Pure Vernunft darf niemals siegen

Severus schritt nervös im Büro des Schulleiters auf und ab und störte damit den Schlaf einiger ehrenwerten Portrait Bewohnern, die ihrem Ärger sofort Luft machten. Severus war dermaßen in Gedanken versunken, dass er die Schimpftiraden nicht hörte. Der Schulleiter beobachtete seinen Besucher und musterte ihn. „Und es gibt keinen anderen Weg?" Severus fragte ihn und hörte selbst die Verzweiflung die unabsichtlich in seiner Stimme mitschwang. Er hatte keine Kraft für Selbstbeherrschung.

„Ich fürchte nicht." Severus Gedanken überschlugen sich. Er hatte Dumbledore vor dem Ring gewarnt, aber der alte Mann hörte nicht auf ihn. Im Nachhinein verstand er, dass Dumbledore sehr wohl um sein Schicksal Bescheid wusste. Er zerstörte den Fluch, zerstörte den Horcrux und erntete dafür einen schleichenden und schmerzvollen Tod, der an seiner Hand, genauer dem Finger an dem der Ring steckte, seine Wurzel hatte. Severus versuchte unzählige Zauber und Tinkturen, vergebens. Er konnte den Verfall nur verlangsamen, aber nicht aufhalten. Dumbledore sah seinem Ende mit einer für ihn typischen gelassenen Rationalität entgegen.

Seitdem ihm Severus von Voldemorts Plan und Dracos Rolle darin erzählte hatte, bestand der Zauberer darauf, dass die Bürde eines Mordes unmöglich auf den jungen und noch unschuldigen Schultern eines verstörten Jungen lasten konnte. Auf Severus Einwand verwies Dumbledore auf die Geschichte eines anderen verlorenen Jungen, der auf die falsch Bahn geriet. Severus wandte ein, dass er diese Bürde ebenfalls nicht tragen konnte und ob seine Seele weniger Wert sei. Dumbledore sah ihn lange an und sagte „Ich vertraue niemanden mehr. Deshalb musst du es sein, Severus." Severus spürte die Verzweiflung in sich wachsen.

Nicht nur, dass sein ältester Freund, sein Mentor und der Mensch der an ihm glaubte, als es kein anderer tat, von ihm verlangte ihn zu töten, Hermine würde ihn für diese Tat hassen.

„Um was geht es hier tatsächlich, Severus." Severus schüttelte den Kopf und biss sich auf die Zunge. Der alte Mann wusste genau um was es ging. Es war schließlich sein Zauber der vor Monaten sein Schicksal besiegelte. „Du weißt genau um was es geht. Ich werde sie verlieren. Sie wird mich hassen- und das zurecht."

Severus sah aus dem Fenster auf den endlos erscheinenden Wald der sich in Dunkelheit gehüllt hatte. Sollte Hermine ihn verlassen, hätte er keinen Grund mehr zu Leben. Ohne sie, ohne ihre Nähe gäbe es kein Glück in seinem Leben, kein Licht in seinem Herzen. Lange hatte er dagegen angekämpft, unzählige male versuchte er den Bann zu brechen- erfolglos. Bis er schließlich aufgab und einsah, dass alle Vernunft gegen das Herz machtlos ist.

Als er sich wieder Dumbledore zuwandte machte er einen Wisch mit dem Zauberstab und eine leuchtende, blau- silbrige Gestalt erschien. Nach wenigen Augenblicken nahm sie die Gestalt eines mächtigen Wolfes an, der eindrucksvoll den Kopf in den Nacken warf und heulte. Severus betrachtete ihn und musste unweigerlich lächeln. Er erinnerte sich an Hermines Wolfsgestalt. Hermine beteuerte zwar immer, dass sie sich als Wolf nicht unter Kontrolle hatte, jedoch wusste es Severus besser wenn dieses pelzige, graue, riesige Ungetüm ihn mit seiner nassen Zunge quer übers Gesicht schlabberte. Vor allem wenn dann zu allem Überfluss die schlammbraunen Augen selbstgefällig glitzerten. Dumbledore beobachtete den Patronus und Severus. Dumbledore hatte Severus in jeder Nacht nicht angelogen, er wusste tatsächlich nicht genau welche Konsequenzen der Zauber nach sich führte. Jedoch verriet er ihm damals nicht alles.

Dumbledore fürchtete, dass die drei Freunde nicht in der Lage waren alle Horcruxe rechtzeitig zu zerstören. Sie brauchten jemanden mit Erfahrung, jemanden der ihnen half und in die richtige Richtung lenkte. Dieser jemand war Severus. Dessen war sich Dumbledore sicher. Nur wie sollte er ihn in diese Gruppe integrieren. Harry und Ron misstrauten Severus seit dem ersten Tag an. Nur Hermine verteidigte den Professor. Dumbledore sah Hermine als das notwendige Bindeglied. Und in der Nacht des Angriffes bot sich die ideale Gelegenheit nicht nur Hermines Leben zu retten, sondern auch gerade diesen notwendigen Bund herzustellen. Severus Patronus war der perfekte Beweis. Die Verbindung war bereits so stark, dass Hermine Severus nicht im Stich lassen würde. Gleichzeitig würde sie nie Harry und die restliche Zauberwelt ihrem Schicksal überlassen. Hermine würde für Harry und die Gerechtigkeit kämpfen, genau wie Severus. Sie war der Schlüssel zum Sieg. Dumbledore war zufrieden, sein Plan hatte funktioniert. Nach seinem Tod wäre weder Severus alleine, noch wäre Harry auf sich selbst gestellt.

„Hermine wird dich niemals verlassen, Severus. Selbst wenn sie wollte, sie könnte es nicht." Dumbledore sprach mit endgültiger Stimme. Severus schwieg.