Brom hatte Eragon erwischt, als er wie von Furien gehetzt hinter Sloans Hütte hervorgerannt kam. Seit Tagen hatte er versucht, mit dem Jungen zu reden, doch dieser war ihm aus dem Weg gegangen. Vielleicht würde er ihm nun, da Eragon die Ra'zac mit eigenen Augen gesehen hatte, wie sie auf der Straße standen und nach ihm Ausschau hielten, zuhören. Brom musste einfach Gewissheit haben...
Also zog er den vermutlichen Drachenreiter in eine kleine Seitenstraße und fragte ihn, doch Eragon antwortete, dass ihm der Name des Händlers, der ihm angeblich soviel über Drachen erzählt hatte, noch immer nicht eingefallen war. Er wollte ihm also noch immer nicht vertrauen...
Als Eragon sich mit einem Handschütteln verabschieden wollte, sorgte Brom mit einer schnellen Handbewegung dafür, dass sein Sigelring der Varden an dem rauen Leder von Eragons Handschuh hängen blieb.
„Wie ungeschickt von mir", heuchelte er Bestürzung und bückte sich ächzend nach dem Handschuh. Als Eragon nach dem Handschuh griff, packte Brom sein Handgelenk. Eragon versuchte, seine Hand zurückzuziehen und seine Reflexe waren dank seines Drachens bereits jetzt besser als die eines Menschens, einem ausgebildeten Drachenreiter jedoch noch immer weit unterlegen. Genauso wenig konnte er sich gegen Broms überlegene Kraft wehren, als Brom die Hand nach oben drehte und sich das Drachenmal auf der Handinnenfläche betrachtete. Hell schimmerte es im trüben Tageslicht, ein Symbol der Hoffnung nach einer viel zu langen Zeit der Dunkelheit. Eragon war erschrocken zusammengezuckt, doch Brom war viel zu glücklich, als dass ihn Eragons Entsetzen jetzt gekümmert hätte.
„Geh nach Hause", schickte er Eragon fort, kaum war der Junge außer Sichtweite gestürmt, kehrte Brom fröhlich pfeifend in seine Hütte zurück und packte seine Sachen für eine Reise zu den Varden. Gewiss, die Ra'zac bereits so nahe zu wissen, war beunruhigend, doch die Gewissheit, dass sich die Prophezeiung der Drachenknochen der Vollendung näherte, verdrängte die dunklen Gedanken aus ihm.
Wenige Tage später war seine gute Stimmung dahin, er war erneut auf Spuren der Ra'zac gestoßen und dieses Mal schienen sie genau zu wissen, wo sie hin mussten. Als ihn die Nachricht von Horst, dem Schmied, erreichte, dass Eragon verschwunden war, wurde seine Vermutung zur Gewissheit. Die Ra'zac waren hinter Eragon her und er konnte nur noch hoffen, dass Eragons Drache dem angeborenen Misstrauen der Drachen gegen Wesen wie die Ra'zac gefolgt und geflohen war. Ansonsten war der Junge jetzt tot...
Lautlos fluchend folgte Brom der schwachen Spur der Klauenfüße, die nur den Ra'zac gehören konnte. Mit jeder Länge, die er zurücklegte, verdichteten sich seine Befürchtungen über das Ziel der Ra'zac.
Das erste Anzeichen war der stechende Geruch von brennendem Stroh, schon bald konnte er auch das Prasseln der Flammen hören. Er bewegte sich nun so schnell, wie es ihm auf dem tückischen Boden des Waldes möglich war und doch wusste er, dass er zu spät kommen würde. Garrows Hof, sechs Meilen von Carvahall entfernt, brannte lichterloh.
Drei Ra'zac standen vor den Flammen, zwei von ihnen hielten den zusammengesunkenen Körper von Eragons Onkel Garrow. Brom wusste nicht, ob er nur bewusstlos oder bereits tot war, vorsichtig schlich er näher, bis er die Gestalt näher in Augenschein nehmen konnte. Garrow bewegte sich nicht, doch das musste nichts heißen...
Falls... Wenn Garrow noch am Leben war, musste er alles unternehmen, damit dies so blieb. Die Ra'zac mussten also schnell sterben, ohne eine Möglichkeit zur Gegenwehr. Er näherte sich den Monstern von hinten, doch immer bestrebt, im Schutz des Waldes zu bleiben. Schließlich hatte er eine günstige Position erreicht.
„BRISINGR!", rief er und schickte den Ra'zac einen mächtigen Feuerzauber entgegen, welcher sich kurz vor den Ra'zac in drei einzelne Feuergarben aufteilte. Die Kriegerwesen wirbelten herum, doch sie waren zu langsam. Alle drei wurden von der Macht des Zaubers eingehüllt und verbrannten innerhalb von Sekunden zu kleinen Aschehaufen. Des Haltes der Ra'zac beraubt, fiel Garrow zu Boden und rührte sich nicht.
Besorgt lief Brom los, doch noch bevor er den Wald verlassen hatte, sah er aus den Augenwinkeln einen von einer schwarzen Hand geschwungenen Ast auf sich zusausen. Der Knüppel traf ihn an der Stirn, roter, purer Schmerz flammte in ihm auf und er hörte jemanden – oder etwas – höhnisch lachen. Dann wurde alles dunkel und er hörte nichts mehr...
Als er wieder erwachte, war es bereits dunkel. Stöhnend erhob er sich, sein Schädel fühlte sich an, als wäre er auf zehnfache Größe angeschwollen. Vorsichtig tastete er nach der Quelle der Schmerzen und spürte Blut an seinen Fingern. Der Ra'zac musste ihn ziemlich heftig erwischt haben, er konnte von Glück sagen, dass sein Kopf nicht geborsten war.
Schwankend wankte er zu Garrows Hof. Die zwei Gebäude waren bis auf die Grundmauern niedergebrannt, einige der Trümmer qualmten noch schwach. Doch viel auffälliger waren für Broms Augen die zahlreichen Drachenspuren, welche den gesamten ehemaligen Garten verwüstet hatten. Eragon war also bereits hier gewesen...
‚Wahrscheinlich kehrte er in dem Moment zurück, als der Ra'zac mich niederschlug', dachte Brom bitter. Ihm war klar, dass Eragons Drache der einzige Grund gewesen sein konnte, der einen Ra'zac in die Flucht schlagen konnte – wäre es nicht so gewesen, wäre er nun tot.
Er musste nach Carvahall zurück und erfahren, was geschehen war. Er musste wissen, ob Eragon noch am Leben war...
Er brauchte lange, um das Dorf zu erreichen, immer wieder musste er Pausen einlegen, wenn seine Kräfte ihn zu verlassen drohten. Als er die ersten Häuser der Siedlung erreichte, war er in Schweiß gebadet und die Kopfschmerzen hatte eine ihm bis dahin vollkommen unbekannte Intensität erreicht. Er wollte nur noch in sein Bett und schlafen.
Doch zuvor musste er wissen, was mit Eragon war. Vorsichtige Fragen bei Gertrude, der Dorfheilerin, ergaben, dass der Junge vor wenigen Stunden schwer verletzt bei Horst aufgetaucht war, hinter sich auf einer Liege Garrow, der dem Tode sehr viel näher als dem Leben war. Das ganze Dorf fragte sich, was geschehen war, doch weder Eragon noch sein Onkel waren in der Lage, Fragen zu beantworten. Gertrude hatte sich um seine Kopfwunde gekümmert, ohne Fragen zu stellen.
‚Also sind Eragon und Garrow noch am Leben', dachte Brom vorm Einschlafen erschöpft. Nun musste er nur dafür sorgen, dass das auch so blieb...
Gertrude hielt ihn in den folgenden Tagen auf dem Laufenden. Vier Tage nach dem Angriff der Ra'zac starb Garrow an den Folgen der schrecklichen Verletzungen, die die Ra'zac ihm zugefügt hatten. Eragon dagegen erholte sich ausgezeichnet.
Gertrude besuchte ihn an diesem Tag nicht und Brom nutzte die freie Zeit, um eine Nachricht an Roran, Eragons Cousin und Garrows Sohn, aufzusetzen. Sobald Eragon in der Lage war, zu reisen, würde er mit ihm aus Carvahall fliehen, die Gefahr, dass die Ra'zac zurückkehrten, war einfach zu groß.
Außerdem wusste Galbatorix höchstwahrscheinlich bereits von Eragon und dem Ei und Brom würde alles tun, um zu verhindern, dass der junge Drachenreiter unter den Einfluss Galbatorix' geriet.
Er hinterlegte die Nachricht für Roran bei Morn, dem Schankwirt, er wusste, dass Eragons Cousin vor seiner endgültigen Abreise in sein neues Leben als Müllerlehrling dort noch einmal vorbeischauen würde. Auf dem Rückweg sah er Eragon aus Gedrics Gerberei kommen, drei große Häute unter die Arme geklemmt. Ihm war klar, was das bedeutete. Der Junge suchte sich Ausrüstung für die Flucht zusammen...
Lautlos folgte er Eragon in einen kleinen Hain außerhalb Carvahalls, wo Eragon die Häute im Geäst eines Baumes versteckte. Brom lächelte vergnügt, als er Eragon in Sloans Metzgerei schleichen sah, ohne Zweifel würde der arrogante Metzger am nächsten Morgen um einige Schinken ärmer sein.
Brom musste nicht lange im Schatten des Baumes warten, bereits wenige Minuten später kehrte Eragon zurück, das Wams voll mit Proviant.
„Willst du irgendwo hin?", fragte Brom schneidend.
Die Reise konnte beginnen...
