Disclaimer: Von Dumbledores Nase bis zu Hagrids Getier gehört alles Joanne und nichts gehört mir, dideldum...
Wolfsrudel
10. Beste Absichten
„Der Dunkle Lord beginnt misstrauisch mir gegenüber zu werden.", sagte Severus. Er hatte lange nachgedacht und war der Meinung, einen guten Plan zu haben.
„Dann solltest du aufhören.", sagte Dumbledore sofort. „Die Informationen, die du uns bringst sind es nicht wert, dass du dein Leben verlierst."
Severus seufzte. Es war die Antwort, die er erwartet hatte. „Wir haben doch schon oft genug darüber geredet, Albus. Du brauchst mich. Ohne meine Informationen tappt der Orden blind im Dunkeln."
Dumbledore neigte den Kopf ein wenig zur Seite und betrachtete ihn über seine halbmondförmigen Brillengläser hinweg. „Was schlägst du dann vor, Severus? Du darfst dein Leben nicht unnötig aufs Spiel setzen."
Severus verzog den Mund. So brillant und manipulativ Dumbledore auch sein mochte, er hatte eine große Schwäche, seine Gefühlsduselei. „Der stärkste Grund dafür, dass er mir misstraut, ist mein Mangel an Informationen. Ich sage ihm, dass du mir nicht genug vertraust, um mir wichtige Dinge mitzuteilen, aber diese Entschuldigung hat langsam ausgedient. Er hört Gerüchte aus der Schule, über den Orden, über Potter… Es fällt ihm schwer zu glauben, dass ich ihm weniger sagen kann als das, was die Kinder ihren Eltern mitteilen. Verständlicherweise."
Dumbledore faltete seine Hände auf dem Tisch vor sich. „Also willst du mehr Freiheit in dem was du ihm mitteilen kannst, ist es das, was du sagst?"
„Ja!", sagte Severus, ein wenig ungehalten. Er stand auf und schritt vor Dumbledores Schreibtisch auf und ab. „Seit ich zu ihm zurückgekehrt bin, hat er nicht einmal einen wirklichen Vorteil aus den Informationen ziehen können, die ich ihm liefere. Nicht einmal! Es ist nicht überraschend, dass er mich langsam als entbehrlich betrachtet! Du, auf der anderen Seite, hast schon dutzende Male seine Pläne vereitelt. Er weiß, dass er einen Spion in seinen Reihen hat. Auf mich zu schließen ist nicht besonders schwer!"
Der Schulleiter seufzte. „Ich verstehe, was du mir zu sagen versuchst, Severus, aber das ist nicht so einfach. Es stehen Leben auf dem Spiel."
Severus stützte ärgerlich seine Hände auf dem Tisch ab. „Dann sag mir, wie viele Leben hast du bereits gerettet, weil ich dich vorgewarnt habe? Wie viele Leben wirst du verlieren, wenn ich dich nicht mehr warnen kann?"
„Ich kann mich nicht zum Herr über Leben und Tod aufschwingen.", entgegnete Dumbledore. „Ich kann nicht entscheiden, die einen zu opfern um die anderen zu retten."
Severus schlug zornig mit der Hand auf den Tisch. Manchmal trieb der alte Mann ihn zur Verzweiflung. „Du kannst nicht jeden retten! Krieg ist wie Schach. Manchmal muss man ein paar Wenige, Schwache opfern, um zu gewinnen! Wenn du keine Kompromisse schließen kannst, dann wirst du verlieren!"
Einige Augenblicke lang herrschte Stille.
Schließlich ließ Severus sich in seinen Stuhl fallen und verbarg sein Gesicht in den Händen. Er wusste, dass er zu weit gegangen war. Wer war er, Dumbledore zu erklären, wie er diesen Krieg führen sollte? Doch warum musste der alte Mann auch so stur sein?
„Es tut mir leid.", sagte er heiser. „Ich hätte das nicht sagen sollen."
Dumbledore lächelte schwach. „Ich verstehe die Anspannung, unter der du stehst, Severus. Ich verstehe auch, dass meine Entscheidungen manchmal schwer nachzuvollziehen sind. Aber wenn wir anfangen auf diese Weise zu denken… wenn Menschen nicht mehr als Spielsteine für uns sind… wenn wir uns anmaßen zu entscheiden, wessen Leben entbehrlich ist und wessen nicht… dann unterscheidet uns nichts mehr von der anderen Seite."
„Natürlich gibt es einen Unterschied!", protestierte Severus. „Du tust es, um die Zaubererwelt vom Terror zu befreien, um Frieden und Sicherheit zurück zu bringen! Der Dunkle Lord kümmert sich nicht im Geringsten um die Menschen, für die er Entscheidungen trifft, ihn interessieren nur Macht und Unsterblichkeit."
Der alte Magier seufzte erneut. „Ich wünsche mir wirklich, dass du eines Tages verstehst, dass das Ziel nicht immer die Mittel rechtfertigt. Manchmal verdammen uns die Mittel die wir wählen ebenso, wie die Ziele die wir verfolgen."
„Und dennoch hast du mir befohlen, zu ihm zurückzukehren.", sagte Severus nicht ohne Bitterkeit.
Dumbledore bedachte ihn mit einem durchdringenden Blick. „Ich bat dich darum, und ich habe es nicht leichten Herzens getan. Doch wie du schon sagtest, ich war auf deine Hilfe angewiesen. Ich habe es damals gesagt, und ich sage es erneut, die Entscheidung ist deine. Du sagtest, du wärst in der Lage, ihn zu überzeugen. Wenn das Risiko zu groß wird…"
„Soll ich also feige mein eigenes Leben bewahren, unbeachtet all der Leben, die ich retten könnte?", unterbrach Severus Dumbledore wütend. „Ich bin viele Dinge gewesen, auf die ich nicht stolz war, aber ich war niemals ein Feigling!"
„Also stellst du mich vor die Wahl, dein Leben zu opfern, oder das von anderen, so dass Voldemort dir wieder vertraut?", fragte der Schulleiter, seine blauen Augen steinern.
Severus zuckte unwillentlich zusammen. Er hatte sich nie daran gewöhnen können, dass Dumbledore den Namen des Dunklen Lords aussprach. „Alles um was ich dich bitte, ist mehr Freiheit in dem, was ich ihm sagen kann! Wenn er mir zuhört, ist er nicht angewiesen auf Gerüchte, und wir können vielleicht endlich einmal die Informationen beschützen, die wirklich wichtig sind!"
Dumbledore nahm seine Brille ab und rieb sich die Stirn, eine seltene Zuschaustellung seiner Erschöpfung. „Und was wird er mit diesen Informationen tun, Severus? Welcher Vorteil ist es, den er daraus ziehen wird? Mehr Morde, mehr Terror. Soll ich ihm zu all der Unterstützung die er bereits hat auch noch einen Spion geben?"
Severus ballte frustriert die Fäuste. „Du hast bereits Spione in dieser Schule, Albus. Dutzende kleiner Spione die meist nicht einmal wissen was sie tun, wenn sie ihren Eltern erzählen was sie sehen und hören. Denkst du, niemand hört jemals zu, wenn deine kostbaren Gryffindors an ihrem Tisch und in ihrem Gemeinschaftsraum miteinander flüstern? Denkst du niemand wundert sich, wenn sie sich über Auroren wie Tonks oder Kingsley unterhalten als gingen sie täglich bei ihnen ein und aus? Wie lange soll ich noch vorgeben, taub und blind zu sein?"
Dumbledore schloss die Augen.
„Lass mich ihm zumindest das erzählen.", beharrte er. „Schließ mich von den Treffen des Ordens aus. Sag mir, was ich geheim halten soll, aber zwing mich nicht Geheimnisse zu bewahren, die nicht wirklich welche sind, oder es wird mein Untergang sein."
Der Schulleiter atmete tief durch und setzte seine Brille wieder auf. Er wirkte erschöpft und für einen Augenblick so alt, wie er wirklich war. „Also gut, Severus. Wir machen es auf diese Weise. Aber ich wünschte, ich hätte nicht dieses Gefühl, dass du etwas vor mir verbirgst. Dies ist nicht die Zeit für Halbwahrheiten, auch wenn du sie für besser halten magst."
Severus gefror. „Ich weiß nicht, was du meinst.", sagte er heiser.
Dumbledore betrachtete ihn mit einem traurigen Blick. „Ich werde dich nicht weiter fragen, Severus, denn wenn ich dir nicht vertrauen kann, dann bin ich wirklich der Narr, für den mich so viele halten. Wenn ich mich in dir irre, dann bin ich wirklich verloren."
Severus schluckte. Für einen Moment war er versucht, alle seine Pläne und Strategien aufzugeben, Dumbledores Hand zu nehmen und ihm alles zu erzählen. Alles was er seinem Mentor verschwiegen hatte, um ihn zu beschützen, oder vielleicht sich selbst. Alle seine Geheimnisse die er so eifersüchtig bewahrte. Doch der Moment war so schnell vergangen, wie er gekommen war. Es wäre dumm. Er würde der gleichen Schwäche nachgeben, die Dumbledore dem Verderben nahe brachte.
„Du kannst mir vertrauen, Albus.", sagte er. Das zumindest war die Wahrheit, wenigstens soweit es in seiner Macht stand.
Dumbledore studierte ihn durch seine halbmondförmigen Brillengläser. Severus konnte nicht erahnen, was er dachte. „Ich glaube dir."
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Die nächsten Wochen vergingen beinahe friedlich. Severus verbrachte einen Teil der Winterferien in der Duracburg – Amelia hatte ihn eingeladen – und musste eingestehen, dass er zum ersten Mal seit langem die Ferien wirklich genoss. Das mochte allerdings auch damit zusammenhängen, dass er zum ersten Mal nach der Wiederauferstehung des Dunklen Lords nicht den größten Teil seiner Freizeit als dessen Spielzeug verbrachte. Dies war jedoch nicht der einzige Grund. Desiree, die natürlich auch Weihnachten bei ihrer Familie verbrachte, war hocherfreut, dass er da war, und Severus fand tatsächlich Freude an der Gesellschaft des Mädchens - gelegentlich.
Es gab ihm allerdings auch das Gefühl, dass Desiree im Grunde sehr einsam war. Welche Sechzehnjährige war schon begeistert, die Ferien mit einem ihrer Lehrer zu verbringen? Es mochte daran liegen, dass Desiree zuhause niemanden in ihrem Alter hatte, mit dem sie sich hätte unterhalten können. Sie war bei weitem die Jüngste unter den Geschwistern und das einzige Mädchen. Severus konnte sich Gabriel und Luther nicht wirklich als liebende Geschwister vorstellen, und die wenigen Male, die er sie mit Desiree zusammen sah, belegten diese Vermutung. Sie respektierte sie, ja, und sie hatte sicherlich eine emotionale Bindung zu ihnen… Aber eine Unbefangenheit, wie Severus sie von beispielsweise Ginny Weasley und ihren Brüdern kannte, war kaum zwischen ihnen.
Der einzige Bruder, den Desiree wirklich zu mögen schien, war Raphael, der Älteste. Raphael war der Tränkemeister und Heiler der Familie. Er war ein kleiner, schwarzhaariger Mann mit einem trockenem Sinn für Humor und sichtlicher Begabung für sein Fach. Die wenigen Male, die Severus sich mit ihm unterhalten konnte, waren für sie beide ein Gewinn.
Raphael schickte Desiree niemals weg, weil er arbeiten musste, wie die anderen es taten. Das Mädchen hatte Severus erzählt, dass sie als kleines Kind oft im Tränkelabor ihre Hausaufgaben gemacht hatte oder spielte, während Raphael braute. Severus persönlich war es unverständlich, wie man ein kleines Kind bei sich im Labor tolerieren konnte, während man an empfindlichen Tränken arbeitete, aber Raphael war offenbar damit zu Recht gekommen.
Raphaels Symbol war der Phönix. Severus fragte sich manchmal, ob dieser Bruder der wahre Grund dafür war, dass Desiree ihn zu ihrem Vertrauensmann erkoren hatte. Raphael und er waren vollkommen verschiedene Menschen, aber Severus konnte die Gemeinsamkeiten nicht bestreiten. Desiree vertraute Raphael mehr als irgendjemandem sonst, selbst ihrer Mutter. Vielleicht hatte sie ein wenig dieses Vertrauens auf ihn übertragen? Es würde sicherlich einiges erklären. Severus sah sich nicht als jemandem, dem das Vertrauen von anderen so einfach zuflog.
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Als Severus an die Seite seines Lord apparierte, hatten sich die restlichen Todesser schon versammelt. Sie bildeten einen Kreis um eine kauernde Gestalt. Als er näher kam, sah er, dass es eine Frau war, die den Kadaver einer Katze in den Armen hielt. Sie jammerte, als wäre das Tier ein totes Kind.
Severus warf der Frau einen abfälligen Blick zu, bevor er vor seinem Lord niederkniete.
„Ah, Severus.", sagte sein Meister. „Es wird dich erfreuen zu hören, dass deine Informationen sich diesmal als fruchtbar erwiesen haben."
Severus stand auf und sah sich zu der Frau um, die aufgehört hatte zu heulen.
„Snape!", schrie sie anklagend. „Du Verräter! Du gemeiner Mörder! Es ist deine Schuld, das Mister Tibbles tot ist!" Sie schluchzte erneut und schaukelte die Katze in ihren Armen.
Severus erkannte sie nun. Es war Arabella Figg, über die er Dumbledores Goldjungen und seine Freunde eine Woche zuvor hatte erzählen hören. Sie hatte bei Potters Verhandlung im Jahr zuvor für den Gryffindor ausgesagt. Anscheinend lebte sie in Potters Nachbarschaft. Der Dunkle Lord war natürlich begeistert gewesen, das zu erfahren.
Severus verzog das Gesicht. „Du solltest dir lieber über dein eigenes Wohl Gedanken machen, Squib.", sagte er boshaft.
Die Frau starrte ihn mit großen, furchtgeweiteten Augen an. Es schien, als käme ihr zum ersten Mal zu Bewusstsein, in welcher Lage sie sich befand.
Der Dunkle Lord lächelte. „Sag uns, Squib, was weißt du über Harry Potter?"
„N…nichts.", stammelte sie. „Ich meine, natürlich kenne ich Harry Potter, wer kennt Harry Potter nicht? Der Junge – der – lebt, es ist immer in den Zeitungen…"
Die Augen des Dunklen Lord verengten sich ärgerlich. „Halte mich nicht zum Narren, Weib! Crucio!"
Die Frau schrie und klammerte sich an den Körper der Katze, als wäre er eine Rettungsleine. Als der Dunkle Lord den Zauber beendete, rollte sie sich zusammen und schluchzte erneut.
„Ich weiß nichts, ich weiß nichts…", wiederholte sie immer wieder.
„Der Orden des Phönix, weißt du darüber etwas?"
Die Frau schüttelte heftig den Kopf.
„Wenn Ihr erlaubt, mein Lord.", warf Severus ein. Er zog eine Phiole aus der Tasche. In ihrem Inneren war eine wasserklare Flüssigkeit.
Der Dunkle Lord nickte zustimmend.
Severus trat neben die Frau.
Als sie die Phiole sah wich sie vor ihm zurück. „Nein.", schluchzte sie. „Nein, nein, nein."
Severus machte eine ungehaltene Bewegung mit seinem Stab und sie erstarrte. Danach öffnete er ihren gefrorenen Mund und ließ etwas von dem Serum ihre Kehle hinunter laufen. Anschließend löste er den Zauber. Sie fiel zurück und ihre Augen wurden glasig.
„Nun sag uns, was weißt du über Harry Potter?"
Sie öffnete ihren Mund, aber kein Ton kam heraus.
„Was weißt du über den Orden des Phönix?"
Das gleiche Ergebnis.
„Sie ist ein Squib, es ist unmöglich, dass sie dem Trank widersteht!", sagte Severus ärgerlich. „Das muss Dumbledores Werk sein!"
„Na ja…", meinte Lucius, der hinter ihn getreten war. „Dann werden wir wohl auf die gröbere Art herausfinden müssen, was die alte Vettel verschweigt. Wenn Ihr erlaubt, mein Lord…"
Drei Stunden später war Figg tot. Die Frau hatte ihnen viele Dinge erzählt, aber nur weniges, was sich als wirklich nützlich erwies. Ein paar Namen, ihren Wohnort… und sie hatte sie alle und Severus im Besonderen verflucht, mehr als einmal. Nicht dass es ihn kümmerte. Severus strich unbewusst über den unsichtbaren Ring an seinem Finger. Sie war schließlich nur ein Squib.
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Desiree schlug die Tür hinter sich ins Schloss. Sie hatte so genug von ihren Freundinnen! Wie oft sollte sie ihnen denn noch sagen, dass ihre Eltern keine Besucher wollten? Dass sie ihr nicht erlaubten, die Ferien bei jemand anderem zu verbringen? Warum konnten sie es nicht einfach akzeptieren?
Sie rutschte an der Wand neben der Toilette herunter und unterdrückte ein Schluchzen. Das Leben war so unfair. Warum konnte sie nicht einfach normal sein? Warum konnte sie keine normalen Eltern haben? Einen Vater, der zur Arbeit ging, eine Mutter, die ihr Mittagessen kochte und Geschwister, die mit ihr spielten? Eine Familie zu der sie ihre Freunde einladen konnte, wie alle anderen Kinder?
Aber nein, sie war ja nicht normal. Sie war etwas Besonderes, sie gehörte zu den ehrwürdigen Durac. Hurra. Sie biss sich auf die Knöchel ihrer Hand. Was würde ihre Mutter sagen, wenn sie sie so sehen konnte? Sie konnte beinahe ihre enttäuschte Stimme hören.
Was für ein schwaches kleines Kätzchen du bist. Wie wirst du nur jemals meinen Platz einnehmen können?
Und dann würde sie seufzen. Wie gut Desiree dieses resignierte Seufzen kannte.
Ich werde wohl einfach noch ein paar Dutzend Jahre leben müssen.
Wenn Gabriel da wäre, würde er lachen.
Kitty, Kitty, Kellerkätzchen. Schon wieder am Heulen? Meine Güte, wie rot deine Äuglein sind. Kein Wunder, das die Jungen in deiner Schule dich für hässlich halten. Unsere kleine Heulsuse.
Es würde beinahe liebevoll klingen. Oh, wie sie Gabriel hasste!
Desiree lehnte wütend den Kopf zurück und atmete tief durch. Sie würde nicht weinen. Nur kleine Kinder weinten. Kleine Kinder versteckten sich und heulten. Sie war kein Kind mehr.
„Dumme Gänse.", sagte sie laut. „Was wissen die schon. Dumme Gänse."
Sie wischte sich ärgerlich die einzelnen Tränen vom Gesicht, die dennoch entkommen waren und lehnte die Stirn auf die Knie. Tief und ruhig atmen. Gefühle sind eine Schwäche. Der menschliche Verstand ist es, der uns den Primaten überlegen macht. Verbinde dies mit Magie, und du weißt, warum wir dieses Land regieren. Muggel und Zauberer, kleine Schwester, haben beide die gleiche Schwäche. Sie erkennen nicht die wahre Schönheit von Logik. Logik ist Macht. Trenne dich von deinen Schwächen und du meißelst aus einem unbehauenen Stein etwas Einzigartiges und Unzerstörbares. Sieh mich an. Das ist der Grund dafür, warum ich immer erfolgreich bin. Sie würde Luther immer bewundern, aber manchmal jagte er ihr auch Angst ein. Sie wollte nicht so werden wie er.
Das Leben ist nicht immer einfach, Kleines. Aber alle Steine in unserem Weg machen uns stärker. Vergiss das nicht. Wenn ich dich ansehe weiß ich, du wirst deinen Weg gehen. Du wirst einmal ein gutes Oberhaupt unserer Familie sein. Aber das braucht Zeit. Deine Brüder vergessen manchmal, dass sie auch mal Welpen waren. Ich habe es nicht vergessen. Ich habe sie auf allen vieren krabbeln sehen, glaub mir. Desiree lächelte. Raphael schaffte es immer, dass sie sich besser fühlte. Sie vermisste ihn. Ein Teil von ihr wäre am liebsten in die Kerker gerannt, um mit Severus zu reden, aber sie wusste, dass Severus nicht gerne gestört wurde. Er hatte immer viel zu tun, und sie war dabei nur eine Last. Wie sie es verabscheute, eine Last zu sein.
Plötzlich hörte sie die Tür schlagen und gefror. Desiree war auf der Toilette im siebten Stock, die so gut wie nie benutzt wurde. Die Toilette war so alt, dass sich nicht mehr sagen ließ, ob es eine Jungen- oder Mädchentoilette war und es war kein Klassenraum in der Nähe. Deswegen war sie hierher geflüchtet.
Typisch, das ausgerechnet wenn sie hier war jemand auf die Idee kam hierher zu kommen. Lautlos erhob sie sich und lauschte.
Jemand schluchzte, aber nur ganz leise. Verblüfft erkannte sie, dass es eine Jungenstimme war. Ein Junge der weinte? Die Männer die sie kannte weinten nie. Aber vielleicht hatten sie es auch getan, als sie kleiner waren? Sie grinste unwillkürlich. Ha! Es kam nicht nur davon, dass sie ein Mädchen war! Dann wurde sie ernst. Wer war das und was tat er hier? Vielleicht wollte er sich auch vor seinen Klassenkameraden verstecken, so wie sie?
Ein Teil von ihr sagte ihr, dass es klüger wäre, versteckt zu bleiben, aber ihre Neugier gewann. Desiree öffnete leise die Tür und spähte um die Ecke.
Der Junge hatte die Hände auf einen der Spülsteine gestützt. Seine Finger umklammerten krampfhaft den Rand, als könne er ihm Halt geben. Seine Schultern bebten. Er musste etwa in ihrem Alter sein.
Desiree schlich näher. Dieser Junge heulte ganz bestimmt mehr als sie, dachte sie mit einer gewissen Selbstzufriedenheit. So schwach war sie also nicht. Oder dieser Junge war einfach sehr erbärmlich.
„Hey.", sagte ihr verräterischer Mund, bevor ihr Verstand sie davon abhalten konnte.
Der Junge fuhr zu ihr herum und erstarrte.
Desiree sah ihr Gegenüber verblüfft an. „Malfoy?" Sie konnte nicht glauben, was sie sah. War dies wirklich Draco Malfoy, der arrogante Snob und Prinz von Slytherin, der ihr da mit rotgeweinten Augen gegenüber stand, nicht minder schockiert als sie selbst?
„Miller!", brachte er hervor. Dann gewann er seine Beherrschung zurück und zog seinen Stab.
Desiree mochte schockiert sein, aber ihre Reflexe waren noch vorhanden. Sobald er nach seinem Stab griff, hatte sie ihren in der Hand.
Malfoy verzog sein Gesicht zu einer abfälligen Grimasse, die nicht ganz die Wirkung hatte wie gewöhnlich. Tränennasse Wangen passten einfach nicht zu Überheblichkeit. „Was tust du hier, Schlammblut?"
Sie ließ ihren Blick demonstrativ über ihn wandern. „Nun, ich muss wohl nicht fragen, was du hier tust, Heulfoy."
„Oh, und ich vermute, du hast roten Eyeliner ausprobiert, Miller. Macht dich noch hässlicher, als du ohnehin bist."
Heiße Wut kochte plötzlich in ihr hoch. Desiree hatte nicht gedacht, dass es ihr so anzusehen war. Nun, normalerweise benutzte sie Zauber, um ihr Aussehen wieder in Ordnung zu bringen. Ob Malfoy das wohl auch tat?
„Halt deinen beschissenen Mund, Malfoy!"
„Oh, hab ich einen Nerv getroffen? Millerchen beleidigt? Es tut mir ja so leid."
„Zumindest sehe ich nicht so aus, als wäre ein Fluss in meinem Gesicht übergelaufen, Heulfoy."
„Ich habe nicht geheult!", behauptete Malfoy zornig. „Das liegt an einem schiefgegangenen Zauber!"
Desiree lachte höhnisch. „Erzähl das deiner Mutter, Heulfoy. Sie glaubt dir vielleicht, wenn du dein Gehirn von ihr geerbt hast."
„Und was hast du hier gemacht? Die Kacheln gezählt?"
„Das geht dich nichts an!"
Malfoy schnaubte verächtlich. „Du hast in einer Ecke gesessen und gewinselt, hab ich nicht recht? Wer hat dich getreten, armes Hündchen?"
„Ich habe nicht gewinselt!", schrie Desiree. Der Stab in ihrer Hand versprühte Funken, so wütend war sie.
Diesmal war Malfoy an der Reihe zu lachen. „Erzähl das deinem Daddy, er glaubt dir vielleicht.", ahmte er sie nach. „Hündchen!"
„Heulfoy!"
„Winselndes kleines Elend."
„Weinerlicher, erbärmlicher Schwächling. Was deine Lakaien wohl sagen werden, wenn ich erzähle, dass ihr toller Anführer heult wie ein vierjähriges Mädchen?"
„Du wirst ihnen Garnichts sagen!", schrie Malfoy.
Desiree grinste. „Wollen wir wetten, Heulfoy? Ein hübscher neuer Spitzname, denkst du nicht? Ich wette, Potter wird ihn lieben."
„Rictusempra!", schrie Malfoy, wutentbrannt.
Desiree blockte den Zauber. „Expelliarmus!"
Malfoys Stab flog aus seiner Hand und rutschte in eine der Kabinen.
Malfoy schrie zornig auf und riss ihr ihren Stab aus der Hand, bevor sie reagieren konnte. Er folgte seinem Stab aus ihrer beider Reichweite. Sie fielen beide zu Boden und Malfoy drückte sie nach unten.
Zu Desirees Überraschung kam ein neues Gefühl zu ihrem Ärger hinzu, was sie so verblüffte, dass sie sich von Malfoy unten halten ließ. Erregung? Nein, nie im Leben, sie war nicht erregt von Malfoy. Er war ein Idiot. Allerdings ein attraktiver Idiot, besonders gerade, wo seine Augen vor Wut glänzten. Nein, das hatte sie nicht wirklich gerade gedacht…
„Du verdammtes Schlammblut! Du wirst nichts zu niemandem sagen!", schrie er und schüttelte sie, so dass ihr Kopf recht unsanft auf die Steinfliesen aufschlug.
„Jetzt prügelst du dich also mit Mädchen?", spottete Desiree. „Welch wahrhaft tadelloses Betragen für einen Zauberer deiner Abstammung. Abgesehen davon…"
Sie benutzte ihre Kenntnisse im Nahkampf und vertauschte ihre Positionen mühelos. „… wie oft muss ich dir noch sagen, dass ich kein Schlammblut bin?"
Malfoys Wangen hatten einen ungesunden Rotton angenommen, wie ein Kessel, der zu lange auf dem Feuer gestanden hatte. Er schlug nach ihr, was Desiree zeigte, dass es ein Fehler war, ihn auf dem Rücken zu lassen. Ein Teil von ihr gab zu, dass sie ihm einfach nur ins Gesicht sehen wollte. Doch so interessant sein Gesicht auch sein mochte, es war es nicht wert blaue Flecken davonzutragen. Desiree packte seine rechte Hand und einen Moment später hatte sie ihn bäuchlings unter sich, seine Arme auf den Rücken gedreht. Er versuchte sich erfolglos zu befreien.
„Verdammt, Miller!", keuchte er. „Lass mich los."
„Versprichst du, ein braver Junge zu sein?", fragte Desiree amüsiert. Ihr Ärger war verflogen, und ihre Traurigkeit ebenso. Merkwürdig, wie ein guter Kampf das bewerkstelligen konnte. Ihr Herz schlug schneller und sie verspürte ein befriedigendes Gefühl der Überlegenheit, während er versuchte, sich aus ihrem Griff zu winden.
Malfoy schrie wütend auf, aber konnte sich nicht befreien. „Lass los!"
„Sag bitte bitte."
„Fein.", zischte er. „Bitte."
„Entschuldige dich dafür, dass du mich angegriffen hast."
Stille.
„Ich kann lange so sitzen bleiben, weißt du?", meinte Desiree beiläufig. „Ich werde einfach über den Sinn des Lebens nachdenken. Oder über Sport reden. Kennst du Quodpot? Die Portland Pitbulls hatten eine gute Saison dieses Jahr…"
„Gut, fein, ich entschuldige mich!", rief er. „Noch mehr Wünsche?"
Desiree grinste. „Da du so nett fragst… Versprichst du lieb und brav zu sein, wenn ich dich loslasse?" Sie beugte sich vor und biss ihn leicht in den Nacken. Sie wusste nicht einmal, warum sie das tat, aber sie hatte einen Heidenspaß.
Malfoy gefror für eine Sekunde. „Miller!", schrie er dann, und begann, erneut gegen sie anzukämpfen.
„Du hast keine Chance.", summte Desiree, und es stimmte. Er war einer von diesen typischen reinblütigen Zauberern die ohne ihren Stab vollkommen verloren waren.
Schließlich erschlaffte er in ihrem Griff und ließ die Stirn auf den Steinboden sinken. „Bitte, lass mich einfach gehen.", bat er. Er klang erschöpft, und Desiree hatte plötzlich Mitleid mit ihm.
Sie rieb mit ihren Daumen über seine Handrücken, aber ließ ihn noch nicht los.
„Warum hast du geweint?"
Er zuckte zusammen. „Was kümmert es dich?", fragte er bitter. „Suchst du nach noch mehr womit du mich demütigen kannst?"
„Nein!", rief Desiree. „Nein, ich wollte nur… Ich weiß nicht…" Sie verstummte, verwirrt von sich selbst. Was kümmerte es sie?
Malfoy war nun still, es schien er hatte aufgegeben. Sein Atem hatte sich beruhigt und seine Schultern waren entspannt. Sie vermutete, er hatte seine Augen geschlossen.
Desiree grinste etwas reuig. Absehbar, dass er darauf kommen würde. Das war die beste Methode für den Unterlegenen in diesem Spiel, einfach abzuwarten bis der andere es müde wurde. Sie hatte es selbst oft genug getan. Nicht, dass ihre Brüder sie damit davonkommen ließen.
Sie tat dasselbe, was Gabriel so gerne tat, und verdrehte Malfoys Hand ein wenig, um ihn dazu zu bringen, dass er sich weiter wehrte. Nicht das es etwas bringen würde, aber es würde ihrem Amüsement dienen. Sie fragte sich flüchtig, ob sie sich darüber Gedanken machen sollte, dass Gabriels Vorstellung von Vergnügen auf sie abfärbte, aber dann zuckte sie gedanklich die Schultern. Es störte ihre Mutter nicht, warum sollte es sie stören?
Malfoy holte scharf Luft, aber entspannte sich gleich darauf wieder. Das überraschte Desiree ein wenig. Sie wusste aus eigener Erfahrung, wie schmerzhaft das war, was sie gerade getan hatte, und sie hatte damit gerechnet, dass der weinerliche reinblütige Junge unter ihr Zeter und Mordio schreien würde. Sie betrachtete ihn nachdenklich. Eine boshafte kleine Stimme in ihr wollte austesten, wie weit sie bei diesem Spiel gehen konnte, aber sie brachte sie schließlich zum Schweigen. Wie faszinierend dies auch sein mochte, es würde ihr schwer fallen Mme. Pomfrey zu erklären, warum sie Malfoys Hand gebrochen hatte, und sie war nicht umsonst eine Ravenclaw. Ihre Hauspunkte bedeuteten ihr etwas.
Schließlich seufzte Desiree und ließ Malfoy los. Er rollte sich auf den Rücken und sah sie mit einem unleserlichen Gesichtsausdruck an.
Desiree ging rückwärts zu der Kabine in der ihre Zauberstäbe gelandet waren und hob sie auf. Inzwischen war Malfoy aufgestanden und massierte seine Hände.
„Porzellanpuppe.", spottete sie, aber gutmütig.
Malfoy warf ihr einen bösen Blick zu, aber ließ seine Hände sinken. „Du hast einen ganz schönen Griff für ein Mädchen."
„Übung.", entgegnete Desiree schulterzuckend.
Malfoy bedachte sie mit einem neugierigen Blick, fragte jedoch nicht.
Sie hielt ihm seinen Stab hin. „Ich sage nichts, wenn du nichts sagst."
Überraschung und Erleichterung huschten über sein Gesicht. „Abgemacht." Er nahm seinen Stab und steckte ihn ein.
Desiree ging zur Tür um zu gehen.
„Miller?"
Sie wandte sich zu ihm um. „Hmm?"
„Waren deine Eltern Zauberer?"
Sie musterte ihn nachdenklich. Am Ende wusste sie nicht genau, warum sie antwortete. „Ich bin so reinblütig wie du, Malfoy."
„Wie kannst du wissen…" Er verstummte. Desiree wusste, ihr Blick musste ihn zum Schweigen gebracht haben.
„Man sieht sich, Malfoy.", sagte sie kühl, und ging.
AnishaCarol, Adelaide, Esta, Dax und Reditus Mortis: Vielen Dank für eure Reviews, ihr haltet meine Muse am Leben!
