10.

„Guten Morgen, Herr Plenske. Frühstück wie immer?", fragte die Rezeptionistin den morgenmuffeligen Mann. „Hm", brummte Bernd. „Sind Nachrichten für mich hinterlassen worden?" – „Über Nacht?", lachte die junge Frau. „Nein. So beliebt sind Sie dann doch nicht." – „Ich habe es befürchtet", seufzte Bernd. „Aber ich kann mit der Tageszeitung dienen. Vielleicht sind da ja Nachrichten drin, die Sie interessieren." – „Au ja, und dazu nen richtig heißen, starken Kaffee", strahlte Bernd plötzlich. „Sehr gerne, Herr Plenske. Den bringe ich Ihnen gleich. Ansonsten steht Ihnen unser Frühstücksbuffet wie gehabt zur Verfügung."

„Sodale, da wäre er auch schon, Ihr starker, heißer Kaffee", kommentierte die Frau von der Rezeption fröhlich. „Und? Steht etwas Spannendes in der Zeitung?" Wie hinter einer Mauer hatte Bernd sich hinter den Bögen Papier verschanzt. „Scheiße", murmelte er lang gezogen. „So eine riesen…" Fast schon panisch warf er die Zeitung auf den Tisch. „Ick muss los", erklärte er der perplexen Frau. „Wollen Sie Ihren Kaffee vielleicht mitnehmen? Ich könnte ihn in einen Pappbecher umfüllen", rief sie dem davon eilenden Bernd noch hinterher. „Ein seltsamer Kauz", grinste sie sich dann selbst zu. „Geschwisterliebe bei Kerima", überflog sie kurz die Schlagzeile, bevor sie die Zeitung ordentlich zusammenlegte.

„In mein Büro, aber sofort", herrschte Lisa Rokko an, als sie an ihm vorbei durch das Foyer von Kerima Moda hastete. Durch ihren schneidenden Tonfall alarmiert setzte dieser sich auch sofort in Bewegung. „Was ist denn los?", wollte er wissen, kaum dass er Lisa endlich eingeholt hatte. Wie eine Furie schnellte sie durch die Tür ihres Büros und knallte eben diese dann mit voller Wucht in den Rahmen. „Was los ist?", keifte sie Rokko dann an. „Was los ist? Als ob ich Ihnen das sagen müsste! Was habe ich Ihnen bitte schön getan, dass ich meine Geschichte heute in der Zeitung wieder finde? Haben Sie eine Ahnung, was das für ein Spießrutenlauf war? Im Vorgarten meiner Eltern konnte man kaum treten vor Journalisten. Ich hab's gar nicht erst probiert, zum Bahnhof zu gehen, sondern habe mir gleich ein Taxi genommen, aber hier das gleiche Spiel: Haupteingang und auch der Nebeneingang voll mit Reportern. Sagen Sie jetzt bitte nicht, Sie hätten die nicht gesehen! Dass Sie aber auch noch die Dreistigkeit besitzen, hier aufzutauchen ist die Höhe…" – „Woah, mal halblang. Wovon zum Teufel reden Sie, he? Klar habe ich die Reporter gesehen, aber ich dachte, die wären aus dem gleichen Grund hier, aus dem Prinz Peinlich so ein langes Gesicht zieht." – „Prinz Peinlich?", hakte Lisa nach. „Herr Seidel", knurrte Rokko. „Der ist unausstehlich, nur weil die Kerima-Aktie heute ein paar Punkte unter dem Vortageswert eröffnet hat…" – „Die Kerima-Aktie hat unter Wert eröffnet?", fragte Lisa alarmiert. „Jup, hat sie", erwiderte Rokko. „Aber Sie waren noch nicht fertig damit, mich völlig grundlos zur Schnecke zu machen. Wieso galten diese ganzen Reporter denn nun Ihnen? Spielt Ihnen Ihre Geltungssucht da einen Streich?" – „Geschwisterliebe bei Kerima Moda", knurrte Lisa. „Bitte?" – „'Geschwisterliebe bei Kerima Moda' titelt heute so ziemlich jede wichtige Tageszeitung." Mit vor Wut funkelnden Augen sah Lisa ihr Gegenüber an. „Na, so sprachlos? Haben Sie wirklich geglaubt, ich bin so blöd und merke das nicht?" – „Ähm, nein. Ich halte Sie für viel, aber definitiv nicht für blöd. Tja, jetzt rächt sich, dass ich keine Zeitung, sondern nur den Newsticker im Internet lese", gestand Rokko. „Das können Sie mir doch nicht erzählen! Von wem sollten die denn diese Information haben? Ich habe nur Ihnen davon erzählt. Was versprechen Sie sich eigentlich davon? Wenn die mich fertig machen, dann haben Sie hier niemanden mehr, der für Sie stimmt, wenn es um die Besetzung von bestimmten Posten geht." – „Frau Plenske", versuchte Rokko sein Gegenüber zu beschwichtigen. „Ich habe niemandem von unserem Gespräch gestern erzählt, wirklich. Ich weiß doch, dass Ihr…" Rokko zögerte, weil er nicht wusste, wie er das Verhältnis der Geschwister bezeichnen sollte. „… Techtelmechtel mit Herrn Lehmann in jedem Fall falsch ausgelegt wird. Die Frage ist nun, wenn ich der Presse nichts gesagt habe und Sie der Presse nichts gesagt haben, wer hat der Presse davon berichtet und was wird dieser jemand mit eventuellen anderen Infor…" Rokko wurde von der auffliegenden Bürotür unterbrochen. „Lisa!", strahlte der junge Mann, der durch die Tür kam. „Lisa, eine schönere Liebeserklärung hättest du mir nicht machen können." – „Bruno", staunte die Angesprochene. „Wovon redest du?" – „Davon, dass jetzt alle Welt von uns weiß", lächelte Bruno. „Ich musste mich förmlich durch die Reportermenge kämpfen, aber ich habe sie alle wissen lassen, wie glücklich ich bin und dass du…" – „Oh… nein", brachte Lisa stockend hervor. „Doch, das habe ich. Sie wissen jetzt alle, dass wir ein glückliches Paar sind und wegen gestern Abend: Es tut mir leid, dass ich so ungerecht zu dir war. Der da ist ja nur ein Arbeitskollege." Bruno deutete auf Rokko. „Das hat nichts zu bedeuten. Ich hätte deswegen nicht so überreagieren sollen."

„Helga, Helga!", rief Bernd schon von weitem. „Helga!", ächzte er, als er die Stufen zu seinem Haus erklomm. „Was ist denn los?", rief diese von drinnen. Sie hatte ihren Mann bereits gehört, war aber nicht schnell genug gewesen, um ihn an der Tür zu empfangen. „In der Zeitung… in der Zeitung steht…", japste Bernd. „Komm erstmal rein", erbarmte Helga sich, als sie erkannte, wie erschöpft ihr Ehemann war. „Willst du etwas trinken?" – „Nein, wir müssen… das Schnattchen… der Bruno…" Helga verschwand kurz in der Küche, kam aber genauso schnell zurück wie sie hineingegangen war. „Hier, nimm ein Glas Wasser." Ohne eine Antwort abzuwarten, drückte sie Bernd das Getränk in die Hand. „Also, was ist los?" Forschend sah Helga Bernd an. „In der Zeitung steht, dass die beiden eine Beziehung zueinander haben." – „Zumindest einer in der Familie, der sich um den Jungen kümmert", kommentierte Helga emotionslos. „Nein, nicht so. Die haben da was… was Sexuelles am Laufen. Die schlafen miteinander." Helga schlug die Hände über den Mund. „Nein!" – „Doch. Wir müssen da was tun." – „Und was? Willst du sie mit kaltem Wasser übergießen? Die Beiden sind erwachsen und vernünftig. Die haben damit bestimmt aufgehört, seit sie wissen, dass sie miteinander verwandt sind." – „Ja, aber bitte, Helgamäuschen, lass uns noch mal mit ihnen reden, um ganz sicher zu gehen, bitte."

„Bruno, versteh es doch endlich: Das war keine Liebeserklärung. Ich habe der Presse nichts von uns erzählt. Ich will, dass es so bleibt, wie es ist: Du und ich, getrennt." Hilfe suchend sah Bruno zu Rokko, der nur mit den Schultern zuckte. „Ich will, dass du wieder rausgehst und dein Statement zurücknimmst." – „Niemals!", wurde Bruno laut. „Ich liebe dich und von mir aus kann das jeder wissen." – „Versteh doch: Es schadet Kerima, wenn…" – „Kerima, Kerima", äffte Bruno seine Schwester nach. „Diese Scheißfirma vereinnahmt dich so." – „Frau Plenske, wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf: Herr Lehmann hat Recht. Es gibt jetzt wirklich wichtigere Dinge als die Firma. Sie sollten jetzt viel mehr Ihr Privatleben vor einer Hetzkampagne schützen. Ihre Eltern und Sie beide…" Rokko deutete auf das Geschwisterpaar. „… sollten das klären. Ich versuche mein Bestes, um den Schaden von der Firma abzuwenden." Betreten sah Lisa den Werbefachmann an. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich das will. Wer sagt mir, dass Sie nicht…" – „Ich war es nicht", knurrte Rokko gereizt. „Aber wer dann? Ich habe nur Ihnen davon erzählt und im Fahrstuhl war ja weiter keiner." – „Ob die Geltolle was gehört hat?", dachte Rokko laut nach. „Aber wieso sollte er das in der Welt herumposaunen? Er weiß doch, dass das nur ein schlechtes Bild auf die Firma wirft und letztlich ihm genauso schaden kann wie mir." – „Ich höre immer nur, wie schlecht das alles ist", warf Bruno ein. „Ich finde es gut. Es klärt die Fronten. Es erlaubt uns, endlich wieder zusammen zu sein, ohne uns verstecken zu müssen."

Schweigend saßen sich Lisa und Bruno gegenüber. „Und?", fragte Bruno in die Stille hinein. „Herr Kowalski kann den Schaden bestimmt begrenzen", entgegnete Lisa geistesabwesend. „Nicht das. Diese Firma ist mir völlig schnurz. Ich will wissen, was aus uns wird." – „Du glaubst, dass diese Nachrichten eine Liebeserklärung waren", seufzte Lisa. „Aber du irrst", fügte sie mit fester Stimme hinzu. „Irgendwer will mir oder der Firma schaden. Darum hat er oder sie das weitergegeben. Bruno, wenn du die Berichte gelesen hast, dann weißt du, dass ausnahmslos alle so auf unsere ehemalige Beziehung reagieren, wie es sein sollte: Angewidert. Bruno, es ist und bleibt Inzest – egal wie sehr wir uns lieben oder auch nicht lieben." – „Liebst du mich, Lisa?" – „Darum geht es nicht." – „Doch, darum geht es. Liebst du mich?", wiederholte Bruno. „Ich darf es nicht, okay? Wenn es dich tröstet: Ich habe die Zeit mit dir sehr genossen, aber jetzt ist die Situation anders. Wir können so nicht weitermachen…" Brunos trauriger Blick wanderte durch das Büro und blieb letztlich auf der Couch hängen. „Warum nicht?", fragte er trotzig. „Es ist doch so schön mit uns." – „Dieses Gespräch dreht sich im Kreis, Bruno", stellte Lisa möglichst sachlich fest. „Wir müssen jetzt einfach vernünftig sein. Am besten, du vergisst mich und lernst ganz bald eine andere liebe Frau kennen." – „Ich will aber nur dich." – „Ich denke, dass es besser ist, wenn du jetzt gehst."

„Bernd, nun renn doch mal nicht so", forderte Helga, als sie ihrem Mann durch das Foyer folgte. „Je eher wir… Der Bruno", stellte Bernd fest, als er aufsah. „Na das passt ja mal. Zu dir und deiner Schwester wollten wir gerade… wegen diesem Artikel in der Zeitung." – „Was soll damit sein?", fragte Bruno trotzig. „Stimmt dis?" – „Ja, tut's." – „Oh nein", entfuhr es Helga. „Aber doch hoffentlich nur so lange, wie ihr nicht wusstet, dass…" – „Wenn es nach Lisa geht schon", knurrte Bruno. „Dann ist ja gut", seufzte Helga erleichtert. „Aber so schnell werde ich nicht aufgeben", murmelte Bruno leise vor sich hin. „Was haste gesagt?" – „Ach, nichts", wiegelte er die Frage seines Vater ab. „Bernd", stieß Helga ihren Mann mit dem Ellenbogen in die Rippen. „Glaubst du nicht… er ist dein Sohn… komm schon, sag was." – „Aber was denn?", raunte Bernd zurück. „Ob er was mit der unternehmen will, zum Beispiel." – „Willste was unternehmen?", fragte Bernd seinen Sohn. „Ja… aber was denn?", fragte dieser hilflos zurück. „Ja, Helga, was denn?", wandte Bernd sich an seine Frau. „Ihr stellt euch aber an. Wir sind hier in Berlin, hier gibt es zahlreiche Möglichkeiten. Im Moment läuft dieses Landwirtschaftsmesse – mit Kuhschönheitswettbewerb und so. Was haltet ihr denn davon?" – „Willste etwa mitkommen?", fragte Bernd erstaunt. „Wieso nicht? Eh ihr zwei euch gegenseitig anschweigt, komme ich lieber mit."

„Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie", kam Rokko ohne zu klopfen einige Zeit später in Lisas Büro. „Und die wären?" – „Die gute: Ich habe den Beweis, dass ich Ihre Geschichte nicht weitererzählt habe." Fast schon triumphierend hielt Rokko seiner Chefin einen Zeitungsartikel unter die Nase. „Die dunkle Vergangenheit des Werbekometen", las sie die Schlagzeile leise vor sich hin. „Okay, ich glaube Ihnen ja. Diese Zeitung hat das nicht von mir und die anderen haben ihre Infos nicht von Ihnen. Die schlechte Nachricht bitte." – „Die schlechte Nachricht ist, dass niemand ein Statement von einem PR-Manager mit dieser Vergangenheit will. Sie werden wohl oder übel selbst ein Statement abgeben müssen. „Nein!", lehnte Lisa auch sofort ab. „Alles, nur das nicht!" – „Alles, nur das nicht – Sie sind ja vielleicht witzig. Es geht einfach nicht anders. Sie gehen da raus und stauchen die genauso zusammen, wie Sie mich heute Morgen zusammengestaucht haben." Rokko grinste breit. „Und ich sitze in der ersten Reihe, um mir das anzusehen." In Lisas Kopf ratterte die Denkmaschinerie – eine solche Unverschämtheit konnte sie einfach nicht auf sich sitzen lassen, sie musste einfach etwas sagen. „Ich…", setzte sie an, als es an ihrer Tür klopfte. „Herein. David!", freute sie sich über den unerwarteten Besuch. „Was gibt es?" – „Ich habe den ganzen Tag versucht, den Aktienkurs vor dem freien Fall zu bewahren, aber… jetzt brauche ich einfach Hilfe: Wir sind im Sinkflug. Du musst etwas tun, bevor wir Kerima verlieren."