

„Ed, er liebt sie. Da kann man nichts machen und du weißt doch wie das ist, man kann sich nicht aussuchen wenn man liebt. Sie tut ihm gut und hat er denn nicht verdient glücklich zu sein? Außerdem ich mag sie auch!", redete sie auf ihn ein.

Resigniert hob er die Hände. „Ich sehe schon, ihr zwei seit euch einig. Also gut. Von mir aus. Werde glücklich mit ihr, aber kommt nicht an wenn das schief geht."

Schwer ließ er sich auf den Dachfirst fallen und sah verärgert in den Himmel. Marie setzte sich zu ihm und spielte mit seinen Haaren. „Sei doch nicht so, es gibt Dinge an denen können wir nichts ändern und du wirst sie auch mögen, endlich sind wir vollständig."

Als sie vollständig sagte bildete sich ein fetter Kloß in meiner Kehle. Nein wir waren nicht vollständig, nicht solange Lucie nicht bei uns war.

Ich setzte mich und sah wieder zum Nordstern. Geräuschvoll atmete ich aus. „Wir sind noch nicht vollständig!"

„Wie?", fragten beide wie aus einem Mund.

„Ihr habt noch eine Schwester. Lucie.", antwortete ich zögerlich.

„Wir haben noch eine Schwester, seit wann?" Marie hatte wieder das Wort an sich gerissen und beide sahen mich gespannt an.

„Ja, ihr habt noch eine kleine Schwester. Ich habe sie Jahre vor euch verwandelt und ich glaube sie wird in den nächsten Jahren wieder zu mir, zu uns stoßen."

„Du hast sie nie erwähnt, warum nicht?", stellte Eddie fest.

„Weil die Erinnerung an sie sehr schmerzhaft ist. Als ich sie damals verwandelt habe, da wusste ich noch nicht was ich tat. Ich war ja selbst noch sehr jung, nicht viel älter als ihr jetzt und ich hab viele Fehler gemacht."

„Was ist geschehen, kannst du das etwas genauer erklären?", fragte Marie sanft.

Ich nickte, aber bevor ich antwortete zog ich meinen Pullover und mein T-Shirt aus. Mit nacktem Oberköper saß ich da und dutzende Kriegsnarben funkelten im silbrigen Licht des Mondes. Ganz im Gedanken fuhr ich die Bissspuren ab, dann blickte ich in zu ihnen. Neugierig sahen sie mich an und warteten auf eine Erklärung für meine Handeln.

„Ihr wollte doch immer wissen, woher ich all diese Narben habe, das ist ein Teil meiner Geschichte mit Lucie…" Ich erzählte ihnen alles, wie ich sie fand und verwandelte, das ich sie nicht an unsere Art zu leben gewöhnen konnte, unser Leben als Nomaden, unser Treffen mit Eric und Jim, wie wir Teil ihres Kriegerclans wurden, alle die vielen Kämpfe im Süden, deren Spuren für immer meinen Körper zeichnen werden und wie ich sie damals verlassen habe. Aufmerksam ohne eine Gefühlsregung zu zeigen hörten sie mir bis zum ende zu.

„Wie ist sie denn so? Ich meine außer das sie gern Kämpft und Menschen aussaugt." Echte Neugier sprach aus Eddie, man merkte ihm an das er sich auf seine neue Schwester freute.

„Wie ist sie? Gute Frage. Mal lieb, einfühlsam, verständnisvoll und herzensgut und ein andermal ist sie dickköpfig, zickig, alles muss nach ihrem Willen gehen sonst ist sie eingeschnappt. Sie ist halt ein richtiger Teenager, sie war ja erst 16 als ich sie verwandelt habe. Aber eins ist sie immer loyal, wenn sie dich mag, dann hält sie zu dir und das sie damals in New Orleans geblieben ist, war ihre freie Entscheidung, wenn ich darauf bestanden hätte wäre sie mir wohl gefolgt, aber ich wollte sie nicht zwingen."

„Du glaubst wirklich das sie zu uns kommt und so lebt wie wir? Das wäre ja so toll. Dann wären wir Frauen endlich in der Überzahl und ich hätte zwei Schwestern die mit mir shopen gehen, ohne ständig zu murren wie ihr zwei." Jubelte Marie und führte ein kleines Freudentänzchen auf, fehlte nur noch das sie eine Fahne mit Frauenpower hießt. Eddie und ich grinsten uns an, auch wenn wir uns am heutigen Abend nicht über alles einig waren, aber die Vorstellung von diesen elende nicht enden Einkaufsturen, von Boutique zu Boutique, von Schuhgeschäft zu Schuhgeschäft, zwischendurch noch ein Juwelier, ein Geschäft für Accessoires oder ein Laden für schöner Wohnen, verschont zu werden, hatte was erleichterndes. Wir würden die Zeit schon rum bekommen, es gab noch so viele Schrottplätze, Autohändler, Bau- und Elektronikmärkte in denen wir zwei noch nicht waren.

„Schön das ihr euch freut, aber es ist noch nicht klar wann sie zurück kommt, nur das.", versuchte ich sie zu bremsen.

„Woher willst du das wissen?" Begierig sah Eddie mich an und liebkoste den Nacken von Marie.

„Das wirst du schon noch erfahren, aber nicht heute.", wehrte ich seine frage ab. „Es gibt noch ein Problem das wir besprechen müssen. Robert Lee!"

Jetzt hatte ich die Aufmerksamkeit von beiden.

„Robert Lee, was ist mit ihm?"

„Weiß er etwa auch bescheid?" , sprachen sie aufgeregt durcheinander.

„Nein, er weiß nicht bescheid, denke ich mal, aber ist euch denn nichts an ihm aufgefallen?"

„Er riecht immer leicht nach Vampir, aber da ist noch ein anderer Geruch.", antwortete Eddie. „Nicht der Menschliche, da ist noch was anderes an ihm das ich nicht einordnen kann. Nicht ganz so süßlich wie Vampirgeruch, aber eindeutig nicht menschlich." Erstaunt zog ich eine Augenbraue hoch, ja ich hatte es auch gerochen, doch nicht so genau beachtet. Ich dachte immer das dieser Geruch eine Mischung aus Mensch, Vampir und Parfüm war, aber jetzt da Eddie es bemerkte. Ja, er hatte recht da war noch was anderes, vollkommen unbekanntes.

„Nicht nur das.", beteiligte sich Marie. „Seine Körpertemperatur ist immer viel zu hoch und sein Herz schlägt viel zu schnell, so als hätte er immer gerade einen Sprint hinter sich und was seinen Geruch angeht. Er macht mir nie Durst, nicht das er unangenehm wäre, aber trinken würde ich von ihm nie, als wäre sein Geruch ein natürlicher Abwehrmechanismus gegen Vampire."

Noch so ein Punkt den ich noch nicht auf meiner Rechnung hatte, eine natürliche Abwehr. Ja, klar. Die Natur ging manchmal solche Wege. Nicht das wir ihn nicht töten könnten, aber trinken, nie und ich glaube auch kein anderer Vampir würde das je freiwillig tun.

„Als ich ihm am ersten Tag die Hand gab, da hat er sich nicht über meine kalte Haut gewundert. Keine Reaktion, kein Zucken, keine verwunderte Frage, nichts. Als wäre das für ihn ganz normal und dann sein Händedruck, viel zu stark für einen Menschen seiner Größe. Doch was am Freitag passiert ist, daß war das seltsamste überhaupt. Am Freitag gab es ja diesen Unfall in der Mensa." Marie nickte, aber Eddie sah mich fragend an, darum wand ich mich an ihn. „Ein Mädchen ist gefallen und hat sich die Nase gebrochen, sowie eine stark blutende Platzwunde am Kopf zugezogen. Keine fünf Meter von mir weg. War echt Lustig.", bemerkte ich sarkastisch. „Aber zurück zu Robbert. Nachdem ich draußen war und Sandy mich beruhigt hatte, hab ich mich umgesehen. Robbert war auch an der frischen Luft und kämpfte um Selbstbeherrschung. Eigentlich ja nichts Ungewöhnliches, viele Menschen haben ein Problem mit Blut. Doch als sich unsere Blicke trafen, lag darin etwas das wir nur zu gut kennen. Verlangen. Das gleiche Verlangen, das jeder von uns in einer solchen Situation hätte. Die Gier nach Blut. Das in seinen menschlichen Augen zu sehen. Nein, das konnte ich nicht glauben, aber je mehr ich darüber nachdenke desto sicherer bin ich mir. Das war Blutlust."

Wir sahen uns gegenseitig an und dachten schweigend über das Gesagte nach. Was war er bloß? Er war kein Vampir, aber ein Mensch war er auch nicht. Doch was war er genau? Ein Werwolf, nein. Ich hatte ein Kind des Mondes einmal in Asien gesehen, der roch ganz anders und außerdem waren sie unberechenbar, viel zu instinktgesteuert. So jemand könnte sich nicht solange an einem Ort aufhalten, nicht ohne Tote. Gestalltwandler? Nein, auch die rochen ganz anders. Mit schrecken dachte ich an mein Erlebnis von vor zwanzig Jahren in Afrika zurück. Ich streifte damals durchs Buschland als mich ein äußerst unangenehmer Geruch in die Nase biss. Dann tauchten wie aus dem nichts zwei Buschmänner auf und funkelten mich hasserfüllt an. Man haben die gestunken, schlimmer als ein fünf Monate nicht ausgemisteter Löwenstall. Plötzlich gab es ein Reißen und anstatt der Buschmänner standen zwei pferdegroße Löwen vor mir und brüllten mich an. Es gab nicht viel das mir noch richtige Angst einjagen konnte, aber die Zwei. Panisch war ich davon gelaufen und die Löwen hinterher. Erst als ich in einem Fluss untertauchte, hatten sie die Verfolgung aufgegeben. Nein, denen möchte ich nie mehr begegnen. Das war er definitiv auch nicht, es sei denn ihr Geruch wäre von der Art ihrer Verwandlung abhängig. So kam ich einfach nicht weiter, ich wusste einfach nicht was er war und das war beunruhigend.

„Eins können wir wohl festhalten.", unterbrach ich die Stille. „Er ist kein Mensch und wir wissen nicht ob er eine Gefahr ist oder seht ihr das anders?"

Beide schüttelten den Kopf. „Gut, was die Sache noch komplizierter macht ist das er mit April, einem Mädchen das bei Sandy auf dem Flur wohnt, ausgeht. Sollte der was passieren, könnte das zu Fragen führen." Beide nickten. Ich wand mich an Eddie. „Du wirst im Netz Nachforschungen anstellen, such nach allem, das die von uns festgestellten Dinge berücksichtigt und finde soviel wie möglich über Robbert Lee raus." Dann sah ich zu Marie. „Du nimmst Kontakt zu all unseren Bekannten auf. Du erklärst ihnen unseren Verdacht und stellst fest ob sie was wissen und ich werde Robbert im Auge behalten."

„Ja, so machen wir's.", stimmte mir Marie zu und Eddie hinter ihr nickte nur. Wir blieben den Rest der Nacht auf dem Dach sitzen, sahen gen Himmel und hingen unseren Gedanken nach.

Gegen Fünf wurde ich unruhig, die Sehnsucht nach Sandy wurde unerträglich. Ich wollte. Nein, ich musste sie sehen sofort und nicht nur mit meiner Gabe, sondern richtig. Ich drehte mich zu Marie und Eddie, sie saßen eng umschlungen da. Marie richtete ihren Blick auf mich und Lächelte mich versonnen an. Ich Lächelte zurück und hielt ihr meine Hand hin die sie sofort ergriff.

„Ihr wisst das ich euch liebe. Ich wüsste niemanden, mit dem ich lieber diese Reise in die Ewigkeit machen würde. Es tut mir leid, dass ich unser Leben so kompliziert mache, aber ich liebe sie und ich kann nicht ohne sie. Ich danke euch für euer Verständnis.", sagte ich leise mit sanfter Stimme.

Marie schnellte vor und umarmte mich. „Wir lieben dich auch und ich hoffe du wirst glücklich mit ihr."

Eddies Hand landete krachend auf meiner Schulter. „Ich wüsste auch nicht, mit wem ich diese Reise lieber machen würde.", dann schüttelte er heiter den Kopf und lachte herzlich. „Zwei neue Schwestern und eine davon ein Mensch, wir sind schon eine lustige Familie, aber was soll's."

Grinsend stand ich auf, wieder lösten sich ein paar Ziegel und schepperten zu Boden. Ich betrachtete den Flurschaden der letzten Nacht und musste lachen. „Das nächste Mal sollten wir solche Gespräche nicht hier oben führen." Ich nahm einen ganzen Ziegel und balancierte in auf einem Finger, bevor ich ihn in die Luft warf und wieder auffing. „Auf dem Rückweg besorg ich ein paar neue Ziegel und dann reparieren wir das Dach."

„Wo willst du denn hin?", fragte Marie neugierig.

„Schatz, wo wird er wohl hinwollen."

„Oh ja, dann grüß sie von uns und bring sie doch mal mit her."

„Mal sehen, bis später." Mit einem Salto rückwärts landete ich vor der Eingangstür. Ich ging ins Haus und zog mich noch um. Ich wollte sie sehen, jetzt und nicht erst heute Abend und sie würde eh gleich aufstehen und wenn ich sie zur Arbeit fuhr, sie nicht den Bus nehmen müsste, dann hätten wir auch etwas Zeit für uns.

Als ich zur Garage ging hörte ich Marie leise mit Eddie reden. „Ed, sie tut ihm gut. Sei nicht so. Du wirst sehen das klappt schon. Sei nett zu ihr. Mir zu liebe."

„Ja, schon gut", brummelte er.

Grinsend stieg ich in mein Auto und fuhr los.