Kapitel Zehn
Wer du bist

„Schachmatt," sagte Ron triumphierend, als sein Läufer sich quer über das Schachbrett schob.

„Warum gewinnst du denn immer?" maulte Harry.

„Keine Ahnung. Vielleicht, weil ich schon länger als du Schach spiele."

„Wie lange denn schon?" fragte Harry neugierig.

„Seit ich fünf Jahre alt bin. Dad hat es mir beigebracht," antwortete Ron stolz. „Am Anfang hat er mich immer besiegt, genauso wie meine Brüder."

„Spielst du noch viel Schach mit deinem Vater?"

„Es geht. Er verliert meistens. Außerdem hat er viel in der Arbeit zu tun. Im Ministerium geht es drunter und drüber, seit vor kurzem der neue Minister gewählt wurde."

Beide Jungen schwiegen. Ron brannte eine Frage auf der Zunge. Seine Mutter hatte ihm immer verboten, Harry über seine Vergangenheit zu fragen, doch er konnte sich nicht zurückhalten.

„Was arbeitet eigentlich dein Vater?" platzte er heraus.

„Was?" fragte Harry erstaunt. Noch nie hatte ihn jemand auf seine Eltern angesprochen und schon gar nicht solche Fragen gestellt. „Mein Vater ist tot. Meine Mutter auch. Das ist alles, was ich weiß," antwortete Harry nachdenklich und bemerkte zum ersten mal, dass er eigentlich überhaupt nichts über seine Herkunft wusste. Nicht einmal, wie seine Eltern ausgesehen hatten.

Harry fragte sich, warum Ron ihn diese Frage nicht schon viel früher gestellt hatte. Immerhin war es ja auch sehr verwunderlich, dass er versteckt in Hogwarts aufgewachsen war. Aber Ron hatte sich über diesen Umstand anscheinend nie Gedanken gemacht.

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Harry kannte seine eigene Geschichte zur zum Teil. Er wusste ansatzweise, warum er in Hogwarts wohnte, und er wusste, dass Albus, Minerva und Remus nicht seine leibliche Familie waren. Seine Eltern waren gestorben, als er ein Baby gewesen war und Albus und Minerva hatten ihn daraufhin adoptiert. Und später kam dann natürlich noch Remus dazu, um auf ihn aufzupassen.

Harry wusste aber nicht wirklich, warum er hier war. Die drei wichtigsten Menschen in seinem Leben saßen ihm gegenüber und beobachteten ihn genau. Minerva presste ihre Lippen zu einem dünnen Strich zusammen, Remus rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her und Albus schien über die passende Wortwahl nachzudenken. Dann sagte der Schuldirektor ihm, dass er ihm die Wahrheit über seine Eltern erzählen würde.

"Harry," sagte Albus bedächtig. „Du weißt, dass deine Eltern tot sind, aber nicht warum... Sie wurden von Voldemort getötet." Eine lange Pause entstand.

Harry traute seinen Ohren nicht.

„Und als er versucht hat, dich ebenfalls mit dem Todesfluch zu töten, bekamst du diese ungewöhnlich geformte Narbe auf deiner Stirn."

Harry fuhr mit der Hand automatisch zu seiner Stirn und fasst sich an die Narbe. Er hatte immer gedacht, er hätte diese als Baby bekommen, als er vielleicht einmal von irgendetwas herunter gefallen war. Er hätte niemals daran gedacht, dass es eine Fluchnarbe wäre. Denn diese waren selten, und dazu noch in dieser Form.

Plötzlich stockte er. „Wenn... wenn es der Todesfluch war, dann müsste ich... doch tot sein."

„Liebe," sagte Albus schlicht. „Deine Eltern liebten dich so sehr, dass sie ihr Leben für dich opferten. Und diese Liebe hat dich vor dem Unverzeihlichen Fluch beschützt."

„Aber das ist unmöglich," murmelte Harry verdattert. „Nichts kann einen Unverzeihlichen aufhalten oder umleiten. Das ist ja auch der Grund, warum sie unverzeihlich sind."

„Aber wundersamerweise war es bei dir so," sagte Albus und lächelte ihn an. „Ich habe dir schon immer gesagt, dass du etwas besonderes bist. Du bist der Einzige, der jemals den Todesfluch überlebt hat."

Harry wusste nicht, ob er all dies für einen schlechten Scherz halten sollte. Er blickte hilfesuchend Minerva und Remus an, doch die sahen ihn nur betrübt und voller Schmerz an. Es musste war sein. Alby würde ihn niemals anlügen.

"In der gesamten Zauberwelt," fuhr Albus leise fort, „bist du bekannt als der Junge der lebt und du bist genauso berühmt wie Nicholas Flamel für den Stein der Weisen."

Harry starrte den alten Mann an. Er war einfach nur sprachlos. Er war berühmt? Genauso wie Nicholas Flamel? Und überhaupt, er fand es ziemlich lächerlich, dass er wegen so etwas bekannt war. „das ist doch blöd," sagte er. Die Blicke der drei Erwachsenen lasteten schwer auf ihm. „Ich kann doch nichts dafür. Es waren doch... meine Eltern, denen ich das zu verdanken habe."

Es fühlte sich seltsam an, so etwas über seine Eltern zu erfahren. Harry konnte sich weder an sie erinnern noch hatte je jemand von seinen Betreuern etwas über sie erzählt. Er wusste nur, dass er Eltern gehabt haben muss, sonst würde er ja nicht existieren. Aber sie waren nicht so wie Albus, Minerva und Remus. Sie waren in der Vergangenheit, sie waren ihm unbekannt. Sie waren Fremde für ihn.

„Harry, du darfst weinen," wisperte Minerva. „Es muss so schrecklich sein, seine Eltern in so einem jungen Alter zu verlieren."

Harry konnte überhaupt nicht weinen. Wieso sollte er über jemanden weinen, den er nicht kannte? Obwohl... sie hatten ihn beschützt. Sie hatten ihr Leben für ihn geopfert.

"Deine Eltern wären so stolz auf dich," sagte Remus traurig. „Ich wünschte, sie könnten dich sehen."

Harry lächelte daraufhin leicht. Remus sagte so etwas nicht leichtfertig. Eine lange Pause entstand.

Dann räusperte sich Albus. „Ich hätte dir all dies früher erzählen sollen, aber ich wollte nicht, dass du mit dem Wissen aufwächst, dass andere Leute dich für einen Retter halten. Du wirst es in deinem Leben bestimmt nicht leicht haben. Die Menschen da draußen halten dich für einen Held, und sie werden mit Achtung zu dir heraufsehen."

Harry starrte Albus an und öffnete den Mund, aber kein Laut drang heraus.

„Die Schüler werden besondere Fähigkeiten und Leistungen von dir erwarten, sie werden dich wie ein Vorbild behandeln, wegen dem, was vor zehn Jahren zwischen dir und Voldemort geschehen ist. Ich bin sicher, du kennst diesen Teil der Geschichte."

Ja, Harry kannte sie. Er hatte viel über die Zeit mit Voldemort gelesen, über den Krieg, die schrecklichen Verbrechen, welche die Todesser begangen hatten. Und wie Voldemort sein Ende fand. Natürlich hatte Harry die Potters nie mit ihm in Verbindung gebracht, weil... weil... oh Merlin!

„Ich bin Harry Potter," sagte er langsam. Jetzt fügte sich alles wie ein Puzzle zusammen. Warum war ihm das nicht gleich aufgefallen, als Albus ihm gesagt hatte, dass er den Todesfluch überlebt hatte? Er war so beschäftigt mit dieser Information gewesen, um sich mit dem kleinen Baby in Verbindung zu bringen, dass den unverzeihlichsten der Unverzeihlichen überlebt hatte. „Ich bin der Harry Potter." Er blickte auf und sah die drei Erwachsenen an.

Sie nickten und schauten ihn mit einer Mischung aus Trauer, Mitgefühl, Liebe und Scham an. Und da verstand Harry entgültig die Bedeutung seiner Identität. Er war fast genauso berühmt wie Voldemort oder Albus. Er hatte ja über sich selbst schon in unzähligen Geschichtsbüchern gelesen.

Sein Körper fühlte sich taub an. Wenn er nicht schon gesessen wäre, wäre er jetzt umgefallen. Alles drehte sich. Seine ganze Welt war in den letzten paar Minuten auf den Kopf gestellt worden.

Albus holte tief Luft. „Wir wollten, dass du eine normale Kindheit hast. Es tut uns Leid, dass wir dir die Wahrheit so lange vorenthalten haben."

Harry wollte ihm versichern, dass alles in Ordnung war, aber er konnte es nicht. Weil eben nichts in Ordnung war.

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Minerva konnte sich immer noch an die lange Unterhaltung erinnern, die sie mit Albus geführt hatte, als Harry angefangen hatte, Fragen über seine Herkunft zu stellen. Albus hatte gesagt, es wäre besser, wenn Harry die Wahrheit noch nicht erfahren würde, und Minerva hatte zugestimmt. Denn ein kleiner Junge sollte nicht wissen, dass seine Eltern wegen einer dämlichen Prophezeihung ermordet worden waren.

Jetzt, wo sie etwas zurückblickte, dachte sie sich, dass sie es ihm vielleicht hätten früher erzählen müssen. Und er wusste ja noch nicht einmal die ganze Wahrheit. Doch die erfuhr der Junge gerade. Harry war mit Albus in dessen Büro. Minerva und Remus sahen sich nachdenklich an, als könnten sie jeweils erraten, was der andere dachte.

„Denkst du, dass das, was wir getan haben, richtig war?"

Remus zuckte mit den Schultern. „Es ist jetzt sowieso egal, wenn wir denken, dass es richtig war und er denkt, dass es falsch war."

„Remus..."

"Ich denke, wir wollten alle nur das Beste für ihn. Und dazu gehört auch, nicht mit so einer Last auf den Schultern aufzuwachsen. Andererseits hat es ihn zu naiv gelassen. Wir hätten es ihm vielleicht ein, zwei Jahre früher erklären sollen. In einer Woche fängt schon sein Schuljahr an und ich hoffe, dass er alle Informationen bis dahin verarbeitet hat."

Minerva nippte an ihrem Tee, während ihr tausend Gedanken durch den Kopf schwirrten. Hoffentlich würde alles in Ordnung werden.

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Es gab Zeiten, da wünschte sich Albus, dass nicht so schwere Bürden auf ihm lasten würden. Aber er musste Entscheidungen treffen, und er zweifelte wirklich daran, ob seine immer richtig gewesen waren. Harry hatte nicht einmal gewusst dass er Harry Potter war!

Wie sehr wünschte er sich, dass Harry eine normale Kindheit und Jugend hätte verbringen können. Aber die Prophezeihung...

„Es gibt noch mehr, was du wissen solltest," begann Albus vorsichtig. „Weißt du, warum Voldemort gerade nach Godric's Hollow gegangen ist?"

Harry schüttelte den Kopf. „In dem einen Buch stand nur, dass er dort war, weil die Potters so entschlossen gegen die Dunkle Magie kämpften und weil sehr mächtige Zauberer waren."

„Ja, dies hat zu seiner Wahl beigetragen. Aber es gibt noch einen Grund, einen viel wichtigeren. Eine Prophezeihung. Diese besagt, dass es ein Kind gibt, das jenen Eltern geboren wird, die ihm schon dreimal die Stirn geboten hatten, und dass dieses Kind ihn vernichten würden, wenn er es nicht vorher besiegen würde. Es gab eine andere Familie, auf die diese Beschreibung noch zutraf. Aber Voldemort entschied sich für dich, weil deine Eltern sehr viel mächtiger waren. In jener schicksalhaften Nacht machte er dich zu dem, den die Prophezeihung schon vorhergesagt hatte. Und—"

"Und deswegen war ich der einzige, der ihn zerstören konnte," beendete Harry den Satz für ihn. „Das verstehe ich. Du musst mir nichts mehr erklären. Ich meine, es ist eine interessante Geschichte, aber ich war damals ein Baby. Du hast ja selbst gesagt, dass es das Opfer meiner Eltern war, das mich schützte. Ich bin nichts besonderes."

„Du magst so denken, aber andere nicht. Ich denke es auch, aber nicht deswegen, sondern weil ich dich aufwachsen gesehen habe und du ein liebenswerter, intelligenter und charmanter junger Mann bist. Und du musst darauf vorbereitet sein, dass andere über dich reden werden. Sie werden große Dinge von dir erwarten."

"Aber was, wenn ich normal sein will? So wie die anderen?" Harry's Stimme klang so hoffnungsvoll, so jung, dass Albus sich wünschte, Harry würde nicht mit dem ersten Schuljahr anfangen, sondern noch ein kleines Kind sein.

"Wenn es das ist was du willst, dann sei so. Niemand hat das Recht, dich in eine Rolle zu drängen," sagte Albus lächelnd. Er freute sich natürlich darüber, dass Harry keine Allüren hatte, aber insgeheim dachte er sich, dass der Junge für ihn immer außergewöhnlich bleiben würde. Nicht wegen der Sache, sondern weil er einfach Harry war.

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"Ich will nicht anders sein," sagte Harry. Er saß an Remus gelehnt auf dem Boden. „Ich will einfach nur ich sein."

„Jeder will normal sein, so wie die anderen," wisperte Remus verstehend. „Aber..."

„Aber?"

„Man kann es sich manchmal nicht aussuchen."

Sie schwiegen. Jeder ging seinen eigenen Gedanken nach.

„Ich wünschte..."

„Was?"

„Ich wünschte dass... ich weiß es nicht. Ich weiß überhaupt nichts mehr. Ich weiß nicht, wer ich bin. Bin ich nur Harry? Der, der ich immer war? Oder bin ich Harry Potter, der Junge, über den ich so viel gelesen habe...?"

„Du bist Harry," sagte Remus liebevoll. „Es ist nicht wichtig, was passiert ist. Es ist egal, in welches Haus zu kommst, wie die anderen dich behandeln. Solange du dir selbst treu bleibst, weißt du, wer du bist."

„Und was wenn nicht?"

"Ich hoffe, dass das niemals passiert. Und ich hoffe, dass du glücklich sein wirst. Und bitte denke nicht, dass du die Erwartungen der anderen erfüllen musst. Sei einfach du selbst und alles wird gut. Ich bin mir sicher, dass alles gut laufen wird."

„Ich hoffe es," wisperte Harry. „Ich hoffe es wirklich."

TBC

Ü/N: Erstmal muss ich sagen, dass es mich total vom Hocker gehauen hat, als ich in den letzten Tagen in meinen Email-Eingang geschaut habe und ca. 20 Reviews vorfand... Es bringt also was, den Schwarzlesern ins Gewissen zu reden :-D Aber mal ehrlich: Es hat mich unglaublich gefreut! Deswegen habt ihr dieses Kapitel jetzt auch schon nach 4 Tagen statt wie üblich nach einer Woche. Das nächste kommt im regulären Rythmus am Montag.

Außerdem muss ich mich dafür entschuldigen, dass ich im letzten Kapitel gemeint habe, dass Harry in diesem nach Hogwarts kommt, ich hatte nämlich vergessen, dass er ja vorher noch über seine Identität bescheid wissen muss. Aber am Montag kommt ja das nächste Kapitel und dann kommt er ja wirklich hin.

Ich weiß, dass dieses Kapitel mal wieder ziemlich kurz ist, aber ich kann ja nicht viel dafür, ich bin schließlich nur die Übersetzerin. Ich hoffe trotzdem, dass es euch gefällt und ihr ein Review hinterlasst! )