Die Unterhändlerin

Sally saß im Büro des Managers auf dem Boden, hatte die Beine angezogen und den Rücken gegen eines der dicken Tischbeine gelehnt. Ihr Blick ging den Gang hinunter. Links und rechts lagen die verschlossenen Türen, hinter denen sich die Geiseln befanden, die sie zu bewachen hatte. Natürlich hatte sich Hoxton beschwert. Aber Sally brauchte kaum Schlaf und sie fühlte sich selbst wohler, wenn sich ihre weitaus rüstigeren Kameraden etwas ausruhten. Sie spürte nämlich, wie die Inhibitoren an ihrer eigenen Kraft zehrten.
Ihr Gehstock lag neben ihr auf dem Boden. Seitdem sie sich über die Anwesenheit der Inhibitoren klar geworden war, schien er ihr wie ein Anker, auf den sie plötzlich angewiesen war. Vorher hatte sie immer in den Nebel zurückkehren können, oder einfach davonschweben. Doch jetzt war sie an den Boden gefesselt. Es war ein Gefühl, das Sally schon lange nicht mehr erlebt hatte.
Es war tiefste Nacht. Blaues Licht blitzte durch die Fenster herein und schoss über die Wände. Zusammen mit den Scheinwerfern der Polizei erzeugte es eine Lichtstimmung in der Bank, die wie eine geisterhafte Perversion des Tages wirkte. Es war dunkel und gleichzeitig hell. Schatten tanzten an den Wänden entlang, nicht unähnlich jener im Nebel und immer wieder hörte Sally die Polizisten vor den Toren einen Befehl bellen, ein Fahrzeug umstellen oder etwas anderes treiben. Der Lärm erinnerte sie an ihre prekäre Lage.
Am unteren Ende des Korridors erschien eine schwarze Silhouette. Langsam schlenderte sie auf Sally zu. Es war die Figur einer Dame, weshalb es sich nur um eine Person handeln konnte. Sally hatte noch kein Wort mit Clover gewechselt. Von ihren Interaktionen mit den anderen Gangmitgliedern hatte sie sich zwar ein verschwommenes Bild ihres Charakters malen können – sie war frech, ungeniert, voreilig, aber auch kompetent, wenn sie wollte – doch Sally würde niemals behaupten, etwas über die Irin zu wissen.
„Guten Abend", grüßte Sally, als Clover in der Tür zum Büro stehen blieb und sich gegen den Türrahmen lehnte. Ein Sturmgewehr hing um ihren Oberkörper.
„Ist etwas passiert?", fragte Sally nach einem Augenblick des Schweigens. Stille pflegte die Krankenschwester als schlechtes Zeichen zu interpretieren. Glücklicherweise zerstreute Clover ihre Sorgen bereits im nächsten Augenblick, zumindest ein wenig.
„Ah, nay. Ich wollte nur einen Blick auf die Dame werfen, die die Jungs zu diesem Himmelfahrtskommando überredet hat."
Clover war also hier, um sich ein Bild von Sally zu machen. Sie wollte wohl auch wissen, ob sie der Krankenschwester vertrauen konnte oder sich vielleicht vor ihr in Acht nehmen musste. Wahrscheinlich wollte sie auch die Machtverhältnisse abklären, worauf Sally allerdings absolut keine Lust hatte.
„Da gibt´s nicht viel zu sehen", antwortete sie mit einem melancholischen Lächeln. Ihre Zähne blitzen im Halbdunkel. Einen Moment später löste sich Clover vom Türrahmen und ging hinüber an die Wand, direkt neben die Topfpflanze, wo sie sich wieder anlehnte.
„Oh, das würde ich nicht sagen. Ist zumindest das erste Mal, dass ich jemandem mit nem orangen Auge übern Weg laufe."
Sally antwortete nicht. Clover stand ebenfalls eine Weile schweigend an der Wand, die Hände vor der Brust verschränkt und die Beine überkreuzt. Ihre Maske hing lässig an ihrem Gürtel. Nach einiger Zeit griff sie in ihre rechte Anzugtasche und zog eine Zigarette hervor, die sie wenig später an einem Feuerzeug entfachte. Das tapfere Flämmchen erhellte das Büro und beleuchtete die Gesichter der beiden Damen. Dann wurde es wieder dunkel.
„Wie bist du eigentlich mit den Jungs zusammengekommen?", fragte Clover schließlich aus dem nichts: „Eigentlich sind sie recht wählerisch, was den Nachwuchs angeht."
Sally zuckte mit den Schultern.
„Ich habe an ihre Tür geklopft und gefragt, ob sie Lust auf einen Bankraub hätten."
„Das ist alles?"
„Und ich habe Chains aus dem Gefängnis gezaubert."
„Na also", nickte Clover: „Bain hat´s mir erzählt. Aber der alte Sack hat mir schon oft genug Lügen aufgetischt. Dann ist es also wahr?"
„Was?"
„Dass du dich durch die Gegend teleportieren kannst?"
Es war immer wieder erstaunlich, wie schnell sich die Leute mit solch übernatürlichen Fertigkeiten abfanden, dachte Sally. Hätte man ihr damals in ihrer Jugend erklärt, dass sie eines Tages zwischen Dimensionen hin und her reisen würde, hätte sie demjenigen den Vogel gezeigt und das Gespräch umgehend beendet. Aber heutzutage waren die Menschen wohl weit aufgeschlossener als damals.
„So in der Art", bestätigte Sally: „Ich…"
Plötzlich rauschte ein seltsames Geräusch durch das Büro und Clover drückte die rechte Hand an ihr Ohr. Dann schaute sie zu Sally.
„Bain will dich sprechen."
Sally griff nach ihrem eigenen Headset, das sie neben ihrem Gehstock auf dem Boden platziert hatte und drückte es zurück in ihr Ohr.
„Ich höre?"
„Die Polizei hat wieder versucht zu verhandeln", erklärte Bain. Alle Anrufe in die Bank wurden von der Payday Gang automatisch an ihn weitergeleitet, sodass er die Diplomatenarbeit übernehmen konnte. Die übrigen Mitglieder der Gang waren dazu entweder zu beschäftigt, zu unsensibel oder beides. Also übernahm Bain die Aufgabe. Bisher hatte er die Polizei erfolgreich vor den Toren gehalten.
„Machen sie uns Probleme?", fragte Sally.
„Ich glaube nicht. Noch nicht. Aber dieses Mal war nicht mehr dieser verdammte Tapp an der Leitung, sondern ein Mädchen, das behauptet, dich zu kennen."
„Ein Mädchen?"
„Meg Thomas oder so ähnlich. Soll ich sie durchstellen?"
Sally warf einen schnellen Blick hinauf zu Clover. Was zur Hölle hatte Meg hier verloren? Sie war doch meilenweit entfernt in Waltonfield, lag hoffentlich in ihrem Bett und schlief einen unbehelligten Schlaf. Die Polizei hatte sie doch nicht etwa bis hierher gezerrt, um sie nun als Druckmittel einzusetzen? Sally überlegte einen Moment, bevor sie sagte: „Ja, stell sie durch."
Ein schwaches Piepen war zu hören. Dann Stille, gefolgt von Rauschen und schließlich einer unsicheren Stimme.
„Hallo? Sally?"
„Guten Abend, Meg."
„Ähm… hi."
Es tat gut, Megs Stimme zu hören, doch gleichzeitig verfluchte Sally die Polizei dafür, dass sie Meg in diese Sache hineingezogen hatte.
„Hat Tapp dir aufgetragen, mich zur Aufgabe zu bewegen?", fragte Sally, woraufhin sie einen weiteren Moment der Stille hörte. Wahrscheinlich schaute Meg gerade zum Detective, der ihr eine Antwort vorgab. Die Polizei verfolgte das Gespräch zweifellos mit.
„Ja, das… das hat er", kam schließlich die Antwort.
„Gut. Dann sag ihm, dass du es versuchen kannst. Aber nur hier in der Bank und unter vier Augen."
„Sally, warte…"
Doch Sally hatte die Verbindung bereits getrennt. Sie legte ihre rechte Hand mit dem Headset wieder auf den Boden und schaute hinauf zu Clover.
„Du kennst sie?", fragte die Irin und Sally nickte: „Sie ist wie eine Tochter für mich. Und sie hat mit der Sache absolut nichts zu tun."
„Warum willst du sie dann in die Bank holen?"
Sally erlaubte sich eine kurze Pause, bevor sie antwortete.
„Ich will ihr eine Gelegenheit geben, mit mir zu sprechen, ohne dass die Polizei mithört. Die Schweine versuchen sie gegen mich zu verwenden, aber das können sie sich abschminken."
Clover nickte.
„Dann schauen wir mal, ob sie darauf eingehen."

„Hey, Meg, warte mal, das ist viel zu gefährlich. Sally ist nicht allein da drin. Sie hat mindestens vier bewaffnete Bankräuber mit sich, so viel wir wissen."
„Jordan hat recht", mischte sich Feng ein: „Wir haben keine Ahnung, was hier los ist."
„Sally passt schon auf mich auf", beharrte Meg. Sie gab das Funkgerät, durch das sie gerade eben mit Sally gesprochen hatte, zurück an Dokkaebi und setzte eine entschlossene Miene auf. Im Inneren tobte natürlich die Nervosität. Aber die Angst galt nicht ihr selbst, sondern Sally. Und ein Gespräch unter vier Augen würde ihr erlauben, ihre nächsten Schritte mit ihr zu koordinieren.
„Niemand geht in diese Bank, ohne dass ich es erlaube", meldete sich Detective Tapp vom Polizeitruck herüber. Er war zwar ein angenehmer Mann, so viel hatte Meg bereits mitbekommen, doch er ließ nichts zwischen sich und seine Pflicht kommen.
„Ihr wolltet, dass ich mit ihr verhandle", sagte Meg: „Sie will nicht, dass ihr zuhört. Dann müsst ihr mich eben allein mit ihr sprechen lassen."
„Und ihr noch eine Geisel reinschicken?", fragte Jordan: „Meg, nein. Das ist keine Option."
„Woher wissen wir überhaupt, dass du dich nicht auf ihre Seite schlägst?", fragte Alibi, die sich mit verschränkten Armen eher im Hintergrund gehalten hatte. Nun trat sie nach vorne und musterte Meg mit einem scharfen Blick.
„Auf ihre Seite schlagen?", fragte Meg und hoffte, dass sie die nun folgende Lüge überzeugend ablieferte: „Ich stehe schon längst auf ihrer Seite und genau deshalb will ich absolut vermeiden, dass ihr sie über den Haufen schießt. Ich habe schon verstanden, dass ihr sie da nicht mehr rauslasst, also muss ich sie dazu bewegen, aufzugeben. Wenn sie auf jemanden hört, dann bin ich das."
Alibi starrte sie immer noch an und von allen Anwesenden war sie die einzige, die wirkte, als hätte sie Megs Lüge nicht gefressen. Doch dann zuckte die Italienerin mit den Schultern.
„Meinetwegen"
„Du willst ein junges Mädchen reinschicken, Aria?", fragte Maestro mit seiner tiefen Stimme, doch Thatcher gab dazu: „Wenn es wahr ist, dass sie sich so gut kennen, dann wird ihr schon nichts passieren. Stürmen können wir die Hütte nachher immer noch. Wenn Jordan damit einverstanden ist…"
„Das ist nicht seine Entscheidung", fuhr Meg dem alten Briten ins Wort.
„Warte mal, Meg", rief Jordan, doch sie ließ ihn nicht aussprechen.
„Ich weiß, was ich tue. Sally hat mir mehr als einmal das Leben gerettet und ich werde sie jetzt nicht im Stich lassen. Sie begeht einen Fehler und ich muss sie davon abhalten. Punkt."
„Dann lass mich wenigstens mit dir kommen."
„Das wird sie nicht akzeptieren", murmelte Thatcher: „Du hast sie doch gehört."
„Ich werde mitgehen."
Alle Köpfe drehten sich herum und schauten zu Feng. Die kleine Asiatin stand hinter Megs Rollstuhl und die Sicherheit ihrer Worte stand in krassem Gegensatz zu ihrem nervösen Gesichtsausdruck.
„Sally kennt mich ebenfalls", sagte Feng: „Gut sogar. Und zu zweit können wir noch stärker auf sie einreden."
„Ihr seid mutige Mädchen, ihr beiden, das muss man euch lassen", knurrte Thatcher, während Caveira etwas auf Portugiesisch murmelte. Fuze und Dokkaebi standen schweigend daneben. Jordan schien unbedingt etwas sagen zu wollen, doch er hielt sich zurück. Seine Sorge als Vater stand ihm geradewegs ins Gesicht geschrieben. Maestro und Alibi hingegen wirkten ruhig, beinahe gelassen. Sie behandelten die Situation mit absoluter Professionalität.
„Ich melde ihnen, dass ihr reinkommt", sagte schließlich Detective Tapp, drehte sich um und verschwand im Kommandotruck. Wenig später marschierten Feng und Meg geradewegs über die Straße, durch die Lichtkegel der Scheinwerfer, hinüber zur Bank. Feng schob Megs Rollstuhl. Jordan begleitete sie und gemeinsam mit Fuze packte er Megs Rollstuhl an den Rädern, um sie die wenigen Stufen zum Eingang der Bank hinaufzutragen. Der Russe drehte sich daraufhin um und verschwand. Jordan allerdings blieb zurück, immer noch mit dem starken Bedürfnis, etwas sagen zu wollen.
„Sally und ich hegen eine tiefe Freundschaft", versuchte Meg ihn zu beruhigen: „Sie ist wie eine Mutter für mich und ich glaube, sie würde mich als Tochter bezeichnen. Sie wird für meine Sicherheit garantieren. Versprochen."
Jordan nickte. Er sagte immer noch nichts, doch das war auch gar nicht nötig. Nach einer kurzen Pause ging er hinüber an eine der Glastüren, die nicht zerschossen worden war und hämmerte einmal mit der Faust dagegen. Dann warf er Meg und Feng einen letzte Blick zu, bevor er Fuze zurück zur Polizeilinie folgte.
Die beiden Mädchen wandten sich indes der Bank zu. Sie hatten ein kratzendes Geräusch gehört, wie von einem Möbelstück, das verschoben wurde. Kurz darauf öffnete sich die Glastür, an die Jordan geklopft hatte und eine Gestalt erschien. Sie trug einen Anzug, hatte einen weiblichen Körperbau und versteckte ihr Gesicht hinter einer Maske. Feng lief ein Schauer über den Rücken.
Die Bankräuberin sagte nichts, sondern bedeutet ihnen mit einem Kopfnicken, dass sie eintreten sollten. Sofort griff Feng nach Megs Rollstuhl und schob sie über die flache Türschwelle. Der Vordereingang führte sie direkt in eine ausgestorbene Eingangshalle, ganz so, wie man sie sich von einer Bank erwarten würde. Scherben lagen auf dem Boden, Möbel waren umgestoßen worden und durch die hohen Fenster sickerte das Licht der Polizeischeinwerfer in die steinerne Halle.
Wieder ertönte das kratzende Geräusch, als die Bankräuberin hinter ihnen den Schrank zurück vor die Tür schob. Feng bemerkte, dass sie sich ein Sturmgewehr um den Oberkörper geschnallt hatte. Diese Verbrecher gingen wirklich zur Sache. Konnte es denn wahr sein, dass Sally sich mit diesen Kriminellen eingelassen hatte? Feng konnte es immer noch kaum glauben, doch schon allein die Möglichkeit, dass dem so war, rechtfertigte ihr gewagtes Vorhaben.
„Hier entlang", schnauzte die maskierte Frau. Ohne sich umzudrehen ging sie geradewegs durch die dunkle Eingangshalle auf eine Seitentür zu. Feng musste sich beeilen, um zusammen mit Meg schritthalten zu können. Von draußen hörte sie den leisen Lärm der Polizisten und Reporter.
„Glaubst du, sie ist wirklich da?", fragte Feng flüsternd und vornübergebeugt. Ihre schwarzen Haare kitzelten Meg an der Schulter.
„Ich habe mit ihr gesprochen", antwortete Meg leise. Sie konnte ihr Herz gegen ihre Brust hämmern spüren, als Feng sie aus der Eingangshalle hinüber in einen Bürobereich schob. Die kleine Asiatin warf beständige Blicke nach links und rechts. Mit jedem Schritt zweifelte sie daran, ob sie einen Fehler begangen hatte. Doch jetzt war es zu spät, um umzukehren und so folgte sie einfach dem Rücken der Bankräuberin, die immer wieder hinter Winkeln und Ecken verschwand.
Nach der dritten Biegung betraten Feng und Meg einen langen Gang. Links und rechts führten Türen in verschlossene Büros und am unteren Ende befand sich eine dunkle Gestalt. Feng erkannte die Figur einer Frau. Sie hatte sich rücklings gegen einen Schreibtisch gelehnt, trug ein schwarzes Kleid und verbarg ihr Gesicht in der Dunkelheit. Was sie jedoch verriet, war das einsame, orange leuchtende Auge.
„Sally", hauchte Feng. Beinahe wäre sie stehen geblieben, doch sie besann sich und schob Meg tapfer den Gang hinunter. Die Bankräuberin blieb kurz vor der Tür in das Büro stehen. Feng passierte sie und stand einen Moment später direkt vor jener Frau, die sie bereits für immer verloren geglaubt hatte.
„Hallo Feng", grüßte Sally: „Ich wusste gar nicht, dass du auch hier bist."
„Ähm… hi", stammelte Feng und wartete, ob auch Meg etwas sagen wollte. Schließlich war sie diejenige, die jahrelang mit Sally zusammengelebt hatte. Sie kannte die Krankenschwester um einiges besser und sie hatte am meisten unter ihrer Abwesenheit gelitten. Oder zumindest glaubte Feng das.
„Denk nicht an mich", murmelte Meg: „Genieß die Party. Mach dir keine Sorgen. Verdammt Sally, ich dachte, du wüsstest was du tust?"
„Ja, das dachte ich auch", antwortete Sally: „Ich habe nicht mit einer so schnellen Reaktion der Sicherheitskräfte gerechnet. Es tut mir leid, Meg."
„Ich habe dir gesagt, dass es eine blöde Idee ist."
„Und darüber sind wir immer noch verschiedener Meinung."
„Ehrlich?", rief Meg: „Das hier war dein Plan?"
„Wartet mal", fuhr Feng dazwischen: „Du wusstest von diesem Banküberfall?"
„Sie wollte mir ja nichts Genaues verraten." Meg verschränkte die Arme vor der Brust und starrte Sally vorwurfsvoll an. Feng ließ ihren Blick zwischen den beiden hin und her schnellen.
„Du wusstest, was los ist? Sally hat dich… ihr habt miteinander gesprochen? Also nach Paris?"
„Wir hatten die ein oder andere Unterhaltung, ja", antwortete Sally in sachlichem Tonfall. Die Zähne ihres Lächelns blitzen im hereinfallenden Scheinwerferlicht.
„Warum hast du uns nichts erzählt?", fragte Feng und schaute hinunter zu Meg. Sie ging halb um den Rollstuhl herum, sodass sie ihr direkt ins Gesicht schauen konnte.
„Sally wollte ja nicht, dass ich euch etwas erzähle", rief Meg und wies auf die Krankenschwester, die schuldbewusst die Hände hob.
„Das stimmt. Dafür bin ich verantwortlich. Bitte verzeih mir, Feng, aber ich hielt es für sicherer, keinen Kontakt mit euch aufzunehmen."
„Warum?" Feng schaute Sally fast schon beschuldigend an. „Wir haben uns solche Sorgen gemacht um euch. Wir hatten keine Ahnung, was sie mit euch angefangen haben. Wir dachten bereits, ihr wärt tot oder so. Aber ihr lebt und seid entkommen?"
„Ich bin entkommen", berichtigte Sally mir erhobenem Zeigefinger: „Allein. Anna, Max und Maxine sind immer noch in den Händen des FBI."
„Und die anderen?"
Feng schaute zu Sally. Dann schoss ihr Blick zu Meg, die das Gesicht zu Boden senkte. Schließlich blickte sie wieder zurück zu Sally, von der sie endlich eine Antwort erhielt.
„Philip und Lisa haben den Kampf gegen Freddy nicht überlebt. Sie sind in der Nacht gestorben, in der Freddy die Militärbasis attackiert hat. Freddy selbst habe ich einen Monat später im Nebel aufgespürt und eliminiert. Um ihn braucht ihr euch keine Sorgen mehr zu machen."
Feng trat einen Schritt zurück.
„Philip ist tot? Und Lisa auch?"
Sally antwortete nicht, doch ihr Blick bestätigte die Wahrheit. Feng schaute hinunter zu Meg.
„Wusstest du davon?"
Meg enthielt sich ebenfalls einer Antwort. Erneut war das Schweigen Antwort genug und so drehte sich Feng vollkommen überrumpelt der Wand zu. Sie legte die Hände an den Kopf, während sie die neugewonnen Informationen verarbeitete. Meg und Sally schauten ihr nach. Erst nach einer Weile wandte sich Feng wieder um, sagte jedoch nichts mehr. Fürs erste hatte sie genug Antworten erhalten.
„Die Polizei hat dich also reingeschickt, um mich herauszuholen?", fragte Sally und schaute hinunter zu Meg. Ihr Tonfall war gelassen, beinahe beiläufig und man mochte fast meinen, dass sie sich nach dem letzten Tratsch erkundigte.
„Jep", knurrte Meg: „Ich soll dich dazu bringen, die Sache fallenzulassen und dich zu stellen. Andernfalls soll ich dir sagen, dass sie die Bank stürmen werden."
„Eine leere Drohung"
„Ich weiß"
Feng schaute zwischen Meg und Sally hin und her, beeindruckt von der Kaltschnäuzigkeit, mit der sie das Thema diskutierten.
„Und?", fragte Meg.
„Und was?"
Sally schaute sie fragend an.
„Hast du vor, dich zu stellen?"
„Hast du vor, mich dazu zu überreden?"
„Nein"
„Gut"
Ein Grinsen fuhr über Sallys Lippen und Feng war mehr als nur erstaunt, es auf Megs Gesicht erwidert zu sehen. Was war nur in die beiden gefahren? Hatten sie etwa den Verstand verloren? Doch immer noch traute Feng sich nicht, ein Wort von sich zu geben.
„Sie glauben aber, dass du mich umstimmen willst, oder?", fragte Sally und Meg nickte.
„Ja. Ich habe ihnen aufgetischt, dich vor einem großen Fehler bewahren zu wollen."
„Und das haben sie gefressen?"
„Sonst wäre ich jetzt nicht hier."
Sally lachte in sich hinein.
„Ach Meg, du bist spitze. Aber dann erwarten sie jetzt sicher, dass wir uns eine Zeit lang unterhalten, oder nicht? Sie glauben, dass du mit mir verhandelst und alles versuchst. Ich muss euch also noch ein Weilchen hierbehalten."
„Ja", stimmte Meg ihr zu: „Sonst kommen sie uns noch auf die Schliche."
„Naja, ich hatte dir ja ein Gespräch heute Nacht versprochen", antwortete Sally: „Zugegeben, eigentlich hatte ich dabei eher an den Nebel gedacht, aber das Büro eines Bankmanagers wird´s auch tun."
„Und ich hoffe, du hast eine gute Erklärung für diese ganze Aktion hier."
„Der Nebel?", ging Feng nun dazwischen: „Im Sinne von… Entitus? Ihr habt euch im Nebel getroffen? In dem Nebel?"
Meg und Sally drehten gleichzeitig die Köpfe und schauten zu ihr hinüber.
„Ich glaube, wir könnten die Zeit auch nutzen, um dir ein bisschen auf die Sprünge zu helfen", murmelte Sally.
„Ich dachte, du wolltest uns nicht verraten."
„Will sie auch nicht", kommentierte Meg, doch Sally antwortete: „Jetzt bist du ohnehin schon in die ganze Sache verwickelt. Wenn du Fragen hast, werde ich versuchen, sie zu beantworten."
„Fragen…", murmelte Feng. Sie ging hinüber zum Schreibtisch, an den sich Sally angelehnt hatte und setzte sich neben sie auf die Tischkante. Ihre Füße baumelten ein paar Zentimeter über dem Boden.
„Sag mir einfach, warum wir uns mitten in einem Bankraub befinden."
„Kurz gesagt", antwortete Sally: „Ich brauche Hilfe, um die anderen aus den Händen der Regierung zu befreien. Diese Leute kennen sich mit Ein- und Ausbrüchen aus. Sie werden mir helfen, wenn ich ihnen vorher dabei helfe, diese Bank hier leerzuräumen."
„Du hast also kein Interesse an dem… dem Geld?", fragte Feng. Sie schaute hinunter zu Meg, die mit den Schultern zuckte. Doch Sally schüttelte den Kopf.
„Ich bin keine Diebin, Feng. Was ich hier mache, mache ich nur für Max und Anna."
„Die immer noch vom FBI festgehalten werden?"
„Ganz genau. Das Problem ist folgendes: Das FBI – oder besser gesagt die Regierung – glaubt mir nicht, dass ich Freddy getötet habe. Ich konnte es ihnen nämlich nicht beweisen. Also halten sie uns – mich, Anna, Max und auch Maxine Caulfield in diesem Fall – immer noch für Bedrohungen. Sie glauben, dass Freddy über uns in diese Welt einbrechen kann, wie damals in Paris."
„Aber Freddy ist nicht mehr."
„Wäre er noch am Leben, hätte ich mich ihnen gefügt", versicherte Sally: „Es wäre keine leichte Entscheidung gewesen, aber ich hätte eingesehen, dass wir eine Gefahr für die Gesellschaft darstellen. Ich hätte mich einsperren lassen. Aber seitdem Freddy nicht mehr da ist, sehe ich keinen Grund dafür, warum wir auf unsere Freiheit verzichten sollten. Daher bin ich ausgebrochen."
„Und nun versuchst du, die anderen auch rauszuholen?"
Sally nickte. Feng schaute sie für einen Moment wortlos an, bevor sie sich wieder an den Kopf fasste und stöhnte.
„Ihr macht mich wahnsinnig."
„Ich gebe zu, das ist vielleicht etwas viel für eine Nacht", lachte Sally und tauschte einen schmunzelnden Blick mit Meg aus.
„Wie könnt ihr beide nur so ruhig sein?", beschwerte sich Feng: „Sollten wir uns nicht Sorgen machen und… und etwas unternehmen?"
„Ich tue bereits alles, was ich kann", antwortete Sally: „Und ihr helft mir am besten, indem ihr einfach euer Leben lebt. Das habe ich Meg gesagt und dir sage ich es auch. Das ist meine Aufgabe. Ich kümmere mich darum. Macht euch nicht zu viele Sorgen um mich."
„Leichter gesagt als getan", knurrte Feng und Meg stimmte ihr mit einem Kopfnicken zu. Dann wurde die kleine Asiatin jedoch stutzig. „Wenn diese Bankräuber einfach nur das Geld wollen, warum teleportierst du dich nicht einfach in den Tresor und holst es ihnen?"
„Das war der ursprüngliche Plan", erklärte Sally: „Aber anscheinend haben sie Inhibitoren im Tresor aufgestellt. Damit blockieren sie meine Kräfte und auch den Zugang in den Nebel."
„Aha", machte Feng: „Du hast jetzt also einfach so Zugang in den Nebel?"
„Sie hat ihn unter Kontrolle", warf Meg ein und Sally fügte hinzu: „Nach meinem ersten Monat in Gefangenschaft, habe ich auf einmal verstanden, was ich tun muss, um ihn nach Belieben betreten oder verlassen zu können. Genau wie Lisa damals. Auf diese Weise bin ich auch an Freddy herangekommen. Um genau zu sein, war der Hass, den ich gegen Freddy verspürt habe, der Schlüssel, der mir den Weg geebnet hat. Glaube ich zumindest. Ganz sicher bin ich mir nämlich immer noch nicht."
„Ihr macht mich fertig, Leute", beschwerte sich Feng erneut. Meg übernahm nun das Wort und erzählte: „Über den Nebel hat sie sich auch zu mir ins Haus geschlichen, ohne dass es jemand mitbekommen hat."
„Wenn das FBI diese Inhibitoren nicht entwickelt hätte, hätte ich die anderen längst schon rausgeholt", sprach Sally weiter: „Ohne die können sie mich nicht halten. Deshalb werden sie mich auch bei der ersten Gelegenheit erledigen."
„Aufzugeben ist also keine Option", schloss Meg und Sally nickte. Feng hingegen schaute Sally einfach nur besorgt an.
„Sie wollen dich umbringen? Nicht fangen?"
„Nein", bestätigte Sally: „Mich lebend zu erwischen ist vom Tisch. Das hat mir Baker gesagt, bevor ich ausgebrochen bin."
„Was hast du nun eigentlich vor?", fragte Meg: „Mit den Inhibitoren im Tresor haben sie dich doch in der Falle. Und wie du schon sagst, wenn das alles hier zu Ende ist, werden sie dich töten."
Die Angst in ihrer Stimme war beinahe greifbar, doch Sally konnte sie beruhigen.
„Während wir hier sprechen, arbeitet unter unseren Füßen ein Thermalbohrer am Tresor. Wolf hat vorhin behauptet, es würde noch gerade mal fünf Stunden dauern, bis wir durch wären. Dann machen wir die Dinger einfach kaputt, schnappen uns das Geld und hauen durch den Nebel ab. Ich muss nicht einmal einen Fuß auf die Straße vorne setzen."
„Wenn alles glattgeht", gab Meg zu bedenken, doch Sally winkte ab: „Das wird es schon. Die Polizei stürmt uns nicht, solange wir Geiseln haben."
„Dir ist schon klar, dass halb Team Rainbow vor der Tür steht und nur auf einen Befehl wartet?", fragte Meg. Diese Informationen schien Sally nun doch aus der Fassung zu bringen, wenn auch nur für einen kurzen Moment.
„Nein, das… das ist mir neu. Sie haben Team Rainbow einberufen? Verdammt, das habe ich nicht erwartet. Aber eigentlich ist es eine nachvollziehbare Maßnahme. Am Ende ändert es nichts an unserer Situation."
„Glaubst du?"
Sally schaute Meg eine Weile lang an und Meg schaute ohne zu Blinzeln zurück. Es war Zeit für die Wahrheit, erkannte die Krankenschwester. Und die Wahrheit sollte Meg bekommen.
„Um ehrlich zu sein", seufzte Sally: „Ich kann auch nicht mehr tun, als zu hoffen. Wenn sie uns stürmen, dann war´s das sowieso. Aber es wäre eine verdammt dumme Idee und diese Leute da draußen sind nicht dumm. Ich vertraue darauf, dass sie das Wohl der Geiseln an oberster Stelle behalten."
„Das werden sie", antwortete Meg: „Eine von ihnen scheint etwas angriffslustig zu sein, aber die restlichen sind sich im Klaren darüber, dass ein Angriff die absolut letzte Option ist."
„Ich bin froh, das zu hören."
Sally spürte Erleichterung in sich aufkeimen. Dass Team Rainbow einsatzbereit vor der Tür stand, beunruhigte sie ein wenig. Schließlich war die beste Spezialeinheit der Welt drauf und dran gegen sie vorzugehen. Aber Dallas und Bain wussten was sie taten. Chains war sicherlich ein begabter Schütze und auch Wolf, Hoxton, Clover und selbst Junior schienen mit der Lage zurechtzukommen. Der Plan konnte immer noch funktionieren.
„Gibt es sonst irgendwelche Informationen, die du mir geben kannst?", fragte Sally: „Weißt du, wie sie im Falle eines Angriffs eindringen würden? Hast du irgendeine Ahnung, was sie planen?"
Meg schüttelte den Kopf.
„Sie haben mir nur aufgetragen, dich zur Aufgabe zu überreden. Und sie sehen zu allem entschlossen aus."
„Das sind wir auch", beharrte Sally: „Nun, ich denke, wir müssen noch ein bisschen Zeit totschlagen, bevor ich euch wieder hinausschicke. Hast du sonst noch irgendwelche Fragen, Feng? Oder warum erzählt ihr mir nicht, was bei euch so vor sich ging, in letzter Zeit."
Feng und Meg tauschten einen Blick aus. Es war viel vor sich gegangen, doch die meisten Dinge waren dann doch eher privater Natur. Feng hatte einiges zu erzählen und Meg entschied sich dazu, ihr die Entscheidung zu überlassen, wie viel sie Sally verraten wollte.
„Du hattest recht", sagte Meg stattdessen: „Die Party war eine gute Idee. Ich habe mich recht gut amüsiert. Auf jeden Fall besser als daheim im Bett vor der Flimmerkiste."
„Na siehst du. Ich hab´s dir doch gesagt. Seid ihr alle dort gewesen?"
„David hat sich ziemlich verspätet", erzählte Feng: „Und Jake ist gar nicht erst aufgetaucht. Ihm ist leider etwas dazwischengekommen."
„Seine Katze hat sich wehgetan", murmelte Meg mit einem leicht sarkastischen Unterton: „Ich glaube, er hatte einfach keine Lust, sich unter Leute zu begeben. Du kennst ihn doch. Uns mag er, aber der Rest der Welt, der kann ihm gestohlen bleiben."
„Jedem das seine", kommentierte Sally.
„Feng hatte ein wunderschönes rotes Kleid an", erzählte Meg weiter: „Du hättest sie sehen sollen. Sie war definitiv die Blickfängerin des Abends."
„Wirklich?" Sally drehte den Kopf hinüber zu Feng, die sich ein verlegenes Grinsen nicht verkneifen konnte.
„Es war ein Versöhnungsgeschenk meiner Mutter."
„Dann versteht ihr euch endlich wieder besser?"
„Nun ja, ich schätze wir sind auf einem guten Weg", überlegte Feng: „Zumindest ich und meine Mutter. Mein Vater ist immer noch ganz der Alte, aber wenn er sich ändern will, kann er sich jederzeit bei mir melden. Bis dahin beschränke ich den Kontakt zu ihm auf ein Minimum."
Sallys oranges Auge blitzte durch das Halbdunkel, als sie Feng mit einer halb überlegenden, halb besorgten Miene musterte. Die Asiatin konnte ihr Gesicht natürlich kaum sehen.
„Das ist eine gesunde Haltung", murmelte Sally schließlich: „Aber pass auf, dass du dich nicht zu sehr von deinen Eltern entfernst. Du kannst Meg fragen, wie sehr sie einem fehlen können."
„Ich weiß", antwortete Feng: „Aber Kompromissbereitschaft muss es auf beiden Seiten geben."
„Wohl wahr" Sally schaute wieder hinunter zu Meg. „Und bei dir und deinem Vater ist noch alles in Ordnung?"
„Ja", antwortete Meg: „Er sitzt gerade draußen vor der Bank und sorgt sich wahrscheinlich zu Tode. Am liebsten hätte er meinem Rollstuhl an einen Laternenpfahl gefesselt, aber ich habe darauf bestanden, mit dir zu verhandeln." Das letzte Wort betonte sie mit einem sarkastischen Unterton.
„Und recht hat er", sagte Sally: „An seiner Stelle hätte ich dich niemals zu sechs Bankräubern hineingehen lassen."
„Wirklich? Du warst es doch, die mich in den Nebel mitgenommen hat, damals."
„Das war etwas anderes", widersprach Sally: „Wir waren die einzigen, die hineinkonnten. Außerdem war ich nicht ein Vater, der seine Tochter zum ersten Mal seit zweiundzwanzig Jahren gesehen hat. Und vergiss nicht, dass ich mich auch damals schon dagegen ausgesprochen habe."
„Jep, und beide Male habe ich mich durchgesetzt."
„Gegen deinen Sturschädel kommt man halt nicht an."
„Dann sind wir ja schon zu zweit."
Feng kicherte leise, als sie das freundschaftliche Geplänkel zwischen den beiden Damen mitverfolgte. Es tat so gut, Meg glücklich zu sehen. Sally war wie ein Segen für sie und die Gewissheit, dass es zumindest ihr gut ging, wirkte auch für Feng erleichternd. Allerdings gesellte sich nun die Sorge hinzu, was wohl aus Max und Anna werden würde. Ganz zu schweigen von der Trauer um Philip und Lisa. Allerdings hatte sie Lisa sowieso schon vor zwei Jahren abgeschrieben und Philip… Feng hatte insgeheim bereits angenommen, keinen der Killer wiederzusehen und die Nachricht, dass es nur einen erwischt hatte, konnte sie nun kaum mehr aus der Fassung bringen. Für seine Familie würde es mit Sicherheit schwieriger werden.
„Hast du es eigentlich schon Jade erzählt?", fragte Feng. Meg und Sally drehten ihr beide die Köpfe zu. Die Krankenschwester seufzte, während Meg antwortete.
„Nein. Ich habe stillgehalten. Wir beide sind jetzt die einzigen, die von Sally wissen und davon, was in Paris geschehen ist."
„Es wird ein schwieriges Gespräch werden", murmelte Feng und Sally nickte: „Ich hoffe, sie hatten zwei wundervolle Jahre mit ihm."
„Wenigstens hat Freddy bezahlt", fügte Meg hinzu. Dann schaute sie auf ihre Uhr und nickte nach hinten den Gang hinab. „Vielleicht sollten wir unsere Verhandlungen langsam beenden. Sonst werden die da draußen noch ganz nervös. Was sollen wir ihnen eigentlich sagen?"
Sally zuckte mit den Schultern.
„Sagt ihnen, dass ihr alles versucht habt, um mich herauszubekommen und dass es nicht funktioniert hat. Sagt ihnen auch, dass es den Geiseln gut geht und dass sie nichts zu befürchten haben, solange sie keinen Fuß über die Türschwelle setzen. Und zu guter Letzt sagt ihnen, dass ich tun werde, was ich für nötig halte und wenn sie mich zwingen, ein paar Geiseln zu erledigen, dann werde ich auch davor nicht zurückschrecken."
„Aber du denkst doch nicht wirklich so?", fragte Feng, als sie vom Schreibtisch hinunter auf den Boden sprang. Ein Hauch von Unmut flog über ihr Gesicht.
„Nein, natürlich nicht", antwortete Sally: „Aber vor allem Team Rainbow soll das ruhig glauben, damit sie auf keine dummen Gedanken kommen. Und so leid es mir tut, muss ich sagen, dass ich für keinen meiner Kollegen garantieren kann."
Feng schoss Meg einen besorgten Blick zu, die allerdings nur mit den Schultern zuckte. Sally hatte ja gesagt, dass sie sich mit Verbrechern eingelassen hatte. Gefahr und Unheil waren zu erwarten gewesen. Da konnte man jetzt nicht mehr viel daran ändern.
„Wir sagen ihnen einfach, dass sie sich fernhalten sollen", sagte Meg: „Hoffentlich wird sie das lange genug aufhalten, bis ihr eure Bohrarbeiten abgeschlossen habt."
„Hoffentlich", bestätigte Sally, bevor sie wieder nach Clover rief und die beiden hinausführen ließ. Der Besuch hatte sie überrascht. Er hatte sie aber auch erfreut. Es war schön zu sehen, dass auch Feng sich einigermaßen von Paris erholt hatte und sie vertraute der kleinen Asiatin, das Geheimnis vor den anderen zu bewahren.

„Wie ist der neue Six?"
Fuze zuckte mit den Schultern und antwortete wahrheitsgemäß: „Keine Ahnung. Aber Grace war bereits bei ihm und anscheinend besteht er nicht auf seinen Titel. Er hat ihr gesagt, sie solle in Harry nennen."
Jordan lachte in sich hinein.
„Harry? Naja, es ist jedenfalls eine andere Art, das Team zu führen."
Fuze grunzte in Zustimmung. Sein Blick schoss hinüber zu Thatcher, der sich in einiger Entfernung in einem angeregten Gespräch mit den beiden Italienern befand. Detective Tapp stand etwas inaktiv, aber aufmerksam zuhörend daneben.
„Ich hoffe, deine Tochter konnte Smithson zur Vernunft bringen", murmelte der Russe und Jordan folgte seinem Blick: „Ja, das hoffe ich auch."
„Bewegung am Vordereingang."
Das war Fuzes Funkgerät gewesen, das er sich an der Schulter befestigt hatte. Die rauschende Stimme, die soeben die Meldung gemacht hatte, gehörte seinem Landsmann, dem Scharfschützen Glaz, der sich auf einem der Dächer in der Nähe der Bank postiert hatte. Schon seit Stunden hielt er das Gebäude im Blick, unermüdlich und immer wachsam.
„Verstanden", rauschte Thatchers Stimme bald zurück und kurz darauf meldete Glaz: „Es sind die beiden Mädchen."
Jordan amtete erleichtert aus und endlich hörte sein Fuß auf, in nervöser Manier den Boden zu bearbeiten. Fuze gab ihm einen kameradschaftlichen Ellbogenstoß. Dann gingen die zwei um einen schweren Polizeitruck herum und marschierten zum Vordereingang der Bank.
Im hellen Licht der Scheinwerfer standen dort tatsächlich Feng und Meg und drehten sich gerade nach vorne, weg von der sich schließenden Glastür. Für den Bruchteil einer Sekunde konnte Jordan sogar noch die Silhouette der Bankräuberin erkennen. Dann schob sich wieder der Schrank vor den Eingang und wenig später befanden sich die beiden Mädchen zurück in Sicherheit in der Kommandozentrale, umringt von Team Rainbow Operatoren.
„Sie ist nicht hier mit euch", stellte Thatcher fest: „Sie hat also nein gesagt?"
„Sie hat nein gesagt", bestätigte Meg. Feng hielt sich wiederum im Hintergrund und zog es vor, Meg das Reden zu überlassen. Sie war sich sicher, dass sie selbst niemals im Stande wäre, einem ganzen Team bewaffneter Elitesoldaten geradewegs in die Gesichter zu lügen. Jordan stand neben ihr und schien sich beinahe mehr auf ihrer Seite, denn auf jener Team Rainbows zu befinden.
„Sie hat mir auch aufgetragen, euch zu übermitteln, dass sie vor nichts mehr zurückschrecken wird", sprach Meg weiter: „Die Geiseln sind sicher, so lange ihr keinen Fuß über die Türschwelle setzt. Ansonsten hat sie keine Skrupel, den Abzug zu betätigen."
Die Nachricht löste vereinzeltes Kopfschütteln unter den Soldaten aus. Einzig und allein Thatcher und Caveira ließen sich absolut nichts anmerken. Letztere stand außerdem etwas im Schatten, sodass ihr Gesichtsausdruck ohnehin schwer zu entziffern war.
„Darüber waren wir uns vorher schon im Klaren", knurrte Thatcher: „Gibt es sonst irgendwelche Informationen, die du uns geben kannst? Hast du gesehen, wo sie die Geiseln festhalten? Oder irgendwelche Verteidigungsmaßnahmen? Irgendwelche Fallen vielleicht?"
Meg schüttelte den Kopf.
„Nein. Sie haben mich einfach nur durch die Bank zu Sally geführt und dann wieder zurück. Am Hauptgang haben sie die Schränke vor die Tür geschoben, aber das seht ihr ja auch von hier aus. Sonst ist mir nichts aufgefallen."
Thatcher schaute zu Feng, die ebenfalls den Kopf schüttelte.
„Also gut", sagte der alte Brite: „Ich danke euch für eure Kooperation. Zum zweiten Mal."
Er streckte Meg die Hand hin. Die rothaarige Athletin machte jedoch keine Anstalten, sich von ihm zu verabschieden, sondern starrte Thatcher einfach nur weiterhin an. Feng, die sich bereits zum Gehen angeschickt hatte, verharrte wieder. Auch die umstehenden Soldaten schienen mitbekommen zu haben, dass etwas in der Luft lag.
„Sally hat mir auch noch etwas anderes gesagt", erzählte Meg nach einer Weile. Feng hatte keine Ahnung, wovon sie sprach und war sich ziemlich sicher, dass Meg drauf und dran war, etwas Dummes zu tun.
„Aha", murmelte Thatcher: „Und was wäre das?"
„Sie hat mir gesagt, dass sie sich nicht für diese Situation entschieden hat", erklärte Meg. Mit verschränkten Armen und trotzigem Gesichtsausdruck hielt sie den Blicken von nicht nur einem, sondern gleich sechs Elitesoldaten stand. Plus einem Detective. „Sie hat gar keine andere Wahl. Sobald sie diese Situation hier beendet und sich zeigt, jagt ihr ihr eine Kugel in den Kopf. Die Regierung hat einen Tötungsbefehl gegen sie erlassen. Sobald ihr sie seht, sollt ihr sie niedermachen. Ist das wahr?"
Die Augen der Soldaten richteten sich nun wieder auf Thatcher. Offensichtlich wussten sie nicht, ob Meg überhaupt etwas über den Befehl erfahren durfte. Vielleicht wussten sie selbst noch nichts davon. Es wäre jedenfalls typisch für Rainbows Geheimniskrämerei.
„Meine Befehle lauten, die Polizei bei der Lösung einer Geiselnahme zu unterstützen", sagte Thatcher: „Nichts weiter."
Meg glaubte ihm. Thatcher war ein ehrlich er Soldat, genau wie Jordan, und er sagte die Wahrheit. Trotzdem war Meg nicht überzeugt.
„Aber du hast nicht das Kommando hier, richtig?"
Meg richtete den Blick hinüber zu der Italienerin, die sich in einiger Entfernung an einen Polizeitruck gelehnt hatte. Das rote Halstuch schimmerte in der Dunkelheit und ihre braunen Augen blitzten zu Meg, als sie sich erhob und an Thatchers Seite trat.
„Nein", bestätigte sie für den Briten mit einem heftigen, italienischen Akzent. Ihr Landsmann, der große Soldat mit dem Bart, stellte sich sofort hinter sie.
„Und?", fragte Meg: „Hat Sally mir eine Lüge aufgetischt? Oder wollt ihr sie wirklich umbringen, nachdem sie in Paris für euch gekämpft hat?"
Alibi schaute sie eindringlich an und Meg hielt ihrem Blick felsenfest stand. Sie hatte in die Augen eines kettensägenschwingenden Ungeheuers geblickt. Alibi war gar nichts.
„Sally Smithson", sagte Alibi langsam: „wurde in Gewahrsam genommen, um die Sicherheit unserer Gesellschaft zu gewährleisten. Sie wusste genau, dass sie bei einem Ausbruch hunderte, wenn nicht tausende Menschenleben gefährden würde. Sie wusste, dass sich so etwas wie in Paris wiederholen könnte. Sally Smithson hat ihre Wahl getroffen. Wir, auf der anderen Seite, ziehen nur die Konsequenzen."
Meg schaute Alibi immer noch in die Augen, doch keineswegs verpasste sie die Reaktionen der anderen Operatoren. Alibi selbst blieb ganz ruhig, genau wie Maestro und Thatcher, die beide keine Miene verzogen. Fuze hingegen verlagerte sein Gewicht von einem Bein auf das andere, Dokkaebi warf einen schnellen Blick zu Jordan und auch Caveira, deren Silhouette Meg hinter Alibis Schulter erkennen konnte, hörte auf, mit ihrem Messer zu spielen. Geschickt fing sie es zwischen den Fingern. Ihr Kopf hob sich ein wenig nach oben.
„Ihr habt mich da hineingeschickt", sprach Meg weiter: „um sie zum Rauskommen zu überzeugen. Nicht, damit ihr sie einsperren könnt. Nein, ihr wolltet sie eiskalt niederschießen." Meg schaute zwischen Alibi und Maestro hin und her. „Ist es nicht so?"
„Dieses Gespräch ist beendet", sagte Alibi: „Ich danke Ihnen für Ihre Kooperation. Thatcher, führen sie die drei Zivilisten aus dem Einsatzgebiet."
Mit verschränkten Armen drehte Thatcher den Kopf und schaute zu Alibi. Dann nickte er, auch wenn sein Gesichtsausdruck vor Missfallen nur so strotzte.
„Hier ent…"
„Wir kennen den Weg", fuhr Meg dazwischen. Eigenhändig riss sie ihren Rollstuhl herum und machte sich mit einer beeindruckenden Geschwindigkeit auf den Weg zur gelben Absperrung. Feng folgte ihr, während Jordan sich beeilen musste, sich von seinen früheren Kameraden zu verabschieden. Er erreichte das Auto als letzter und stieg erst ein, als Meg schon sicher auf der Rückbank saß. Feng kletterte gerade auf den Platz neben ihr.
„Von bewaffneten Soldaten lässt du dich jedenfalls nicht einschüchtern", bemerkte Jordan, als er den Motor anließ. Sein Blick wanderte hinauf in den Rückspiegel, doch Meg schaute aus dem Fenster.
„Sally hat mir das Leben gerettet", sagte sie: „Mehr als einmal. Das war das letzte Mal, dass ich deinen Freunden helfe."
Jordan runzelte die Stirn.
„Ich bin auf deiner Seite, Meg. Ich hoffe, du weißt das."
Er erhielt keine Antwort. Schweigend trat Jordan aufs Gaspedal und lenkte den Wagen unter der gelben Absperrung hindurch, die einer der Polizisten für ihn nach oben hielt. Ein paar Reporter versuchten erfolglos Blicke in das Auto zu erhaschen. Wenig später befanden sie sich bereits wieder auf dem Weg zurück nach Waltonfield.
„Hast du eigentlich wirklich versucht, sie zum Rauskommen zu überreden?", fragte Jordan nach einer längeren Weile bedrückenden Schweigens. Wieder erhielt er keinen Antwort, doch der Blick, den Meg ihm über den Rückspiegel zuwarf, war mehr als genug.

Maestro beobachtete, wie das Auto von Jordan Trace, früher Thermite genannt, unter der gelben Absperrung hindurchfuhr und wenig später hinter einer Ecke verschwand. Er hatte bereits viel von dem Chemiker gehört. Thermite war eines der Gründungsmitglieder Team Rainbows gewesen und noch dazu der erste Operator, der es freiwillig wieder verlassen hatte. Die Gründe waren offensichtlich.
„Er hat eine selbstbewusste Tochter", murmelte Maestro und schoss einen Seitenblick hinüber zu Thatcher: „Zu Schade, dass sie diese Verletzung davongetragen hat."
Thatcher grunzte nur. Maestro hatte eine Menge Respekt vor dem britischen S.A.S. Spezialisten, im Gegensatz zu den meisten anderen Operatoren. Fuze war ein guter Soldat, Glaz mochte er, Dokkaebi fand er niedlich und Caveira war ihm immer noch ein Rätsel. Aber Thatcher respektiere er. Der Brite war das älteste Mitglied Team Rainbows und bei weitem der Erfahrenste unter ihnen.
„Smithson hat ihr in Paris das Leben gerettet", murmelte Thatcher: „Ich kann verstehen, dass sie sauer ist."
„Natürlich", antwortete Maestro: „Aber wie Aria schon sagte. Smithson hat ihre Wahl getroffen. Du kennst den Job."
„Ich kenne den Job"
Thatcher nickte und drehte sich um. Maestro folgte ihm einen kurzen Augenblick später, begab sich jedoch nicht in den blauen Polizeitruck, sondern bewegte sich in das Gebäude dahinter. Es war ein altes Hotel, zurzeit glücklicherweise weitgehend unbesetzt und bot den Polizisten einen guten Aussichtspunkt.
Maestro ging durch die Eingangstür, erklomm die Stufen am Südende und marschierte im dritten Stock einen schmalen Gang entlang. Zwei Beamte kamen ihm entgegen und machten seiner beeindruckenden Statur sofort Platz. Schließlich trat er in Zimmer 304.
Sein Blick fiel sofort auf Alibi, die mit verschränkten Armen am Fenster stand und auf die Bank hinunterstarrte. Als sie Maestro eintreten hörte, wandte sie sich nicht um. In der Dunkelheit wirkte ihre Silhouette beinahe wie eine Statue. Scharf hob sie sich gegen die Straßenlichter ab, war von unten jedoch kaum zu sehen.
„Amica", sagte Maestro: „Was betrübt dich?"
Als er keine Antwort erhielt, durchquerte er das Zimmer mit ruhigen Schritten. Den linken Arm an den Fensterrahmen gelegt, stellte er sich hinter sie und schaute ebenfalls nach unten in die Straße. Detective Tapp unterhielt sich gerade mit zwei Beamten. Etwas daneben erblickte Maestro Dokkaebi und Fuze, die ebenfalls ein Gespräch führten. Caveira stand wie immer allein. Ruhig und gelassen wartete sie auf ihren Einsatzbefehl.
„Ich hatte gehofft, Traces Tochter würde sie überzeugen", gab Alibi plötzlich zu. Ihre Stimme war leise, doch standhaft und berechnend. Trotzdem glaubte Maestro eine gewisse Enttäuschung heraushören zu können. Er kannte Alibi seit einer halben Ewigkeit und niemandem stand sie so nahe, wie ihm.
„Die Chancen waren schlecht", murmelte Maestro: „Das wussten wir bereits. Solche Situation finden selten ein leichtes Ende."
„Ich weiß." Alibi strich sich eine braune Haarsträhne zurück unter das rote Barett. „Trotzdem bringt sie Menschen in Gefahr, so lange sie am Leben bleibt."
Maestro drehte den Kopf und suchte nach Anzeichen von Emotionen auf dem Gesicht seiner Kameradin. Der Umstand, dass er keine entdecken konnte, musste allerdings nicht bedeuten, dass keine da waren. Alibi hatte sich ihren Ruhm als Undercover-Agentin erarbeitet und in all den Jahren zwangsweise gelernt, ihre Gefühle zu verschleiern. Also blieb Maestro nichts anderes übrig, als zu fragen.
„Was hältst du eigentlich davon, dass sie in Paris für uns gekämpft hat?"
In seinem Ton befand sich keine Bewertung, geschweige denn eine Anschuldigung. Wie so oft wollte er ganz einfach nur wissen, was in Alibis Kopf vor sich ging.
„Ich respektiere sie dafür", sagte Alibi sofort, ohne ihren Blick zu wenden: „Aber sie bringt Menschen in Gefahr. Das kann ich nicht erlauben."
„Es gefällt dir also auch nicht?"
Nun schaute Alibi doch zu ihm auf. Es war erstaunlich, wie wenig man aus ihrem Gesicht ablesen konnte, doch Maestro erhaschte jede Regung. Sie konnte viel vor ihm verstecken, aber schon lange nicht mehr alles.
„Ach", seufzte Alibi: „Natürlich gefällt es mir nicht. Das weißt du ganz genau."
„Jedenfalls hast du es gut vor den anderen versteckt."
Maestro erlaubte sich ein leichtes Schmunzeln, woraufhin Alibi unter seinem Arm hindurchging und sich im Zimmer auf das Bett setzte. In ihrer italienischen Uniform sah sie dort reichlich fehl am Platz aus. Mit ausgestreckten Beinen schaute sie auf den Fußboden.
„Ich kenne sie nicht", sagte Alibi nach einer Weile: „Aber wenn sie für uns gekämpft hat, dann ist es eine Schande, dass wir sie ausschalten müssen. Ich wünschte, die Linien wären so weiß und schwarz wie damals."
Maestro zog eine Augenbraue nach oben.
„Die Vinciguerras?"
Alibi nickte. Sie zog die Schultern nach hinten und stützte sich mit den Armen auf der Matratze ab. Gedankenverloren schaute sie in die Ferne.
„Damals wusste ich genau, was ich zu tun hatte", murmelte sie: „Der Weg war klar, Adriano. Ich habe ihn klar vor mir gesehen und keine Sekunde gezweifelt. Selbst wenn es hieß, gegen die Regeln zu verstoßen."
„Du wusstest immer, was du tust", sagte Maestro. Er erhob sich von seiner Position am Fensterrahmen und ging zu ihr hinüber. Gelassen ließ er sich neben Alibi auf die Bettkante fallen.
„Heute ist alles anders", murmelte Alibi. Maestro verschränkte die Arme und bereitete sich bereits auf die Frage vor, die er unweigerlich kommen spürte.
„Irgendeine Idee, was wir jetzt machen?", wollte Alibi nach einer Weile tatsächlich wissen. Sie drehte den Kopf und schaute zu ihm hoch. Maestro ließ sich Zeit mit seiner Antwort.
„Wir könnten abwarten", murmelte er schließlich: „Vielleicht stellen sie irgendwelche Forderungen. Vielleich ergibt sich eine Gelegenheit, sie hervorzulocken."
Alibi schüttelte den Kopf.
„Wir haben sie in der Falle. Jetzt darf sie uns nicht mehr entwischen."
„Was schlägst du vor?"
Maestro schaute hinunter zu Alibi, die ihren Blick wiederum an der gegenüberliegenden Wand verankert hatte.
„Wir warten ab bis zum Morgengrauen. Dann stürmen wir."
„Mit all den Geiseln?"
„Es wird gefährlich", bestätigte Alibi: „Aber ich sehe keine andere Option. Wenn du mich fragst, arbeiten die da drin an einem Fluchtplan und das dürfen wir nicht zulassen."
„Okay"
„Du bist anderer Meinung?"
Alibi löste ihren Blick von der Wand und drehte den Kopf zu Maestro. Der bärtige Soldat zuckte mit den Schultern und verlagerte sein Gewicht, bevor er antwortete.
„Nein. Ich wollte nur hören, was du zu sagen hast. Das ist alles."
Alibi nickte und schaute wieder nach vorne. Nun waren sie bereits zu zweit beim Anstarren der gegenüberliegenden Wand. Die Blaulichter von der Straße ließen das Weiß in regelmäßigen Abständen aufleuchten und jagten hinterhältige Schatten durch das kleine Zimmer.
„Hast du dir so unseren Dienst bei Rainbow vorgestellt?", fragte Alibi schließlich: „Eine Jagd nach einem Gespenst?"
Maestro lachte in sich hinein und kratzte sich an seinem schwarzen Bart.
„Nein, Carina, das habe ich nicht."

Maxine setzte einen Bauer nach vorne und bedrohte damit gleichzeitig Annas Turm und Läufer. Die Jägerin könnte den Bauer schlagen. Allerdings hieße das, einen Läufer gegen einen Bauer einzutauschen. Und sie hatte gelernt, dass der Läufer mehr wert war, als der Bauer. Aber sie musste etwas unternehmen, da der Bauer sonst den noch wertvolleren Turm fressen würde. Und das war noch schlimmer.
Anna legte den Kopf auf die Seite. Ihre Maske ruhte neben ihr auf dem Tisch und mit dunklen Augen beobachtete sie das Spielfeld. Sie hatte schon wieder ihre Königin verloren und auch ihre Bauern landeten nach und nach neben dem Spielfeld. Noch dazu verfügte sie nur noch über einen Springer, während Maxine immer noch beide hatte. Und ihre Dame.
Anna seufzte.
„Nicht gut aussieht", murmelte sie. Sie hob den Blick zu Maxine und ein Lächeln fuhr über ihre Lippen. Mondlicht schien durch die gläserne Decke und tauchte den kargen Betonraum in ein silbernes Licht, in dessen Zentrum sich die beiden Damen gegenübersaßen. Eine einsame Schreibtischlampe erhellte ihr Duell.
„Für dich nicht, nein", antwortete Maxine: „Du hast die Gabel gesehen, oder?"
„Ich gesehen", bestätigte Anna: „Und jetzt Läufer weg."
Maxine schätzte die Uhrzeit auf etwa vier Uhr früh und jeder normale Mensch hätte um diese Zeit im Bett gelegen. Aber Anna war ein nachtaktives Wesen und das endlose Nichtstun hatte Maxines Biorhythmus ohnehin vollständig aus der Bahn geworfen. Es gab also keinen Grund, eine um Mitternacht gestellte Herausforderung abzulehnen.
Maxine vermisste ihre Eltern. Sie vermisste Chloe. Sie verfluchte den Tag, an dem sie ihre Fähigkeiten entdeckt und noch mehr den Tag, an dem sie sich für ihr Auslandssemester entschieden hatte. Warum konnte man sie und Chloe nicht einfach in Ruhe lassen?
Aber es machte keinen Sinn, sich diese Frage zu stellen. Sie war eine Bedrohung für die Welt. Zumindest wenn man diesem Benedict Baker Glauben schenken durfte. Es gab nur eine Sache, die sie mehr verabscheute, als hier eingesperrt zu sein und das war Chloe durch ihre Anwesenheit in Gefahr zu bringen. Die Regierung tat, was die Regierung tun musste. Und vielleicht ergab es sich ja eines Tages, dass sie ihre Eltern doch noch einmal sehen durfte.
Maxine schaute zu Anna. Die Jägerin befand sich in derselben Lage. Sie konnte absolut nichts dafür, wer sie war, und dennoch durfte sie nicht freigelassen werden. Es war einfach nur grausam. Nichts weiter. Aber so war das Leben halt.
Und es war nicht besser geworden, seit Sally geflohen war. Anna war in blinde Panik verfallen und hatte sich immer wieder weinend in ihrem Zimmer verkrochen, bis Maxine sie endlich hervorlocken konnte. Nun versuchte sie ihr Möglichstes, um die Jägerin abzulenken. Nicht nur, weil es Anna half, sondern auch, weil sie selbst darüber ihre Situation vergaß. Wenn auch nur für wenige Minuten.
„Ach, ich immer verlieren", knurrte Anna und stützte das Kinn in ihre rechte Hand. Maxine zuckte mit den Schultern und beugte sich ein wenig nach vorne.
„Übung macht den Meister. Ich habe früher auch immer verloren." Anna hob den Blick vom Spielbrett und schaute Maxine fragend an. „Wir haben früher immer gegen Chloes Vater gespielt", erzählte Maxine: „Er hat uns jedes Mal fertiggemacht. Aber wir hatten trotzdem Spaß dabei."
Es beeindruckte Maxine immer wieder, wie groß Anna eigentlich war und sie musste den Kopf nach hinten legen, um das Lächeln sehen zu können, das über ihre Lippen fuhr.
Dann ging plötzlich ein metallisches Klicken durch die Stahltür hinter ihr. Eine rote Lampe leuchtete auf und wenig später schwangen die beiden Türflügel in den Raum hinein. Innerhalb eines Sekundenbruchteils hatte Anna ihre Maske aufgesetzt, war aufgestanden und herumgefahren. Ein leises, doch bedrohliches Knurren erfüllte den Raum und Maxine spürte, wie ihr ein Schauer über den Rücken fuhr.
Sie stand ebenfalls auf, ging um den Tisch herum und stellte sich neben Anna, das Gesicht den fünf Männern zugewandt, die soeben den Raum betreten hatten. Sie trugen Uniformen. Ihre Köpfe steckten unter schwarzen Sturmhauben und in den Händen trugen sie schwarze Schlagstöcke. Keiner von ihnen sagte ein Wort. Stumm und schweigend beobachteten sie die beiden Damen, während sie in die Kammer marschierten. Es war nicht das erste Mal, dass sie kamen.
„Wo ist Max?", rief Anna sofort, wich jedoch einen Schritt zurück, als die Soldaten nach links und rechts ausschwärmten. „Ihr in schon vor zehn Tagen geholt. Wann er kommt zurück?"
Maxine schaute zu Anna hinauf. Dann griff sie nach ihrer Hand und merkte, dass die Jägerin zitterte. Gerade als sich ihre Finger berührten, bellte einer der Soldaten: „Auseinander! Geh weg von ihr, Mädchen!"
Maxine drehte den Kopf und schaute dem Mann geradewegs in die Augen.
„Nein"
Sie verstärkte kurz den Druck in ihrer Hand, um Anna zu signalisieren, dass sie hierbleiben würde. Anna gab das Signal augenblicklich zurück. Sie standen mit dem Rücken zur Wand und sie würden diesen Männern nicht erlauben, sie auch noch voneinander zu trennen.
Der Soldat knurrte. Man konnte genau sehen, dass es ihm nicht gefiel, wenn seine Befehle nicht befolgt wurden. Also machte er kurzerhand zwei Schritte nach vorne und griff nach Maxines linkem Arm.
Bevor er sie allerdings davonziehen konnte, schnellte Anna herum und donnerte ihm die geschlossene Faust mitten ins Gesicht. Sein Schrei erfüllte die Kammer und hallte draußen den Gang entlang. Knurren fiel er zu Boden und Maxine wurde zur Seite geschleudert, da Anna sie ruckartig von dem Mann weggezogen hatte.
Die Jägerin wollte dem Soldaten bereits nachsetzen und ihm einen Fußtritt verpassen, als sich die anderen vier mit erhobenen Schlagstöcken auf sie stürzten. Sie kassierte einen Hieb auf den Rücken und einen weiteren gegen den Oberschenkel. Doch Anna steckte die Angriff mit einem wütenden Knurren weg. Sie war die Größte im Raum. Bei weitem.
Ein weiterer Faustschlag traf einen der Soldaten gegen die Brust. Der Mann hatte sich allerdings auf den Hieb gefasst gemacht, sodass er nur zurück- aber nicht zu Boden gestoßen wurde. Seine Kameraden gaben ihm sofort Deckung und ließen ihre Stöcke auf Anna niederprasseln, sodass sich ihr Knurren immer mehr zu Schmerzensschreien verzerrte.
Plötzlich krallten sich zwei Arme um Maxines Oberkörper und zogen sie nach hinten weg. Der Soldat, der als erster zu Boden gegangen war, war wieder aufgestanden und zerrte sie nun davon, während sie sich mit Händen und Füßen wehrte.
Doch Maxine war bei weitem nicht so stark wie Anna. Sie hatte keine muskelbepackten Arme, keine Beine, die einen Mann durch die Luft stoßen konnten. Und wenn Anna die größte im Raum war, dann war Maxine bei weitem die Kleinste. Ihr blieb nichts anderes übrig, als nach Hilfe zu rufen.
„ANNA", schrie Maxine. Dabei rammte sie dem Soldaten, der sie festhielt, den Ellbogen in die Seite. Der Mann steckte es mit einem Knurren weg. Als Anna ihre Stimme hörte, fuhr sie sofort herum. Augenblicklich entdeckte sie Maxine auf der anderen Seite des Raums und setzte zum verzweifelten Sprint an.
Bevor sie jedoch einen Schritt machen konnte, knallte einer der Schlagstöcke direkt gegen ihren Hinterkopf. Ein schmerzerfülltes Stöhnen drang in Maxines Ohren und sie konnte sehen, wie Anna zitternd zu Boden ging. Nun lag sie auf allen Vieren. Ihr Kopf hing nach unten und ihr Oberkörper beugte sich unter schweren Atemzügen. Doch Anna dachte nicht daran, aufzugeben. Sie stemmte sich zurück nach oben und ließ ein wütendes Brüllen hören.
Nur um einen weiteren Hieb gegen den Kopf zu kassieren. Das Geräusch, das der Stock machte, als er Anna traf, trieb Maxine Tränen in die Augen. Sie wollte ihr helfen. Sie wollte nicht allein sein. Aber gefangen in den Armen des Soldaten, konnte sie nichts anderes tun, als zuzusehen, wie man Anna grün und blau prügelte. Selbst als sie bereits reglos am Boden lag, regneten die Hiebe noch auf sie herab. Schließlich zerrten die vier Soldaten ihren bewusstlosen Körper nach draußen in den langen Korridor. Anschließend wurde Maxine wieder losgelassen. Der fünfte Soldat verließ den Raum und das große Stahltor schloss sich hinter seinem Rücken.
„Nein", flüsterte Maxine und fiel auf die Knie. Sie wischte die Tränen aus den Augen, konnte ihnen jedoch keinen Einhalt gebieten. In nassen Tropfen rannen sie ihr die Wangen hinunter und ihr Schluchzen verhallte ungehört. Panik bemächtigte sich ihrer Glieder. Sie war allein. Wie sollte sie es nur aushalten, ohne Anna? Maxine kam wieder auf die Beine. Sie rannte zur Tür und schlug die Fäuste gegen den Stahl.
„Nehmt sie mir nicht weg", rief sie: „Bitte!"
Doch niemand wollte sie hören.