Kapitel 10
Lisa hatte noch nicht ganz aufgelegt, da wurde ihre Bürotür plötzlich aufgerissen.
„Liselotte, hast du mir vielleicht etwa zu sagen?!" Jürgen schaute sie mit einer Mischung aus Belustigung und Beleidigtsein an.
Lisa stellte sich dumm. „Ne, was soll ich dir denn zu sagen haben?"
„Lisa! Man munkelt, du lässt dich von David in aller Öffentlichkeit küssen und dein bester Freund erfährt als Letzter davon. Nennst du das fair? Und das, nachdem ich mir monatelang dein Leid anhören musste! Also was ist jetzt, stimmen die Gerüchte?"
Lisa strahlte schon wieder. „Ja Jürgen! Wir sind seit gestern Abend ein Paar!"
Jürgen setzte sich mit offenem Mund auf den Stuhl. „Nee?!"
„Doch! Er ist gestern Abend zu mir gekommen und hat mir gesagt, dass er mich liebt und dass er mit mir zusammen sein möchte", triumphierte sie.
„Nee!"
„Doch!"
„Und dann?"
„Dann hat er mich geküsst!"
„Lisa ich glaub es nicht! Ich glaub es wirklich nicht. Du hast es tatsächlich geschafft. Bist du dir auch sicher, dass er es ernst meint?"
„Ja ganz sicher! Er hat es sogar schon meinen Eltern gesagt und bei Kerima steht er auch zu mir. Oh Jürgen, ich bin sooo glücklich!"
„Mensch Lisa, ich freu mich so für dich! Komm lass dich umarmen." Er umarmte sie und drückte ihr ein Küsschen auf die Wange. „Da hat meine Scheinverlobte endlich ihren Traummann bekommen! Sag mal, habt ihr schon? Du weißt, das gute alte Rein-Raus-Spiel."
„Jürgen!" Lisa lief sofort rot an. „Wir sind doch erst seit gestern Abend zusammen!"
„Das ist ein halber Tag. Was meinst du, was man da alles anstellen kann?"
„Du Blödfisch! Natürlich haben wir noch nicht. Hier geht es um wahre Liebe und nicht nur um … na du weißt schon."
„Sex Lisa, das heißt Sex, wenigstens ans Aussprechen solltest du dich schon mal gewöhnen."
Oooaahh, Jürgen, er liebt mich! Er wird mir alle Zeit der Welt lassen und wenn der richtige Zeitpunkt da ist, … dann ist eben der richtige Zeitpunkt da", sagte sie verlegen.
„Wir reden hier aber schon von David Seidel, dem Womanizer, der keine Gelegenheit ausgelassen hat, oder?"
„Warum machst du das Ganze denn jetzt so runter? Er hat sich verändert! Er liebt mich, obwohl ich immer noch Lisa Plenske bin und nicht irgend so ein Kleiderständer mit vielen Rundungen, aber wenig Hirn! Ich denke du freust dich für mich!"
Lisa das tu ich doch auch, wirklich! Aber ich brauch halt etwas Zeit, um Davids Wandlung zu glauben. Bis gestern wollte er dich immerhin noch mit Rokko verkuppeln, da darf ich mich doch ein bisschen wundern, oder?"
„Du kannst mir aber ruhig glauben Jürgen. Heute Abend gehen wir ins Wolfhardts essen. Das ist dann unser erstes richtiges Date. Ich kann es kaum noch erwarten."
„Ok Lisa, ich glaube dir und ich freu mich für dich, aber morgen will ich als Erster alle Neuigkeiten und jedes schmutzige Detail hören. Wenn wieder alle vor mir Bescheid wissen, dann kündige ich dir die Freundschaft!"
„Versprochen! So jetzt muss ich dich aber rausschmeißen. Ich habe heute noch kein Strich zu Papier gebracht und wenn ich das jetzt nicht aufhole, dann wird nichts aus meinem Date, weil dann eine Nachtschicht fällig wird."
„In Ordnung, aber denk dran, morgen früh, will ich um spätestens 7:30 Uhr einen ausführlichen Bericht!"
„Jawohl Herr Oberleutnant!" Lisa salutierte lachend.
Einige Stunden später saß Lisa mit David im Wolfhardts. Sie hatten gegessen und warteten nun auf die Rechnung.
„Lisa ich hab noch eine Überraschung für dich", David lächelte sie verführerisch an.
„So, was denn?", sie drohte schon wieder in seinen Augen zu versinken.
„Das kann ich dir doch nicht sagen, dann ist es doch keine Überraschung mehr. Auf jeden Fall müssen wir noch zu mir fahren."
„Zu dir? Zu dir nach Hause?", fragte sie jetzt doch leicht nervös.
„Ja, sonst kann ich dir die Überraschung doch gar nicht zeigen. Lisa du vertraust mir doch, oder?"
Nun kam Simone mit der Rechnung und David bezahlte.
Lisas Magen zog sich leicht zusammen. ‚Vertraue ich dir David? Du hast gesagt du liebst mich und das glaube ich dir, deshalb tust du sicher auch nichts, was ich nicht will.'
„Ja David, natürlich vertraue ich dir, ich liebe dich!"
„Und ich liebe dich mein Schatz. Komm lass uns gehen."
Als sie an der Villa ankamen, verband David Lisas Augen mit seiner Krawatte und führte sie die Treppe zu seinem Schlafzimmer rauf. Als sie oben angekommen waren, stellte er sich hinter sie und küsste ihr auf den Hals. Lisa durchfuhr ein Schauer, aber sie wurde augenblicklich wieder nervös. Was er jetzt wohl vor hatte?
„Was du gleich siehst, ist nur für dich, die Frau, die ich über alles liebe! Aber bevor du es sehen darfst, muss ich dich unbedingt noch einmal küssen." Damit drehte er sie in seine Arme und küsste sie. Lisa wusste nicht, wie ihr geschah. Irgendwie hatte sie erwartet, dass jetzt wieder dieses Bauchkribbeln einsetzten müsste, dass sie gestern Abend hatte, als er sie zum Abschied geküsst hatte. Aber David ging so rasant an die Sache heran, dass Lisa das Gefühl hatte, ihr Mund sei so voll mit seiner Zunge, dass sie nicht ausreichend Luft bekommen würde, wenn sie sich nicht total auf ihre Nasenatmung konzentrierte. So hatte sie sich das eigentlich nicht vorgestellt. Da hatte sie ja noch mehr Schmetterlinge im Bauch, als Rokko sie damals bei der Präsentation für Pearls geküsst hatte, weil sie ständig von David geredet hatte. Nun überschlugen sich ihre Gedanken. ‚Rokko?! Wieso denke ich denn jetzt an Rokko? Und dieser Kuss war schließlich schrecklich und unverschämt, ich habe ihm ja nicht nur aus Spaß eine Ohrfeige verpasst. Warum bringe ich diesen Kuss jetzt mit Schmetterlingen in Verbindung? Ich küsse hier gerade meinen Traummann, bin ich denn jetzt völlig verrückt geworden?' Weiter kam sie nicht, denn nun nahm David ihr die Krawatte von den Augen ab. Der ganze Fußboden war voller brennender Teelichter, die ein Herz bildeten. Das Bett war ganz mit Rosenblüten übersät und auf dem Nachttisch stand eine Flasche Champagner und zwei Gläser. Eigentlich war der Anblick wunderschön und wenn Lisa überhaupt eine Vorstellung vom ersten Mal hatte, dann gehörte eine solche Form der Romantik sicher irgendwie dazu, aber das ging ihr jetzt eindeutig zu schnell! „Ich hoffe es gefällt dir mein Schatz. Ich will das dieser Abend unvergesslich für dich wird."
„David ich … es ist wunderschön, wirklich, aber … David ich … ich hab noch nie, du weißt schon …" Lisa wurde ganz heiß vor lauter Peinlichkeit.
„Du hast noch nie?"
„Nein", flüsterte sie fast.
„Lisa vertrau mir, ich werde ganz vorsichtig sein", er streichelte ihr über die Wange.
„David … das geht mir zu schnell, ich … wir sind doch erst seit gestern … ich …"
„Hey, vertrau mir doch, du wirst sehen, es ist wunderschön, lass mich dich zu den Sternen begleiten." Er zog sie in seinen Arm und wollte sie wieder küssen.
„Nein David, ich will nicht!" Lisa bekam jetzt regelrecht Panik und so stieß sie ihn recht heftig von sich.
„Verdammt Lisa, was soll das denn! Ich tu dir doch nichts! Ich denke du liebst mich, da ist es doch normal miteinander zu schlafen. Ich versteh ja, dass du vor dem ersten Mal nervös bist, aber wir sind doch keine Teenager mehr. Und wenn du mich wirklich liebst, dann musst du mir doch auch vertrauen, oder denkst du, dass ich es nicht ernst mit dir meine? Lisa ich liebe dich aufrichtig und ich will diese Liebe mit dir leben und nicht nur träumen."
„David ich liebe dich doch auch, aber ist es denn so schlimm, wenn ich noch etwas Zeit brauche, um mich an den Gedanken zu gewöhnen, so etwas zu tun. Können wir uns nicht einfach langsam rantasten, wir haben doch alle Zeit der Welt." Sie hatte jetzt Tränen in den Augen und war völlig aufgelöst, diese Situation überforderte sie einfach völlig.
„Mein Gott Lisa, du tust ja so, als ob ich dir statt Kerzen und Rosenblüten eine ganze Reihe Hardcore Pornos unter die Nase gehalten hätte und ich von dir verlangen würde dich zu entscheiden, ob du lieber SM oder Kamasutra willst." David wusste das seine Worte viel zu hart waren, aber er spürte plötzlich einer regelrechte Wut in sich aufkeimen, auch wenn er nicht wusste woher sie eigentlich entsprang. Für Lisa war das eindeutig zu viel. Sie hatte keine Ahnung was SM bedeutete und vom Kamasutra hatte sie auch nur eine recht verschwommene Vorstellung, aber allein das Wort Porno, löste absolute Panik in ihr aus. Ob David sich so was mit Mariella angesehen hatte? Das konnte nicht sein, oder? Sie versuchte ihre Tränen, die ihr heiß in die Augen stiegen zu unterdrücken, doch es gelang ihr nicht. „David ich möchte jetzt nach Hause, bitte!"
„Ja Lisa, ich denke das ist besser. Wir sollten uns morgen in Ruhe darüber unterhalten, wenn du dich beruhigt hast. Aber hör bitte auf so zu tun, als ob ich dir etwas tun wollte. Ich tue nichts, was du nicht auch willst. Ich konnte ja schließlich nicht ahnen, dass die normalste und schönste Sache der Welt, dich so in Panik versetzt." David wollte nicht so hart klingen, aber es fiel ihm schwer, sich nicht seiner Wut zu ergeben. Er wollte sich nicht mit ihr streiten, deswegen fand er es besser, sich erst einmal zu beruhigen und am nächsten Tag das Thema zu diskutieren. Er kam nicht mal annähernd auf den Gedanken, dass dies Lisas erster Streit mit ihrem ersten Freund war und welche Ängste das in ihr auslöste. Für ihn war es normal sich in einer Beziehung zu streiten, das hatte er tausendmal mit Mariella geübt. So brachte er sie einfach nur nach Hause, Sie sprachen fast nichts und Lisa weinte immer wieder leise vor sich hin. Er brachte sie noch zur Haustür und sagte ihr, dass sie nicht mehr über den „Vorfall" grübeln sollte und dass sie am nächsten Tag darüber reden würden, wenn beide sich beruhigt hätten. Dann fuhr er in die nächste Kneipe, um ‚runterzukommen'. Lisa schlich sich auf ihr Zimmer, denn sie wollte unter keinen Umständen ihren Eltern begegnen. Sie weinte die ganze Nacht und wünschte sich fast sie hätte „ES" einfach hinter sich gebracht, denn dann hätte sie jetzt wenigstens nicht so einen fürchterlichen Streit mit David.
