Kapitel 10
In sentimentaler Stimmung brach Elizabeth ziemlich früh zu ihrem Morgenspaziergang auf. Ruhiges Nachdenken und die Nachtruhe hatten ihr Gemüt besänftigt, und obwohl sie an die Ereignisse des vorherigen Nachmittags nicht ohne Bestürzung denken konnte, machte sich ihr natürlicher Optimismus in der klaren, frischen Luft wieder geltend. Sie dachte lieber darüber nach, wie sehr sie ihre vertrauten Lieblingsplätze vermissen würde. Darcy hatte ihr versichert, dass es in Pemberleys Park genug Wege und Felder und Bäume gab, um den unermüdlichsten Naturliebhaber zufrieden zu stellen, und sie freute sich darauf, sie zu erkunden, aber sie wusste, es würde nirgendwo ganz wie in Hertfordshire und Longbourn sein.
Sie folgte dem ausgetretenen Pfad zum Rand des kleinen Longbourner Parks. Als sie in aller Ruhe zu der schönen alten Buche kam, die die Grenze des Anwesens markierte, blieb sie stehen. Mr. Darcy wartete auf sie.
Er lehnte mit seinem Rücken an den breiten Stamm, Arme und Füße verschränkt und studierte beschaulich einen seiner Stiefel. Die Krempe seines Huts beschattete sein Gesicht. Sie räusperte sich. Er richtete sich sofort auf. „Elizabeth", sagte er.
Sie sah sofort, dass der Liebhaber wieder zum Vorschein gekommen war. Seine Augen waren warm und seine Stimme klang erwartungsvoll. Er nahm seinen Hut ab und stand vor ihr. „Guten Morgen", sagte sie sanft.
„Ich hoffte, Sie würden hier entlang gehen. Ich habe schon oft Anlass gehabt, unsere gemeinsamen Spaziergänge in Rosings zu vermissen."
Als sie daran dachte, wie damals ihre Meinung zu diesen Spaziergängen gewesen war, lächelte sie nur. „Außer wenn ich nach Meryton gehen will, komme ich immer hier entlang."
Er trat näher, nahm ihre Hand und hob sie an seine Lippen. „Sie sehen heute Morgen bezaubernd aus", sagte er und berührte die Krempe ihrer Haube mit einem Finger. Sie schaute neckisch. Er küsste sie, sacht und schnell, etwas unsicher über die Reaktion und zog ihre Hand durch seinen Arm. Der Kuss brachte sie für einen Augenblick durcheinander, es war erst der zweite, den er ihr seit ihrer Verlobung gegeben hatte. Aber er war zu schnell vorüber, um sich viel daraus zu machen. „Welchen Weg nehmen wir jetzt?" fragte er.
„Ich wollte nach rechts gehen."
Er steuerte in diese Richtung und zitierte beim Blick auf eine nahe gelegene Reihe von Sträuchern in einer plötzlichen, überraschenden Laune: „These hedge-rows, hardly hedge-rows, little lines of sportive wood run wild –"
„– these pastoral farms, green to the very door, and wreathes of smoke sent up, in silence, from among the trees", fuhr sie bereitwillig fort. (*1)
„Genau." Er atmete tief durch und drückte ihren Arm näher an seine Seite. „Ich habe Sie vermisst, Elizabeth."
„War die Trennung so lang?"
„Vielleicht nicht. Aber ich habe Sie trotzdem vermisst."
Sie lächelte: „Da bin ich froh." Sie gingen zusammen in kameradschaftlichem Schweigen, bis der Weg nach Netherfield erreicht war. Darcy wusste, dass er gehen sollte, um später eine gebührende Aufwartung in Longbourn zu machen. Er blieb an der Abzweigung stehen, studierte ihr Gesicht, zog seinen behandschuhten Finger seitlich an ihrem Hals hinunter (was sie erschauern ließ) und streifte den Rand ihres Handschuhs zurück, um ihr Handgelenk zu küssen. „Ich werde nach dem Frühstück vorsprechen", versprach er. „Ich muss zuerst zu Ihrem Vater, werde Sie dann aber treffen."
Sie konnte nur nicken.
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An diesem Morgen nahm Mrs. Bennet die Kutsche und machte sich im Triumph auf, um all ihre Nachbarn zu besuchen und die wunderbare Neuigkeit zu verkünden. Elizabeth hätte sie begleiten sollen, vermutlich um herumgezeigt zu werden wie eine Kuh, die den ersten Preis auf einer Ausstellung gewonnen hatte, bis sie darauf hinwies, dass Mr. Darcy kaum erfreut sein würde festzustellen, dass sie weg war, wenn er zu Besuch kam. Sie wurde dann mit den Ermahnungen entlassen, ihr schönstes Kleid zu tragen, ihm etwas auf dem besten Porzellan anzubieten und auf keinen Fall in dieser unverschämten Art weiterzumachen wie bisher. Mary entschuldigte sich ebenfalls, aber die anderen drei Mädchen wurden mitgenommen, um an der Siegestour teilzunehmen. Elizabeth hätte gern Jane bei sich behalten, da sie sicher war, dass diese gezwungen wäre, viele Bemerkungen anzuhören, die ihr nur wehtun könnten, aber in diesem Fall konnte sie nichts tun.
Mit welchem Staunen und welchem Neid hörte die Gesellschaft von Hertfordshire die Nachricht von Miss Elizabeth Bennets Verlobung! Mr. Darcys Ansehen war in der Bevölkerung immer noch sehr schlecht, aber einige waren sicherlich bereit, ihm für die gute Tat, eine der ihren zu heiraten, vieles zu vergeben. Diejenigen, die Elizabeth gern hatten, sagten, sie freuten sich, dass sie so eine großartige Partie gemacht hätte, und Mr. Darcy habe wenigstens gesunden Menschenverstand bewiesen, indem er sie den Londoner Damen, die er hätte haben können, vorzog. Diejenigen, die schon immer auf den Status der Bennet Mädchen als regierende Schönheiten eifersüchtig gewesen waren, sagten gehässig, dass selbst die größte Pille geschluckt werden könnte, wenn sie vergoldet sei, und sie hätten schon immer gewusst, dass Lizzy Bennet vornehm tue. Hinzu kam natürlich die zusätzliche Aufregung wegen der früheren Vorliebe eben dieser Miss Bennet für die Gesellschaft eines gewissen Leutnants der Miliz, der bekanntlich von ihrem aktuellen Favoriten eine sehr schlechte Behandlung erfahren hatte. Dies brachte einige ziemlich schauerliche Geschichten in den Köpfen bestimmter unwürdiger Nachbarn hervor.
All dies wurde in den folgenden Wochen verbreitet und diskutiert. Obwohl sie sich viel zu Hause aufhielt, konnte Elizabeth dem nicht vollständig entkommen; überall wo sie Bekannte in Meryton oder in den Häuser anderer traf, wurden Glückwünsche entboten, verbunden mit verwunderten Blicken, süßlich grinsend vorgebrachten Anspielungen oder kriecherischem Lächeln. Die Schlimmsten von allen waren nach ihrem Empfinden diejenigen, die zwinkerten und ihr sagten, was für ein schlaues Geschöpf sie gewesen sei, alle glauben zu lassen, dass sie ihn hasste, während sie die ganze Zeit geplant hätte, ihn zu bekommen. Sie ertrug es, so gut sie konnte, ausnahmsweise einmal dankbar für Darcys Auftreten, das ihn vor vielen solchen Unverschämtheiten bewahrte. Ihre größte Befürchtung war, dass ihm irgendein taktloser Mensch tatsächlich erzählen würde, wie lautstark sie zuvor in ihrer Abneigung gegen ihn gewesen war. Sie wusste eigentlich, dass sie ihm selbst die Wahrheit sagen sollte – dass er es verdiente, sie zu kennen – aber ihr Mut verließ sie jedes Mal, wenn sie daran dachte.
Dazu würde es aber erst noch kommen. An diesem Morgen wurde sie glücklicherweise mit Mary und ihrem Vater als einziger Gesellschaft zurückgelassen. Sie beschloss, letzteren aufzusuchen.
„Ah, da bist du ja, Lizzy!" Mr. Bennet blickte von seinem Schreibtisch auf, wo er über einige Papiere gebeugt war. „Schön, dass du hereingekommen bist. Ich war gerade dabei, die Ehevertragsunterlagen durchzulesen, die Mr. Darcy für dich anfertigen ließ. Möchtest du sie sehen?"
Elizabeth wurde rot. „Nein", sagte sie fest. „Das wird nicht nötig sein."
Er hob eine Augenbraue. „Bist du sicher? Er war sehr großzügig. Willst du nicht sehen, welchen Wert dein junger Mann dir beimisst?"
„Gewiss nicht", antwortete sie verstört. Auf keinen Fall wollte sie in Zahlen sehen, wie viel sie von ihrer Ehe profitieren würde.
Mr. Bennet legte seine Feder nieder und schaute sie aufmerksam an. „Bist du noch immer absolut sicher, dass es dies ist, was du willst, meine Liebe? Sobald ich diesen Vertrag unterzeichne, wird es viel schwieriger sein, die Verlobung zu lösen. Wenn du irgendwelche Zweifel hast, musst du sie jetzt äußern." Schweigend schüttelte sie den Kopf. „Ich kann es hinauszögern, wenn du willst. Ich werde sagen, dass ich möchte, dass ihn zuerst noch mein Bruder Phillips durchsieht; Mr. Darcy wird beleidigt sein und mich böse anschauen, weil ich an ihm zweifle, aber er wird wenig dagegen tun können. Das würde dir noch ein paar Tage mehr zum Überlegen geben."
Sie konnte nicht umhin, durch seine Güte gerührt zu sein. „Ich zweifle nicht wirklich, Papa", sagte sie. „Es ist nur immer noch so seltsam, daran zu denken und unter dem Aspekt von Geldbeträgen darüber sprechen zu hören – das mag ich nicht."
„Geld ist bedauerlicherweise etwas, das ein Großteil der Welt bei einer Ehe für sehr wichtig hält – aber ignoriere nur auf jeden Fall die Tatsache, dass dein Mr. Darcy so sehr reich ist. Du wirst dich dann vielleicht tugendhafter fühlen und es wird ihn im weiteren Verlauf sicher nicht weniger reich machen." Er sagte dies sarkastisch und Elizabeth wandte ihr Gesicht ab. Seine Witzeleien schmerzten, aber was sollte sie sagen?
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Zu Mr. Darcy sagte Mr. Bennet, als er zu ihm kam: „Nun, es scheint alles in Ordnung zu sein. Ich könnte mich unmöglich beklagen, Sir. Meiner Meinung nach haben Sie Lizzy sicher weit mehr Geld bewilligt, als sie voraussichtlich jemals ausgeben wird."
„Es ist nur das, was einer Frau in der Stellung zusteht, die sie einnehmen wird."
Mr. Bennet kicherte ein wenig. „Ich fragte sie, ob sie die Bedingungen selbst durchsehen wolle, aber sie schreckte fast vor dem Vorschlag zurück. Ich glaube, Ihr Reichtum ist ihr unbehaglich, Mr. Darcy."
Darcy sagte nichts, blickte aber nachdenklich zur Tür. Er war versucht, den älteren Mann zu fragen, warum Elizabeth sich so unbehaglich dabei fühlte (er verdächtigte ihn halbwegs, darüber gefragt werden zu wollen), aber er hatte keine Lust, Elizabeths Gefühle – oder fehlende Gefühle für ihn – zu diskutieren.
Mr. Bennet unterzeichnete beide Kopien und Darcy versprach, seine sofort an seinen Anwalt in London zu senden, der alle finanziellen Transaktionen veranlassen würde.
„Ist – die Frage eines Termins schon angesprochen worden?" fragte er vorsichtig.
„Lizzy sagte mir, dass Sie nicht länger als einen Monat verlobt sein möchten, wenn es das ist, worauf sie sich beziehen."
„Ja. Ich bin bestrebt, auf mein Anwesen zurückzukehren, da es einige Dinge gibt, bei denen ich es nicht lange hinausschieben kann, mich um sie zu kümmern."
„Ich verstehe." Mr. Bennet betrachtete ihn spöttisch. „Zweifellos ist das eine Erklärung dafür."
Darcy errötete leicht. „Wenn Sie die Vorstellung nicht akzeptabel finden, Mr. Bennet ..."
Er seufzte. „Ich kann die Vorstellung, meine Lieblingstochter zu verlieren, in keiner Weise auch nur annähernd akzeptabel finden, Mr. Darcy, und ich würde mir wünschen, dass es nicht so bald geschieht, aber die Auswahl des Hochzeitstermins war schon immer das Vorrecht der Braut; wenn also ihre Mutter keinen Einwand erhebt, werde ich es auch nicht tun." Darcy nickte erleichtert. Er hatte Mitgefühl für Mr. Bennets Lage, war aber ganz und gar nicht gewillt, seine eigenen Wünsche denen seines zukünftigen Schwiegervaters zu opfern. „Haben Sie Wünsche, wie das Aufgebot verlesen werden soll?"
„Ich würde es vorziehen, eine reguläre Lizenz zu erwerben."
Es war so, wie Mr. Bennet erwartet hatte. Darcy gehörte eindeutig zu der Art von Menschen, die ihren Namen nicht laut in der Kirche vorgelesen haben wollten, wie es bei allen Bürgerlichen üblich war. „Nun, dann bleibt für Lizzy nur noch übrig, ihren Tag auszuwählen."
Der Tag, den Lizzy nach einiger Erörterung wählte, war Dienstag, der 9. Juni. Dass die Hochzeit an einem Dienstag stattfand, würde ihnen erlauben, ihre letzten Vorbereitungen am Montag zu treffen, während sie immer noch den größten Teil der Woche für eine gemütliche Fahrt nach Pemberley hatten. Als Mrs. Bennet zurückkehrte, begann sie sofort von einer Fahrt nach London zu reden, um Kleidung zu kaufen, aber Elizabeth äußerte Bedenken. Sie war gerade aus London gekommen und dachte, sie sollten ihrem Onkel nicht so bald wieder zur Last fallen. Ihre Mutter protestierte zunächst ziemlich scharf dagegen, aber ihr Vater unterstützte sie mit unerwarteter Entschlossenheit. Mr. Bennet fühlte, ihm würde wenig genug Zeit mit seinem Lieblingskind bleiben, bevor sie sich quer durch halb England von ihm entfernte, und er würde auf keinen Fall eine weitere Woche auf sie verzichten.
Obgleich verärgert, fand sich Mrs. Bennet so bald mit dem Unvermeidlichen ab, wie man es vernünftigerweise erhoffen konnte, und setzte sich sofort hin, um einen Brief an Mrs. Gardiner zu schreiben, mit einer Liste von Warenhäusern und der Bitte, Stoffe zu kaufen und sie eiligst nach Hertfordshire zu schicken, zusammen mit den neuesten Schnittmustern und Mode-Zeichnungen. „Denn ich darf wohl sagen, unsere Merytoner Schneiderinnen machen ihre Arbeit ebenso gut wie jede Schneiderin in der Stadt. Mrs. Walton hat schon jahrelang unsere Kleider angefertigt und es konnte wirklich nie jemand was anderes sagen, als dass unsere Mädchen die bestgekleideten in der Grafschaft sind."
Mr. Darcy hörte sich das alles mit dem Anschein völliger Gleichgültigkeit an; sein Gesicht hatte wieder seinen gewöhnlichen ernsten und hochmütigen Ausdruck angenommen. Wenn er irgendwelche Zweifel an Mrs. Waltons Fähigkeit hatte, Kleider anzufertigen, die einer Londoner Saison würdig waren, sah er keinen Grund, so etwas zu sagen; er könnte Elizabeth eine ganze Garderobe kaufen, nachdem sie verheiratet waren. Er würde Spaß daran haben.
Elizabeth hingegen verlor schlicht die Geduld mit ihm wegen seines unveränderten Benehmens. Er tat nicht einmal so, als sei er interessiert. Bevor die anderen zurückgekommen waren, hatten er und sie ein sehr angenehmes Gespräch geführt. Sogar Mr. Bennet war lange genug aufgetaucht, um sich ihnen für eine Weile anzuschließen. Sie spürte, dass sich die Dinge gerade wieder zurück in die Richtung bewegten, wie sie in London gewesen waren ... aber dann waren Mrs. Bennet und ihr Klüngel herein gerauscht und er wurde abermals teilnahmslos und kurz angebunden. Sie wusste, dass er diese verachtete, aber es so deutlich in seinem Benehmen zu sehen, kränkte sie. Andererseits, was hatte sie erwartet? Er war eben – Mr. Darcy.
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In einer Hinsicht war der Tag anders. Darcy willigte ein, das Dinner bei ihnen einzunehmen. Wenn man es recht bedenkt, konnte er kaum ablehnen. Nachdem er vielleicht 40 Minuten lang den Diskussionen zugehört hatte, wie viele Kleider Elizabeth benötigen würde, akzeptierte er schließlich Mr. Bennets Einladung, in seiner Bibliothek zu lesen. Es war eine sehr stille Stunde, die die beiden Männer zusammen verbrachten, wobei keiner auch nur ein Wort sprach, zu niemandes Bedauern. Dann wurde Darcy ungeduldig und ging auf die Suche nach seiner Braut. Er fand sie bis zum Ellbogen tief in Bändern und künstlichen Blumen, von denen es in Longbourn scheinbar einen unendlichen Vorrat gab. Sie lächelte, als sie ihn sah, aber es verblasste ein wenig angesichts seines distanzierten Benehmens.
„Kann ich mit Ihnen sprechen, Miss Elizabeth?" fragte er knapp. Ein wenig errötend entschuldigte sie sich und ging mit ihm in den Garten hinaus. Es war immer noch nass draußen nach dem Regen am Vortag, aber der Kies knirschte angenehm unter ihren Füßen und die feuchte Brise war eher willkommen.
„Ich habe mich gefragt, ob Sie Lord Byrons neuesten Gedichtband gelesen haben und wie Ihre Meinung dazu ist", begann er im Plauderton.
Elizabeth sah ihn ungläubig an. Hatte er sie wirklich aus keinem anderen Grund als diesem hier herausgeholt? Dachte er, es sei untadelig, drinnen so unhöflich und draußen so freundlich zu sein? „Ich habe ihn nicht gelesen", sagte sie.
„Sie überraschen mich. Ich dachte, alle jungen Damen würden an seinem Werk Gefallen finden."
„Ich bin sicher, Sie irren sich."
Er warf ihr daraufhin einen neugierigen Blick zu, sagte aber nur „Georgiana gefällt er sehr gut."
„Seine Gedichte meinen Sie, nehme ich an, nicht der Mann?"
Er lächelte leicht. „Natürlich. Haben Sie selbst keine Meinung dazu?"
„Sicherlich keine von Bedeutung."
Das rief ein flüchtiges Stirnrunzeln hervor. „Für mich ist sie gewiss bedeutsam."
„Nun, wenn Sie es unbedingt wissen wollen, ich finde es hochgestochen und übertrieben sentimental."
„Ah. In diesem Fall deckt sich Ihre Meinung ziemlich perfekt mit meiner." Er sah beinahe selbstgefällig aus.
Elizabeth war unwillkürlich amüsiert. „Dann wundere ich mich, dass sie danach gefragt haben, Sir. Was hätten Sie getan, wenn ich gesagt hätte, dass ich alle seine Werke verehre und sie an meinem Bett liegen habe?"
„Ihnen seinen nächsten Band gekauft, sobald er erschienen wäre, nehme ich an."
„Aber Sie hätten weniger von meinem Urteil gehalten."
„Von Ihrem Urteil über Poesie, vielleicht. Aber ich gestehe, ich glaubte mich sicher – es erschien nicht sehr wahrscheinlich, dass eine Dame, die der Poesie die Macht zuschreiben konnte, Liebe zu zerstören, für Childe Harold schwärmen würde." (*2)
„Wenn Sie es für wahrscheinlich halten, dass ich für irgendeinen Mann schwärme, Mr. Darcy, dann fürchte ich, dass ich Ihnen eine sehr schlechte Vorstellung von meinen Charakter vermittelt haben muss."
„Im Gegenteil, ich kann mir wenige Szenarien vorstellen, die weniger wahrscheinlich sind." Er dirigierte sie zu einer Bank, die dank der Laube darüber einigermaßen trockener war als die anderen. „Auch habe ich bei Ihnen niemals die lästige Angewohnheit bemerkt, ihn mit gefühlvollen Seufzern zu zitieren, wie es so viele elegante Frauen tun."
„Ich fürchte, Sie sind mir auf die Schliche gekommen. Ich bin ganz und gar nicht elegant."
„Nein, Sie lesen zu Ihrem Nutzen, nicht zu dem der Gesellschaft." Sein angenehmes Verhalten beruhigte sie und sie begann sich zu entspannen, bis er sich plötzlich aufrichtete. „Ich hätte es fast vergessen." Er griff in seine Tasche und zog ein kleines Juwelierkästchen heraus.
„Was ist das?"
Er zuckte die Achseln. „Ein Verlobungsgeschenk, wenn Sie so wollen."
„Aber Sie haben mir bereits ein Verlobungsgeschenk gegeben."
„Ja, aber jetzt sind wir offiziell verlobt." Sie schaute ihn skeptisch an. „Ich habe sie gesehen und an Sie gedacht." Sie zögerte nach wie vor. „Wirklich, Sie müssen es sich abgewöhnen, jede Kleinigkeit zu hinterfragen, die ich Ihnen bringe. Ich weiß, Sie sind daran gewöhnt, von Einkünften zu leben, die nicht viele unnötige Ausgaben erlauben, aber ich habe keine derartigen Einschränkungen. Ich erwarte auch nicht, dass meine Frau Pennies zählt, als ob ich die gewöhnliche Art von Landjunker wäre. Ihre neue Stellung im Leben ist besser als Ihre alte, Elizabeth; Sie sollten das akzeptieren."
Sie presste ihre Lippen zusammen, verletzt und beleidigt, und wandte ihr Gesicht ab. Nach einigen langen, flauen Momenten, in denen das angebotene Geschenk missachtet blieb, legte er das Kästchen neben sie auf die Bank und stand auf. „Ob Sie es wollen oder nicht, es gehört Ihnen. Vielleicht sollte ich bis zum Dinner nach Netherfield zurückkehren. Guten Tag." Er schritt davon, ohne auf ihre Antwort zu warten.
Elizabeth saß da im Kampf zwischen Zorn und Schuldgefühlen. Sein Verhalten zu ihrer Familie seit seiner Ankunft machte seine Worte verletzender, als sie es sonst gewesen wären; offenkundig hatte sich seine Meinung zu der Minderwertigkeit ihrer Stellung und ihrer Familie überhaupt nicht verändert. Allerdings wusste sie, dass ihre Reaktion auf sein Geschenk nicht so gewesen war, wie sie hätte sein sollen.
Schließlich begann ihre Neugierde die Oberhand zu gewinnen. Sie nahm das Kästchen, betrachtete es und versuchte den Inhalt zu erraten. Sie hatte sich immer noch nicht von den Perlen erholt, die er ihr das letzte Mal geschenkt hatte; was würde es jetzt sein? Er hatte gesagt „sie". Ohrringe, vielleicht? Sie trug normalerweise keine Ohrringe und war ein wenig überrascht, dass er es nicht bemerkt hatte. Sie öffnete das Kästchen behutsam, spähte hinein und schnappte nach Luft.
Es waren Haarkämme. Anmutige, goldbraune Kämme aus – was war das? Sie hob einen hoch und untersuchte ihn. Bernstein, entschied sie. Geschnitzter Bernstein, honigfarben und fast durchsichtig im Sonnenlicht, funkelnd mit Diamantensplittern und einigen gelben Steinen. Topase? Sie waren erlesen und sie konnte sofort sehen, wie gut sie in ihrem Haar aussehen würden.
Während sie den einen, den sie hielt, in das Kästchen zurücklegte, seufzte sie und schaute in die Richtung, in die Darcy gegangen war. Warum konnte sie das Geschenk nicht einfach annehmen, als er es ihr anbot? Warum musste er in mancher Hinsicht so charmant und in anderer so unausstehlich sein? Sie war sicher, dass sie weit mehr als nur seinen Stolz verletzt hatte. Würde es immer so schwer sein?
Sie ging zurück zum Haus und hinauf in ihr Zimmer. An ihrem Frisiertisch sitzend nahm sie das Etui heraus, das Darcys anderes Geschenk enthielt, und stellte beides offen, Seite an Seite vor sich hin. Im matten Licht schimmerten die Perlen und glitzerten die Kämme. Sie waren gleichermaßen Zeichen von Zuneigung und Besitzanspruch; und er hatte Recht, sie waren auch Symbole der Veränderung in ihrer Stellung. Diese Schmuckstücke ... sie streichelte sie behutsam. Sie repräsentierten alles, was eine Zukunft mit Darcy versprach: Schönheit, Üppigkeit, Ansehen und Liebe. Sie waren verlockend und fremd, faszinierend und belastend, alles zugleich.
Elizabeth blieb in ihrem Zimmer, bis es Zeit war, sich für das Dinner anzukleiden, und ihre Familie, die glaubte, sie wäre irgendwo draußen mit Mr. Darcy, störte sie nicht. Als die Glocke läutete wusste sie, was sie tun musste. Sie hatte all ihre guten Vorsätze des vorherigen Abends ganz vergessen, sie hatte sich von ihrem Groll beherrschen lassen, und als Ergebnis hatten sie sich wieder entzweit. Wenn sie es sich recht überlegte, hatte sie ihn vielleicht ziemlich vernachlässigt. Zwar konnte sie unmöglich die ganze Zeit mit ihm verbringen, doch hätte sie ihn nicht so arg lange sich selbst überlassen sollen. Er war nur wegen ihr in Longbourn. So oder so, dieses Mal war sie es, die beleidigt hatte; sie musste es wieder gut machen und hoffen, dass Darcys selbst eingestandener Unmut nicht ihr galt.
Die Kämme waren erlesen, eigentlich viel zu erlesen für ein einfaches Dinner zu Hause in Longbourn, aber sie fühlte, dass ihn nichts Geringeres besänftigen würde, als sie in ihrem Haar zu sehen. So rief sie Jane herbei und beriet sich mit ihr darüber, welche Frisur sie so vorteilhaft wie möglich zur Geltung bringen würde. Sie fand ein Abendkleid in einem warmen Gelbton und ging sorgfältig gekleidet hinunter.
Seit sie von Mr. Darcys Heiratsantrag erfahren hatte, hatte Mrs. Bennet es übernommen, Elizabeths Aussehen mehrmals am Tag zu überprüfen, wobei sie immer kritische Ratschläge gab. Das war etwas lästig, aber da eines der wenigen Talente von Mrs. Bennet ein feiner Geschmack bei Kleidung war, konnte Elizabeth ihr die Anweisungen nicht allzu sehr übelnehmen. Sie machte sich sogar einige davon zu eigen. An diesem Nachmittag wurde ihr an der Treppe aufgelauert.
„Lizzy, jetzt lass mich dich anschauen!" Mrs. Bennet runzelte die Stirn. „Warum hast du gelb ausgesucht? Mag Mr. Darcy gelb? Was ist seine Lieblingsfarbe, oder hast du dich wenigstens dazu bequemt, zu fragen? Wirklich, Lizzy, du musst mehr aufpassen auf seine –" Sie erspähte die Haarkämme und beugte sich vor. „Ich hab diese Kämme noch nie zuvor gesehen! Wo hast du sie her?"
„Mr. Darcy hat sie mir geschenkt, Mama." Elizabeth berührte selbstbewusst ihr Haar.
„So schön", hauchte Mrs. Bennet. „Nein, die sind fast so schön wie die Perlen, die er dir gegeben hat! So schlau von dir, ein gelbes Kleid dazu zu tragen! Kitty! Lydia! Kommt, schaut Mr. Darcys neuestes Geschenk für eure Schwester an! So ein großzügiger Mann! So ein tadelloser Geschmack!" Die Mädchen strömten neugierig um sie herum.
„Du liebe Zeit, Lizzy, ich wünschte, ich hätte einen reichen Verehrer, der mir Juwelen kauft! – die würden herrlich aussehen zu meinem blauen Kleid mit den gelben Bändern – kann ich sie für deine Verlobungsfeier ausborgen?" sagte Lydia in einem Atemzug.
„Du hast schon mein grünes Band ausgeborgt und es nicht zurückgegeben", gab Kitty mürrisch zurück. „Leih sie ihr nicht, Lizzy. Sie würde sie vermutlich in die Schüssel mit der Bowle fallen lassen!"
„Ich habe nicht die Absicht, sie irgendjemandem zu leihen", antwortete Elizabeth fest.
„Ich persönlich habe nicht viel übrig für solche Ornamente", bemerkte Mary, wobei sie die Kämme einer genauen Prüfung unterzog, „aber diese erscheinen ziemlich schlicht, und da sie dem praktischen Zweck dienen, dein Haar zurückzuhalten, missbillige ich sie nicht."
„Aber, Lydia, es kommt gar nicht in Frage, dass du dir die Kämme borgst! Was würde Mr. Darcy denken, wenn er sie in deinem Haar sieht, statt in Lizzys? Er hat sie nicht für dich gekauft, obwohl ich mir sicher bin, meine Liebe, dass du bald selbst 'ne Menge Männer finden wirst, die dir gerne so hübsche Kleinigkeiten kaufen werden. Denk nur an all die reichen Männer, die du treffen wirst, wenn deine Schwester verheiratet ist!"
„Mama", warf Jane taktvoll ein, „wenn ich nicht sehr irre, ist Mr. Darcys Kutsche jetzt da."
Daraufhin sah sich Mrs. Bennet um und stellte fest, ja, in der Tat, sie war da, also eilten alle sechs Bennet Frauen der Reihe nach ins Wohnzimmer, um ihn angemessen zu begrüßen. Bis Mr. Darcy aus der Kutsche hinab- und die Stufen hinaufgestiegen und ihnen respektvoll angemeldet worden war, hatte auch Mr. Bennet Zeit, in den Raum zu schlendern. Er stand neben dem Eingang, und Darcy, anstatt geradewegs Elizabeth anzusteuern, wie es seine bereits etablierte Gewohnheit war, blieb neben ihm stehen.
Elizabeth, die ihn ängstlich beobachtete, sah dies als ein Zeichen an, dass er entweder ihr ausweichen wollte, oder annahm, sie würde ihm ausweichen wollen. Seine offensichtliche Entschlossenheit, unbedeutende Bemerkungen an ihren Vater zu richten, der sie alle mit einem leichten Schmunzeln entgegennahm, konnte nicht von dem ehrlichen Wunsch kommen, ihn kennen zu lernen. War er ärgerlich oder lediglich unsicher?
Bald sah sie seine Augen nach ihr suchen. Sie drehte ihren Kopf nur leicht, so dass die Kämme im Licht glitzerten, und einen Moment später konzentrierte sich sein Blick in einer Weise, die ihr sagte, dass er diese bemerkt hatte. Dann wanderten seine Augen zu ihren, während er noch dem zuhörte, was ihr Vater sagte. Elizabeth lächelte ihm zu, ein Lächeln, das, wie sie hoffte, sowohl Dankbarkeit als auch Abbitte ausdrückte, und sah, wie er seinen Körper in der minimalsten aller möglichen Verbeugungen mit einem kaum wahrnehmbaren Lächeln neigte. Er hatte angenommen. Sie atmete mit einem Seufzer der Erleichterung auf, offenbar war sie befreit von unversöhnlichem Groll.
Sie gingen zum Dinner. Mr. Bennet führte seine Frau, und all die anderen Mädchen waren natürlich gewöhnt allein zu gehen, aber Darcy kam absichtlich quer durchs Zimmer, um Elizabeth seinen Arm anzubieten. Keiner von beiden sagte etwas, aber sie nahm ihn und war sich bewusst, dass seine Augen ihren Kopf musterten, während sie die kurze Strecke zusammen schritten.
Ihr Gleichmut hielt kaum bis zum Ende des Dinners. Tatsächlich dauerte es nicht lange, bevor Elizabeth sich fragte, warum sie ihn ursprünglich dort haben wollte. Es war albern, mit der Albernheit einer Familie, die über ihre privaten Belange murrte oder zankte. Niemand machte irgendeine Anstrengung eine Unterhaltung anzuregen, außer Mrs. Bennet – und sie schwang Reden über die außergewöhnliche Erziehung, die ihre Töchter genossen hatten, keine von ihnen half in der Küche, wie es die Lucas Mädchen taten – und wie viel besser Lizzys Hochzeitsessen (*3) sein würde als das von Charlotte, bis die besagte Tochter mit Freuden ihr Riechsalz nach ihr hätte werfen können. Sie fühlte, wie Darcy neben ihr immer angespannter wurde. Er würde nicht versuchen, sie in ein besonderes Gespräch zu verwickeln, solange ihre Familie so nah saß. Sein Gesicht zeigte seine Abneigung deutlich; Elizabeth fühlte sich in Elend versinken.
Sie merkte, wie sich ihre Gedanken unwiderstehlich ein halbes Jahr zurück wandten, als ihr erster und einziger früherer Verehrer erstmals mit ihnen an diesem Tisch saß. Die beiden Exemplare unterschieden sich so weit wie nur möglich voneinander, der eine geradeso redselig und unbeirrt zufrieden, wie Darcy stumm und ablehnend war. Ihre Mutter war böse auf Mr. Collins gewesen, ihr Vater spöttisch amüsiert. Jetzt war ihre Mutter kriecherisch und ihr Vater – nun ja, ihr Vater war immer noch amüsiert. Nahm er jemals irgendwie Notiz von der Welt, außer um sich darüber lustig zu machen?
Schließlich führte sie ein verzweifelter Impuls dazu, unter dem Tisch nach Darcys Hand zu greifen. Sie spürte, wie er ganz leicht aufschreckte; sofort schlossen sich seine Finger fest um die ihren. Und obwohl er für alle anderen genau gleich aussah – außer vielleicht für den aufmerksamen Mr. Bennet – konnte sie sagen, dass er weniger unglücklich war. Auf der anderen Tischseite jammerten und seufzten Lydia und Kitty und neben ihr aß Jane gelassen ihre Mahlzeit. Zu guter Letzt, wie durch ein Wunder, gab Mrs. Bennet endlich Ruhe und der Rest der Mahlzeit ging vorüber, wenn schon nicht mit Lebhaftigkeit, so doch ohne Widerwillen.
Die Trennung der Geschlechter dauerte nicht lange, da weder der künftige Vater noch der Schwiegersohn einander viel zu sagen hatten, und Darcy erschien das Wohnzimmer äußerst überfüllt. Gewöhnt an ruhige Abende allein mit seiner Schwester in einem viel größeren Raum, fühlte er sich ein wenig klaustrophobisch und zog sich bald zum Fenster zurück. Es dauerte nicht lange, bis Elizabeth neben ihm stand. Sie blickten eine kurze Zeit lang hinaus, dann spürte sie, wie sich sein Blick auf ihren Kopf richtete. Ein bisschen verzagt, wartete sie. „Sie sehen genauso aus, wie ich es mir vorgestellt hatte", war alles, was er sagte.
„Sie sind schön", murmelte sie. Dann sah ihn direkt an, „Es tut mir leid, dass ich so unfreundlich auf Ihre Aufmerksamkeit reagiert habe. Können Sie mir verzeihen?"
„Das habe ich bereits."
„Ich will nur nicht, dass Sie das Gefühl haben, Sie müssten mir Geschenke kaufen – dass Sie denken, ich würde es erwarten oder dass", ihre Stimme brach ein, „es das ist, warum ich Sie heirate."
Es folgte eine kurze Stille. „Das denke ich nicht", sagte er, mit etwas angestrengter Stimme. Warum heiratest du mich, Elizabeth? „Aber eines der Privilegien, die mit Einkünften wie meinen verbunden sind, besteht darin, dass ich Geschenke für die kaufe, die ich liebe, wann es mir beliebt. Es würde mich freuen, wenn Sie sie ohne Bedenken annehmen könnten."
„Das werde ich", versprach sie. Sie standen zu sehr im Blickfeld des Zimmers, um Händchen zu halten, aber sie lächelte ihn an, so warm sie sich getraute, und er blickte mit einem glücklichen Schimmer in den Augen zurück.
(*1) William Wordsworth, Lines Written a Few Miles above Tintern Abbey: „Diese Hecken, kaum Hecken, kleine Linien von verspieltem, verwildertem Gehölz – diese ländlichen Farmen, grün bis zur Tür, und Rauchsäulen, still zwischen den Bäumen hochsteigend"
(*2) Childe Harolds Pilgerfahrt ist eines der bekanntesten Werke des britischen Dichters Lord Byron. Die Anspielung auf die zerstörerische Macht der Poesie bezieht sich auf Elizabeths kurzes Geplänkel mit Darcy in Netherfield.
(*3) Im englischen Original steht Hochzeitsfrühstück (wedding breakfast). Dabei handelte es sich eher um ein Mittagessen nach der kirchlichen Trauung am Vormittag. Die damaligen Essenszeiten und die dabei gebräuchlichen Ausdrücke sind aber ein Thema für sich.
