A/N: Hallo, ihr Lieben! Ich entschuldige mich für ein recht spätes Update, bin mir aber sicher, dass ihr das alle kennt, wenn sich auf dem Schreibtisch die Arbeit türmt. Und da ich nicht nur schreibe, sondern vor allem lese, kann ich allen, die auch gerne englischsprachige Cato/Clove-FFs lesen, die Geschichte mit der ID 8266023 auf dieser Seite hier empfehlen, die den Titel „The Conspiracy" trägt und von Billy stammt, deren Profillink sich in den Reviews hier finden lässt. – Hier geht es jetzt weiter in der Arena. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und eine fantastische erste Juliwoche!
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Das Wasser plätschert sanft und sprudelnd über Stock und Steine, als wolle die Natur ihre schönste Sonate darbieten.
Es ist das gleichmäßige Muster in dem Geräusch, welches ihn fasziniert. Immer anders, aber doch irgendwie auch immer gleich. So beruhigend, dass es ihn versucht, wieder zurück in die Tiefe zu gleiten, in das weiche und ruhige Schwarz und für einen Moment ist er geneigt, sich ihm hinzugeben, alles sein zu lassen, zurück in die sanfte Arme der inneren Nacht zu kehren.
Bis plötzlich die Erinnerungen zurückkommen.
Eine gefährliche Mischung von Adrenalin und Panik schleudert ihn zurück in die Gegenwart. Er versucht, sich aufzusetzen und fällt rücklings wieder auf den harten Boden, seine Muskeln zu schwach, sein Körper am zittern.
Er öffnet die Augen und schließt sie schmerzverzerrt gleich wieder, als sich das helle Tageslicht in seinen Kopf brennt.
Jägerwespen. Die Stiche. Flucht.
In seinem Kopf dreht sich alles, obwohl er es nicht wagt, die Augen erneut zu öffnen. Schmerzen, ein ständiges Pochen, nicht nur hinter seiner Stirn, sondern in seinem ganzen Körper. Er kann spüren, wie die Stiche geschwollen sind, er kann das Fieber fühlen, das seinen Körper durchzieht. Vorsichtig spannt er nacheinander seine sich wehrenden Muskeln an, hebt langsam Arme, Beine, lässt seinen Kopf kreisen.
Keine schlimmeren Verletzungen. Und doch kann er spüren, wie sein Körper gegen das Gift kämpft, beide balancierend auf einem dünnen Grat, der Ausgang ungewiss.
Er kann fast sehen, wie das Fieber ihn zurück in die Bewusstlosigkeit ziehen möchte. Wenn er bei Sinnen bleiben will, braucht er Wasser. Vage, wie eine Erinnerung aus alter Zeit, fällt ihm der Fluss ein, der-
Verdammt.
Clove.
(Und es ist dieser Moment eines Augenblicks, in dem der nicht weiß, ob er jemals wieder in ihre Augen blicken wird, der ihm alle Antworten gibt.)
Das grelle Licht beißt in seinen Augen. Sie liegt nur eine Armlänge von ihm entfernt und erst als er endlich sieht, wie sich ihr Brustkorb hebt und senkt, verlässt ihn das immer noch ungewohnte Gefühl, das ihn alles Blut in den Adern gefrieren lässt. (Angst.)
Sie lebt.
Leichenblass, das Gesicht von kaltem Schweiß überzogen, die Atmung viel zu schnell, doch sie lebt.
Und er ist allen Göttern dankbar, dass sie ihnen eine zweite Chance geben. (Eine zweite Chancen für die letzten Tage. Wie die Güte in Grausamkeit.)
Sein erneuter Versuch, sich aufzusetzen, funktioniert wesentlich besser. Der Schmerz in seinem Körper ist grausam und er weiß, dass es für sein Bewusstsein fast zu viel ist, weshalb er wartet. Wartet, bis er sich an die neue Position gewöhnt hat, bis das Pochen in seinem Kopf, in seinem Körper ihm nicht mehr die Sinne raubt.
Dann sieht er ihn. Den kleinen, silbernen Fallschirm, der sich in dem Astgestrüpp kaum fünf Fuß von ihm verfangen hat.
Er kennt sich zu gut, kennt seinen Körper zu gut, als dass er versuchen würde, aufzustehen. Und so schiebt er sich, auf die Unterarme gestützt, vorwärts, bis er das Sponsorengeschenk erreicht.
Und als er das kleine Behältnis öffnet, weiß er sofort, was er vor sich hat.
Gegengift.
(Und für eine Sekunde kommen ihm Bilder aus dem Trainingszentrum in den Sinn, in dem jedes zukünftige Tribut einmal der Prozedur eines Jägerwespenstichs und der Behandlung mit dem Gegengift ausgesetzt wird. Es scheint, als würde er die Schreie noch jetzt in seinem Kopf nachhallen hören.)
Die gräuliche Paste ist rar und teuer und unerlässlich, um vor allem Spätfolgen durch das Gift der Jägerwespen zu vermeiden. (Nichts, was ihn noch kümmern müsste.) Und wüsste er nicht, dass immer noch eine Chance besteht, das sein Körper den Kampf gegen das Gift in ihm verliert, würde er nicht einmal auf den Gedanken kommen, das Gegengift anzuwenden.
Denn wenn auch die Stiche der Jägerwespen schmerzhaft sind, so ist doch bekannt, dass ihr Gegengift genug Horror besitzt, um als Foltermittel eingesetzt zu werden.
(Als eines der letzten, als eines der grausamsten.)
Er wirft einen Blick auf Clove. Sie wird es noch ein paar Stunden aushalten. Er muss selber erst wieder bei Kräften sein, wenn er ihr das antut.
Vorher aber muss er es selbst erst überstehen.
Vorsichtig, zögernd, unter Schmerzen zieht er sein Shirt über den Kopf, sucht seinen Körper nach den Stichen ab. 17. Rekord, würde er mutmaßen, denn bisher schien 12 stets die Grenze für den menschlichen Körper zu sein.
Langsam faltet er den unteren Rand seines Oberteils zusammen und schiebt den Stoff zwischen seine Zähne. Jeder Schrei kann eines der anderen Tribute anlocken. (Und jedes der anderen Tribute bedeutet in ihrer Situation nur den Tod.)
Dann fängt er an, die graue Paste auf den Einstichwunden seiner Haut zu verteilen.
…
Der Fluss sprudelnd noch immer vor sich hin, immer gleichbleibend, doch zugleich immer anders, als er das zweite Mal erwacht.
Er lauscht für einige Sekunden dem Klangspiel der Natur, bevor er die Augen öffnet. Und dann wird ihm zum bewusst, wie wunderschön, wie perfekt ein einzelner Sonnenaufgang sein kann und zum ersten Mal (zum einzigen Mal, zum letzten Mal) ist er dankbar, am Leben zu sein, dies miterleben zu dürfen.
Denn alles erscheint demjenigen so viel klarer, so viel schöner, der nur knapp dem dunkelsten Tal entkommen ist.
Er steht auf, lässt seine Schultern kreisen. Obwohl sich seine Glieder anfühlen wie Blei, so weiß er doch, dass alles Gift aus seinem Körper gewichen ist, schließlich hat er es gesehen, als das Gegengift es wie eine grüne, brodelnde Masse aus den Wunden gezogen hat. (Hat sich gefühlt, als wäre er dem Tod bereits erlegen, als sich das Brennen über seine Haut zog, durch seine Knochen, in seine Nerven, bis sein Körper nur noch aus Schmerz bestand.)
Scheint, als hätte die Bewusstlosigkeit, in die sein Körper sich begeben hatte, nachdem das Gegengift den letzten Tropfen Gift aus ihm gezogen hatte, ihn eine ganze Nacht gekostet.
Er geht zum nicht weit entfernten Fluss, wäscht sich, füllt die Wasserflaschen neu auf. Dann blickt er zum Himmel. Er muss wissen, welcher Tag es ist. Was haben sie verpasst? Haben 1, haben 12 überlebt? Welche Tribute sind noch in der Arena?
(Er verharrt. Was, wenn es nur noch sie beiden sind?)
Er sieht zu ihr herüber. Ihr Fieber ist leicht gesunken und er weiß, dass ihr Körper zwar mit dem Gift kämpft, aber nicht mehr verlieren wird. Und doch wird er nicht riskieren, sie erst aus dieser Arena herauszuholen und sie dann an den Folgen des Jägerwespengifts leiden zu lassen.
Also nimmt er das kleine Behältnis mit dem Gegengift und eine der Wasserflaschen, bevor er sich neben sie auf den Waldboden kniet.
Ihre Augen spiegeln Furcht und Qualen wieder, als sie ihn endlich anschaut, noch halb im Delirium gefangen.
„Cato?"
Er lässt sie etwas Wasser trinken (und murmelt leise, beruhigende Versprechen, von denen er weiß, dass er sie niemals wird halten können) und wartet, bis er glaubt, dass sie versteht, was passiert. Sie zeigt ihm die Stiche, es sind sechs. Er sieht die bloße Angst in ihren Augen, als sie die Dose mit dem Gegengift erblickt (und auch er erinnert sich an ihre Schreie im Trainingszentrum, als sie zum ersten Mal mit der Prozedur vertraut gemacht wurde), doch als er sie behutsam auf seinen Schoß zieht und auf ihr Einverständnis wartet, sieht er, wie sich die Angst in ihren Augen wandelt. (In etwas, das sein tiefstes Inneres zum Leuchten bringt, obwohl er es nicht fassen kann.)
Vorsichtig, mit zitternden Fingern, trägt er die graue Paste auf ihre warme, weiche Haut auf. Und als nach zwei, vielleicht drei Minuten die Wirkung anfängt einzutreten, legt sie ihren Kopf an seine Schulter und presst sich an ihn.
Und während sie für Stunden von den grausamen Schmerzwellen überflutet wird, kann er nichts anderes tun, als sie in den Armen zu halten.
…
Die Sonne verschwindet bereits wieder hinter den Baumwipfeln, als sie die Lichtung des Füllhorns betreten.
Es hat sich nichts verändert.
Der männliche 1 liegt ausgestreckt im Abendschatten des Füllhorns, einen Apfel essend. Als er sie sieht, springt er auf und kommt ihnen entgegen.
„Hätte nicht gedacht, dass ich euch nochmal wiedersehe."
Er hätte sich gewünscht, ihn nicht noch einmal wiedersehen zu müssen. Doch jetzt, wo er hier ist, kann er genauso gut als Informationsquelle dienen.
Es ist bereits der siebte Tag der Spiele, der gerade am vergehen ist. Zwei volle Tage hat sie der Vorfall mit den Wespen gekostet.
1 und 4 haben die Jägerwespen erwischt. (Zwei weniger.)
12 haben es beide anscheinend überlebt. Er weiß, dass zumindest der männliche 12 bewegungsunfähig sein muss, von daher wird er leichte Beute sein.
Er bringt seine Liste innerlich auf den neusten Stand. Wer verbleibt? Beide aus 12, natürlich 1. Beide aus 11. Der männliche 3, der männliche 10. Die weibliche 5. (Er muss sich konzentrieren, um ein Bild von ihr vor Augen zu bekommen. Leise, unauffällig, keine Fähigkeit mit einer Waffe. Sie wird schwierig aufzuspüren, aber leicht zu töten sein.)
Acht Tribute, bevor sie beide alleine zurückbleiben.
…
Die immer wiederkehrende Nacht legt sich wie ein Schatten über die Arena.
(Ist es die letzte Nacht?)
Sie liegt neben ihm, schlafend. Er kann den Blick nicht von ihr nehmen, ihre Gesichtszüge faszinieren ihn, halten ihn gefangen, vielleicht, weil sie endlich sanft und ruhig und friedlich sind (und nicht schmerzverzerrt und gequält, kalt und starr).
(Wie es wohl wäre, den Rest seines Lebens dieses Gesicht zu sehen?)
Es ist so einfach, so verlockend, in der Tiefe der Nacht in solche Gedanken abzutauchen. Jetzt, wo er weiß, was er tun wird, erlaubt er sich, seine Vorstellungen wandern zu lassen, wo er es sich früher immer verboten hat. (Denn jetzt, wo er weiß, dass sie niemals Wirklichkeit werden, können sie keinen Schaden mehr anrichten.)
Die Nacht ist ruhig und selbst ihre Nachtgeschöpfe scheinen zu schlafen. Im weiteren Umkreis des Füllhorns liegen auch 1 und der männliche 3 auf ihren Decken. Letzterer war am Abend zu ihnen gestoßen, hatte sein Wissen gegen die Mitgliedschaft in ihrer Allianz getauscht. (Und hätte wissen sollen, dass man bei einem Handel mit dem Tod nur verlieren kann.) Noch am Abend hat er dafür ihre Vorräte und die noch am Füllhorn lagernden Waffen mit Minen umgeben, so dass keines der anderen Tribute an sie herankommen wird.
Umso leichter wird es, morgen auf die Jagd zu gehen.
Sie werden sich aufteilen, um ab Sonnenaufgang nach 12 zu suchen, beiden. Sobald sie aus dem Weg geräumt sind, werden sie sich den männlichen 11 vornehmen. Danach, so ist es abgemacht, werden sie ihre Allianz zerfallen lassen. (Und vielleicht wird ihm das Töten dann zum ersten Mal eine Freude sein.)
Er lässt seinen Blick zu ihr zurückkehren.
(Wie konnte es nur jemals so weit kommen?)
Er lässt diese Frage immer und immer wieder in seinem Kopf auftauchen, wägt sie ab und findet doch keine Antwort.
Er sieht sie, wie sie ihm mit ihren gerade 12 Jahren im Trainingsraum gegenübersteht, wie das grellen Neonlicht ihre Augen fast schwarz erscheinen lässt. Er hört, wie sie über ihre Opfer lacht, in seinen Armen weint; sieht ihr sorgenfreies Lächeln und ihre kaltblütige Fassade.
(Wer hätte gedacht, dass es so enden wird?)
…
Am nächsten Morgen sind sie früh unterwegs. 1 und 3 suchen den nördlich vom Füllhorn gelegenen Teil ab, sie den südlichen. Er hält nach Vorsprüngen, Höhlen, geschützten Tälern Ausschau, in denen er den männlichen 12 vermutet.
Zur Mittagszeit machen sie eine Pause, bevor sie ihre Suche wieder aufnehmen.
Sie reden wenig und versuchen, ihre Schritte so lautlos wie möglich zu halten. Der Wald verändert sich nur wenig, während Stunde um Stunde vergeht. Irgendwann, die Sonne steht bereits leicht im Westen, zerreißen plötzlich mehrere krächzende Vogelschreie die Stille. Er bleibt stehen und blickt durch die Baumwipfel gen Himmel. (Die Erinnerung an die Jägerwespen ist noch zu lebendig.)
Doch der Himmel bleibt verlassen.
„Cato!"
Ihm friert das Blut in den Adern.
(Ist dies das Ende?)
Todesangst füllt ihren Ruf nach ihm.
(Ist es jetzt vorbei?)
Er dreht sich zu ihr herum, schneller, als es ein menschliches Auge zu erfassen mag und fürchtet doch, zu spät zu sein.
Doch sieht er nur, wie sie eines ihrer Messer in seine Richtung wirft.
