10. Kapitel: "And no need to wonder what's been on my mind - it's you"
Der Morgen der Taufe der kleinen Clara war gekommen. Lisa hatte sich bereits in Schale geworfen. Sie trug ein Kleid in türkis und hatte sich die Haare hochgesteckt. Sie hatten gemeinsam gefrühstückt und während Rokko noch mal seine Mails checkte, stand Lisa in der Küche und sah sich die Fotos an, die sie gestern vom Fotografen abgeholt hatte: Es waren die Bilder, die sie mit der Lomo in Pinneberg gemacht hatten.
Rokko hatte so eben eine Zusage von Dupree & Co, erhalten. Er könne schnellst möglich bei ihnen anfangen. Rokko atmete tief durch und sah sich in der Wohnung um. 'Das war's dann wohl, kleine Wohnung', dachte er noch, als er zu Lisa in die Küche ging, um ihr von seinem neuen Job zu erzählen. Als er in die Küche kam, saß Lisa grinsend am Tisch.
"Ich muss dir unbedingt was zeigen", begrüßte sie ihn strahlend.
Rokko lächelte. Er könnte ihr auch noch nach der Feier von seinem Job-Angebot erzählen.
"Guck mal, die beiden muss ich unbedingt in meinem Büro aufhängen."
"Das sind ja die Lomo-Fotos."
"Ja. Das hier, wo wir uns auf dem Schulhof küssen; und das eine mit dir als Rockstar", grinste Lisa und stupste ihn leicht an.
"Ach, war ich so toll, dass du zum Fan wirst?"
"Du bist toll."
"Ja, klar", lachte Rokko und sah mit Schrecken, dass sie los mussten. "Bist du so weit? Wir müssen los, wenn wir pünktlich sein wollen."
Sie liefen das Stück bis zu der kleinen Kirche um die Ecke zu Fuß. Es war ein sonniger Novembermorgen, aber wahnsinnig kalt. Man konnte ihren Atem in der kalten Morgenluft sehen und Lisa rieb immer wieder ihre Hände aneinander, die einfach nicht wärmer werden wollten. Rokko gab ihr seine Handschuhe, die sie dankbar annahm.
Nach der Taufe fuhr die gesamte Gesellschaft zum Anwesen der Familie Seidel, wo man eifrig Fotos machte. Yvonne und Max mit Clara. Yvonne, Max, die anderen drei Kleinen und Clara. Lisa und David mit Clara. David hatte dabei seinen Arm um Lisa gelegt, die Clara auf dem Arm hatte. Rokko wandte seinen Blick ab und sah in den Park. Die Bäume waren von Reif überzogen.
"Und jetzt noch ein Foto mit allen!" rief Bernd Plenske und schob seinen Schwiegersohn mit nach vorn. Lisa kam auf Rokko zu, nahm seine Hand und zog ihn mit sich zu Max und Yvonne. Sie hielt seine Hand ganz fest und küsste ihn kurz auf die Wange, bevor ihr Vater den Auslöser gedrückt hatte. Zumindest brachte das Rokko zum Lächeln.
Nach dem Abendessen verabschiedeten sich immer mehr Gäste. Rokko suchte nach seinem Mantel, als Lisa, die er seit 30 Minuten gesucht und nicht gefunden hatte, plötzlich neben ihm stand.
"Hey, willst du ohne mich los?" fragte sie scherzhaft.
"Ich konnte dich nicht finden", antwortete Rokko nur und sah sie nicht an, als er seinen Mantel anzog.
"Oh, ich hätte dir sagen sollen, dass ich kurz mit Yvonne die Kinder ins Bett gebracht hab. Das tut mir leid. Sag mal, hast du noch Lust auf die Tikibar? David, Timo und Hannah wollen noch was trinken gehen."
Rokko überlegte kurz und dachte an seinen baldigen Abschied.
"Ja, gern."
Lisa strahlte ihn an und nahm ihren Mantel. Vor dem Haus wartete bereits ein Taxi und brachte sie in die City.
In der Tikibar angekommen, standen sie eine Weile bei einander, Lisa zwischen Hannah und Rokko gegenüber von Timo und David. Sie lachten viel an diesem Abend, tranken Bier und Cocktails. Als Mark Trojan auftauchte und Rokko und Hannah in ein Gespräch verwickelte (man hatte sich lange nicht gesehen), nahmen Lisa und David das zum Anlass, sich in eine Ecke zu verziehen. Als Rokko sich von Mark verabschiedet hatte, suchte er Lisa und sah, wie sie und David lachten und sich dann umarmten. Lisa sah über Davids Schulter hinweg zu Rokko und lächelte ihn an. 'Okay, das ist dann wohl das Zeichen für mich aufzubrechen.' Rokko zahlte seine und Lisas Getränke bei Luke und ging in Richtung Ausgang. Er hatte es noch nicht weit geschafft, als sich eine Hand auf seinen Arm legte.
"Tanzt du mit mir?"
"Lisa, ich-"
"Bitte?"
"Okay."
Es waren ihre großen, blauen Augen, die ihn immer wieder dazu brachten, etwas zu tun, was er eigentlich hatte vermeiden wollen. Aber wer konnte es ihm verübeln, wenn er Lisa ein letztes Mal in seinen Armen halten wollte? Lisa schlang ihre Arme um seinen Hals, wie sie es immer getan hatte und Rokko legte seine Arme um ihre Hüften und zog sie an sich. Lisa zog seinen Kopf näher an ihren und begann ihn zu küssen. Erst federleicht und zart - wie sie sich oft in der Öffentlichkeit geküsst hatten. Doch dann wurden die Küsse bald schon leidenschaftlicher und fordernder - so wie im Blätterhaufen in Pinneberg. Lisas Hände waren auf einmal überall. Sie streichelte über seinen Brustkorb, zog ihm dann das Hemd aus der Hose und fuhr darunter über seinen Rücken. Da gab es auch für Rokko kein Halten mehr. Sanft wanderten seine Hände über ihren Körper und als Lisa "Rokko..." seufzte und sich auf die Unterlippe biss, sah er, dass ihre Augen dunkel vor Leidenschaft waren.
"Lass uns nach Hause gehen", flüsterte ihm Lisa ins Ohr. Sie holten ihre Mäntel und gingen das kurze Stück nach Hause zu Fuß. Die Kälte traf Rokko wie ein Schock - als würde man einen Schlafenden mit eiskaltem Wasser begießen. Lisa kuschelte sich im Gehen eng an ihn und er legte seinen rechten Arm um sie.
Sie sprachen kein Wort. Kaum hatte Rokko die Tür zu ihrer Wohnung aufgeschlossen, löste er seinen Arm von ihr und ging in die Küche, um zwei Gläser Wasser mit Aspirin zu holen. Als er zurückkam, war Lisa auf der Couch eingeschlafen. Sie lächelte im Schlaf. Wovon sie wohl träumte? Rokko trank sein Glas aus und kniete dann vor Lisa, um sie ebenfalls zum Trinken zu bewegen. Im Halbschlaf tat sie das dann auch, schlief aber sofort wieder ein. Rokko hob sie sacht an und trug sie in Schlafzimmer. Dort setzte er sie auf dem Bett ab und streifte vorsichtig das Kleid von ihren Schultern. Irgendwo musste doch ihr Schlafanzug sein. Als er den gefunden hatte, zog er Lisa das Oberteil über, wobei sie ihm, im Halbschlaf, half; danach auch noch die Hose. Dann legte er sie ins Bett und deckte sie zu.
"Aber komm wieder. Lass mich nicht allein", murmelte Lisa im Schlaf.
Rokko sah sie seufzend an. Er ging ins Bad und zog seinen Schlafanzug an. Dann ging er zurück ins Schlafzimmer und legte sich neben Lisa, die sich sogleich wieder an ihn kuschelte. Rokko schlang seine Arme fest um sie und schlief mit einem Lächeln ein.
Als er am nächsten Morgen erwachte, saß Lisa neben ihm und sah ihn an. Sie lächelte und wünschte ihm einen guten Morgen, was er erwiderte. Dann verschwand das Lächeln aus ihrem Gesicht.
"Rokko, wann hattest du eigentlich vor, mir von deinem neuen Job in New York zu erzählen? Gleich heute? Oder erst, wenn du dort bist?"
Lisa war ganz ruhig, hatte aber glänzende Augen.
"Lisa.. ich.. ich wollte dir eigentlich schon gestern davon erzählen. Ehrlich. Woher weißt du-"
"Max. Er hat mir gestern davon erzählt. Natürlich hat sich Miss Dupree gleich bei ihm erkundigt, wie schnell du aus dem Vertrag bei Kerima raus könntest."
Rokko setzte sich auf, sagte aber nichts.
"Ich dachte... ich dachte, du würdest wenigstens noch Weihnachten hier sein. Ich dachte, wir könnten Weihnachten hier in unserer kleinen Wohnung feiern."
"Lisa... ich wollte so schnell wie möglich weg aus Berlin."
"Aber New York ist so weit weg."
"Ja. Das war ja auch der Sinn der Sache..."
"Kann... kann ich mitkommen?"
Rokko sah sie fragend an.
"Glaubst du, dass David dich dann wieder wollen wird?"
"Es geht schon lange nicht mehr um David."
"Nicht? Um wen denn dann?"
"Rokko - es tut mir so unendlich leid, dass ich es erst so spät bemerkt habe. Und ich dachte ja auch, du würdest es mittlerweile wissen. Aber-"
"Ich würde was wissen?"
"Dass ich dich liebe."
Rokko konnte seinen Ohren nicht trauen. Hatte sie - hatte Lisa so eben gesagt, dass sie ihn liebte?
"Aber - seit wann?"
"Schon lange, sehr lange. Wohl schon seit unserer Hochzeit. Ich hab es nur viel zu spät bemerkt. Aber ich hab es gespürt in Pinneberg. Und dann kam der Anruf von David und mir fiel wieder ein, warum wir beide geheiratet hatten. Doch die letzten Wochen waren schrecklich für mich - ich hab dich so vermisst. Deine Küsse. Deine Umarmungen. Ich hab vermisst neben dir einzuschlafen und wieder aufzuwachen."
Es sprudelte nur so aus Lisa heraus. Ihre Augen wurden größer und ihr Blick flehte ihn an, bei ihr zu bleiben.
"Lisa ich weiß nicht, was-"
"Ich bitte dich nur, mich zu lieben. Ich bitte dich um eine weitere Chance. Ich weiß, ich hab dir viel zu oft das Herz gebrochen. Aber ich will nicht mehr ohne dich sein. Und wenn du morgen oder nächste Woche nach New York fliegst, will ich bei dir sein. - Bitte?"
"Ich habe nie aufgehört dich zu lieben", antwortete Rokko ruhig, aber ihm liefen genau wie Lisa Tränen die Wangen hinunter. "Aber Kerima..."
"Das ist alles geklärt. David wir die Geschäftsführung allein übernehmen. Ich hab gestern alles mit ihm besprochen und er hat zugestimmt. Und: er wünscht uns beiden von ganzem Herzen alles Glück dieser Welt."
Rokko strahlte über das ganze Gesicht. Dann kniete er sich vor ihr auf den Boden. "Willst du meine Frau werden?"
Lisa lachte unter Tränen. "Aber das bin ich doch schon."
"Nein, ich meine eine kirchliche Trauung. Ganz in weiß. Ganz so, wie du es immer wolltest."
"Ja! Ja, ich will!"
Lisa nickte heftig und fiel Rokko um den Hals. Und als sie sich nun küssten, war es wie eine Befreiung, war es wie die Fortsetzung von dem, was in Pinneberg begonnen hatte. Zwischen den Küssen flüsterten sie sich immer wieder ihre Liebe zu. An diesem Tag gab es noch viel zu bereden zwischen den beiden und Lisa rief in der Firma an, um sich und Rokko für den heutigen Tag zu entschuldigen.
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aus: "Paperweight" (Schuyler Fisk & Joshua Radin)
