Memories
Chapter 10
Wie fühlte es sich an aufzuwachen und zu erkennen, dass sich seine gesamte Welt für immer verändert hat? Ich war in der Tat überrascht, dass ich eingeschlafen war; nachdem was letzte Nacht geschehen war, dachte ich, ich würde bis zum Tagesanbruch wach bleiben.
Aber dann musste mich die Müdigkeit überkommen haben und ich war in den Schlaf gedämmert. Auch jetzt, während ich im frühen Morgenlicht blinzelte, konnte ich noch immer die Erschöpfung spüren als wäre sie mir in meine Knochen gebeizt.
André … André, wie konntest du nur … ?
Meine stumpfsinnige Litanei von letzter Nacht kam zu mir zurück und ich fühlte abermals die Qual als ich mich an diese verrückten Minuten erinnerte, die eine ganzes Leben zu dauern schienen.
André hatte mich noch nie zuvor auf diese Art und Weise angefasst. So hatte er noch nie die Kontrolle verloren. Ich hatte mich noch nie vor ihm gefürchtet, er war immer der nette und rücksichtsvolle André gewesen, den ich gekannte hatte, seit ich sieben Jahre alt war.
Bis zu letzter Nacht.
Und es hatte mit einem Missverständnis begonnen. Ich konnte nicht verstehen weshalb er bei der Erwähnung von Fersen übergeschnappt war.
„Hast du dich mit ihm getroffen? Du hast, nicht wahr!"
Warum sollte es André stören? Hatte ich mich gewundert. Aber die folgenden Sätze, die er gemurmelt hatte, hatten das beantwortet. Es hatte sich herausgestellt, dass es ihn sehr störte. Es hatte ihn bereits eine sehr lange Zeit gestört.
Und ich hatte es nicht gewusst! Wahrhaftig, ich hatte nichts vermutet und alles kam als Schock für mich. Dies war immerhin André über den wir hier sprachen. Dies war der Junge, mit dem ich zusammen aufgewachsen war, derjenige, der alles über mich wusste, was es zu wissen gab, die einzige Person auf dieser Welt, von der ich wusste, dass ich immer auf sie zählen konnte.
„Hast du mit ihm über mich geredet?"
Ja, André (hätte ich sagen wollen). Fersen und ich haben letzte Nacht über dich gesprochen, aber es geschah nicht in der Art und Weise wie du dir vorgestellt hättest, dass es passierte...
Er war einer aus der Gruppe an Leuten, mit denen ich zum Abendessen gegangen bin und, wesentlich später, noch in die Opera Bastille. Du hättest hören sollen, was die Gesellschaft über den Maskenball gesagt hatte. Offensichtlich war Fersen nicht der Einzige gewesen, der sich über die Identität der Dame mit der er in jener Nacht getanzt hatte, gewundert hatte.
„Madame du Deffand hat keine Ahnung wer diese Frau war," sagte Garnier, ein korpulenter, kleiner Mann in den Fünfzigern, der der Finanzabteilung von de Brun vorstand (und demzufolge Fersens Chef war). „Sie sagte, sie könnte eine der italienischen Gäste gewesen sein, oder eine von den Skandinaviern. Jetzt wo ich daran denke, sie war tatsächlich sehr groß."
Fersen hatte entschieden den Kopf geschüttelt, als er dies gehört hatte. „Sie war definitiv keine Skandinavierin, Sir" sagte er.
Ich hatte in das Lachen der anderen mit eingestimmt, wenn auch nur um mein wachsendes Unbehagen zu verbergen, als ich begriff für welchen Aufruhr mein Auftritt auf dem Maskenball gesorgt hatte. Wenn die führenden Köpfe bei de Brun es zu einem Gesprächsthema zu machen gedachten, dann musste ich mich wirklich vorsehen.
Es war klar, dass meine Anwesenheit auf dem Ball keine kluge Entscheidung gewesen war. Es war eindeutig ohne viel Rücksicht auf die möglichen Folgen geschehen; ich hatte nicht klar gedacht, als ich die Entscheidung getroffen hatte. Falls diese Madame Martin die Wahrheit wüsste...
Aber meine Anwesenheit auf dem Ball hatte geholfen, André. Nach dieser Nacht dachte ich, ich hätte mich endlich von Fersen gelöst. Zum ersten Mal seit ich ihn getroffen hatte, war ich in der Lage gewesen mit ihm zu reden, ohne mich darum zu sorgen mich zum Narren zu machen. Ich wurde endlich wieder normal und ich hatte mich nie in meinem Leben mehr erleichtert gefühlt.
Ah, aber André, die Dinge wären so schön gut gegangen, falls alle Gespräche über den Ball mit dem Abendessen geendet wären. Aber nein. Nach der Oper, nachdem alle endlich wieder ihrer eigenen Wege gegangen waren, war Fersen mit mir zurück zu dem Gelände gegangen, wo wir unsere Autos geparkt hatten.
Abermals war das Gespräch langsam auf jene bestimmten Nacht zurückgekommen. Aber Fersen war sehr schlau gewesen. Statt meine Wachsamkeit zu wecken, hatte er nach dir gefragt.
„Es geht ihm sehr gut, danke der Nachfrage," antwortete ich, überrascht, dass er nach dir fragen würde.
„Ein guter Mann, dein André," sagte er während wir langsam weitergingen.
„Das ist er," stimmte ich ihm zu. „Ich wüsste nicht, was ich ohne ihn tun würde."
„Und er ist bei dir seit – wann? Vielen vielen Jahren, nehme ich an," sagte Fersen.
„Seit vielen vielen Jahren," bestätigte ich, verwundert worauf er hinaus wollte.
„Er muss sehr glücklich sein wo er ist, wenn er so lange bleibt," sagte er. „Ich dachte er ist ein Absolvent der Universität."
„Das ist er," sagte ich, skeptisch werdend. Ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass Fersen versuchte mir etwas zu sagen, aber er blieb absichtlich unbestimmt.
„Wie ich schon sagte," erwiderte er lächelnd. „Der Mann muss sehr glücklich sein für dich zu arbeiten."
Das war der Moment, als ich begann über deine Situation nachzudenken, André.
Warst du wirklich glücklich, dass du geblieben bist, einen Tag nach dem anderen, an meiner Seite?
Ich hatte immer gewusst, dass ich nicht die beste Chefin war, oder die einfachste Person zum auskommen. Ich hatte gewusst, dass es Zeiten gab in denen ich extrem fordernd gewesen war, extrem irritierend und trotzdem hatte ich nie gesehen oder gehört, dass du dich beschwert hättest. Du warst immer so gut und freundlich gewesen; du warst immer für mich da gewesen.
Aber hattest du es aus reiner Verpflichtung getan? War es, weil du gewusst hattest, dass ich mich vor all den Jahren bei Vater für dich eingesetzt hatte? Du hattest ein oder zweimal zuvor gesagt, dass du dich eines Tages für diesen Gefallen bei mir revanchieren würdest und obwohl ich dir gesagt hatte, dass du dir nichts dabei denken solltest, war dies vielleicht deine Art mir im Gegenzug etwas Gutes zu tun?
Du hättest dich nicht bemühen müssen; du hättest guten Gebrauch von deiner Universitätsausbildung machen sollen und dir eine bessere Arbeit als ich sie dir geben konnte, suchen sollen. Warum hattest du deine Zeit verschwendet um bei mir zu bleiben?
Und das war der Moment als es passierte, André. Genau dann, als meine Gedanken bei dir waren, hatte Fersen zugeschlagen.
„Françoise," hatte ich ihn sagen gehört, und als ich mich zu ihm drehte um ihn anzusehen, neigte er sich plötzlich zu mir hin.
Es geschah so schnell. Eben stand er nur neben mir, im nächsten Moment beugte er sich zu mir hin, legte eine unverrückbare Hand auf meinen Arm, während die andere zu meinem Hinterkopf fuhr und meine schwere Mähne anhob - - auf die gleiche Weise wie mein Haar in jener Nacht des Balls hochgesteckt gewesen war.
„Was tust du?" stieß ich hervor, als ich begriff was er vorhatte. Ich griff nach oben um seine Hand wegzustoßen. „Lass mich los!"
Aber es war zu spät gewesen.
Es entstand ein Moment der Stille während dem er mich mit Verwunderung anstarrte. „Du warst es," sagte er schließlich, seine Stimme nicht lauter als ein Flüstern. „In jener Nacht … es warst wirklich du …"
Da spürte ich mein Herz würde stehen bleiben. Ich hatte nichts gesagt, hatte nur eine zitternde Hand auf meinen Mund gelegt, als ich die Tränen aufsteigen fühlte.
„Françoise, es tut mir so leid," sagte er, Erschütterung mischte sich mit Sorge in seinem Gesicht. „All diese Zeit, ich hatte es nicht gewusst … ich hatte es nicht gemerkt …"
Was konnte man in Zeiten wie diesen sagen?
So erstarrt mein Geist auch war, war ich doch in der Lage meinen Kopf zu schütteln. „Nein, du konntest es nicht erkennen und ich verstehe weshalb," sagte ich in einem Flüstern. „Bitte sag nichts weiter. Ich habe bereits aufgegeben, verstehst du. Es gibt zwei Arten von Liebe in dieser Welt: eine freudige Liebe und eine schmerzende Liebe; und ich weiß … ich weiß das es keinen Weg gibt für uns, dass wir jemals die erste von beiden erlangen werden."
„Nein Françoise," erwiderte Fersen, inzwischen fielen auch aus seinen Augen Tränen, „es gibt nur eine Art von Liebe in dieser Welt und sie ist erfüllt von Schmerzen."
Und da wusste ich, dass, trotz allem, was in den letzten Minuten passiert war, seine Gedanken noch immer anderswo waren; er dachte noch immer an Antoinette. Hatte ich ein deutlicheres Zeichen gebraucht, André? Offenbar nicht.
„Ich wusste dieser Tag würde letztendlich kommen," sagte ich, als ich wieder sprechen konnte. „Ich habe es immer wieder aufgeschoben, in der Hoffnung er würde nicht kommen. Aber er ist gekommen. Es ist jetzt zu Ende Fersen. Jetzt ist die Zeit da, in der wir uns verabschieden."
Er hatte seinen Kopf geschüttelt. „Bitte sag das nicht, Françoise," sagte er leise. „Ich weiß, dass wir nach dieser Nacht nicht in der Lage sein werden je wieder wie früher über den anderen zu denken, aber es wäre unerträglich für mich eine gute Freundin wie dich, die ich sehr schätze, zu verlieren. Egal, was passiert, vergiss nicht, dass wir immer die besten Freunde sein werden. Niemand kann uns das nehmen."
„Ich werde es nicht vergessen," versprach ich, als ich endlich in meinen Wagen stieg.
Die Fahrt zurück nach hause war unscharf in meiner Erinnerung. Wein war nicht in der Lage meine verwundeten Gefühle zu lindern. Und wusstest du was, André? In Zeiten wie diesen, gab es nur eine Zuflucht für mich und es hatte mich noch nie zuvor im Stich gelassen.
André, hatte ich gedacht. Ich brauche André …
Fast ehe ich begriff, was ich tat, hatte ich mein Handy herausgeholt und deine Nummer gewählt. Aber dann hatte mich im letzten Moment die Vernunft wieder übermannt und ich hatte schnell aufgelegt.
Was um alles in der Welt würde ich nun machen? Dich um einen Klaps auf die Schulter bitten, nachdem ich mit eine Kerl Schluss gemacht hatte, mit dem ich nie wirklich eine Beziehung hatte?
Fast augenblicklich, nachdem ich aufgelegt hatte, hatte jedoch mein Telefon zu klingeln begonnen. Es warst du.
André, ignoriere mich einfach, dachte ich während ich das Telefon anstarrte, ohne zu wissen ob ich abnehmen sollte oder dich einfach in Ruhe lassen sollte. Geh wieder schlafen …
Noch mehrere Male hattest du versucht mich zu erreichen und ich hätte den letzten Anruf beinahe schon angenommen, als du plötzlich mittendrin aufgelegt hattest.
Ich saß auf meinem Bett, meinen schmerzenden Kopf für einen Moment auf meinen Händen gebettet. Fersens Worte über dich verfolgten mich.
Warum warst du bei mir geblieben, André?
Und dann warst du gekommen und hattest meine Fragen beantwortet, obwohl ich mir nie in einer Million Jahren hätte vorstellen, dass du so für mich empfunden hast. Ich hätte deine Gefühle nie erahnen können, die so lange angestaut waren, dass sie wie ein Damm gebrochen waren und uns letzte Nacht beinahe beide hinweggeschwemmt hatten.
Letzte Nacht hatte ich dich weinen gesehen; ich hatte deine Tränen geschmeckt, als du dein Gesicht und deine Lippen gegen die meinen gedrückt hattest. Ich hatte mit Erschrecken die kühlen Laken unter mir gespürt, als du versucht hattest mich auf das Bett hinunter zu werfen, und ganz im Gegensatz dazu hatte ich die sengende Hitze deines Körpers über mir gespürt. Jetzt, wie ich so in der strahlenden Herbstsonne auf meinem Bett saß, konnte ich noch immer blass die Spuren erkennen, die du auf meinen Armen hinterlassen hattest. Ich hatte nicht gewusst, dass deine Arme so stark sind, so fest … so warm. Und die Art wie deine Lippen die meinen gebrandmarkt hatten …
Ich schloss meine Augen und erzitterte in der Erinnerung an deine strafenden Küsse, ich dachte mir es sei das Beste, alles so schnell wie möglich zu vergessen.
Heute war ich entschlossen dir und allen anderen zu zeigen, dass die Dinge so weitergehen würden wie bisher immer. Ich würde dir zeigen, dass ich die Dinge, die letzte Nacht geschehen waren, in einen fernen Winkel meines Geistes verbannt hatte, von wo sie nie heraus streunen würden um mich zu quälen. Ich würde dir zeigen das, so weit es mich betraf, nichts geschehen war.
Aber dann, was erwartete mich als ich im Büro eintraf? Nichts anderes als dein Kündigungsschreiben, ganz oben auf den Akten die Rosalie für mich bereitgelegt hatte. Als ich deine kurzen Zeilen las und meine Augen auf deine säuberliche Unterschrift am Ende deiner Aussage, dass du uns verlassen willst, sah, durchfuhr mich eine Wut wie ich sie selten zuvor gefühlt hatte.
Du musst einsehen, André, das es nicht leicht ist. Du bist nicht Fersen, dem ich es erlauben konnte und auch erlaubte sich davonzumachen. Falls du gehen würdest, was würde dann aus mir werden?
Was wird aus mir, falls du mich verlässt André?
Es war geradezu selbstsüchtig und ich hatte es vorher nie aus dieser Sicht bedacht. Tief in mir, fühlte ich mich, als hätte ich bereits zum Teil eine Antwort auf die Frage gegeben, die ich dir letzte Nach gestellt hatte: Ich hatte nie groß versucht dich davon abzubringen den Posten als persönlicher Assistent anzunehmen, weil ich nicht wissen würde, was ich ohne dich tun sollte.
Du musst daher verstehen, dass ich dich nicht einfach gehen lassen konnte – ebenso wie ich nicht vor dir davonlaufen konnte – ganz egal was letzte Nacht geschehen war. Wir waren einander durch über zwanzig Jahre Freundschaft verbunden, das war mehr als etwas wie die Vorkommnisse der letzten Nacht in unserem Weg stehen zu lassen.
Und so hatte ich dein Kündigungsschreiben vor dir zerrissen, André.
Ich hoffte du würdest verstehen...
Und was mich betraf, egal wie auch versuchte es aus meinen Gedanken zu verbannen, egal wie sehr ich mir wünschte die Dinge wären anders, ich wusste, dass sich letzte Nacht alles geändert hatte. Und ich weiß, André, du weist es auch.
Wir werden nicht jemals über den Vorfall sprechen, aber ich werde nie vergessen wie du in jenem Moment Angst in mir erweckt hast … und dann noch etwas anderes.
Du hast noch etwas anderes in mir letzte Nach erweckt, André …
Author's Notes: Zuschauer die mit dem eher mit dem Anime vertraut sind, werden vielleicht nicht mit Francoises Entscheidung André nicht gehen zu lassen, einverstanden sein. Im Anime war Oscar etwas zu heftig wie sie André abgewiesen hatte, während ihre Einstellung zu dem Vorfall im Manga verborgen bleibt und sie André erlaubte an ihrer Seite zu bleiben. Der Ton dieses Kapitels orientiert sich eher am Manga als am Anime.
