Kapitel 9

Der erste September rückte immer näher und ich fühlte mich alles andere als in der Lage, mit einem falschen Lächeln durch die Korridore zu spazieren und so zu tun, als wäre Rose nie verschwunden und als wäre Großvater niemals gestorben.

Er hatte mir in seinem Testament einen Brief vermacht, den ich öffnen sollte, „wenn die Zeit reif war". Ich hatte keine Ahnung, wie ich herausfinden sollte, wann denn diese Zeit war und war irgendwie enttäuscht als Daphne teuren Schmuck bekam. Ich hatte nur einen dämlichen Brief, den ich wahrscheinlich niemals öffnen würde.

Im Hogwartsexpress suchte ich verzweifelt nach Theo, schaute in jedes Abteil und in jede kleine Ecke, doch ich konnte ihn einfach nicht finden. Also setzte ich mich allein in ein Abteil und las. Ich fühlte mich einsam, brauchte dringend jemanden zum Reden. Über Großvater, über Rose. Über alles.

In Hogwarts angekommen fühlte ich mich innerlich total ausgelaugt. Ich wollte weder etwas essen, noch mit Menschen reden. Ich wollte mich einfach irgendwo zusammenrollen und niemals wieder aufwachen. Als ich Theo am Slytherintisch entdeckte, spürte ich eine unbegründete heiße Wut in mir.

„Wo warst du?", verlangte ich zu wissen.

„Weg", sagte Theo ausdruckslos.

„Verdammt, ich habe dich gesucht." Ich verschränkte die Arme vor der Brust. „Was ist nur los mit dir?"

„Was los mit mir ist?" Seine Stimme wurde von einem Flüstern immer lauter. „Ich sag dir, was los mit mir ist. Rose ist weg und alles ergibt keinen Sinn mehr."

„Theo", sagte ich leise. „Du kannst mit mir reden."

„Ich will aber nicht reden. Diese ganze Scheiße, die wir uns zusammengelabert haben, ergibt doch keinen Sinn. Warum bei Salazar anders sein, wenn es doch nur dazu führt, dass man eines Tages spurlos verschwindet."

„Sag so etwas nicht, Theo", flehte ich leise. „Du kannst doch nicht..."

Ich kann alles machen, was ich will." Mit diesen Worten erhob er sich und verschwand aus der Großen Halle.

Ich sah ihm verletzt, wütend und mitfühlend zugleich hinterher. Dachte, dass er sich wohl wieder einkriegen würde und er nur ein bisschen Zeit brauchte.

Auf dem Weg zum Slytheringemeinschaftsraum lief Tara neben mir her und redete wie wild auf mich ein, erzählte mir begeistert von ihren ach so tollen Ferien. Ich schwieg und rollte mich in meinem Bett zusammen. Wo Rose jetzt wohl war? Lebte sie noch? War sie glücklich?

Und Großvater, war er glücklich? Ich vermisste ihn so...

Ich wischte mir unwirsch eine Träne aus dem Gesicht und zog die Decke so fest um mich, dass ich fast keine Luft mehr bekam, während Brianna und Makayla mich mit ihrem lauten und hysterischem Gekicher nicht schlafen ließen. Dabei wollte ich im Moment nichts anderes, als in das süße Vergessen des Schlafes zu gleiten und mich so leicht zu fühlen wie eine Wolke. Ich hatte das Gefühl, das ganze Gewicht der Welt auf meinen Schultern zu spüren, das mich herunterzog. Aber ich musste meine Maske aufziehen, musste der Welt das glückliche Gesicht zeigen, damit niemand jemals sah, wie es mir wirklich ging.

Wir alle tragen eine Maske. Jeder einzelne von uns und es gibt nur wenige Menschen, bei denen wir sie lüften, aber die wenigsten nehmen sie ganz ab, weil das Blöße und Verletzlichkeit bedeuten würde. Niemand will doch verletzt werden.

Aber bei uns, den Slytherins der reinblütigen Familien, hatten wir fast niemanden, bei dem wir die Maske lüften konnten, nicht mal unsere eigenen Familien. Es wurde uns allen zum Verhängnis, dass wir versuchten, unsere Gefühle zu verstecken. Denn wenn man seine Gefühle in sich hereinfrisst, ätzen sie sich durch dein Inneres und hinterlassen eine bloße, kaputte Hülle. Und dann zerbricht man.

x

Ich möchte nicht behaupten, Rose' Verschwinden war etwas Gutes, denn das war es bei Weitem nicht. Es brachte mich aber Blaise näher. Wir brauchten beide jemanden zum Reden, jemanden, dem Rose viel bedeutet hatte und da Theo sich in seiner Höhle verkroch und selbst mir nicht Einlass gewährte, waren Blaise und ich die einzigen, die die Wahrheit kannten. Wir trafen uns durch Zufall nachmittags in der Bibliothek, wo er allein an einem Tisch saß und in die Ferne starrte. Er hatte ein wenig Abstand zu Draco und seiner Clique genommen und ich hatte ihn schon öfters allein gesehen, traute mich aber erst jetzt ihn anzusprechen.

„Hey, Blaise", sagte ich leise, als ich mich vor den Tisch stellte.

„Hey, Astoria", erwiderte er. Er klang irgendwie müde und erschöpft.

„Wie geht es dir, nachdem...?" Ich stockte. Konnte diese Worte einfach nicht aussprechen.

„Nicht gut. Wir standen uns sehr nahe. Niemand hat das wirklich geglaubt, weil wir nicht viel Zeit miteinander verbracht haben, aber ich hab sie vergöttert. Ich hätte alles für sie getan." Blaise strich sich müde über das Haar. Eine Geste, die irgendwie kraftlos wirkte. „Ich vermisse sie so."

„Ich weiß, wie du dich fühlst", entgegnete ich leise und setzte mich ihm gegenüber. „Ich vermisse sie auch. Und ich bin so wütend, dass niemand nach ihr sucht."

Er ballte die Hände zu Fäusten. „Ich weiß, verdammt. Ich hätte Mutter und Vater am liebsten geschlagen, als sie diese Entscheidung getroffen haben. Ich verstehe es einfach nicht..."

„Ich auch nicht", sagte ich leise.

Wir saßen beieinander, spendeten uns Trost. Anfangs redeten wir viel über Rose, aber es wurde immer weniger. Ich glaube, wir verarbeiteten es Stück für Stück, die Zeit heilte unsere Wunden. Aber unsere Freundschaft blieb.

Sie blieb, als Pansy und Draco eröffneten, dass sie ein Paar waren. Sie blieb, als Daphne und Blaise ein Paar wurden. Ich überlegte, ihm zu sagen, dass Daphne das nur tat, weil sie Draco eifersüchtig machen wollte, aber Blaise war so glücklich. Ich konnte das nicht zerstören. Zum ersten Mal seit Monaten hatten seine dunklen Augen wieder diesen Glanz. Und wenn Daphne ihn glücklich machte, wer war ich dann, es zu zerstören?

Obwohl mir Dracos Getue mit Pansy wehtat, versuchte ich einfach, so zu tun, als würde es mir nichts ausmachen. Als Blaise sich ihnen langsam wieder zuwandte, zog er auch mich mit. Mein Wunsch, mit der Clique abzuhängen, wurde endlich war. Theo machte von allen aber die wohl erstaunlichste Entwicklung durch. Nachdem er sich zwei Monate kaum gezeigt hatte, wurde auch er Mitglied in Dracos Clique und ich erkannte den fremden Ausdruck in seinen Augen, den Rose einmal gezeichnet hatte.

Er hatte sich deutlich verändert, sprach nicht mehr mit diesem Funkeln in den Augen. Stattdessen schien er die Ideologie der Clique widerstandslos anzunehmen. Als ich ihn darauf ansprach, zuckte er nur mit den Schultern.

„Wir haben unsere Zeit verschwendet, Astoria." Er fuhr sich durch sein dunkles Haar. „Wir haben an dumme Sachen geglaubt. Es war sinnlos, sieh es ein."

„Es war nicht sinnlos, Theo", widersprach ich heftig. „Du willst doch nicht sagen, dass du glaubst, dass Muggelstämmige schlechter sind...?"

„Ich glaube gar nichts mehr, Astoria." Mit diesen Worten machte er kehrt und lief herüber zu Draco.

Schön, dachte ich. Dann geh doch, lauf einfach davon. Du bist so feige!

Wütend wandte ich mich um und stürmte davon. Einen Augenblick später stieß ich mit Daphne zusammen und erwartete, dass sie mich anfauchte wie immer, wenn ich mit ihr redete, doch sie hob nur müde den Kopf. Auch sie veränderte sich langsam. Andere schienen es vielleicht nicht zu bemerken, aber ich konnte genau sehen, wie sie von Tag zu Tag kleiner wurde und immer weniger die kalte arrogante Daphne war, die ich zu kennen geglaubt hatte. Vielleicht wurde ihr das alles zu viel.

Es war schließlich Mitte Dezember, die neue Großinquisitorin Umbridge strukturierte ganz Hogwarts um, und es gab viele Schüler, die gegen sie rebellierten. Mich interessierte es nicht, so kalt das auch klingt, aber mir waren Daphne, Blaise und Theo viel wichtiger.

Blaise bemerkte Daphnes Sinneswandel ebenso wie ich ihn bemerkte. Als wir eines kalten grauen Nachmittags in der Bibliothek saßen, sprach er es an.

„Mit Daphne stimmt etwas nicht."

Ich blickte kaum von meinem Buch auf. „Ich wette das gibt sich wieder."

„Nein", widersprach Blaise. „Tut es nicht. Ich spüre das."

„Wir reden hier von Daphne, sie hat immer Stimmungsschwankungen", entgegnete ich lahm und klappte das Buch zu. Unter gar keinen Umständen wollte ich es wahr haben, dass sie wirklich Probleme hatte. In meinen Augen war sie immer so perfekt gewesen.

„Du verstehst nicht, diesmal ist es anders." Blaise sah mich hilflos an. „Sie ist nicht einfach nur launisch. Ich habe versucht herauszufinden, was los ist, aber sie will nicht mit mir reden. Sie stößt mich einfach auf ihre typische Art zurück."

„Vielleicht braucht sie einfach nur Zeit, um nachzudenken." Ich zuckte mit den Schultern.

Blaise knallte mit der Faust heftig auf den Tisch, was ihm einen wütenden Blick von Madam Pince einbrachte. „Nein! Sie hatte fast drei Monate."

„Dann braucht sie eben mehr Zeit."

„Sag mal, interessierst du dich wirklich nicht für deine Schwester oder tust du nur so?" Er funkelte mich an.

„Ich interessiere mich wohl für sie", verteidigte ich mich.

„Wovor hast du dann Angst?"

„Ich habe keine Angst."

„Doch, hast du." Er sah mich scharf an. „Wovor, Tori? Dass sie dich zurückstößt? Wie kannst du es wissen, wenn du es nicht wenigstens probierst? Vielleicht braucht sie gerade genau dich."

„Das glaube ich nicht", erwiderte ich leise. „Ich bedeute ihr nichts. Sie hat mich schon als Kind immer beleidigt."

„Sie hat sicher ihre Gründe. Bitte, versuch es wenigstens." Er sah mich flehend an. „In den Weihnachtsferien?"

„Ich kann nicht, Blaise", sagte ich leise.

„Was hält dich davon ab?"

Dass sie mich wieder verletzen wird und dass ich das nicht ertragen kann. „Ich weiß es nicht."

„Dann tu es, bitte..."

Ich konnte nicht anders, ich konnte Blaise nicht enttäuschen. „Okay, ich versuche es."

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Die Feiertage waren vorbei und es war ein eiskalter Tag. An den Fenstern hatten sich Frostblumen gebildet, eiskalt und wunderschön. Ich stand am Eingang zu unserer Bibliothek, wo Daphne am Fenster saß und in die Ferne sah. Als ich mich leise räusperte, sah sie kurz in meine Richtung, wandte dann aber wieder den Kopf ab.

„Daphne?"

„Was?" Ihre Stimme klang wie ein leises Fauchen.

Ich zögerte. Wie sollte ich dieses Gespräch jetzt beginnen? „Ich... ich mache mir Sorgen... um dich."

Sie stieß ein kurzes Schnauben aus. „Kümmere dich um deinen eigenen Kram."

„Daphne, du bist meine Schwester! Natürlich kümmere ich mich nicht um meinen eigenen Kram."

Sie fuhr herum. „Lass mich allein, Astoria."

„Daphne, bitte..."

Sie wandte sich um und presste ihren Kopf gegen die eiskalte Scheibe. Ich betrat zögerlich den Raum und setzte mich in einen Sessel, der ihr am nächsten war.

„Was ist los?"

„Was los ist?" Daphnes Stimme war so leise, dass ich sie kaum hören konnte. „Ich bin eine Versagerin."

„Ist es wegen Draco und Pansy?"

Sie fuhr herum und funkelte mich mit ihren eisigen blauen Augen an. „Du hast doch gar keine Ahnung, von gar nichts!"

„Tut mir leid", stammelte ich. „Rede weiter. Ich höre dir zu."

„Vergiss es einfach, du verstehst mich eh nicht." Sie wandte sich wider dem Fenster zu und malte wahllos Striche auf die beschlagene Scheibe.

Verdammt, ich hatte sie verloren. „Daphne, bitte... Ich bin immer für dich da, weißt du? Du kannst immer mit mir reden..."

Sie stieß einen leisen Laut aus, der fast wie ein Schluchzen klang. „Ich kann mit niemandem reden, Astoria, weil ich niemandem vertraue."

„Du kannst mir aber vertrauen, Daphne. Komm bloß nicht auf die Idee, dass du mir nichts bedeutest. Denn das tust du, du bedeutest mir unendlich viel. Und ich möchte doch nur, dass du weißt, dass ich doch trotz allem liebe, weil du immer noch meine Schwester bist." Ich holte tief Luft. „Und wenn du mich jetzt trotzdem noch von dir wegstößt, dann ist es mir egal – nein, nicht egal, es verletzt mich – aber ich werde dich trotzdem noch lieben."

Sie wandte sich mit zusammengepressten Lippen von mir ab. „Ich bin ein Monster."

„Bist du nicht..."

„Doch. Ich tue allen Menschen, die mir etwas bedeuten, weh. Dir, Blaise... Ach, verdammt." Ich konnte die Tränen in ihren Augen glitzern sehen.

„Daphne..." Ich legte ihr sanft den Arm auf die Schulter.

„Nein, nicht Daphne...", sagte sie leise. „Geh einfach, vergiss meine dämlichen Probleme. Mach mit deinem tollen Leben ohne mich weiter."

„Wie kannst du das sagen?", fragte ich leise. „Deine Probleme sind nicht dämlich."

„Geh einfach und lass mich in Frieden. Ich schaff das schon, die perfekte, reiche und schöne Daphne zu sein."

„Du bist mehr als das, weißt du das?", sagte ich.

Die Tränen lösten sich aus ihren Augen und perlten sanft ihre Wangen hinab. Ich hatte sie noch nie weinen sehen und es beunruhigte mich mehr, als ich zugeben mag.

„Geh, bitte."

Irgendetwas an ihrer Stimme ließ mich aufhorchen. Sie klang so verzweifelt und hilflos, dass ich tat, was sie von mir wollte. Ich ging. Vielleicht, wenn ich geblieben wäre, wäre sie irgendwann zusammengebrochen und hätte mir gestanden, wie sie sich fühlte. Aber sie hatte Recht, über Draco war sie hinweg, sie hatte ihn nie geliebt. Dennoch glaubte ich den Rest des Jahres, dass Dracos Beziehung zu Pansy sie runterzog.

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„Ich glaube, sie hat einen anderen", eröffnete Blaise mir eines kalten Februartages in der Bibliothek.

„Wer?", fragte ich ein wenig verwirrt.

Er ließ sich neben mich auf einen Stuhl fallen. „Daphne. Sie will mich kaum berühren, sie entzieht sich mir immer."

„Und daraus schließt du, dass sie einen anderen hat?" Ich legte meine Schreibfeder beiseite. „Ziemlich wenig Beweise..."

„Ich spüre das", entgegnete Blaise und runzelte die Stirn.

„Mann, Blaise, dir waren Mädchen noch nie wichtig. Wenn ich mich recht erinnere, hast du deine fünf vorigen Freundinnen alle betrogen."

„Daphne ist was Besonderes", erwiderte Blaise. „Diese fünf Mädchen waren doch nur Ablenkung. Daphne ist nicht nur wunderschön, da steckt mehr dahinter. Und ich glaube, sie betrügt mich."

„Inwiefern?"

Er warf die Hände in die Luft. „Was weiß ich? Ich habe sie ja gar nicht erwischt."

„Na also... Mach dich nicht verrückt." Ich griff wieder nach meiner Feder, um ihm zu signalisieren, dass das Thema hiermit vorbei war.

„Sie schleicht sich nachts aus dem Bett."

„Vielleicht kann sie nicht schlafen."

„Sie windet sich aus meinen Berührungen."

„Vielleicht drängst du sie."

Er öffnete den Mund, um zu protestieren, ließ es dann aber. „Sie... will nicht mit mir reden."

„Sie will auch nicht mit mir reden", entgegnete ich leise. „Sie will mit niemandem reden. Das muss nicht heißen, dass sie dich betrügt."

„Aber irgendwas – nein, irgendwer – ist da. Pansy hat mir von einem hässlichen Pullover erzählt, von dem Daphne behauptet, dass er mir gehört, aber ich besitze keine gemusterten Pullover. Es ist ein Jungenpullover."

„Pansy erzählt viel, wenn der Tag lang ist. Sieht ihr doch ganz ähnlich, die Beziehung ihrer besten Freundin zu zerstören, um sich für all die Jahre, die sie um Draco gestritten haben, zu rächen." Ich zuckte mit den Schultern.

„Jetzt bist du unfair."

„Bin ich nicht."

„Wieso sollte Pansy denn Daphnes Beziehung zerstören wollen?" Er legte den Kopf schief. „Oder meine, anders gefragt?"

„Was weiß ich", erwiderte ich hilflos. „Pansy macht doch alles, um das Leben von anderen zu zerstören."

„Das sagst du doch jetzt nur, weil sie Draco hat und du nicht."

Mir blieb der Mund offen stehen. „Hier geht es doch nicht um Draco! Außerdem habe ich doch gar kein Int-"

„Doch, hier geht es um Draco." Blaise funkelte mich an. „Bei dir geht es immer um Draco!"

„Das stimmt doch gar nicht." Ich funkelte zurück.

„Ach vergiss es. Ich suche mir jemanden, der mir glaubt. Du tust es ja anscheinend nicht." Er sprang auf und stürmte davon.

Ich starrte ihm entgeistert hinterher. Dass er so austickte, passte gar nicht zu ihm. Er war sonst immer der gelassene, witzige Kerl von nebenan gewesen und diese aggressive Art passte gar nicht zu ihm. Diese Verbitterung hätte ich ihm gar nicht zugetraut.

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Ich saß bei Draco, Pansy, Crabbe, Goyle und Daphne im Gemeinschaftsraum. Pansy saß eng an Draco gekuschelt und er strich ihr abwesend durchs dunkle Haar. Daphne hatte die Arme vor der Brust verschränkt und wirkte ganz weit weg mit den Gedanken.

Ich fühlte mich irgendwie total fehl am Platz, weil ich keinen von ihnen so richtig verstehen konnte. Sie alle waren so ein Rätsel, verhielten sich so widersprüchlich. Wie Draco, der mal nett zu mir war und mein Herz verrückt spielen ließ und dann wieder so tat, als würde er mich kaum kennen. Pansy mit ihrer gekünstelten Art. Daphne mit ihrer seltsamen Verzweiflung. Die einzigen, die so wie immer waren, waren Crabbe und Goyle, die munter in der Gegend herumgrinsten.

„Kannst du mir bei den Zaubertrank Hausaufgaben helfen, Draco?", säuselte Pansy kokett.

Er ging nicht darauf ein. „Jetzt nicht. Ich hab zu tun."

„Du liest doch nur dieses dämliche Buch. Ich versteh gar nicht, warum du das überhaupt machst und..."

„Pansy, halt doch einmal die Klappe, ja?" Draco runzelte die Stirn.

Pansy schmollte und wollte etwas erwidern, doch ich kam ihr zuvor. „Hast du nicht gehört? Er will, dass du still bist."

Draco blickte hoch und unsere Blicke kreuzten sich. Sein Gesicht zeigte keine Regung.

„Was denkst du eigentlich, wer du bist?", fauchte Pansy. „Ich kenne Draco ja wohl besser als du. Oder hast du schon mal seinen Schw-"

„Pansy!", rief Daphne plötzlich. Beim Klang ihrer Stimme zuckten alle zusammen. „Sie ist dreizehn."

„Ach tut mir leid", säuselte Pansy und schlug sich theatralisch gegen die Stirn „Mein Fehler. Ich dachte, sie ist elf."

Ich hätte sie am liebsten geschlagen.

„Haltet doch mal alle die Klappe", sagte Draco genervt.

„Aber, Baby..."

„Auch du, Pansy." Dracos Stirnrunzeln vertiefte sich.

Ich blickte kochend vor Wut auf meine Hände, die in meinem Schoß lagen. Als ich Daphne aus dem Augenwinkel zusammenzucken sah, hob ich den Blick. Blaise stand hinter ihr und drückte ihr einen Kuss auf den Nacken.

„Hey, Daphne", raunte er leise.

„Lass das, Blaise", entgegnete Daphne und wand sich unter seiner Berührung.

„Was? Willst du nicht?" Blaise quetschte sich zu ihr auf den Sessel.

„Blaise!"

„Was ist los, Daphne?" Blaise' Stimme klang forsch und ungewohnt hart. Ich hatte fast ein wenig Angst vor ihm.

„Verdammt, nimmt euch ein Zimmer. Geht woanders streiten, mir egal", sagte Draco genervt.

Ich beäugte ihn. Was war denn los mit ihm?

Wortlos stand Daphne auf und ging. Blaise sprang auf und folgte ihr. Ich stieß ein leises Seufzen aus und wollte ebenfalls gerade aufstehen, als Theo auf uns zukam.

„Theo", sagte ich erfreut. Ich hoffte, endlich ein normales Gespräch mit ihm führen zu können, doch er ignorierte mich eiskalt. „Theo", versuchte ich es nochmal und kam mir vor wie ein quengelndes kleines Kind.

Draco erhob sich genervt und schubste Pansy von sich weg. Mit schnellen energischen Schritten war er verschwunden. Crabbe und Goyle erhoben sich und folgten ihm wie Schoßhündchen.

„Das hast du ja mal wieder toll hingekriegt." Pansy funkelte mich an.

Ich funkelte zurück. „Was denkst du eigentlich, wer du bist?"

„Dracos Freundin." Sie grinste triumphierend. „Und du bist gar nichts. Er sieht dich ja noch nicht mal mit seinem Arsch an."

Ich ballte die Hände zu Fäusten und kochte vor Wut. „Na warte..."
„Astoria, lass es", sagte Theo.

Ich fuhr zu ihm herum. „Ach, jetzt sagt der Herr auch noch was? Wisst ihr was, ich hab das alles so satt. Wie jeder einfach nur auf mir rumhackt. Denkt ihr, ihr seid besser als ich? Verdammt, das seid ihr nicht! Ihr seid doch nur jämmerliche kleine Flubberwürmer!"

Mit diesen Worten stürmte ich davon und ließ die beiden hinter mir. Im Moment konnte ich getrost auf alle verzichten. Ich vermisste Rose mehr denn je.