Kapitel 10 – Tender Regret
Mit einem tiefen Ächzen und eingeschlafenen Füßen wachte Gretchen am frühen Morgen auf.
Ihr linkes Bein war über die Kopfstütze des Fahrersitzes gelegt, das andere war zur Seite angewinkelt, unter Marcs Hüfte begraben. Ihr Rücken war hochgedrückt und der Schmerz, der sich in ihrer Wirbelsäule breit machte, als sie versuchte sich von der Last ihres Oberarztes zu befreien, war nicht zum Aushalten.
Hinzu kam ihre völlig verschwommene Sicht, weil ihre Augen vom Chlor leicht angeschwollen waren und sie das Gefühl hatte, dass sich auch ihre Lunge leicht verengt hatte.
„Marc", drängte sie den Mann über sich aufzuwachen.
Der gab aber nur ein mühsames Grummeln von sich und legte sich in eine noch bequemere Position die nun auch Gretchens Oberarm nahezu zerquetschte.
„Aua! Mensch wach doch auf! Du zerdrückst mir den Arm, Marc", sagte sie heiser. Damit bestätigte sich auch ihr Verdacht, dass das Chlor ihr mehr als nur brennend juckende, rote Haut zugefügt hatte.
„Was", maulte nun auch endlich ihre Jugendliebe, drehte ihr sein Gesicht zu und blinzelte Gretchen verschlafen an.
„Es ist noch nicht mal hell", beklagte er sich unfreundlich.
„Ich muss baden... Mein ganzer Körper tut weh!"
Marc schloss nickend die Augen: „Nach gutem Sex muss das so sein."
Gretchen stöhnte gequält: „Mein Rücken ist ein krummes Fragezeichen und meine Haut ist-"
„Weich", sagte Marc leise und drückte ihr einen sanften Kuss in die Halsbeuge.
„Gerötet und gereizt", endete Gretchen lahm, da dieser harmlose Kuss ihr schon wieder angenehme Hitze in die Gliedmaßen trieb; zumindest die, die sie noch spüren konnte.
„Geh von mir runter!"
Er grinste süffisant, drückte sich von ihr weg, damit er sie anschauen konnte. Er mochte es, sie in diesen Ausdruck völliger Verwirrtheit zu treiben. Ihre blonden, wieder getrockneten Haare lagen in wilden Locken um ihren Kopf herum und ihre Augen waren noch immer so dunkel, dass er sich vorstellen konnte, sie gleich noch einmal zu vernaschen.
„Gut durchgevögelt zu sein, steht dir", neckte er verspielt und wickelte sich eine blonde Haarsträhne um seine Faust, an der er ihren Kopf zu sich hochzog und sie gerade küsste, als Gretchens Rücken einen Mark erschütternden Knacks von sich gab und seine blonde Assistenzärztin schmerzvoll aufschrie.
„Au, au, au... Geh um Himmels Willen runter von mir, Marc", presste sie hervor – und tatsächlich kam Marc dieser Aufforderung dieses Mal ohne Widerworte nach.
„'Tschuldige. Ich dachte nicht, dass dein Rücken so schlimm ist", ein kleines Lächeln in seiner Stimme konnte er sich leider trotzdem nicht verkneifen.
Mit zu engen Schlitzen verzogenen Augen blickte Gretchen ihn eiskalt an: „Hast du mir nicht versprochen, meine Verspannungen zu lösen? Jetzt sind sie noch schlimmer! Au!", sie richtete sich umständlich in eine sitzende Position auf und atmete schwer und flach ein und aus.
„Du willst also von mir massiert werden?", fragte er anrüchig, sein Tonfall blieb Gretchen jedoch völlig verborgen, weil sie ausschließlich damit beschäftigt war ihre Knochen wieder zu sortieren und ihre eingeschlafenen Extremitäten mit kreisenden Bewegungen wieder aufzuwecken.
„Eine Massage wäre tatsächlich eine gute Idee. Aber nicht mehr heute. Ich muss baden. Und wenn mein Vater merkt, dass ich am frühen Morgen erst nach Hause gekommen bin, dann übersät er mich mit unnötigen Fragen."
Marc seufzte: „Ich soll dich also nach Hause fahren, obwohl ich noch mindestens drei weitere Kondome im Handschuhfach habe?"
Gretchen konnte sich ein zynisches Schnaufen nicht verkneifen. Als ob irgendein Mann auf der Welt in weniger als sechs Stunden vier Mal konnte. Das war doch völlig absurd!
„Ja, bitte. Und wenn es dir keine Umstände macht, könntest du die Heizung anmachen, es wird allmählich kalt!"
„Auch noch Ansprüche stellen, Hasenzahn? Ich glaube du weißt nicht, dass ich immer noch dein Chef bin", blitzte er sie streitlustig an. „Vermutlich hab ich dir dein Hirn rausgefi-"
„Beende diesen Satz, Marc Meier, und mein Vater wird jedes dreckige Detail von unserem Stelldichein erfahren!" drohte sie.
Marc schob sich seine Zunge durch den Mund und war von ihrem niederen (und vermutlich nicht mal ehrlich gemeinten) Erpressungsversuch mächtig angeturnt: „Ich darf dich nicht Professorentöchterchen nennen, aber du deinen Vater vorschieben, wenn du deinen Willen nicht bekommst. Gretchen Haase", es erfüllte ihn mit Zufriedenheit, dass sie bei ihrem Namen eine Gänsehaut bekam.
„Das verruchte kleine Biest!"
„Uhm", machte sie unbehaglich: „Ich glaube ich würde meinem Vater nie mehr in die Augen blicken können, wenn ich ihm hiervon erzähle", sie gestikulierte zwischen sich und Marc hin und her.
„Ich weiß", erwiderte Marc Schulter zuckend: „Aber es ist lustig mitanzusehen, wie du versuchst nicht integer zu sein", er patschte ihr freundlich auf den Oberschenkel.
„Also, zieh dich an, damit du nach Hause kommst. Denn ich glaube, so langsam muss auch die Diva mal wieder raus. Und Katzentoilette sauber machen ist so unappetitlich!"
Gretchen kräuselte ihre Nase angewidert.
Als Marc vor dem Anwesen der Haases zum Stehen kam, war es bereits doch hell geworden und die ersten Menschen befüllten die Straße. Gretchen kannte ihre Nachbarn, dass sich viele aber schon um kurz nach sieben Uhr auf zum Bäcker machten um frische Brötchen zu ergattern war ihr neu. Nicht, dass sie diese Unart, samstags nicht auszuschlafen von ihrer Mutter nicht gewöhnt war, aber dass es ausgerechnet in ihrer Straße so viele dieser Frühaufsteher gab, war... schlecht. Denn das Ehepaar von gegenüber war schon zu ihren Schulzeiten sehr gesprächig gewesen und sie musste sich oft anhören, dass ein Junge fünf Häuser weiter wohlmöglich sitzen bleiben würde, weil... blabla. Was also würden diese Nachbarn wohl denken, wenn sie, die einzige Tochter des Professors, morgens aus einem feschen Stadtflitzer aussteigen sahen?
Das Richtige, wohlmöglich.
Oder das noch schlimmere Szenario: Wenn das brennende Licht im Wohnzimmer nicht nur von gestern Abend an geblieben war, sondern ihr Vater auf der Couch saß und bereits Zeitung las?
Gretchen biss sich stoisch auf die Lippe.
„Willst du nicht aussteigen?", fragte Marc irritiert, als er Gretchens Unentschlossenheit bemerkte.
Sie nickte eifrig: „Doch. Schon."
„Aber?", fragte Marc langgezogen.
Sie kaute weiter auf ihrer Unterlippe herum: „Was ist, wenn mein Vater schon wach ist?"
Marc grinste. Natürlich hatte sie nicht den Mumm ihrem Papi zu sagen, dass sie die Nacht aushäusig unterwegs gewesen war. Dabei war sie fast dreißig, Herrgott nochmal.
„Dann bin ich schon weg, wenn du reingehst!", merkte er hämisch an und ließ sie mit der Situation allein.
Gequält legte sie den Kopf schief: „Du bist mir keine Hilfe, Marc. Ich kann meinen Vater schlecht anlügen. Er merkt das meistens eh sofort", okay, es merkte eigentlich jeder sofort, wenn sie log, stellte sie fest.
„Dann sag doch einfach, dass du die Nacht bei einem Mann warst!"
Sie presste die Augen zusammen. Das konnte sie ihrem Vater auch nicht erzählen. Ihrer Mutter, vielleicht. Ihrem Vater aber unter gar keinen Umständen.
Während Gretchen noch einen Augenblick angestrengt überlegte, klopfte es unerwartet an der Fensterscheibe der Beifahrertür.
Mit einem Schreckensschrei rutschte sie auf ihrem Sitz in Marcs Richtung und staunte nicht schlecht, als Jochen sie mit großen Augen anschaute.
Marc sog scharf die Luft ein und Gretchen fühlte sich wie die bekannte Ratte in der Falle.
„Jochen", sagte sie matt, ohne die Scheibe hinunterzulassen.
„Nun mach schon die verdammte Fensterscheibe runter, Hasenzahn!", maulte Marc. Er wollte lieber nicht wissen, was Jochen für Gefallen erbeten würde, damit dieses Intermezzo mit Gretchen auch weiterhin vor dem Professor geheim blieb.
Gehorsam drückte sie den kleinen Knopf auf der Armlehne der Tür und sah sich nun mit ihrem breitgrinsenden Bruder konfrontiert.
„Na so was. Und Papa dachte, du würdest noch friedlich in deinem Bett schlafen und dich von dieser Abnehm-Pillen-Aktion erholen!", stichelte Jochen ungeniert und schaute dabei von seiner Schwester zu Marc und wieder zurück.
„Was willst du, Jochen", stöhnte die Blonde ungerührt. Sie liebte ihren Bruder – okay, manchmal – aber wenn er Lunte roch sich Vorteile zu verschaffen, war er der Letzte, diese nicht wahrzunehmen. Während Gretchen immer bemüht war die moralisch richtige Lösung zu finden, ließ sich Jochen es nicht nehmen, auch anderweitig tätig zu sein (zumindest in den weniger lebensentscheidenden Schnittpunkten in seinem Leben. Denn wie sonst hatte er sich für das Recht, für Jura, entscheiden können, wenn ihm Gerechtigkeit im großen Stil nicht wichtig war?).
„Wie kommst du darauf, dass ich was haben will", grinste der Dreiundzwanzigjährige breit.
Marc fragte sich, ob er ähnlich ausgesehen haben mochte, wenn er Leute süffisant um ihre Gunst bat. Denn der kleine Knilch des Professors konnte diese Scheinheiligkeit wirklich perfekt vortäuschen.
„Na komm, als ob du mich freiwillig unbescholten ins Haus schleusen würdest, ganz ohne Hintergedanken!"
„Ach du willst ins Haus?", fragte Jochen weiterhin den Ahnungslosen spielend.
„Jochen!", seine große Schwester knallte gefährlich ihren Kiefer aufeinander.
„Und Schwesterchen, warum bist du überhaupt so rot im Gesicht? Schämst du dich etwa?", griente der Praktikant. Er erkannte die geschwollenen Augen und die Hautirritation an ihren Ohrläppchen zwar und wusste, dass dies von der einzigen Allergie, die seine Schwester hatte, passierte. Sie damit aufzuziehen, dass sie auch noch was ganz anderes gemacht hatte, war einfach herrlich. Er liebte es!
Marc seufzte hingegen. Jochen war ja ganz nett, aber er stellte die Sticheleien seiner Schwester gegenüber so plump an.
„Du wolltest doch diesen Aufsatz, warum man Arzt werden will, nicht? Bitte, du kannst ihn haben!", maulte Jochens große Schwester, zu allem bereit nur um ihrem Vater nicht erklären zu müssen, wo sie die Nacht gewesen war und die unweigerlich aufkommende Frage: mit wem.
Jochen grinste: „Ich glaube mir fällt da schon was Besseres ein!" meinte er wissend. Es behagte Gretchen nicht im Geringsten, wie Jochens Grinsen immer breiter wurde.
So ein gemeiner Fiesling.
„Ich stell dir die Gartenleiter hin. Mein Fenster ist offen und wenn du dich geschickt anstellst, dürfte Papa dich auch nicht sehen!", zwinkerte er, nickte Marc zu und schlenderte mit der Brötchentüte und Morgenzeitung den Bürgersteig hinab zum Eisentor, das er auch vorsorglich aufließ.
Gretchen atmete zitternd aus.
„Sag mal... mich dünkt dein Bruder wusste bereits, dass wir was miteinander hatten!" Gretchen biss sich schuldbewusst auf die Wangeninnenseite und nickte schwach.
„Oh, Hasenzahn!", meckerte Marc mürrisch.
Gretchen küsste ihn flüchtig auf den Mund: „Jochen wird schon niemandem was sagen. Außerdem hat er es selbst herausgefunden", sagte sie schnell , verabschiedete sich und schälte sich dann geschwind aus dem Auto und marschierte den selben Weg, den eben Jochen gegangen war, ums Haus herum.
Marc erschauderte. Er hoffte, dass Gretchen Recht behielt und Jochen in der Tat ein netter Bruder war und nichts verriet. Denn das Letzte was Marc wollte war ein Chef, der ihn unter dem Mikroskop beobachtete ob er seine Tochter auch gut behandelte.
Das war nicht sein Stil.
Gretchen wusste nicht wie sie das Erklimmen der Leiter geschafft hatte, aber sie war froh, als sie in Jochens altem Zimmer stand und nicht metertief gefallen war, als sie sich in dem Wein, der sich an der hinteren Hauswand empor rankte, mit ihrem Fuß verheddert hatte. Auf leisen Sohlen schlich sie von Jochens Zimmer über den Flur in ihr vorläufiges Zuhause und ließ sich dort erschöpft auf's Bett fallen.
Was für eine völlig verrückte Woche, und wie die Nächste werden würde wollte sie lieber gar nicht erst wissen.
Sie schaute auf ihr altes Plastikhandy und sah schon wieder mehrere Anrufe in Abwesenheit. Viele, viele von Steffi, ein Einziger von Yuuka und ein paar von ihrer Mutter.
Ja, alles was noch käme würde nicht einfach werden. Aber trotzdem fühlte sie sich gar nicht so schlecht dabei, wie noch am Abend zuvor. Und dass sie das Marc zu verdanken hatte, wusste sie. Kichernd rollte sie sich auf die Seite.
„G-Kälbchen? Bist du wach?", rief ihr Vater durch die Tür und klopfte dann höflich.
Erschrocken fuhr die Blonde zusammen: „Uhm, ja Papa. Ähem...", Gretchen zog sich die Decke bis zur Nasenspitze über den Kopf, bevor ihr Vater eintreten konnte.
„Ich hab gedacht, ich hätte einen dumpfen Schlag- Sag mal Kälbchen, hast du Fieber?", fragte Franz besorgt und setzt sich ungefragt auf die Bettkante.
„N-n bisschen, vielleicht", Gretchen presste ihre Augen zusammen. Wie sie es doch hasste zu lügen. Und nicht nur das: ihr ganzer Körper rebellierte weil nämlich genau in diesem Moment durch die Wärme der Decke ihre gereizte Haut sich zurückmeldete.
„Ach du je. Soll ich dir einen Tee machen? Die Woche war ja auch wirklich nicht einfach. Da holt der Körper sich dann was er braucht. Mama ist ja sonst die Spezialistin, wenn es um Kinderkrankheiten geht, aber ich kann dir auch-"
„Nein, danke Papa. Ich... ich geh gleich erstmal baden."
Franz runzelte die Stirn: „Das ist sicher gut, aber vielleicht solltest du erstmal mit runterkommen und was gesundes Essen, und Tee-"
Gretchen unterbrach ihren Vater abermals, konnte seine Fürsorge nicht ertragen, so schlecht fühlte sie sich: „Nein wirklich nicht Papa. Ein Erkältungsbad und es wird mir schon wieder viel, viel besser gehen!"
„Na gut... Aber danach kommst du runter, ja? Nicht, dass du das ganze Wochenende hier oben liegst und vor dich hinsiechst", er rieb ihr kräftig über die Oberarme, gab ihr ein Strahlen, wie es nur ihr Papa konnte und verließ dann das Zimmer.
Gretchen keuchte vor Schmerz auf. Ihre geschundene Haut hätte sein väterliches Streicheln wirklich nicht noch gebrauchen können.
Aber was sagte man bekanntlich? Kleine Sünden (sie hatte schließlich gelogen, dass sie Fieber vermutete), bestrafte der liebe Gott sofort (ihr unwissender Vater, der die Fasern ihres Pullovers auf ihrer Haut hin und her geschoben hatte).
Ihr blieb aber auch wirklich rein gar nichts erspart.
A/N:
I'm back!
or more precisely: Dannie DanySahne is back.
Eigentlich sollte dieses Kapitel unter dem Motto „alles neu macht der Mai" hochgeladen werden, bereits also schon am 1. dieses Monats. Nun... meine BetaLeserin wurde bis dahin allerdings nicht fertig, weshalb ich mir einfach mal einbilde, dass auch der letzte Tag für dieses Motto steht. Hier ist es also, das neue Kapitel: Kein Feuerwerk, nichts außergewöhnliches, aber ein Versprechen, dass ich nicht aufgehört habe zu schreiben und immer noch gewillt bin, diese Geschichte genau wie Baby Love und Rain abzuschließen.
Hoffe es hat wenigstens ein bisschen gefallen.
lg
manney
