Für das folgende Kapitel ist es gut, wenn man Ep 6-04 und die nachfolgenden gut kennt. Sorry also schon mal, falls es etwas kompliziert wird. Ich habe mir das meiste, was House und Chase besprechen, nicht nur so ausgedacht. Es gibt Hinweise in der Ep, dass einiges davon zumindest andeutungsweise so stattgefunden hat. Meine Freundin habe ich sie anschauen lassen, und sie hat die Hinweise auch gefunden. Was zumindest zeigt, dass noch jemand außer mir darauf aufmerksam geworden ist und ich nicht die einzige bin, die Gespenster sieht, lol! Tut mir leid, wenn es etwas schwer zu lesen ist, aber ich glaube wirklich, dass da einiges ungesagt geblieben ist.

Danke an Chris und Nel für die netten Reviews!


„Haben Sie einen großen schwarzen Mann hinter dem Fenster stehen sehen?"

„Nein."

„Knarrende Stufen? Schritte auf dem Flur?"

Matt schüttelte Chase den Kopf. Es machte keinen Sinn, ihm etwas zu erzählen.

Er wusste selbst nicht, was die Angst hochkochen ließ und warum er sich so irrational benahm.

House anzurufen, war die dümmste Idee gewesen, auf die er kommen konnte, und er schob es darauf, dass er nicht mehr klar gedacht hatte in diesem Moment.

Es war die erste Ruftaste, die er in seiner Panik gedrückt hatte; eigentlich auch die einzige, von der er erwarten konnte, dass der Anruf beantwortet wurde.

Alle anderen Kurzwahlen waren Freunde von seiner Exfrau, die jetzt nicht mehr seine waren.

„Ich muss Sie irgendwo unterbringen", sagte House. „Bei mir können Sie nicht bleiben."

„Bringen Sie mich zurück in meine Wohnung."

„Das würde drei Tage Sexentzug bedeuten."

Chase seufzte lautlos und ließ sich tiefer in das Polster sinken.

Cuddy war vor ein paar Minuten gegangen. Ihre Anwesenheit hatte ihm gut getan.

Es war ungewohnt gewesen, sie außerhalb der Klinik zu erleben, und die Fürsorglichkeit, mit der sie ihn behandelt hatte, hätte ihn unter normalen Umständen verlegen gemacht.

„Ich könnte Sie zu Wilson abschieben", überlegte House. „Bei ihm steht ein Schlafzimmer frei."

„Fahren Sie mich einfach zurück nach hause."

Er hätte den Bus genommen, wenn es nicht zu spät in der Nacht dafür gewesen wäre. Er wollte nicht hier sein und House auf die Nerven gehen.

Es war alles schon schlimm genug.

Sie waren in seinem Apartment.

Wie benommen war er in House' Wagen gestiegen, zitternd und nur froh, nicht mehr allein zu sein.

Vor ihm auf dem Tisch stand eine Tasse mit kalt gewordenem schwarzem Bohnenkaffee.

Außerdem die traurigen Überreste einer Pizza und eine Tüte Chips.

Unter dem Tisch standen zwei leere Bierdosen.

„Es tut mir leid, dass ich Ihnen den Abend verdorben habe."

„Cuddy kommt wieder, im Gegensatz zu den Play Offs. Ich hoffe, Sie wissen meine Opferbereitschaft zu schätzen." House blickte auf die Uhr. „Bis ich Wilson aus dem Bett geholt habe, ist es Morgen. Wenn Sie wollen, bleiben Sie hier. Die Nacht ist sowieso beinahe um. Und kommen Sie nicht auf die Idee, mich aus meinem Schönheitsschlaf zu reißen. Da werde ich ungemütlich."

Chase sah beinahe erschrocken auf. „Ich möchte wirklich nicht-…"

„Ich weiß, dass Sie es nicht möchten", unterbrach er ihn. „Sie können tun und lassen, was Sie wollen. Im Schrank finden Sie eine Decke, falls Sie noch eine brauchen. Aber Finger weg von meinen M&Ms."

Damit griff er nach seinem Stock und ging in Richtung Schlafzimmer.

Überrumpelt sah Chase ihm nach. „Ich soll hier übernachten?"

„Sie können auch Staubwischen oder das Geschirr spülen, wenn Ihnen das sinnvoller erscheint." Er drehte sich im Gehen zu ihm um. „Vor neun Uhr will ich nichts von Ihnen hören."

Er saß eine Weile da und wusste nicht so recht, wie ihm geschah.

Schließlich zog er die Decke von der Rückenlehne der Couch, schüttelte ein Kissen auf und machte es sich bequem.

Alles war besser, als allein zu sein.

Bevor er sich hinlegte, nahm er die Kapsel Valium, die House ihm angeboten und die bislang unbeachtet auf der Untertasse gelegen hatte.

Innerhalb weniger Minuten war er eingeschlafen.

oOo

„Mit wem haben Sie geredet?" fragte House ihn am nächsten Morgen, während er den Teig in das Waffeleisen laufen ließ.

„Mit niemandem."

Es war seltsam, mit ihm zu frühstücken. House saß in Jeans und T-Shirt am Tisch in der Küche, ungekämmt und unrasiert wie üblich.

Er selbst hatte sich komplett angezogen, lange bevor House aufgestanden war.

Im Bad hatte er eine zweite Zahnbürste gefunden (Cuddys, dachte er) und sie schamlos benutzt.

Es war ihm unangenehm, bei ihm zu sein. Bei Tageslicht erschien es ihm unerklärlich, dass er gestern komplett die Nerven verloren hatte.

Doch irgendwie empfand er es auch als schön, nicht alleine aufzustehen und allein zu frühstücken.

In den letzten Wochen war er oft nüchtern aus dem Haus gegangen.

Nur, um keine Minute länger in dem Apartment zu sein, in dem er sich nicht zuhause fühlte.

Sein Lebensstil hatte sich verändert, war unregelmäßig und unbeständig geworden.

Er würde das ändern müssen. Zum ersten Mal dachte er daran, umzuziehen.

„Glauben Sie, es würde Ihnen helfen? Reden?"

Chase setzte sich ihm gegenüber. „Ich war bei einem Priester."

Er wusste nicht, weshalb er ihm das gesagt hatte.

Sobald die Worte heraus waren, verzog House den Mund zu einem spöttischen Lächeln. „Kaum weichen Sie vom Pfad der Tugend ab, bricht der Chorknabe in Ihnen durch. Nett."

„Er sagte, ich sollte mich der Polizei stellen."

„Was haben Sie anderes erwartet?"

Chase spielte mit dem Kaffeelöffel. „Es war unüberlegt. Ich hätte wissen müssen, dass er das sagen würde. Ich wollte von jemandem hören, dass ich nichts Falsches getan habe. Zur Beichte geht man nicht, wenn man ein reines Gewissen hat."

„Das Konzept ist mir geläufig", sagte House. „Sie hatten also kein reines Gewissen."

„Ich war durcheinander. Ich hatte Angst, es Cameron zu sagen."

„Weil Sie wussten, dass sie Ihnen ganz sicher keine Absolution erteilen würde. Aber von einem Priester haben Sie es erwartet. Sie sind ein Idiot, Chase."

Er hob den Blick und sah ihn an. „Was hätten Sie an meiner Stelle getan? Sich gestellt und die Sache publik werden lassen?"

„Ich wäre nicht dumm genug gewesen, um ein Formular zu unterzeichnen, mit dem Sie jeder überführen kann."

„Foreman hat es gefunden, und er hat es verbrannt."

„Da hat der liebe Gott wohl ein Einsehen mit Ihnen gehabt."

Brachte er jetzt göttliche Fügung ins Spiel? Ein erklärter Atheist wie House? Es konnte sich wohl nur um einen Witz handeln.

House lehnte sich zurück und sah ihn scharf an. „Wir haben also einen Priester, der ans Schweigegelübde gebunden ist, dann Cameron, Foreman und ich. Wer von uns könnte ein Interesse haben, Sie ans Messer zu liefern?"

Chase schnaubte. „Keiner. Hoffe ich."

„Dann gehen Sie zur Polizei. Geben Sie denen eine Täterbeschreibung."

Erschrocken hob er den Kopf. „Das kann ich nicht tun."

„Dieser Typ, der auf Sie geschossen hat, hat keine Ahnung, dass Sie seinen mordlustigen politischen Helden mit voller Absicht um die Ecke gebracht haben. Es gibt keinen Grund, zu vermuten, dass er genau so viel wissen könnte wie ich oder Foreman."

„Und wenn sie ihn erwischen?" fragte er zurück. „Er muss nichts Genaues wissen, um jemanden misstrauisch werden zu lassen. Der Fall könnte neu aufgerollt werden."

„Das Schlimmste, was Ihnen dabei passieren kann, ist die Entdeckung, dass unsere Abteilung eine Fehldiagnose gestellt hat. Die wir leicht mit Fakten untermauern können. Niemand kann Ihnen die vertauschte Blutprobe nachweisen. Es sei denn, Sie lassen sich von Ihrem Schuldgefühl überrollen und platzen mit der Wahrheit heraus. Aber so dumm sind nicht einmal Sie."

„Ich kann das nicht." Chase umfasste die Kaffeetasse. „Ich kann nicht vor ein Gericht treten und lügen."

„Sie müssen nicht lügen. Sie verschweigen nur die Wahrheit. Einen Teil davon."

Chase stützte die Stirn in die Hand. „Ich weiß nicht mal, warum ich es getan habe."

„Sie hatten die Gelegenheit, Geschichte zu schreiben. Mal ehrlich, wer von uns möchte das nicht hin und wieder tun?"

Warum war es für ihn so einfach? Er redete, als ob er ein Spiegelei verbrannt hatte. „Es war nicht meine Aufgabe. Ich bin Arzt. Nicht Richter und Henker in einem."

„Ja. Und Georg Elser war Uhrmacher. Hätte er nur einem Soldaten die Aufgabe überlassen, die Welt von einem Tyrannen zu befreien. Oh, warten Sie. Es gab einen. Der genau so gescheitert ist wie er selber. Ihr Beruf spielt keine Rolle bei dem, was Sie tun. Sie sind nicht Arzt geworden, um das Denken aufzugeben."

Er fuhr sich heftig durch das Haar. „Ich bin fähig, jemanden umzubringen, wenn ich es nur will."

„In Extremsituationen wachsen wir über uns hinaus", sagte House ein wenig spöttisch.

Dann klang seine Stimme geduldiger, als er weitersprach. Als würde er einem kleinen Kind einen komplizierten Sachverhalt erklären.

„Es war keine leichtfertige Entscheidung. Sie wussten, dass Sie nichts gewinnen konnten. Sie haben geahnt, dass es Sie für den Rest Ihres Lebens verfolgen würde. Sie haben mich ernsthaft überrascht, Chase. Ihnen hätte ich Altruismus am wenigsten zugetraut. Sie mit Ihrem angeborenen Selbsterhaltungstrieb. Hätte Ihre Frau das sehen können, Sie hätte stolz auf Sie sein müssen."

„Lassen Sie Cameron aus dem Spiel."

„Immer noch knatschig, weil sie Sie verlassen hat? Ihr Leben wäre das eines Waschlappens, wenn Sie bei ihr geblieben wären. Sobald Sie Ihr Vergehen gestanden hatten, fing sie an, Sie zu manipulieren. Keine Lust, den Müll herunter zu tragen? Eine kleine Erinnerung an den bösen Diktator, und Sie wären losgeflitzt. Sie wollen die Aussie Rules-Übertragung sehen, während auf dem anderen Kanal Gilmore Girls läuft? Raten Sie, wer gewonnen hätte." Er machte eine kurze Pause. „Andererseits, vielleicht wären Sie ihr auch ohne Ihr schlechtes Gewissen zu Füssen gelegen. Sie neigen ohnehin dazu."

„Danke für das Kompliment."

„Gern geschehen", erwiderte er völlig humorlos.

Chase rieb sich die Augen.

Er fühlte sich zerschlagen und fehl am Platz.

Mit House zu diskutieren, würde nichts bringen.

Er würde ihm nicht sagen, was richtig oder falsch gewesen war. „Ich werde nicht zur Polizei gehen."

„Die Fahndung läuft mit oder ohne Ihre Mithilfe. Einen Arzt niederzuschießen, ist kein Kavaliersdelikt. Jedenfalls nicht in diesem Staat. Machen Sie eine Aussage. Sie werden keine ruhige Minute mehr haben, bis der Kerl gefasst ist."

„Und dann?" Er sah ihn an. „Die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass man mich eventuell hinter Gitter bringt?"

House machte ein tragikomisches Gesicht. „Ihre Mitgefangenen würden sich so über Sie freuen."

Oh, sicher. Er hatte die Blicke der anderen Häftlinge bemerkt, als er mit Taub und Foreman eine unbequeme Nacht in einer Zelle verbracht hatte.

Für die beiden war es lediglich unangenehm gewesen; er hatte sich gefühlt wie im Vorhof zur Hölle.

„Die Diagnose ist stichhaltig", sagte House, als er in grübelndes Schweigen versank. „Wir können sie Schritt für Schritt belegen. Es liegt an Ihnen. Wenn Sie die Nerven verlieren und ein Geständnis Ihr Gewissen erleichtert, gestehen Sie. Erzählen Sie einem Gericht, dass Sie einen Massenmörder ausgeschaltet haben. Wenn Sie Glück haben, ist der Richter Jude und hat ein paar Familienmitglieder während des Holocaust verloren. Dann verlieren Sie Ihre Zulassung und die Möglichkeit, je wieder als Arzt zu arbeiten. Wenn Sie aber den Mund halten, kann Ihnen kein Mensch auf der Welt das Gegenteil beweisen."

Den Druck würde er nicht aushalten.

Er fühlte sich nicht einmal gewachsen, sich mental damit auseinanderzusetzen.

Monatelang hatte er es erfolgreich verdrängt.

Jetzt brach es über ihn herein wie eine Flutwelle. Er spürte, wie Panik ihn ergriff, und schlang unwillkürlich beide Arme um sich.

„Ich hätte es nicht-… Ich weiß nicht mal, warum ich es getan habe", stieß er hervor. „Ich hätte das nie tun dürfen."

„Katzenjammer", diagnostizierte House nüchtern. „Sie fangen an zu heulen, sobald die Gefahr besteht, jemand könnte Ihnen auf die Schliche kommen. Kommen Sie mir nicht mit der Jammerlappen-Nummer."

„Ich habe ihn umgebracht. Ich habe Gott gespielt."

Seine Stimme wurde schärfer. „Gott hat mit Ihnen gespielt, Chase. Wir sind alle nur Schachfiguren auf Seinem großen Plan. Ist es nicht das, was man Ihnen von Kind auf gepredigt hat? Sie als ehemaliger Seminarist müssten das doch als Trost empfinden."

„Es funktioniert nicht so."

„Dann lassen Sie mich das Vertrauen in Ihren Glauben ein wenig auffrischen. Die Diagnose musste glaubwürdig sein. Es musste eine Leiche mit dem richtigen Blut im Keller liegen. Foreman musste das Kommando haben, weil er zu unsicher ist, seine eigene Meinung durchzusetzen. Glauben Sie, ich hätte Ihnen das durchgehen lassen, wenn ich den Mann hätte retten wollen? Foreman musste derjenige sein, der den Zettel mit Ihrer Unterschrift gefunden hat und ihn aus Angst verbrennen würde. Für mich haben Sie einfach nur Glück gehabt. Gott sieht das möglicherweise anders als ich."

Wenn ich den Mann hätte retten wollen.

Es war der Satz, der ihn Hoffnung schöpfen ließ. „Sie wollten ihn nicht retten."

„Cameron wollte ihn nicht retten. Foreman war zu ignorant, um mehr als einen Patienten in ihm zu sehen. Sie und ich wissen, dass Leben retten kein barmherziger Akt ist. Sie und ich handeln nicht nach vorgegebenen moralischen Grundsätzen. Was Sie getan haben, war gegen alle Prinzipien. Sie haben eine Regel gebrochen und haben alles dabei riskiert. Es war dumm und leichtsinnig. Es hätte Sie Kopf und Kragen kosten können. Vielleicht kostet es Sie einen Teil Ihres bequemen Seelenfriedens. Vielleicht empfinden Sie Schuld, was Sie verletzlich und angreifbar macht. Es macht Sie weder zu einem besseren noch zu einem schlechteren Menschen. Sie haben getan, was Sie für richtig hielten. Es ist besser, Fehler zu machen, als sich an Moral und Ethik zu halten, nur weil uns jemand sagt, dass es schon immer so gewesen ist. Wichtig ist, dass Sie Ihren Kopf benutzt haben. Sie waren nicht gleichgültig. Sie haben abgewogen und sich entschieden, zu handeln."

„Wenn jeder seine eigenen Regeln aufstellen würde, hätten wir eine Anarchie."

„Sagen Sie mir nicht, dass Sie nicht ab und zu Gefallen daran finden."

Sie tauschten einen Blick, der ungewöhnlich war, weil Chase plötzlich Verständnis und so etwas wie Anerkennung darin zu lesen glaubte.

Aber vielleicht bildete er sich das nur ein.

„Woher wussten Sie, dass meine Diagnose auf Sklerodermie ihn umbringen würde?" fragte House plötzlich geradeheraus.

Er hatte es nicht gewusst.

Eher gehofft.

Und dann begriff er, dass er House eine Fehldiagnose zugetraut hatte. Er hatte sie verwendet und bestätigt, und Dibala war daran gestorben.

„Deswegen habe ich Sie behalten", sagte House, nachdem er ihm Zeit gegeben hatte, darüber nachzudenken. „Weil Sie mithalten können. Hätte Foreman nicht darauf bestanden, auf Blasto zu behandeln, der Mann wäre in die Grube gefahren, ohne Ihre kriminelle Intervention."

„Und damit wären Sie okay gewesen."

„Besser ein Mord als eine Fehldiagnose", wiederholte House seine Worte von damals, nachdem er die Umstände vom Tod des Patienten erfahren hatte. „Das Blut klebt jetzt an Ihren Händen. Nicht an meinen. Eine nette Abwechslung."

Chase konnte kaum begreifen, was er andeutete. „Dann war es Ihre Idee, und ich habe sie ausgeführt?"

Also doch House' Marionette.

„Sie haben sie weiterentwickelt. Sie haben meine Diagnose benutzt, um zum Ziel zu gelangen. Das erfordert Kreativität und eine gewisse Skrupellosigkeit." Er zuckte die Achseln. „Sie waren konsequent. Das verdient Respekt."

Chase schluckte. „Ich habe also Ihren Plan perfektioniert, indem ich die Blutprobe gefälscht habe?"

„Ich war mir ziemlich sicher, dass die Behandlung den Diktator umbringen würde. Was Sie daraus gemacht haben, steht auf einem anderen Blatt."

Sein Kopf schwirrte. Immer noch war er sich nicht sicher, ob er ihn richtig verstanden hatte. „Haben wir zusammengearbeitet, ohne es zu wissen?"

In seinem Mundwinkel erschien ein kleines, kaum merkliches Lächeln. „Jetzt werden Sie anmaßend."

Aber er spürte, wie die Spannung ein wenig von ihm abfiel. „Sie konnten nicht wissen, dass ich es tun würde."

„Cameron ist zu moralisch, und Foreman zu phantasielos. Wenn es jemand fertig bringen würde, waren Sie es. Es hat mich nicht so sehr überrascht wie Sie selber."

„Dann wussten Sie die ganze Zeit, dass Dibala nicht wegen eines medizinischen Fehlers gestorben ist?"

„Das war der Grund, weshalb ich Foreman in die Leichenhalle geschickt habe. Dummerweise war die Leiche bewacht. Sie hatten Glück, dass Ihr Patient übergewichtig und auf Betablockern war. Das nächste Mal achten Sie darauf, bevor Sie Ihren Kopf in die Schlinge legen."

Camerons Worte hallten in ihm nach, als er daran dachte, was sie besprochen hatten, nachdem er ihr gestanden hatte.

Sie hatte die Klinik (und House) sofort verlassen wollen.

House vergiftet dich.

Er fragte sich zum ersten Mal, ob sie vielleicht bis zu einem gewissen Grad recht gehabt hatte.

Ob er zu einem solchen Schritt fähig gewesen wäre, wenn er nicht vier Jahre unter House verbracht hätte.

Er hatte ihren Vorwurf mit einem Kopfschütteln abgetan, damals, und war doch bereit gewesen, mit ihr zu gehen.

Nicht, weil House ihn vergiftete. Sondern weil sie es so wollte.

House hatte recht.

Sie hatte die Leine gestrafft, sobald sie die Gelegenheit dazu bekommen hatte.

Und er würde immer noch daran liegen, wenn er mit ihr gegangen wäre.

Plötzlich fragte er sich, ob House auch das vorausgesehen hatte.

Er wurde ihm allmählich unheimlich.

„Es war meine Entscheidung", sagte er leise, wie zu sich selbst. Als bekäme es mehr Gewicht, wenn er es aussprach.

„Gut, dass wir darüber gesprochen haben", sagte House leichthin.

„Wie machen Sie es?" fragte er unvermittelt und sah ihn an. „Wie schaffen Sie es, in anderer Leute Köpfe zu sehen und dabei nie falsch zu liegen?"

„Zwei, drei weitere Jahre bei mir, und Sie lernen auch das. Sie sind nicht gänzlich hoffnungslos."

„Manipulieren Sie mich?"

House zwinkerte ihm zu. „Sie sind zu entzückend, um es nicht wenigstens zu versuchen."

Ohne es zu wollen, spürte er ein Lächeln über seine Züge gehen.

Seit langem fühlte er so etwas wie Zuversicht.

Er hätte nicht geglaubt, jemals mit House ein ernsthaftes Gespräch zu führen.

Es hatte ihn ausgelaugt, und er fror und schwitzte gleichzeitig, doch zugleich war ihm zumute, als hätte jemand sich die Mühe gemacht, die unsichtbare Last ein Stückweit hoch zu stemmen, die wie ein Mühlrad auf seiner Brust lag.

„Danke", sagte er.

„Wofür", entgegnete House lässig.

Bevor er ging, warf er ihm einen Zettel mit einer Telefonnummer zu. „Falls Sie in Panik geraten, rufen Sie an."

Er faltete das Blatt auseinander. „Die Telefonseelsorge?"

„Wilson", antwortete er mit einem schlauen Grinsen und verließ die Wohnung.

Chase sank in den Stuhl zurück und fragte sich, wie er einen weiteren Tag mit House überstehen sollte.