Kapitel 10 ~ Trotzanfall

2014 Dean war gegangen. Cas lag auf dem Bett und starrte auf die Holzbalken. Er hatte seine Arme und Beine ausgestreckt, als wolle er einen Schneeengel in die Bettdecke malen.

Damals, als er sich das Bein gebrochen hatte, hatte Dean ihn zu ihrem Doc, einem Sanitäter, der es nicht lange gemacht hatte, geschafft. Cas hatte Dean gebeten, gefleht zu bleiben, aber der musste sich um das ganze verdammte Camp kümmern. Cas würde es schon überleben, hatte Dean lapidar gemeint und ihn mit seinem Schmerz und seiner Hilflosigkeit allein gelassen.

Es hatte alles mit Schmerztabletten angefangen und war dann ausgeufert. Ein Teil von Cas hatte gehofft, Dean würde ihn aufhalten, Tabletten, bunte Pillen und Hasch zu konsumieren, aber er wurde schnell eines Besseren belehrt. Dean hatte es nicht im Geringsten gekümmert. Er hatte beißend gelacht und ihn einen nutzlosen, pathetischen Hippie genannt. Cas hatte ebenfalls gelacht, um seine Verletzung zu kaschieren. Irgendwann hatte er das Label des Hippes nicht mehr ausstehen können und sich deshalb mit ihm gezofft.

Dean hatte alle weggestoßen, besonders Cas. Und trotzdem blieb der gefallene Engel in seinem Dunstkreis, seine rechte Hand im Kampf, seine brüderliche Schulter, sein Liebhaber, wenn Dean es wollte.

Dieser Tage bekam er sehr wenig von Dean, dass er sich manchmal an jeden Moment obszön mit beiden Händen festkrallte, ehe die nächstbeste Frau des Weges kam. Bevor 2009 Dean auf der Bildfläche erschienen war, hätte er sich nach 2014 Deans Beichte vermutlich in dessen Arme geworfen.

Cas konnte nicht glauben, dass er ihn weggeschickt hatte.

Er hatte einen Punkt erreicht, an dem er ehrlich darüber trauern konnte, was er geworden war. Was er zugelassen hatte zu werden. Cas benutzte die Drogen, den Sex und die Witze als dünnen Mantel über seine Desillusionierung, seine Hoffnungslosigkeit und den ultimativen Verlust seines Glaubens. All die hässlichen Dinge, die 2014 Dean zu ihm gesagt, spukten durch seinen Kopf und machten sein Gefühlschaos perfekt.

Cas drehte sich auf die Seite, rollte sich zusammen und umklammerte ein Kissen. Resigniert schloss er die Augen und versuchte sich vom Zirpen der Grillen ablenken zu lassen. Nach langem Hin- und Herwälzen war er irgendwann übermüdet eingenickt.

„Hallo Castiel." Luzifer umrundete Cas in seiner Traumwelt. Im Gegensatz zum letzten Mal befanden sich beide an einem friedlichen Ort. Luzifer hatte sie beide in einen Park projiziert, der aufgrund der fehlenden Pflege zu einem verwilderten Garten Eden geworden war. Wilde Blumen bildeten Farbflecke im Grün. Die Sonne strahlte sanft durch dichtes Blattwerk.

„Luzifer", erwiderte Cas kurz angebunden.

„Es ist erstaunlich, wie tief du gefallen bist", meinte Luzifer. „Jetzt hast du deinen freien Willen und kannst Entscheidungen ohne Gott und seine Befehlsgewalt treffen und trotzdem bist du unglücklich. Ein machtloser Engel unter Affen. Und obwohl du mein Geschenk an deinen Lieblingsaffen verschwendet hast, bist du nicht tot. Du bist bewundernswert."

Merci. Neun Leben", schlug der Engel schulterzuckend als Erklärung vor. Den Rest ignorierte er bewusst.

Er hasste Luzifers Art zu reden, seinen schmeichlerischen Tonfall, das Anbiedern – und die falsche Stimme. Eine Stimme, die nie ihm gehören würden, eben sowenig wie der Körper, den er besetzte. Luzifer hatte Mitleid mit seinen Gefäßen, Nick und Sam, bekundet. Sie beide waren Opfer wie er selbst. Luzifer war weit gegangen, um Sams Akzeptanz zu gewinnen. Er hatte Sam erlaubt, sich an Dämonen zu rächen, die ihm das Leben schwer gemacht hatte. Er hatte wegen Sam einmal Deans Leben verschont.

„Hast du Spaß an deiner persönlichen Cas-Peepshow?", fauchte Cas angesäuert. Er mied seinen Blick. Er wollte ihn nicht in seinem Kopf haben, ihn nicht von dem sehr realen Ende der Welt schwafeln hören, mit einer Stimme, die ihm zu vertraut war.

„Ich habe keinen Spaß daran, dich leiden zu sehen", erläuterte Luzifer.

„Du hast die Croats geschickt. Wie hast du das Camp gefunden?"

„Du meinst wegen deiner kleinen Taschenspielertricks würde ich es nicht finden? Die Bilder in deinem Kopf erzählen mir alles, was ich wissen muss", amüsierte sich Luzifer. Der verstoßene Engel war arrogant, sorglos und mächtig. Gabriel hatte seine Handlungen als einen großen Trotzanfall bezeichnet. Luzifer, der schönste Engel und Lieblingssohn Gottes, grollte gegen das neue Baby, die Menschheit.

Cas presste die Lippen zusammen.

Luzifer suchte Cas' Augen, aber der wich ihm immer wieder aus. „Ich könnte dein sogenanntes Leben mit einem Fingerschnippen beenden."

„Worauf wartest du?"

Castiel, du wirst immer ein Engel sein", ignorierte Luzifer seine Frage mit einem Seufzen. „Du bist kein Affe. Du musst nicht im Dreck kriechen. Du gehörst zu deiner Familie."

Cas schnaubte. „Meine Familie... Du bist der einzige, der noch übrig ist."

„Sieh dich an. Was aus dir geworden ist."

„Ich habe mich entschieden", erwiderte Cas ruppig, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.

„Auch dafür, dass du ohne Gnade existieren musst?", hakte Luzifer nach. Er wusste, dass Cas als Mensch nicht glücklich war. „Gottes Gnade. Er gab sie und er nahm sie. Gott wird nicht kommen, um dich zu retten. Verstehst du das, Castiel? Du weißt es, nicht wahr? Gott hat sich schon vor langer Zeit verabschiedet."

„Willst du mein Retter sein?" Wieder schnaubte Cas. Diese Eigenheit hatte er sich von Dean abgeschaut und sie war ihm in Fleisch und Blut übergegangen.

„Ich bin deine beste Wahl", kommentierte Luzifer.

„Du lügst, du tötest und du wütest blind. Die Menschheit war dir verhasst, seitdem sie das Licht der Erde erblickt haben. Warum sollte ich mich auf deine Seite schlagen wollen?"

„Ich lüge nicht. Ich brauche nicht zu lügen. Es gibt nichts Ehrlicheres als die Sünde." Luzifer lächelte ihn mit Sams Mund an.

„Du willst mich?", feuerte Cas ihm entgegen.

„Sei wieder mein Bruder, Castiel." Es klang tatsächlich wie eine Bitte aus Luzifers Mund.

Cas fuhr mit einer Hand durch sein Haar. Er hatte keinen Glauben mehr – und er vermisste es. Früher war alles viel einfacher gewesen. Engel mussten keine Entscheidungen treffen. Freier Wille, das war ein menschliches Ding und kein Engel würde sich so einfach damit wohlfühlen. Gottes Wort bestimmte ihren Weg und lange Zeit tat sich Cas schwer damit, eigenen Entscheidungen zu treffen. Sein langsamer Fall, der Verlust seiner Gnade hatten ihn gezwungen, seinen Weg zu machen.

„Ich vermisse es, ein Engel zu sein", gab er schließlich zerstreut zu.

„Ich bin hier." Luzifer kam näher.

Cas versuchte sich Dean vorzustellen, wie er Luzifer in Sams Körper gegenüber getreten war. Wenn es ihm schon wehtat, musste es für Dean sehr hart getroffen haben. Er musste so gelitten haben, dass plötzlich nach der ganzen Zeit alles aus ihm herausgebrochen. Es musste ihm das Herz gebrochen haben. Deans sentimentales Herz, das noch versteckt in seiner Brust pochte.

„Ich bin es leid, ein Mensch zu sein. Ich war einst Mitglied eines besseren Clubs." Als Cas es ausgesprochen hatte, wusste er, dass es die Wahrheit war.

„Du kannst deinen freien Willen behalten und deine Gnade wieder haben."

Cas sah ihn direkt an. „Ich folge dir – zu meinen Bedingungen." Er schlug einen Treffpunkt und eine Uhrzeit vor, an dem sie sich außerhalb der Traumwelt treffen sollten.

Danach saß er wach in seinem Bett.

Cas schlich im Morgengrauen zum größten Holzgebäude, wo die anderen nächtigten. Drinnen brannten ein paar dezente Lichter. Er wusste, dass Luzifer ihm keine weiteren Croats in den Weg stellen würde. Cas pirschte sich an und liste durch das Glas eines Fensters. Überall standen Feldbetten, auf denen Campmitglieder schliefen. 2014 Dean war mit dem Reinigen einer Waffe beschäftigt.

Der Engel presste sich näher an die Wand, um heimlich um die Ecke zu schauen, wo 2009 Dean sitzen sollte – sofern er noch am Leben war. Sein Herz schlug bis in den Hals. Zu seiner Erleichterung saß 2009 Dean noch an der gleichen Stelle mit einer Hand in Handschellen und spielte mit Chuck an einem Tisch Karten. Cas lächelte befreit. 2009 Dean war nicht infiziert. Wenn, dann hätte er schon längst Symptome zeigen müssen.

Mit einem erleichterten Ausatmen lehnte sich Cas mit dem Rücken gegen die Wand und schloss die Augen. Der jüngere Dean hatte es geschafft, ihn daran zu erinnern, wie es vor der Apokalypse war. Irgendwie hatte er alles besser gemacht, auch wenn es nur eine Art Gnadenfrist war und er nicht hierher gehörte. Es hatte sich gut angefühlt.

Gott hatte die Engel geschaffen, ihn zu lieben, nicht die Menschen. Anders als die anderen Engel liebte Cas jede Kreation Gottes. Gott zu lieben war ebenso einfach wie Dean zu lieben. Trotz gebrochenem Herzen – sowohl Gott als auch Dean hatten ihn im Stich gelassen – hatte Cas nie aufgehört.

Er spürte das Engelsschwert an seiner Flanke. Der Colt – Cas glaubte nicht, dass er funktionierte. Er hatte gehofft, dass er funktionierte. Dass Dean, der die Apokalypse ins Rollen gebracht hatte, sie auch wie prophezeit beenden konnte.

Das war eines ihrer großen Leitmotive: dem verrückten Plan des anderen folgen. Cas' hoffnungslose Suche nach Gott. Deans durchgeknallter Plan, Luzifer zu töten.

Die Winchester Evangelium musste umgeschrieben werden. Es gab kein Schicksal mehr, Gott zeigte sich nicht, die Engel hatten die Erde verlassen, ohne Abschiedsgruß, ohne Postkarte, ohne E-Mail – Deans Worte.

Cas musste sein Schicksal in die eigenen Händen nehmen.

Seine Hand umklammerte den Griff des Schwertes, bis die Knöchel weiß wurden, dann ließ er los. Er versicherte sich seines Plans.

Luzifer hatte seinen Köder gefressen, auch weil es die Wahrheit war. Wahrscheinlich hatte er keine Chance gegen einen Erzengel, besonders ohne Mojo, aber wenn nicht Dean, dann musste Cas es wenigstens versuchen.

Wenn das Ende der Welt erst abgeblasen war, konnte Dean die Führungspflichten, seine Verantwortung abstreifen. Er konnte einen Schlussstrich unter seine Bitterkeit, seine Gleichgültigkeit und seine Griesgrämigkeit ziehen. Er konnte ein eigenes Leben nur für sich führen.

Cas fröstelte. Er schloss seine Jacke über dem Schwert. Das Licht der Sonne erhellte die Dämmerung über den Baumwipfeln langsam. Sobald die Sonne erschien, würden die Temperaturen schnell steigen.

Er ging zum offenen Unterstand, wo sie Fahrräder, Schubkarren und anderes Gerät untergestellt hatten. Er nahm sich ein Rad und schwang sich auf den Sattel. Cas warf einen letzten Blick zurück. Er bereute nur, dass er sich nicht verabschieden konnte. Schließlich trat er in die Pedale und machte sich auf zum vereinbarten Ort.