Kapitel 9

Als Luzifer am nächsten Tag wieder wach wurde, wurde er von wohliger Wärme willkommen geheißen und kuschelte sich näher an die Person neben sich.
Normalerweise wäre er jetzt aufgestanden, hätte Diamond aus dem Bett gejagt, sich, mehr schlecht als recht, angezogen und wäre durchs Haus getigert. So verzichtete er darauf und kuschelte sich näher an Salazar, wo er nach wenigen Sekunden wegdöste.

Als sich die ersten im Speisesaal zum Frühstück trafen, breitete sich Sorge aus. Es war halb neun am Morgen und normalerweise hätte Luzifer den Großteil der Anwesenden schon vor mindestens einer Stunde geweckt, was auch der Grund war, weshalb sie wach waren.
Sofort wurde ins Zimmer der Kinder gespäht. Die ganze Familie lag in einem Bett zusammengekuschelt und schlief selig. Als Row dann allerdings näher ans Bett trat, zeichnete sich Sorge auf ihr Gesicht. Luzifer hatte rote Wangen und sah leicht verschwitzt aus. Vorsichtig legte sie ihm die Hand auf die Stirn, um ihn ja nicht zu wecken und zuckte sofort wieder zurück.
Der Junge hatte hohes Fieber.
Nachdem sie Hel gebeten hatte, Severus zu wecken und her zu holen, weckte sie Sal und Ric auf.
Diese blinzelten Row nur beleidigt an und wollten sich eigentlich umdrehen um weiter zu schlafen, als ihr Blick auf Luzifer fiel.
"Er hat Fieber. Severus ist schon unterwegs.", meinte Row nur, als sie die besorgten Blicke der männlichen Gründer sah.
In diesem Moment betrat Severus das Zimmer und scheuchte gleich alle raus. Nur Sal weigerte sich standhaft das Zimmer zu verlassen, während Ric Diamond aufweckte und ihn mit vor die Tür nahm.

Eine viertel Stunde später öffnete Severus die Tür zum Kinderzimmer und stand gleich einer Horde besorgter Menschen gegenüber.
"Der ganze Stress gestern war etwas zu viel für ihn und sein Kreislauf ist zusammengebrochen. Morgen dürfte er wieder fit sein.", meinte der Tränkemeister nur.
"Darf ich zu Lu?", fragte Diamond mit großen Augen und sah ihn mit bittendem Blick an.
"Ja, aber er darf das Bett nicht verlassen."
"Und wie willst du das anstellen? Den müssen wir schon festbinden, wenn er liegen bleiben soll.", meinte Ginny.
"Ähm.", meldete sich Hermines Mutter zu Wort. "Als Hermine mir geschrieben hat, dass hier auch zwei Kleinkinder wohnen, hab ich den Dachboden durchsucht und noch zwei ihrer alten Märchenbücher gefunden. Wir könnten ihm ja vorlesen."
"Gute Idee. So wie er Bücher liebt müsste das sogar klappen. Ich hol sie schnell, sie sind in deinem Koffer, oder?", fragte Hermine. Nach einem Nicken ihrer Mutter rannte sie los, um die Bücher zu holen.

Den Rest des Tages verbrachten Luzifer und Diamond im Bett und hörten zum ersten Mal in ihrem Leben Märchen. Die Erwachsenen wechselten sich mit dem Vorlesen ab. Nur Salazar blieb die ganze Zeit bei seinen Kindern und die drei kuschelten sich im Bett zusammen.
Nach dem Mittagessen, welches den dreien ans Bett gebracht wurde, gesellte sich auch Godric wieder zu ihnen.
Wenn auch die Tatsache, dass Luzifer krank war, jeden traurig machte, so hatte es doch ein gutes. Man konnte den Weihnachtsbaum im großen Wohnzimmer schmücken und die Geschenke darunter legen, ohne den beiden Kleinen die Überraschung zu verderben.

Luzifer und Diamond wachten am nächsten Morgen zeitgleich auf. Godric hatte Salazar irgendwann doch dazu überreden können, die beiden alleine zu lassen, sodass sie jetzt alleine im Bett lagen.
Luzifer rutschte sofort von der Bettkante und tappste auf den Schrank zu. Langsam folgte Diamond ihm.
"Geht's dir besser?", fragte er besorgt.
"Mhm. Aber jetzt mag ich nicht mehr im Bett liegen.", mit diesen Worten zog Luzifer wahllos irgendwelche Klamotten von sich und Diamond (da beide gleich groß waren, wurden die Klamotten der beiden einfach in einen Schrank gelegt) hervor und zog sich an. Dass der Pullover verkehrt herum war und der Drachen nach vorne gehörte, ignorierte er gekonnt.
"Sollen wir Dad und Daddy wecken?", fragte Diamond, während er sich seinen Pullover, ebenfalls verkehrt herum, über den Kopf zog.
"Nein. Heute ist Weihnachten. Mein Onkel und meine Tante waren immer ganz böse, wenn ich sie an einem Feiertag geweckt hab."
"Meinst du, wir kriegen Geschenke?", fragte Diamond leicht hoffend.
"Nein. Aber solange ich dich hab, hab ich das beste Geschenk schon.", lächelte Luzifer seinen Bruder leicht traurig an.
Auch Diamonds Blick wurde leicht traurig. Weshalb Luzifer ihn in den Arm nahm.
"Nicht traurig sein. Ich schenk dir was."
"Was denn?"
"Ein Versprechen. Ich versprech dir, dass ich dich nie, nie wieder allein lasse und immer auf dich aufpassen werde.", lächelte Luzifer.
"Und ich versprech dir, dass ich nicht mehr so viel Angst haben werde und immer bei dir bleibe, ja?"
"Ja."
Lächelnd verließen die beiden Jungen ihr Zimmer und gingen in die kleine Bibliothek am Ende des Ganges. Das leichte, gold-silberne Leuchten, dass beide bei ihrem Versprechen umgeben hatte, nahmen sie nicht wahr.

Verwundernd blinzelnd öffnete Salazar seine Augen und kuschelte sich näher an Godric, der noch selig vor sich hin träumte. Die Verbindung, die er Jahrelang zu Diamond hatte, war abgerissen. Aber das war nicht möglich. Diamond war noch zu jung, sich zu binden und da seine Magie im Haus noch deutlich zu spüren war, konnte er auch nicht tot sein. Mit einem komischen Gefühl im Bauch, weckte Salazar seinen Liebsten.
"Was ist den los?", brummte Ric unwillig.
"Meine Verbindung zu Diamond ist weg.", meinte Salazar ohne umschweife.
Dieser Satz brachte Leben in Godric. Er saß mit einem Schlag kerzengerade im Bett und sah Sal aus weit aufgerissenen Augen an.
"WAS!! Aber...seine Magie...ich spür sie doch noch."
"Ich weiß. Irgendwas muss passiert sein. Lass uns nachsehen."

Eine halbe Stunde später betraten Godric und Salazar mit besorgtem Gesichtsausdruck die Bibliothek. Die beiden Kleinen waren nicht in ihrem Zimmer gewesen. Auch bei einem der anderen hatten sie sich nicht verkrochen. Entweder sie waren hier, oder sie streunten mal wieder ziellos durchs Schloss.

Aufatmend zeigte Godric auf die Couch, auf der Luzifer und Diamond aneinandergekuschelt saßen und in einem Buch lasen. Zumindest versuchten sie es.
"Hey meine Süßen, warum habt ihr uns nicht aufgeweckt?", fragte Salazar, während er auf die beiden Kleinen zuging, die jetzt erstaunt ihre Väter betrachteten.
"Warum?", fragte Luzifer einfach mal. Er verstand nicht ganz, warum Salzar das fragte. Seine Verwandten durfte er doch auch an einem Sonn- oder Feiertag nicht wecken. Nur unter der Woche.
"Na, sonst weckt ihr doch auch das ganze Haus auf."
"Aber heut ist doch Weihnachten."
"Das macht doch nichts, ihr könnt uns wecken, egal welchen Tag wir haben. Wir sind das alle schon so gewohnt, dass wir uns sogar Sorgen machen, wenn ihr uns nicht wecken kommt.", lächelte Ric, kniete sich vor seine Söhne und begann mit einem Lächeln auf den Lippen ihre Pullover richtig herum zu drehen. Beide ließen das kommentarlos über sich ergehen, da sie es schon kannten.
Ric fiel allerdings sofort etwas auf.
"Was habt ihr denn heute Morgen schon alles gemacht?"
"Wir sind aufgeweckt worden, haben uns angezogen und sind hier her gegangen.", meinte Luzifer und legte den Kopf leicht schief. Er wusste nicht, warum sein Daddy so eine komische Frage stellte. Immerhin machten sie das jeden Morgen, na ja, mit Ausnahme von gestern. Da durfte er ja nicht aufstehen. Ob es daran lag?
"Ich darf doch wieder aufstehen, oder?"
"Natürlich, Teufelchen. Aber, habt ihr sonst nichts gemacht? Irgendwas ganz besonderes zueinander gesagt, oder so?"
"Lu hat mir was vergesprochen.", strahlte Diamond.
"Was denn, Engelchen?", fragte Sal und setzte sich neben seine kleinen. Ja, sie waren wirklich wie Engel und Teufel. Diamond so brav und ruhig wie ein Engel und Luzifer so unternehmungslustig und manchmal nervend wie ein Teufel in Miniformat.
"Immer für mich da zu sein, mich nie, nie wieder alleine zu lassen und auf mich aufzupassen.", grinste Diamond.
"Hast du ihm auch was versprochen?", fragte Sal weiter. Wenn Luzifer wirklich diesen Inhalt ausgesprochen hatte, hatte er seinem Bruder einen Bindungsantrag gemacht. Und da sie ja eigentlich schon beide volljährig sind, wäre er auch gültig, bis sie alt genug waren, die Bindung zu vollziehen, allerdings nur, wenn Diamond auch richtig geantwortet hätte.
"Ja, dass ich immer bei ihm bleiben werde."
Sal grinste.
"Ihr zwei seid echt unglaublich. So jung und schon versprecht ihr euch einander."
"Dahad? Was heißt ‚einander versprechen'? Ist das, weil wir uns gegenseitig was versprochen haben?", fragte Luzifer neugierig.
"Nein, mein Kleiner. Das heißt, dass ihr später, wenn ihr groß seid, heiraten werdet."
"Heiraten?", Luzifer sah Sal fragend an.
"So wie Daddy und du?", fragte jetzt Diamond.
"Genau. Das heißt ihr wohnt zusammen, schlaft in einem Bett und habt euch ganz doll lieb."
"Aber...das machen wir doch jetzt auch schon. Ich hab Di auch schon ganz doll lieb.", meinte Luzifer, der es nicht ganz verstand. Und was machte man, wenn man was nicht verstanden hat? Genau. Nachfragen bis dem Gegenüber die Ohren bluten.
"Ja, schon, aber Erwachsene haben eine andere Möglichkeit, sich zu zeigen, dass sie sich ganz doll lieb haben.", meinte Ric, nicht auf das penetrante Kopfschütteln seines Liebsten eingehend. Der ahnte nämlich schon, was jetzt kommen musste.
"Und wie?"
"Na ja, sie küssen sich und schmusen mit einander."
Luzifer beugte sich vor und hauchte seinem Bruder, den er immer noch im Arm hielt einen Kuss auf die Lippen. Dieser strahlte und kuschelte sich näher an seinen Bruder.
"Das machen wir auch. Was macht ihr anders?"
Jetzt bemerkte auch Ric seinen Fehler. Er hatte schon zu viel erklärt. Jetzt würde Luzifer nicht eher mit nachfragen aufhören, bis sein Daddy ihm ganz genau erklärt hatte, was Erwachsene anders machen. Das würde bedeuten, er müsste ihn aufklären...aber er war doch erst vier Jahre alt!!! Wie erklärte man einem Vierjährigen, was Sex ist??
Hilfe suchend sah er seinen Mann an, der ihn nur fies angrinste und meinte: "Selbst Schuld. Ich hab dir gesagt, dass du es lassen sollst. Jetzt sieh mal zu, wie du das wieder gerade biegen kannst."
"Na großartig. Verräter.", brummte Ric.
"Ich lass euch drei hübschen dann mal alleine, damit euer Daddy euch das erklären kann.", grinste Sal, nicht auf Rics entgleisende Gesichtszüge eingehend, stand auf und flüchtete schon fast aus der Bibliothek. Kaum war die große Eichentür hinter ihm ins Schloss gefallen, hörte man nur noch ein schallendes Lachen. Zurück blieben ein verzweifelter Godric, der im Geiste gerade alle Möglichkeiten durchging, doch noch heil aus der Sache raus zukommen, ein verwirrter Diamond, der sich noch näher an seinen Bruder drückte und ein wissbegieriger Luzifer, der nicht eher Ruhe geben würde, bis sein Daddy ihm ganz genau erklärte hatte, was die Erwachsenen jetzt anders machten, wenn sie sich ganz doll lieb hatten.