Damals

Alles fing an, alls Inu Yasha mit Sesshoumaru in die Höhle ging und nie mehr wieder kam," fing Okan an zu erzählen und Kagome lauschte gespannt.

Wir saßen danach noch lang auf dem Berg und warteten. Warteten, obwohl wir längst schon jede Hoffnung aufgegeben hatten. Wir brachten es einfach nicht fertig zu gehen. Ganz eindeutig war etwas Schreckliches geschehen, denn nach dem Erdbeben war nichts mehr so wie vorher. Das Festland Japans war plötzlich aus unserem Blickfeld verschwunden und wir sahen von unserem Platz aus nur noch das weite offene Meer, ohne dass wir dafür einen Grund hätten nennen können. Alles was wir von dem Kampf im Inneren mitbekommen hatten, war ein kurzes Erdbeben gewesen. In der ersten Nacht war es Miroku, dem klar wurde, dass die Lage der Insel verändert worden war. Er las lange in den Sternen, bevor er uns - so gut er konnte - seine Erkenntnisse erklärte. Ich habe diesen Vortrag niemals zu Ende gehört. Ich war ein Kind, zu müde, und bin dann einfach eingeschlafen."

Okan lächelte etwas nostalgisch verträumt, als er an seine lang zurück liegend Kindheit dachte. Sogleich fasste er sich jedoch und sprach weiter. „Entschuldige, ich schweife ab."

Kagome nickte nur geistesabwesend. Zu sehr war sie neben der Geschichte mit den Überlegung beschäftigt, ob es wohl richtig war, diesem Mann zu vertrauen. Er sagte zwar er sei Shippo und was er bis jetzt erzählte, passte auch irgendwie alles zusammen; dennoch…

Von diesem Mann ging keinerlei dämonischer Energie aus. Musste er deswegen nicht ein Mensch sein? Und wenn das ein Mensch war, wieso konnte er dann so alt werden? Und wenn er nicht so alt war? Woher hatte er dann all sein Wissen?

Bevor Kagome zu weiteren Fragen kam, setzte er die Geschichte fort und fesselte ihre Aufmerksamkeit.

Nach diesem Ereignis sind Sango und Miroku sich immer näher gekommen. Das, was für uns alle eine Art Familie war, war mit Inu Yasha noch mehr zerbrochen und so hatten sie nur noch sich. Eine Weile blieb ich bei ihnen, bis Sango schwanger wurde. Ich fühlte mich ihnen nicht zugehörig und so ging ich meiner eigenen Wege. Irgendwann traf ich Rin wieder, das Mädchen in Sesshoumarus Begleitung. Erinnerst du dich?"

Kagome nickte langsam. Sie hatte die Vergangenheit bis zu einem gewissen Punkt zu sehen bekommen und auch dieses Kind war ihr nicht entgangen

Nun ja. Wir gründeten eine Familie. Unser Leben war gut, ruhig und friedlich. So dachten wir wohl alle. Die Erkenntnis unseres Irrtums war schrecklich. Naraku hatte uns etwas zurück gelassen, mit dem wir alle nicht gerechnet hatten. Seine Tochter. Kaum hatte sie das Erwachsenen Alter erreicht, scharrte sie Youkais um sich, die von ihr angezogen wurden, wie Fliegen vom Speck. Kein Wunder bei dieser Schönheit."

Trotz dieser Worte, verzog Okan angewidert das Gesicht. Ihm wollte einfach nicht eingehen, welches weibliche Wesen sich mit diesem Ersatzteillager von Youkai eingelassen hatte. Langsam wurde auch Inu Yasha neugierig und kam näher. Keine einzige Sekunde hatte er Kagome aus den Augen gelassen, hatte sich von ihrem Geist mitnehmen lassen und nun trat er neben sie. Der Miko fiel die Veränderung sofort auf und wandte sie zu sich um. Ihr war, als fiele eine riesige Last von ihren Schultern. Auch wenn ihr Okan etwas sympathisch war, die Umstände und die hereinbrechende Dunkelheit, die sich genau über dem Gebäude zusammen zu ziehen schien, beunruhigte sie doch. Dazu kam das Gefühl ständig beobachtet zu werden und nicht nur einmal dachte sie in einer Ecke eine Bewegung wahrgenommen zu haben. Doch der Gedanke, dass Inu Yasha neben ihr stand, gab ihr Sicherheit.

Auch Okan war das Flimmern neben seinem Gast nicht entgangen und er konnte sich nur zu gut denken, wer dieser Geist war. Zufrieden bestätigte er sich wieder einmal, dass nicht alle seine Fähigkeiten verloren gegangen waren.

Neuen Mutes warf Kagome ein Frage in die kurz entstandene Stille.

„Was ist aus Naraku geworden? Sein Geist war nicht mehr in dem verschüttetem Tempel."

„Du weißt, dass auch er dort gefangen war? Woher? Und was weißt du noch?" Kurz kam ihm der Gedanke, dass sein gesamter Vortrag unnötig gewesen sein könnte.

„Ich weiß nur wie das Juwel zurück kam und dann zeigte mir Sesshoumaru noch den Kampf gegen Naraku. Ich wünschte ich wäre da gewesen, ich hätte sie retten können." Murmelte sie betrübt. Okans Neugierde war geweckt. Sesshoumaru hatte es ihr gezeigt? Also war er auch noch da? Von Inu Yasha hatte er es irgendwie vermutet und Naraku war sicher nicht ins nächste Reich eingetreten. Aber Sesshoumaru? Anscheinend fehlte ihn noch einiges an Information, aber das wichtigste….

„Wie konnte er dir das zeigen?" Kagome überlegte kurz, so genau hatte sie darüber noch gar nicht nachgedacht.

„Ich glaube, wir haben eine Art Reise in die Vergangenheit gemacht. Anders kann ich mir das auch nicht erklären." Doch der alte Mann schüttelte den Kopf.

„Das ist unmöglich, vor allem ohne magische Hilfsmittel und ohne Körper." Auch Okan ging die Möglichkeiten durch und kam nur zu einem Schluss, der ihn ziemlich erschreckte.

„Er muss dich in seine Erinnerung eingelassen haben. Entweder es ist ihm egal was mit dir passiert, oder er setzt großes Vertrauen in deine Fähigkeiten." Kagome blickte verwirrt zu Inu Yasha, der nur bestätigend nickt.

„Wieso? Was ist daran so gefährlich?"

„Weißt du Kagome, jeder kann seine Erinnerungen betreten und wieder verlassen wie ihm beliebt. Nur wenn jemand Fremdes darin liest, kann er sich auf ewig dort verlieren." Kagome dachte kurz über die Worte nach.

„Soll das heißen, er hat auch gesehen wie sich Inu Yash in ein Monster verwandelt hat, und hat nichts unternommen!"

„So muss es wohl sein."

Sie konnte es nicht fassen. Auch wenn sie sich damals noch nicht verstanden hatten – wobei es noch immer Zweifel gab, dass sie es jetzt wirklich taten - so waren sie doch Brüder und er hatte nicht eingegriffen.

Die jungeFrau wurde wütend. Wütend auf die Vergangenheit, wütend auf ihre Fehler und vor allem wütend auf Sesshoumaru. Und wie um ihre Gefühle zu unterstreichen durchbrach ein greller Blitz das düstere Zwielicht, das sich gebildet hatte. Gleich darauf gingen alle angemachten Lichter aus.

„Stromausfall." Sagte plötzlich eine Stimme neben Kagome und verwundert wandten sich sie und Okan um.

Jigoku sah genervt aus, als er sich dem Eingang der Höhle nähert. Der Grund war klar. Seine Untergebene Higurashi - zumindest sah er es so, wie Kagome darüber dachte, war ihm so ziemlich egal - war mit seinem Boss weggefahren, ohne ihn mit zu nehmen oder überhaupt zu beachten. Und irgendwie hatte er da eine ungute Vorahnung, was deren Gespräch betraf. Erneut sah er sich nervös um. Er fühlte sich schon seit einigen Tagen immer wieder beobachtet und das schmeckte ihm so gar nicht.

°Seltsam, da ist doch niemand. Warum nur habe ich den Eindruck, das da was ist?° Er schüttelte den Kopf und trat endlich in die kühle, muffige Luft des Gewölbes. Schon gestern hatte er sich ansehen wollen, was dieses Weibsstück in Alleinarbeit ausgegraben hatte, während er sich mit einigen Mädchen vergnügt hatte. Seltsamer Weise konnte er sich gestern der Höhle, bis auf ein paar Metern, nicht nähern. Es war ein Gefühl wie gegen eine Wand zu laufen. Geistesabwesend fasste er sich an den Kopf. Keine angenehme Erfahrung. Ob das wohl ein Bannkreis war? Aber er war doch kein magisches Wesen, dass ihn so ein Zauber hätte aussperren können! Die Zeiten der Youkai waren längst vorbei. Vorsichtig ging er weiter.

Im Innern schaltete er die Lampe ein, deren Lichtkegel sofort auf was weißes, schimmerndes fiel. Langsam, schon fast bedächtig trat er näher. Mit einem Blick erkannte er, dass es sich auf keinen Fall um Dinosaurierknochen handelte. Die hatte er schon zu oft gesehen. Eher eine große Hundeart. Schon fast gierig und mit Yenzeichen á la Dagobert Duck im Blick sah er sich die Sache an.

Bersteinfarbene Augen beobachteten ihn aus dem Hintergrund. Er selbst schritt gewohnt ruhig auf den Fund zu. Er wusste nur zu gut, was da lag; was diese Miko ausgegraben hatte. Mit gemischten Gefühlen blickte er die Überreste seines Körpers an. War er in seiner wahren Gestalt wirklich so groß gewesen? Er konnte sich nicht daran erinnern. Wieder warf er einen Blick auf Ban und beobachtete ihn. Als er den mehr als gierigen Blick von ihm bemerkte, wurde er sauer. Er konnte sich nur zu gut vorstellen, was der plante. Und das musste verhindert werden. Gewohnt langsam ging er hinter ihn und packte ihn an der Schulter. Doch der Griff ging ins Leere. Kurz ärgerte er sich über seinen nicht vorhandenen Körper und suchte eine andere Methode, diesem Kerl bei zu kommen, der es wagte, sich an seinem Leichnamen und damit seinem Grab zu schaffen machte. Es praktisch zu schänden. Von ihm, dem großen Sesshoumaru, das ging ihm mehr als nur gegen den Strich. Er fühlte sich in seiner Ehre verletzte. Voll Wut hob er die Hand und sagte:

„Dokkasso."

Jigoku spürte nur einen Lufthauch und in nächsten Moment lag er schmerzgekrümmt auf dem Boden. Sein Hemd war aufgerissen und lange brennende Wunden zierten seinen Rücken. Geschockt sah er sich um. Was war hier nur los? Noch dazu hallten unheimlich Geräusch von den Felsen wieder, es klang beinahe als würde ein Rudel wilder Tiere sich drohend um ihn versammeln, doch er konnte nichts sehen. Er war allein.

Sesshoumaru indessen blickte selbstzufrieden auf seine Hand. Also ist man doch nicht völlig machtlos, wenn man zu den Toten gehört. Interessant! Mit Genugtuung beobachtete er noch, wie dieses winselnde Etwas rückwärts aus der Höhle kroch und sah sich dann an dem Ort um, an dem er Jahrhunderte lang gefangen gewesen war. Die Menschen hatte einiges verändert, nur ob das positiv war, vermochte er nicht zu sagen. Etwas missmutig folgte er dem verstörten Jigoku. °Inu Yasha°, dachte er kurz und fragte sich, ob sein Halbbruder wohl gut auf die Miko Acht gab. °Sicher trottete er ihr gerade gemütlich hinter her.° Doch da sollte er sich nicht so sicher sein