10. Kapitel

Als Rose und der Doktor dieses Mal die Straße betraten, waren sie besser vorbereitet. Aila hatte ihnen den genauen Weg zum Hyperloop-Bahnhof und danach auch nach Crawley beschrieben und so machten sie sich, nachdem Rose ihre Tasse mit Tee ausgetrunken hatte, auf den Weg. Die Hyperloop-Station erinnerte Rose an einen klassischen U-Bahnhof. Wie Aila versprochen hatte, gab es hier keine Wachen. Stattdessen musste man nach einem Scan seines Identitätschips im Unterarm eine Art Lichtschranke passieren, um die eigentlichen Zustiegsräume zur Hyperloop zu erreichen. Dem Beispiel des Doktors folgend hatte Rose ihren Schallschrauber im Ärmel versteckt und als sie an der Reihe war sich dem Scan zu unterziehen, reichte ein Druck auf den Knopf des schlanken Griffes aus, damit sich die Lichtschranke für sie öffnete.

„Praktisch, dieses kleine Geschenk, dass du mir da gemacht hast", meinte Rose gut gelaunt und hakte sich am Arm des Doktors ein, während sie den Schallschraubenzieher zurück in den Ärmel gleiten ließ. Der Doktor grinste ihr als Antwort spitzbübisch zu und sie machten sich gemeinsam auf dem Weg zu den Transportkapseln. Sie wählten eine eigene Kapsel für sich und nachdem sich die schwere Metallluke geräuschlos hinter ihnen geschlossen hatte, mussten sie noch einmal den Scan ihrer Identifikationschips umgehen, bevor sie am Terminal der Kapsel ihren Zielort eingeben konnten.

„Herzlich willkommen im Hyperloop-Express", hallte die übertrieben freundliche Stimme einer Frau durch die Kapsel. „Bitte nehmen Sie einen der vorgesehenen Plätze ein. Ihr Sicherheitsgurt wird vor Beginn der Fahrt automatisch angelegt. Zu ihrer eigenen Sicherheit ist das Aufstehen während der Fahrt strengstens untersagt."

Unweigerlich entrang de Doktor ein amüsiertes Schnauben. „Typisch Mensch. Auch im 24. Jahrhundert muss er sich gegen alles absichern", sagte er und ließ sich auf einen der Sitze sinken. Rose grinste und setzte sich neben ihn.

„Das war doch jetzt einfacher als erwartet", stellte sie erfreut fest und ergriff zärtlich seine Hand. „Du wirst sehen, wir sind in Nullkommanichts an der TARDIS. Und dann sind wir endlich zu Hause!" In der Kabine erklang ein eleganter Gong und aus den Sitzen schlangen sich Sicherheitsgurte passgenau um ihre Oberkörper. „Was ich ganz vergessen habe zu fragen. Wie genau funktioniert eigentlich dieser Hyperloop? Ich habe noch nie davon gehört."

Der Doktor winkte ab. „Ist im Grunde eine ulkige kleine Idee, die glaube ich schon aus dem 21. Jahrhundert stammt. Diese Kapsel befindet sich in einer Röhre mit Unterdruck und wenn ich mich nicht irre, werden wir darin gleich samt Kapsel beschleunigt. Ist im Grunde so, als wären wir eine Kugel im Lauf einer Pistole. Ob sich das die Erfinder damals auch gedacht haben?"

Rose stöhnte gequält auf und der zweite Gong erklang, zusammen mit der Durchsage: „Wir möchten sie noch einmal daran erinnern, dass sie mit der Nutzung unseres Service auf jegliche Schadensersatzforderungen verzichten. Wir wünschen Ihnen eine gute Reise."

„Na großartig! Wir hätten die Geschäftsbedingen vielleicht vorher lesen sollen…" seufzte Rose.

Der Doktor winkte ab. „Wer liest schon Geschäftsbedingungen? Das ist was für Langweiler."

Das einzig gewöhnungsbedürftige am Hyperloop war die Beschleunigung. Es fühlte sich wirklich so an, als hätte man sie mit einer Art Katapult abgeschossen. Doch schon nach wenigen Sekunden war nichts mehr davon zu spüren und Rose lehnte sich entspannt zurück. Ihre Fahrt zur Hyperloop-Station in Crawley dauerte sage und schreibe 2 Minuten und sie hatten nicht ein einziges Mal umsteigen müssen. Sehr praktisch. Rose konnte verstehen, weshalb der Hyperloop inzwischen so ein beliebtes Reisemittel geworden war, zumal er laut der Anzeigetafeln auf den Bahnhöfen auch international funktionierte. Grandios!

Crawley war dafür eine wirkliche Ernüchterung. Wie Aila es angekündigt hatte, lagen Großteile des Stadtviertels in Trümmern. Um den neu errichteten Hyperloop-Bahnhof waren zwar bereits die ersten Häuser wieder errichtet worden, aber schon 500 Meter davon entfernt, waren ausgebrannte Ruinen und riesige Krater im Boden soweit das Auge reichte.

Der Doktor seufzte. „Die Sontaraner waren schon immer ein kriegerisches Völkchen. Ich frage mich nur, was sie auf der Erde wollten. Gab es diesen Angriff auch schon, bevor jemand in die Zeitlinie eingegriffen hatte? Und wenn nicht, was wollten sie dann hier?" Er raufte sich sie Haare. „Arrrgh! Die Fragen häufen sich und ich bin nicht viel näher dran eine Antwort zu finden, als nach unserer Ankunft in dieser Zeit. Wenn es wirklich einen Zeitreisenden gibt, der die Vergangenheit verändert, dann kann das sehr hässlich werden."

Rose sagte nichts, sondern drückte nur aufmunternd seine Hand, während die gemeinsam Seite an Seite durch die Überreste des Stadtviertels liefen. „Es ist fast unmöglich, sich hier zu orientieren", seufzte Rose und ließ den Blick schweifen. „Nicht nur, dass hier ohnehin fast nur noch Ruinen sind, aber vor dem Angriff dieser Sontaraner war auch der Grundriss des Viertels ein völlig anderer. Diese Römer müssen das Viertel komplett anders aufgebaut haben! Was ist, wenn es den Bunker, in dem die TARDIS steht in dieser Realität gar nicht gibt?" fragte Rose und konnte nicht verhindern, dass sich ein Hauch von Panik in ihre Stimme schlich. „Dann sitzen wir in dieser Zeit mit all den Römern und Androiden fest!"

Der Doktor drückte ihre Hand und als sie ihn ansah, zwinkerte er ihr zu. „Ich bin nicht umsonst der klügste Kerl, der dir je begegnet ist. Vor unserer Abreise habe ich die TARDIS und den sie umgebenden Bunker in Raum und Zeit fixiert. Kleiner Timelord-Trick. Du kannst dir vorstellen, dass bei so vielen zeitreisenden Landsleuten schnell man etwas verloren geht. Daher tendieren wir dazu, unser Heim und alles andere was uns wichtig ist in Raum und Zeit zu fixieren. Gar nicht schwer, wenn man einmal weiß wie es geht."

Rose rollte die Augen. „Hättest du das dann nicht auch einfach mit meiner Wohnung machen können?" fragte sie und kam nicht umhin, ein wenig vorwurfsvoll zu klingen. Der Doktor schnalzte die Zunge.

„Nah, dieses Haus hätte es keine hundert Jahre mehr gemacht. Da nützt auch ein Realitätsschloss nichts. Gegen den natürlichen Verfall kann das nichts ausrichten. Der Bunker hingegen übersteht auch noch weitere 242 Jahre."

Rose seufzte. „Ich hoffe, das ist jetzt nicht nur eine Ausrede. Aber so oder so. Was nützt es uns, dass der Bunker noch steht, wenn wir ihn nicht finden können?" Sie drehte sich einmal um die eigene Achse. Der Doktor wackelte jedoch nur angeberisch mit den Augenbrauen und zückte seinen Schallschraubenzieher.

„Erwähnte ich bereits, dass ich klug bin?" Er ließ den Schallschrauber aufleuchten und begann sich langsam, um seine eigene Achse zu drehen. Als er sich etwa eine Viertel Umdrehung von Rose entfernt hatte, begann das Licht an der Spitze des Gerätes erst langsam und dann immer schneller zu pulsieren. „Ich habe natürlich auch die TARDIS-Koralle so markiert, dass wir sie hiermit aufspüren können. Da entlang!"

Schon wenige Minuten später hatten sie den Eingang zum Bunker erreicht. Er lag, genau wie Rose es in Erinnerung hatte, hinter einer unscheinbaren aber dicken Stahltür in einem kleinen Wäldchen etwas abseits vom Weg.

„Scheint so, als hätte dein Realitätsschloss funktioniert. Nicht nur die Tür scheint unbeschädigt, sondern das ganze kleine Wäldchen. Beeindruckend, Timelord!" lobte Rose in neckendem Tonfall und zwinkerte. „Ich wusste, dass ich dich nicht umsonst in meiner Nähe behalte."

Der Doktor trat dicht hinter sie und hauchte einen verführerischen Kuss in ihren Nacken. „Und ich dachte das wüsstest du auch so" flüsterte er und trat dann an ihr vorbei, um die Tür mit seinem Schallschrauber zu öffnen. Rose zog ihn allerdings an der Hand zurück und schenkte ihm einen verspielten Kuss.

„Ich habe nichts dagegen, wenn du mich gelegentlich daran erinnerst", hauchte sie und nutzte dann seine Abgelenktheit, um sich an ihm vorbei zur Tür zu schieben und selbst ihren Schallschrauber zu zücken. Binnen weniger Augenblicke hörte sie das Klicken des Schließbolzens und gemeinsam mit dem Doktor gelang es ihr auch, die schwere Tür mit vereinten Kräften nach innen aufzuschieben. Vor ihnen lag ein langer, schmaler Gang, doch der pinke Schein ihres Schallschraubers raubte der vor ihnen liegenden Dunkelheit jegliche gespenstische Stimmung.

„Hat fast was Gemütliches, findest du nicht?" scherzte Rose und ging zielgerichtet den Gang hinunter. Dort fand sie eine weitere Metalltür, von er sie hätte schwören können, dass sie das letzte Mal nicht dagewesen war. Hatte das Realitätsschloss des Doktors nicht funktioniert? Rose schob die Metalltür vorsichtig nach innen auf und blickte vor sich in einen leeren Raum.

„Sollte die TARDIS nicht irgendwo hier sein? Ich hätte schwören können, dass wir sie gleich hier in diesem Raum gelassen haben…", fragte Rose besorgt, und sah sich um. Der Doktor trat mit gerunzelter Stirn gleich hinter ihr ein und zückte seinen eigenen Schallschrauber. Verwirrt richtete er ihn in alle Richtungen und begann aufgeregt im Raum hin- und herzulaufen.

„Was ist, Doktor? Sag bitte nicht, dass sie nicht hier ist! Wäre es möglich, dass die Sontaraner sie mitgenommen haben?" In Rose' Magen machte sich ein beklommenes Gefühl breit. Was, wenn sie wirklich in dieser Zeit festsaßen? Nicht nur, dass sie als unregistrierte Bewohner ständig würden auf der Hut sein müssen, Rose würde ihre Familie auch nie wieder sehen!

„Rose!"

Sie wandte sich in Richtung des Doktors. „Hast du irgendwas gesagt?" fragte sie verwirrt.

„Ich sagte, dass sie hier irgendwo sein muss. Das Signal des Schallschraubers ist eindeutig. Vermutlich tarnt sie sich. Der Chamäleon-Schaltkreis ist noch intakt…" Suchend kroch der Doktor über den staubigen Boden und begann, einen Stein vor seinen Füßen zu analysieren.

„Aber sollte sie sich dann nicht als etwas großes tarnen? Also ich meine, etwas mit einer Tür?"

„Rose!"

„Ja?" Sie schaute verwirrt um Doktor hinüber, doch dieser kniete immer noch zu ihren Füßen im Sand und schüttelte den Kopf. „Hab' nichts gesagt", meinte er knapp und wandte sich nach rechts, um die Wand zu untersuchen.

„Seltsam", murmelte sie und drehte sich im Kreis. „Ich könnte schwören ich hab was gehört."

„Ich bin in deinem Kopf."

Rose blinzelte verwirrt. „Wer ist du?" dachte sie.

„Ihr nennt mich TARDIS", kam die prompte Antwort.

„Wieso sprichst du in meinem Kopf? Und wo bist du überhaupt?" wollte Rose wissen und blickte sich zum Doktor um, der inzwischen eine weitere Tür geöffnet hatte, hinter der sich augenscheinlich ein weiterer leerer Raum befand.

„Ich spreche zu dir, weil ich dir vertraue."

„Und ihm traust du nicht?"

„Er ist kein Timelord, ich kann es spüren. Er sieht aus wie der Doktor, mein Doktor, aber er ist es nicht. Etwas stimmt nicht. "

Rose seufzte innerlich. „Er ist eine biologische Metakrise aus dem Doktor und einem Menschen – Donna – vielleicht kennst du die? Aber es ist dennoch der Doktor, in allen wesentlichen Dingen zumindest."

„Wenn das wahr ist, was du sagst… warum ließ er mich dann allein? Ich war hier für Jahrhunderte … einsam… ohne Kontakt. Mein Doktor hätte mich nie so lang allein gelassen. Er kam immer zu mir zurück", erklang die Stimme der TARDIS traurig in Rose' Kopf. Ihr wurde schwer ums Herz.

„Es tut mir Leid. Niemand sollte so lange allein sein müssen. Er … wir … wir hatten nicht die richtigen Bausteile, um dich schneller wachsen zu lassen. Mit den uns zu Verfügung stehenden Mitteln dauerte es…"

„242 Jahre."

„Genau. Aber der Doktor und ich sind menschlich. Wir … hätten nicht so lange gelebt. Wir sahen keine andere Möglichkeit zu dir zurückzukehren und so haben wir einen Zeitsprung gemacht", gestand Rose traurig. Darauf herrschte zunächst Stille.

„TARDIS?" fragte sie vorsichtig in ihrem Kopf. „Es tut mir wirklich, wirklich Leid."

„Ich glaube dir" erklang die Stimme der TARDIS sanft.

„Heißt das, du hörst jetzt auf dich zu verstecken und sagst mir wo du bist?"

„Zuerst musst du mir etwas versprechen, Rose."

„Was ist es? Was kann ich für dich tun?"

„Du darfst mich nie wieder verlassen. Lass mich nicht mehr zurück. Egal was passiert."

Rose schluckte und spürte, wie ihr das Herz schwer wurde. „Aber ich bin sterblich… irgendwann muss ich dich verlassen."

Fast glaubte sie, so etwas wie ein Schmunzeln in ihrem Inneren zu spüren. „Das bist du nicht … nicht mehr. Du hast in mein Herz gesehen … erinnerst du dich? Es ist immer noch etwas vom Zeitstrom in dir… ich kann es spüren. Er verändert dich…"

Rose wurde schwindelig. „Und das heißt, ich kann nicht sterben? Niemals?"

„So lange du es nicht willst? Nein. Wir könnten also immer zusammen bleiben. Dann muss keiner von uns allein sein, nie mehr."

Rose schluckte, denn sie verstand, was die TARDIS ihr zu sagen versuchte. Der Doktor würde sie irgendwann verlassen, die TARDIS auf der anderen Seite… „In Ordnung. Ich verspreche es." Sie atmete tief durch. „Sagst du mir jetzt, wo du bist?"

Dieses Mal war es fast so, als würde die TARDIS in ihrem Kopf kichern. „Du stehst schon in mir. Er auch, übrigens." Rose sah sich um.

„Du meinst diese Räume? Das bist du? Wo ist die Konsole?"

„Dort wo ich will. Ich forme diese Räume nach meinem Willen. Und gerade gefällt es mir, den Doktor den Boden absuchen zu lassen." Rose rollte innerlich die Augen.

„Kann es sein, dass du ein klitzekleines bisschen nachtragend bist?"

„Sag du es mir."

Rose grinste und sah durch die Tür, durch welche der Doktor verschwunden war, wie er mit gezücktem Schallschraubenzieher die Ziegel der gegenüberliegenden Wand absuchte. Sie ging langsam ein paar Schritte vor und lehnte ich lässig in den Türrahmen.

„Doktor?" fragte sie, doch der Doktor war so in seine Aufgabe vertieft, dass er sich nicht zu ihr umwandte sondern nur abwesend sagte: „Nicht jetzt Rose. Ich hab's fast."

Rose rollte die Augen und die TARDIS in ihrem Kopf tat es ihr gleich. „In Ordnung. Ich geh dann so lange schon mal in den Konsolenraum. Komm einfach nach, sobald du fertig bist, mit dem was du hier machst." Mit diesen Worten wandte sie sich um und sah gerade noch rechtzeitig aus dem Augenwinkel, wie an der Wand rechts von ihr eine Tür erschien. Langsam ging sie darauf zu und begann in ihrem Kopf zu zählen: Eins, zwei, drei…

Schließlich hörte sie, wie der Doktor hinter ihr auf die Füße kam und ihr eilig folgte. „Der Konsolenraum? Heißt das, du hast du TARDIS gefunden? Wie? Wo?" Er blickte sich schnell nach allen Seiten um. Rose lächelte.

„Als was würdest du dich verstecken, in einem Bunker, in dem es nichts als leere Räume gibt?" Es dauerte einen Moment, dann…

„Oh. Oh!" Er sah sich um und musterte die Wände um sich mit ganz neuen Augen. Dann stürzte er auf die nächste Wand zu und streichelte diese mit einer fast liebevollen Geste. „Das ist brillant, sie ist brillant!" rief er begeistert und drehte sich im Kreis. Mit Blick in Richtung Rose blieb es schließlich stehen.

„Wie lange hast du es schon gemerkt?" fragte er zweifelnd.

„Och, schon eine kleine Weile" antwortete Rose unbestimmt und machte sich wieder auf den Weg zur eben erschienenen Tür.

„Warum hast du nicht eher was gesagt?"

Sie blieb stehen, wandte sich zu ihm um und lächelte süßlich. „Du bist der klügste Mann, den ich je getroffen habe", erinnerte sie ihn. „Ich dachte früher oder später kommst du schon selbst darauf." Mit diesen Worten machte sie die letzten drei Schritte auf die Tür zu und öffnete sie.

„Gib's zu. Das hast du genossen." murmelte die TARDIS in ihrem Kopf. Rose schmunzelte.

„Vielleicht ein bisschen?"