Bilbo atmete erleichtert aus, als sie endlich alle beim Rastplatz ankamen. Gandalf, der den Sonnenaufgang mit von seinem 'Blick nach vorne' mitgenommen hatte und wegen einem 'Blick nach hinten' gegangen war, wollte Bilbo unbedingt noch sprechen, aber…
Thorin sah mörderisch aus. Als ob er jemanden gleich umbringen würde.
Sie hatten die meiste Zeit in der Nacht damit verbracht, hinter Trollen herzurennen, anstatt zu schlafen, also war es logisch, das er wütend war, aber…
Das war schlecht. Das war mehr als schlecht.
Bilbo machte einen Schritt vorwärts, aber Balin hielt ihn am Arm fest. "Das ist nichts für dich, Jungchen."
"Aber Balin…"
"Nicht jetzt, Bilbo", sagte Balin, während er seinen König im Auge behielt. "Ich weiss, ich befürworte es, ich stimme dir zu, aber gerade jetzt müssen Nori und du euch zurückhalten und nicht im Weg stehen. Vor allem, weil Thorin denkt, dass du auch involviert warst."
Bilbo liess sich von Nori von der Gruppe weg ziehen. Es wurde wieder still und Bilbo bemerkte, dass Balin seine Angst vor Thorin ausgenutzt hatte, um ihn von da weg zu bekommen. Aber Nori legte seine Hand auf Bilbos Mund, sobald er es geöffnet hatte. "Keinen Ton, Bilbo!"
Bilbo hatte vor, zu zubeissen. Buchstäblich.
"Ich bin auf deiner Seite, Bilbo!", zischte Nori in sein Ohr. Der Rest der Zwerge murmelten etwas. Thorin musste gesprochen haben. "Mein Vater… Mein Vater war für fast 10 Jahre in der Sklaverei gefangen, und ich kenne es! Ich verstehe es! Er hat mir beigebracht, dass Sklaverei falsch und verwerflich ist und dass wir es bekämpfen müssen und ich habe es Ori und Dori beigebracht, aber es ist hier wie zu Hause: Ich habe nichts zu sagen! Ich bin ein Niemand und niemand interessiert es, was ich denke! Ich muss das für die richtige Zeit und den richtigen Ort aufbewahren, wenn mir jemand zuhört. Bis dann… Bis zu diesem Tag müssen du und ich uns zurückhalten, zuschauen und warten."
"Nichts, was du jetzt sagst, würde seine Einstellung ändern." Bomburs leise Stimme kam aus dem Nichts, "Nicht, wenn sein Besitztum gefährdet ist."
"Die Jungs?", fragte Bilbo hoffnungsvoll.
"Nein, die Ponys.", brummte Bombur.
"Sollten wir nicht zu den anderen gehen?", fragte Nori Bombur, "Ich will nicht, dass Thorin merkt, dass du fehlst."
"Ich bezweifle, dass er etwas anderes als das, was sich direkt unter seiner Nase abspielt, interessiert."
Bilbo versuchte seine Vorteile aus dieser Unterhaltung zu schöpfen, um näher an die Gruppe heranzugehen, aber Nori hielt ihn weiter fest.
"Bilbo.", murmelte er, "Ich kann dich noch immer nicht gehen lassen."
"Ich muss es sehen, Nori!"
Nori drehte sich nun richtig zu dem Hobbit. "Musst du das? Wirklich?"
Bilbo schluckte schwer, nickte dann aber. "Ich muss es wissen."
Die beiden Zwerge warfen sich einen Blick zu.
"Okay, Bilbo, aber ich nehme mir das Recht heraus, dich von da weg zuholen, wenn ich denke, dass es nötig ist."
Bilbo nickte nochmals hastig. Nori begleitete ihn zu der Gruppe, und Bilbo zog ein wenig zur Seite, um zwischen den Zwergen hindurchsehen zu können.
Thorin wanderte Kreise.
Fíli und Kíli waren auf den Knien am Boden. Ihre Köpfe gesenkt und die Hände auf den Knien. Bilbo fragte sich, ob sie den Drang verspürten, ihren Hinterkopf immer dann zu schützen, wenn Thorin hinter ihnen war.
Thorin murmelte etwas in der Zwergensprache und offensichtlich sagte er etwas wichtiges, wenn man den Gesichtern der anderen Zwergen glauben schenken durfte. Dwalin sah mal wieder so aus, als würde er gerne jemanden verstümmeln - Balin hatte ihm vorsorglich die Äxte weggenommen. Bofur und Bifur waren neben Dori und Ori. Ori versuchte weg zu gucken, aber sein Bruder liess ihn nicht. Óin und Glóin beteiligten sich nicht. Wie immer, eigentlich, aber Bilbo hätte schwören können, dass er Emotionen von ihren Augen ablesen konnte. Sie waren zwar versteckt, aber da.
Jedermann erstarrte.
Torin brüllte etwas in seiner Muttersprache und schwang einen Ast wie eine Keule. Der Ast verfehlte Fílis Gesicht nur um wenige Millimeter, dann knallte er auf dessen Schulter. Fíli unterdrückte ein Ächzen. Kíli zuckte zusammen und der Ast raste diesmal auf seine Schulter hinunter.
Thorin ging an ihnen vorbei und wollte sie offensichtlich von hinten schlagen, als Óin nach vorne trat.
"Mein König.", sagte er ruhig, "Natürlich werde ich deine Befehle befolgen, und ich werde mein Bestes tun, aber ich kann nicht für die Gesundheit der Jungs garantieren, wenn du sie mit einem Knüppel schlägst. Sie werden morgen weder reiten noch arbeiten können."
Bilbo hätte wissen müssen, dass der alte Heilerzwerg der erste sein würde, der den Mund aufmachte - aber dann… er hatte vorher noch nie ein Wort darüber verloren. Warum also jetzt?
Thorin sah noch immer fuchsteufelswild aus, nickte aber langsam.
"Du sagst die Wahrheit, Óin", sagte er und liess die Keule fallen.
Nur, um seinen Gurt zu lösen, die Schnalle in seine Hand zu nehmen und ihn nach vorne auf Kílis Rücken sausen zu lassen.
"Seht ihr? Sogar unter diesen Umständen schaue ich zu euch.", säuselte er in Westron, "Ich lasse euch so ganz wie möglich."
Er drehte sich um und liess das Selbe nun auch Fíli zukommen.
"ich bin mir sicher, dass du deinen Bruder schützen willst, nicht wahr, Fíli? Wie viele soll ich dir heute Nacht nur geben?"
Bilbo zuckte bei jedem Schlag zusammen. Die Schläge sahen aus, als wären sie nach Zufallsprinzip auf die Brüder aufgeteilt. Fíli hielt seine Reaktionen zurück und war beachtenswert still, aber Kíli stöhnte bei jedem Schlag gequält auf, wenn er Zeit hatte, um Luft zu holen.
Dann drehte Thorin den Gurt in seiner Hand und benutzte nun die Schnalle.
Fíli begann in einer für Bilbo unbekannten Sprache zu schreien und Kíli schloss sich ihm an.
Dann krümmte sich Fíli plötzlich zu einem Ball zusammen - noch mehr als vorher schon. Kíli kroch zu seinem Bruder und bedeckte dessen Körper mit seinem, nur um los zu kreischen, wann immer ihn die wütenden Schläge trafen.
"Nein bitte! Bitte nicht noch mehr, Onkel!"
Die Stille war ohrenbetäubend. Bilbo wollte sich von Noris Griff befreien, aber dieser hatte offensichtlich ziemlich viel Übung darin, jemanden festzuhalten, denn anstatt los zu lassen, zerrte er den Hobbit über den Rastplatz und setzte ihn auf einen Baumstamm neben Bombur.
Jemand, vermutlich der grössere Zwerg, streichelte über seinen Rücken und versuchte mit ihm zu sprechen.
Er verstand kein Wort von dem, was sie sagten - da war nur ein Wort, das ihm immer und immer wieder durch den Kopf hallte: Onkel.
Onkel!
Und dann war alles, was er sehen konnte, das Blut und alle Wörter in seinem Kopf verschwammen zu einem unverständlichen Lärm und…
Die Schläge in seinem Kopf verhallten.
Bilbo sah auf.
Thorin war einen Schritt zurückgetreten und keuchte ein wenig.
Kíli war zusammengekrümmt, er zuckte.
Fíli bewegte sich gar nicht mehr.
Blut war am Boden verspritzt.
Thorin hob seinen Kopf entschlossen. Beherrscht.
Der grossen Eichenast wurde ein letztes Mal gehoben.
Thorin fiel wie ein Stein zu Boden.
"Ich muss sagen,", sagte Bofur und zerbrach damit die Stille, "das hat länger gedauert, als ich dachte."
Und Dwalin, der nun den Ast in der Hand hielt, schenkte ihm ein einschüchterndes, zähnefletschendes Grinsen.
