Justus vermied jeden Blickkontakt zu Bob, jedes Wort. Er hängte sich schon fast an Peter und lies sich einfach von diesem zutexten. Normaler Weise war das etwas, was er so gar nicht mochte, aber dieses Mal versprach es Schutz von lästigen Fragen seitens Bob. So gut kannte er seinen Freund, das dieser ihn nicht vor Publikum bloßstellen würde – selbst wenn es nur Peter war.

So konnte Justus dann auch jeder Konfrontation mit Bob aus dem Weg gehen. Als die Glocke endlich das Ende des Schultages verkündete, beeilte sich Justus damit, seine Sachen zu packen. Er wollte verschwinden, ehe ihn Bob doch noch irgendwie aufhalten konnte.
Das aber misslang. Bob hatte sich die ganze Zeit über zurück gehalten, doch nun sah er seine Chance. Gerade als Justus zur Tür hinaus stürmen wollte, rief er hinter ihm her.
„Hey Just. Warte auf mich. Oder hast du vergessen, dass du mir mit Englisch helfen wolltest?"

Das hatte Bob so laut gesagt, dass es einfach alle gehört haben mussten. Zähneknirschend blieb Justus stehen. Er konnte nicht einfach gehen, das erlaubte er sich nicht. Es sähe zu sehr nach Flucht aus. Was würden dann die anderen von ihm denken?

Auf dem Weg zu Bob´s Elternhaus schwieg Justus. Was sollte er auch sagen? Er wollte nicht dorthin. Er wollte nicht mit seinem Freund reden. Es gab nichts zu reden.
Am liebsten wäre er ja noch nicht einmal mit gekommen, aber ihm fiel keine vernünftige Erklärung ein, mit deren Hilfe er sich drücken konnte.
So blieb ihm nur eines: am besten gar nichts sagen und hoffen, das Bob es möglichst bald Leid war, ihn mit Fragen zu nerven.

Justus war so in seinen Gedanken versunken, dass er fast in Bob hinein gelaufen wäre, als dieser vor dem Haus zum Stehen kam. Erst im letzten Moment bemerkte der erste Detektiv ihn, was ihm einen weiteren irritierten Blick seines Freundes einbrachte. Doch noch schwieg Bob.

Das änderte sich erst, als die beiden Bob´s Zimmertür hinter sich geschlossen hatten. Etwas steif und unsicher standen sich die beiden Freunde gegenüber, stumm und ohne sich anzublicken. Schließlich durchbrach Bob als erster die unangenehme Stille.
„Ich..." Bob musste sich räuspern, klang etwas nervös, wie Justus kritisch feststellte. „Möchtest du etwas trinken?"

Immer noch stumm schüttelte Justus den Kopf. Einen kleinen Kampf hatte er schon gewonnen, indem Bob es war, der das Schweigen endlich durchbrochen hatte. Im selben Moment schüttelte der erste Detektiv über sich selbst den Kopf. Gewonnener Kampf... Bob war doch ein guter Freund und kein Feind, den es zu bekämpfen galt. Aber trotz allem...

Auf der anderen Seite wäre etwas zu Trinken vielleicht doch gar nicht so schlecht gewesen. Es wäre etwas, woran er sich hätte fest halten können. Aber hatte er so etwas wirklich schon nötig? War er schon so tief gesunken, das er nicht mehr die nötige Selbstkontrolle hatte, um ohne solche billigen Hilfsmittel aus zu kommen?
Nein, er konnte sich nicht noch einmal um entscheiden. Er konnte keine Entscheidung rückgängig machen. Sein Entschluss stand, musste stehen. Er war nicht schwach, würde durchhalten.
Er wollte nichts trinken und auch nicht mit Bob reden. Und je eher er das Ganze Bob begreiflich machen konnte, desto eher konnte er sich in seinem Zimmer vergraben und diesen ganzen Mist für hoffentlich immer vergessen.

Entschlossen setzte sich Justus auf das Bett von Bob. Je eher daran, je eher davon, oder wie hieß das noch? Langsam hob er den Kopf, sah Bob an und zog die Augenbrauen hoch. Ein stummes Signal endlich zu reden, aber auch gleichzeitig ein Zeichen von Stärke. Er hatte es nicht nötig, zu sprechen, würde sich nur anhören, was Bob zu sagen hatte und dann wieder gehen...

Seufzend setzte sich Bob gegenüber von Justus auf seinen Schreibtischstuhl. Er musterte den ersten Detektiv kurz, ehe er langsam redete, als wenn ihn jedes Wort Überwindung kosten würde.
„So Justus. Jetzt nun mal ehrlich. Was hast du da an deinem Arm gemacht?"
Die Augen von Justus funkelten Bob böse an, aber er sagte nichts, verzog sogar noch seine Lippen zu einem leichten, spöttischen Grinsen. Er wollte sein Gegenüber einschüchtern, verunsichern, damit dieser mit seinen Fragen aufhörte.
„Ich meine... Was hast du..."
Bob war schon deutlich unsicherer als er versuchte, seine Frage zu wiederholen. Hart fuhr Justus dazwischen. „Nichts."
„Aber..."
Wieder lies ihn der erste Detektiv gar nicht erst richtig zu Wort kommen. „Da ist nichts."

Diesmal blieb Bob stumm, sah ihn nur ein wenig traurig und vorwurfsvoll an. Es zehrte an Justus´ Nerven, machte ihn noch nervöser. So einfach lies sich sein Freund dann wohl doch nicht einschüchtern. Justus schluckte, sah sich genötigt sich zu verteidigen.

„Wirklich. Das hast du dir vielleicht eingebildet oder so."

Im selben Moment wusste Justus, das er verloren hatte. Er hatte einen taktischen Fehler gemacht, der ihn alles kosten würde. Mit dieser Verteidigung, die nun alles andere als geistreich war, hatte er Bob zu verstehen gegeben, das da eben doch etwas war. Das es ein Geheimnis gab und das er, Justus, verdammt nervös war, weil Bob nicht mehr sehr weit entfernt war. Zumindest wenn er weiterhin so standhaft blieb, was zu vermuten war.
Justus biss sich auf die Lippen, kämpfte aber weiter; wollte nicht aufgeben, verlieren, auch nur irgendeine Schwäche zugeben.

„Ach ja? Beweis es." Ruhig und klar blickte Bob ihn an, doch Justus konnte dem nicht standhalten, sah stattdessen auf die Wand hinter dem dritten Detektiv.
„Nein. Ich muss dir gar nichts beweisen."
Ein schwacher Versuch, es doch noch zu verhindern. Er würde scheitern, das war Justus klar, aber er wollte nicht aufgeben, so lange noch die geringste Chance bestand, dass er dort heraus kam, ohne Bob auch nur irgendetwas zu erzählen.

Nun wirkte Bob entschlossen.
„Wenn du nicht mit mir redest, dann kannst du das deiner Tante erklären."

Schlagartig sah Justus wieder ihn an. Er war blass geworden. In seinem Kopf hallte nur ein alles, bloß das nicht. Das konnte ihm Bob nicht antun, das war mehr als hinterhältig. Dieser Schlag saß.
„Das wagst du nicht."
Nur noch ein Hauch, fast schon ein Flehen, aber nur fast.

„Sei dir da nicht so sicher. Entweder redest du mit mir, oder mit deiner Tante..."
Das Problem war: Justus glaubte Bob. Wenn er ihn keine zufrieden stellende Erklärung lieferte, würde dieser wirklich glatt mit seiner Tante reden.
„Verdammtes Arschloch."
Tränen schossen Justus in die Augen, als er wütend aufsprang. Er wollte nur noch raus. Ihm war es egal, ob das nach Flucht aussah. Das war es schließlich auch. Bob wusste es eh. Nun wollte er nur noch weg, wollte versuchen so zu tun, als ob nichts wäre. Das er Bob dabei eben beschimpft hatte - sehr untypisch für ihn - ignorierte er. Fühlte sich in die Ecke gedrängt, war kurz vor einem Zusammenbruch.

Bob verstellte ihm den Weg. „Gott Justus! Bleib hier!"
Justus sah Bob nicht an, als er versuchte, sich an ihm vorbei zu drängen. „Nein. Lass mich."

Bob hielt ihn einfach fest. „Was hast du?"
„Nicht!" Hastig machte Justus sich los, trat einen Schritt zurück, weg von Bob. „Herrgott, lass mich einfach in Frieden."
„Vergiss es." Es war ein Versprechen, aber in dem Moment noch viel eher eine Drohung. Justus zischte ihm nur ein „Genau" zu. Hoffte, dass Bob das tun würde, vergessen. Gleichzeitig war ihm klar, dass das nie passieren würde.

Bob und Justus standen sich gegenüber, Beide stur auf ihrer Meinung beharrend. Justus atmete heftig, als hätte er einen Dauerlauf gemacht, fühlte sich genauso erschöpft. Nur mit Mühe hielt er die Tränen zurück, aber seine Augen glänzten schon etwas verdächtig. Unter dem prüfenden Blick von Bob sackten seine Schultern zusammen. Seine Hände zitterten, sein Blick glitt zu Boden.

„Lass mich einfach. Bitte." Nur noch geflüstert. Justus hatte verloren, hatte aufgegeben.