Kapitel 10:

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Er lauschte den Stimmen der Erwachsenen und versuchte zu erfassen, was ihre Worte für ihn bedeuteten. Doch es fiel ihm schwer den Sinn zu begreifen. In ihm war eine Angst, die immer wieder mit aller Macht versuchte, all seine Sinne zu überschwemmen und er hatte Mühe, sich auf etwas anderes zu konzentrieren.

Für Eric waren die Entscheidungen der Erwachsenen mit reiner Willkür verbunden.

Sie sprachen davon nur das Beste für ihn zu wollen, doch er war sich sicher, dass sie mehr an sich dachten als an ihn.

Und die Sozialarbeiterin war mit Sicherheit keine Ausnahme. Sie mochte ganz nett sein und es hörte sich immer so an, als wäre es ihr nicht egal, was mit ihm geschah. Aber sie machte ihre Arbeit und er war davon überzeugt, dass sie abends nach Hause ging und ihn und alle anderen Kinder vergaß, für die sie am Tag zuständig war.

Vielleicht wäre es besser gewesen, er wäre einfach im Garten geblieben, statt dem Gespräch zu lauschen. Aber als er nach Hause gekommen war und das Auto vor der Tür stehen sah, war seine Neugierde einfach größer gewesen. Die letzte Unterrichtsstunde war ausgefallen und Horatio und Mac erwarteten ihn noch nicht und so hatte er die Gelegenheit genutzt. Er wollte hören, was die Erwachsenen sagten, wenn sie glaubten, dass er nicht zuhörte.

Nun wusste er jedoch nicht, was er davon halten sollte.

Eric ging langsam den Weg zurück, den er gekommen war – durch das Wohnzimmer und die offene Terassentür, hinaus in den Garten. Er wanderte nach hinten, wo niemand ihn sehen konnte und setzte sich auf die Wiese, in die Nähe eines der Bäume, so dass er seinen schmalen Rücken an den Stamm lehnen konnte.

Ihm war auch vorher schon klar gewesen, dass die beiden älteren Taylors nichts mit ihm anzufangen wussten. Sie waren Erwachsen und gingen arbeiten und lebten ihr eigenes Leben. Und warum sollten sie alles ändern wollen, nur wegen ihm. Das war okay gewesen. Er hatte Horatios Worte ihrer ersten Begegnung sowieso nie wirklich geglaubt. Der Mann hatte keine Ahnung, wie es Eric ging. Und es interessierte ihn auch nicht weiter. Bisher hatte er sich deshalb nie groß Gedanken darüber gemacht.

Er hatte Jane gehabt und gelernt ihr zu vertrauen. Und auch mit Warrick hatte er sich ganz gut verstanden. Alles andere war ihm egal gewesen. Jedenfalls beinahe. Er hatte einfach nicht darüber nachgedacht.

Aber jetzt war alles anders.

Jane war nicht mehr da.

Mit dem Handrücken wischte er sich über das Gesicht, als die Tränen über seine Wangen liefen.

Nun hing alles davon ab, ob Horatio und Mac ihn bei sich behalten wollten und ob sie bereit waren, alles für ihn zu ändern.

Und da es keinen Grund für sie gab, das zu tun musste er sich darauf einstellen, dass Miss Talbot ihn hier wegholte.

Er würde aus dem Zimmer, in dem er sich inzwischen so zu Hause fühlte, ausziehen und in ein Zimmer im Kinderheim landen. Dort würde er nicht mehr allein sein können, dort mussten sich immer mehrere Kinder eines teilen.

Er hatte schon viel über die Heime gehört.

Sein Vater hatte ihm davon erzählt. Oft hatte er gedroht ihn dorthin zu bringen, wenn er nicht tat, was von ihm verlangt wurde.

Allerdings glaubte Eric nicht, dass es in so einem Heim schlimmer sein konnte als bei seinen Eltern zu Hause. Früher hatte er das geglaubt. Jetzt war er sich da nicht mehr so sicher.

Inzwischen hatte er erfahren, dass es nicht überall so zuging, wie es in seinem Elternhaus gewesen war. Er wusste nicht, warum er gedacht hatte, dass es so war. Er hatte einfach nichts anderes gekannt, als das Leben, das er geführt hatte.

Nun, wo er wusste, dass es auch anders sein konnte, würde es viel schlimmer sein, wenn er zurückkehren musste. Und das würde bestimmt passieren, früher oder später.

Man wollte ihn bestimmt auch in einem Heim nicht lange behalten, wo er doch eine Familie hatte.

Noch immer war er überzeugt, dass er früher oder später zurück musste zu seinen leiblichen Eltern.

Die einzigen, die es vielleicht verhindern konnten waren Horatio und Mac. Sie waren Polizisten und wenn sie ihm glaubten würden sie sich vielleicht bemühen, dass er nicht zurück musste.

Aber dafür mussten sie ihn hier lassen, in dem schönen Haus, wo er ein eigenes Zimmer hatte, das er sogar abschließen konnte und mit dem großen Garten.

Er mochte es hier. Er wollte nicht weg.

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Eric hing seinen Gedanken nach und nahm nicht wahr, wie die Zeit verging.

Und dann wurde er irgendwann aufgeschreckt als er hörte, wie sein Name gerufen wurde. Erschrocken sprang er auf. Er wusste nicht, wie lange er hier gesessen hatte, aber es musste schon eine ganze Weile sein, denn seine Glieder waren schon ganz steif davon, dass er so lange in einer Position gesessen hatte.

Er zuckte zusammen, als er wieder jemanden rufen hörte. Diesmal glaubte er, dass es Warrick war.

Sie suchten ihn. Er hatte keinen Gedanken daran verschwendet, dass sie ihn nach der Schule erwarteten und ihn suchen würden, wenn er nicht auftauchte.

Sein Instinkt sagte ihm, er solle weglaufen, möglichst schnell und möglichst weit.

Sie würden wütend sein.

Jetzt wussten sie, dass er zu nichts zu gebrauchen war und dass er die Mühe nicht wert war.

Jetzt würden sie Emily Talbot sagen, dass sie ihn nicht haben wollten.

Sie würden ihn bestrafen, weil er ihnen Ärger gemacht hatte.

Und er wusste, wenn er weglief, würde er alles nur noch schlimmer machen.

Denn sie würden ihn ja doch finden.

Wo sollte er auch hin?

Mit langsamen, zögernden Schritten ging Eric durch den Garten auf die Terrasse zu.

Noch immer sagte ihm sein Instinkt, er solle besser rennen. Doch er wusste, dass er es nicht tun würde.

Er hatte verdient, was kommen würde. Er hatte nicht nachgedacht und war nun selber Schuld, dass er alles vermasselt hatte. Die winzige Chance, die er gehabt hatte, hatte er nun verspielt.

Er hätte gar nicht erst lauschen sollen.

Aber für diese Einsicht war es zu spät.

„Eric!" Warrick hatte ihn entdeckt und kam auf ihn zugelaufen.

„Wo bist du gewesen? Wir haben uns Sorgen gemacht! Es ist schon zwei Stunden her, seit die Schule aus ist!" Er blieb vor Eric stehen und musterte ihn. Dann legte er ihm die Hand auf den Rücken und schob ihn vorwärts Richtung Terrasse, wo grade Horatio und Mac auftauchten.

Die beiden älteren Männer standen einfach nur da und warteten.

Eric konnte in ihren Gesichtern nicht lesen, was sie dachten.

„Warrick, geh bitte Nick suchen. Sag ihm, wir haben Eric gefunden," sagte Mac und Warrick nickte und gehorchte.

Erics Beine schienen schwer wie Blei, als er langsam die Stufen zur Terrasse hinaufging, wo die beiden Männer auf ihn warteten.

Er fragte sich, wie sie ihn wohl bestrafen würden. Es kostete ihn viel Mühe, sich nicht umzudrehen und zu fliehen, solange er noch konnte.

„Wir müssen uns unterhalten, Eric!" Horatio winkte ihn zu sich und deutete auf die Sitzgruppe, die nur wenige Meter von ihnen entfernt stand.

Mit wackligen Knien folgte er den beiden Männern zum Tisch und setzte sich auf einen der Stühle, als Mac sagte: „Setz dich!"

Er gehorchte, blieb jedoch am Rand des Stuhles sitzen, obwohl er sich am liebsten ganz hineingekuschelt und die Knie an die Brust gezogen hätte, weil er sich so am wenigsten verwundbar fühlte.

„Ich nehme an, du hast zumindest einen Teil unseres Gespräches mit der Sozialarbeiterin mitbekommen," fing Horatio an zu reden. Diese Worte brachten Eric dazu erstaunt den Kopf zu heben.

Er hatte nicht gedacht, dass sie ihn bemerkt hatten.

„Das ist der einzige Grund der mit einfällt, dass du dich hinten im Garten verkrochen hast und offensichtlich keinen Gedanken an die Zeit verschwendet hast."

„Wir haben uns Sorgen gemacht," fügte Mac hinzu.

Keiner von beiden machte Anstalten, die Hand gegen ihn zu erheben oder ihren Gürtel aus der Hose zu ziehen. Aber vielleicht wollten sie ihn auch erst in Sicherheit wiegen. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass sie ihn nicht bestrafen würden.

„Wir verstehen, dass das alles für dich schwierig ist, Eric," sprach Horatio nach einer kurzen Pause weiter. „Aber für uns ist es das auch! Wir haben unsere Eltern verloren, die wir sehr geliebt haben. Wir wissen nicht so recht, was wir jetzt tun sollen, da sind wir ehrlich zu dir. Wir haben nicht viel Zeit miteinander verbracht. Aber unsere Mutter hat dir versprochen, dass du hier bleiben kannst und in Sicherheit bist. Und Mac und ich haben darüber gesprochen. Es ist unsere Aufgabe, dafür zu Sorgen, dass ihr Versprechen gehalten wird."

Eric schüttelte den Kopf. Er war sich nicht sicher, was er grade gehört hatte. In jedem Fall war es nicht das, was er erwartet hatte. Und studierte die Gesichter der beiden Männer und wartete darauf, dass sie anfingen ihm ins Gesicht zu lachen.

Doch ihre Mienen waren ernst. Und ihre Augen blickten traurig.

Bisher hatte Eric sich nicht die Mühe gemacht, ihnen in die Augen zu schauen. Er hatte Angst gehabt, was er dort finden würde.

„Wenn wir es schaffen wollen, dann brauchen wir aber auch deine Hilfe, Eric." Mac beugte sich ein wenig nach vorne und stützte seine Ellenbogen auf den Knien ab, so dass sein ihre Gesichter auf Augenhöhe waren.

„Wir werden unser Leben für dich ändern. Das ist unsere Entscheidung und das ist okay. Aber du musst wenigstens versuchen, uns ein wenig zu vertrauen. Und du musst die gleichen Regeln einhalten, die bisher auch galten. So ein Verschwinden wie heute darf nicht mehr vorkommen. Beim nächsten Mal müssen wir dich bestrafen!"

Eric zuckte zurück. Da war sie, die Drohung. Er hatte doch Recht gehabt.

Die Angst in ihm wurde wieder größer und er ballte die Hände zu Fäusten. Dann fing er Horatios Blick auf und er war nicht in der Lage, diesen zu deuten.

Es machte ihn wahnsinnig, dass er die Gesichter der beiden Männer nicht lesen konnte. Bei seinen Eltern wusste er immer, was los war. Sie hatten ihren Ärger offen gezeigt und nie etwas davon zurück gehalten.

„Wir haben nicht vor dich zu schlagen!" Horatio sah ihm diesmal in die Augen und er wagte nicht, den Blick abzuwenden. „Aber wir werden uns sicher nicht scheuen dir Hausarrest zu geben oder dir einen zusätzlichen Küchendienst aufzubrummen," sagte er und wieder war sich Eric nicht sicher, ob er sich verhört hatte.

„Du solltest dich ein wenig waschen, bevor wir zu Abendessen," sprach Mac als nächstes und wenige Sekunden waren die beiden aufgestanden und ins Haus gegangen.

Eric sah ihnen hinterher. Er kniff die Augen zusammen und öffnete sie wieder.

Dann kniff er sich in seinen Oberschenkel. Doch er schien nicht zu träumen. Er war wach.

Was sollte er davon halten?

Er war einfach verschwunden und sie hatten ihn nicht geschlagen, ja nicht einmal angeschrieen. Stattdessen hatten sie ihm mit Hausarrest gedroht, mit Hausarrest! Und das, wo er sich doch so gerne und oft in sein Zimmer verkroch, um alleine zu sein.

War das alles nur ein Spiel? Wollten sie ihn in Sicherheit wiegen?

Doch er hatte in ihren Augen keine Wut gesehen, keinen Ärger. Nur Traurigkeit.

Er wollte so gerne glauben, dass sie meinten, was sie sagten. Er wollte ihnen glauben, wie er Jane geglaubt hatte. Jane war gut gewesen. Gut zu ihm, ein guter Mensch.

Konnte es sein, dass ihre Söhne es auch waren? Immerhin waren sie ihre Söhne.

Er wünschte es sich so sehr.

Und doch traute er sich nicht, ihnen einfach so zu vertrauen.

Aber ein Fünkchen Hoffnung hatte sich in seinem Inneren eingenistet.