Der Feind meines Feindes ist mein Freund
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by CarpeDiem
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Es sind die Entscheidungen, die wir treffen, die zeigen wer wir sind.
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Die Sonne war schon seit einiger Zeit hinter dem Horizont verschwunden und hinter ihnen kroch bereits die Schwärze der Nacht am Himmel entlang, als Eragon und Murtagh beschlossen ihr Nachtlager aufzuschlagen. Sie hatten bereits den See Tüdosten erreicht und das Wasser unter der spiegelglatten Oberfläche glänzte im schwindenden Licht beinahe schwarz, als sie am Ufer des Sees landeten.
Sie waren den ganzen Tag lang ohne Unterbrechung in der Luft gewesen und hatten dem weiten Land unter ihnen dabei zugesehen wie es sich ein um das andere Mal verändert hatte. Zuerst waren sie dem Verlauf des Jiet Stromes in Süd-östlicher Richtung gefolgt, bevor sie die Grenze zu Surda passiert und von dort aus ihren Weg nach Osten fortgesetzt hatten. Saphira und Dorn waren bemerkenswert schnell gewesen, doch das änderte auch nichts an der Tatsache, dass sie mindestens noch weitere zwei Tage brauchen würden, bis sie Farthen Dûr erreichten. Zwar hatten beide Drachen ihren Reitern versichert, dass sie die Nacht über ebenfalls in der Luft bleiben könnten, doch Eragon wollte nicht, dass sie sich vollkommen verausgabten, da man auf einer so weiten Reise nie wissen konnte, wofür man seine Kräfte noch brauchen würde. Murtagh hatte keine Lust gehabt im Sattel zu schlafen, auch wenn Dorn ihm mit einem spöttischen Grinsen versichert hatte, dass er ihn selbstverständlich fangen würde, falls er hinunterfallen sollte, und so hatten sie sich darauf geeinigt ihr Lager am Ufer des Sees aufzuschlagen.
Der Tüdosten See befand sich zwar auf dem Boden des Imperiums, aber wer die Grenze zu Surda passieren wollte, musste das entweder schwimmend tun, oder aber die Brennende Steppe oder den Silberwald durchqueren und diese Mühen würde aller Wahrscheinlichkeit nach niemand auf sich nehmen. Der Silberwald war ehemals von den Elfen bewohntes Gebiet und die Menschen scheuten den Wald aus diesem Grund und selbst von Ufer des Sees aus konnte man den fahlen giftigen Dunst sehen, der von der Brennenden Steppe her unaufhörlich gen Himmel stieg.
Die nächste Stadt, Petrøvya, befand sich noch einige Meilen östliche von ihnen und Eragon und Murtagh waren zu dem Schluss gekommen, dass sie am anderen Ufer des Sees wohl kaum Aufmerksamkeit auf sich ziehen würden. Obwohl die kleine Stadt zu Surda und nicht zum Imperium gehörte, zogen sie es dennoch vor möglichst bedeckt zu bleiben.
Wenn der Wind es morgen gut mit uns meint, könnten wir bis zur Dämmerung den See des Bärenzahn Flusses erreichen, meinte Saphira zuversichtlich und entzündete mit einer kleinen Flamme das trockene Holz, das Eragon inmitten einiger Steine aufgeschlichtet hatte, bevor er selbst dazu kam es mit einem Zauber zu tun.
Eragon hob überrascht eine Augenbraue, als das Holz auf einmal zu brennen begann, zuckte dann jedoch gleichmütig mit den Schultern.
Danke, erwiderte er und Saphira riss ein großes Stück Fleisch von der Keule eines Hirsches ab und schlang es hinunter, bevor sie ihm antwortete.
Kein Problem. Bist du sicher, dass ihr davon - sie warf einen angewiderten Blick auf die Beeren und Wurzeln, die Eragon und Murtagh in einem Stück Rinde gesammelt hatte und einen halben Laib Brot - satt werdet?
Eragon schmunzelte leise. Ja, ganz sicher.
Wenn du meinst, antwortete Saphira skeptisch, doch sie fragte kein zweites Mal und riss stattdessen demonstrativ ein weiteres Stück von ihrer Beute ab.
Dorn lag mit einem Tier, das einen Wildschwein nicht unähnlich war, auf der anderen Seite des Lagerfeuers hinter Murtagh, der sich gerade auf den Boden zu Eragon setzte, und Eragon schoss der Gedanken durch den Kopf, dass das Tier oder derjenige der versuchen sollte Murtagh und ihm während der Nacht zu nahe zu kommen entweder ziemlich dämlich oder ziemlich Lebensmüden sein musste, angesichts der beiden Drachen, die hinter ihnen lagen.
Murtagh stellte eine frisch gefüllte Wasserflasche neben sich und Eragon ins Gras, bevor er nach dem Laib Brot griff, ihn in der Mitte durchbrach und die andere Hälfte wieder auf das Stück Rinde legte. Dann fuhr er sich mit einer Hand durch die Haare und lehnte sich entspannt gegen einen großen Stein in seinem Rücken.
Eragon lächelte leise, als er ihn dabei beobachtete und Murtagh nahm ihm seine nächsten Worte buchstäblich aus dem Mund.
„Wenn wir hier so sitzen, könnte man meinen, dass es immer noch so ist wie früher."
Damit hatte er Recht und Eragon hatte noch vor einen Moment genau dasselbe gedacht, doch als Murtagh es aussprach, wurde Eragon bewusste, dass es genau das nicht war. Es war viel Zeit vergangen in der sie das Leben gezwungen hatte Dinge zu tun, die alles verändert hatten. Einem flüchtigen Blick mochte diese Szene stand halten, aber bereits bei der zweiten Betrachtung des Feuers, das kleine Funken in die Nacht stob und der beiden Männer, die trotz aller ihrer Unterschiede die gleiche Mutter gehabt hatten, zerbrach die vermeidliche Idylle in tausend kleine Splitter, die Eragon mit ihren spitzen Kanten in die Seele schnitten. Ein Blick zu Murtagh sagte ihm, dass auch er sich dieser Splitter sehr wohl bewusste war, genauso wie der Tatsache, dass es nie wieder so sein konnte wie früher.
„Alles hat sich verändert", sagte Eragon dumpf und Murtagh nickte kaum merklich, während seine Augen in die züngelnden Flammen starrten.
Hinter ihnen hörte man wie einige Knochen des Hirsches, den Saphira erlegt hatte, unter ihren kräftigen Zähnen knackend brachen, als sie das Fleisch von ihnen riss, doch weder Murtagh noch Eragon nahmen es bewusst wahr. Sie beide waren gefangen in dem Augenblick und in dem Wunsch, sie wären in der Lage die Zeit zurück zu drehen, der sie verband wie nichts zuvor es bis jetzt vermocht hatte.
Auch Eragon hatte seinen Blick ins Feuer gerichtet und er spürte die Hitze auf seinem Gesicht, während die Flammen das trockene Holz mit knisternden Geräuschen verschlangen und beständig immer höher loderten. Er hatte die Welt um sich herum vergessen und die Worte, die ihm seit er Murtagh auf Dorns Rücken liegend in der Luft über dem Lager der Varden gesehen hatte, durch den Kopf gingen, brachen vorsichtig aus ihm heraus.
„Ich habe damit gerechnet, dass ich dich eines Tages umbringen müsste und ein Teil von mir wollte das sogar und will es immer noch."
Murtagh hatte Mühe gehabt die leisen Worte zu verstehen, doch als sie ihn erreichten, hob er den Kopf und sah Eragon von der Seite her im Schein des Feuers an. Sein Halbbruder starrte vollkommen abwesend in die Flammen, die Hände locker um seine Knie geschlungen und der Ausdruck in seinen Augen ging Murtagh unheimlich nahe. Er sah den Hass und das Verlangen aber auch die Verwirrung und das Entsetzen, die dieser Wunsch in Eragon hinterließen und er konnte nicht sagen welche dieser Emotionen dabei war die Oberhand zu gewinnen.
Murtaghs Stimme zitterte kaum merklich, als er seine nächste Frage stellte.
„Hättest du es getan?"
Ein langer Moment verging, bevor Eragon den Kopf hob Murtagh mit einem unergründlichen Ausdruck direkt in die Augen sah.
„Ich bin froh, dass wir das jetzt nicht mehr herausfinden müssen", antwortete er statt einer eindeutigen Erwiderung, denn das hier war viel komplizierter, als dass man diese Frage mit einem Nein oder einem Ja beantworten könnte.
Er wusste nicht was er getan hätte. Er wusste nicht wozu er unter bestimmten Umständen in der Lage gewesen wäre. Er wusste nur eines: dass er unendlich froh war, dass diese Umstände nun nie eintreten würden. Ein Teil von ihm wollte Murtagh immer noch tot sehen für die Verbrechen, die er begangen hatte, doch dieser Teil verlor zunehmend an Macht über ihn. Wenn er jetzt in Murtaghs Gesicht sah, dann drängte in ihm nicht mehr der unbändige Wunsch an die Überfläche ihn für Oromis' Tod leiden zu sehen. Ein anderes Gefühl schob sich zusehendes über diesen Wunsch und Eragon glaubte, dass es Mitleid war, das er empfand. Er konnte sehen wie Murtagh von seinem Hass auf die Welt langsam aufgefressen wurde und seit er begonnen hatte diesen Hass nicht länger gegen die Welt und die Menschen um ihn herum zu richten, richtete er ihn gegen sich selbst. Er bereute seine Taten und er hasste sich für das was er getan hatte, und obwohl Eragon Mitleid mit ihm hatte, fühlte er auch eine gewisse Genugtuung.
Schließlich wandte Murtagh seinen Blick ab und starrte wieder in die Flammen, bevor er leise zu sprechen begann.
„Es tut mir Leid, Eragon. Als ich gegen Oromis und Glaedr gekämpft hatte, da war ich voller Hass auf sie. Ich habe sie gehasst, weil sie dir und Saphira geholfen haben und mir und Dorn nicht. Und weil sie nicht versucht haben uns aus Galbatorix' Knechtschaft zu befreien. Aber als Galbatorix mir dann befohlen hat sie zu töten, da… da konnte ich es auf einmal nicht mehr. Ich habe mich Galbatorix widersetzt, aber er hat es nicht zugelassen und meinen Körper übernommen."
Murtagh schauderte bei dem Gedanken daran, was damals in den Wolken über Gil'ead passiert war. Dann sah er auf und begegnete Eragons Blick.
„Kennst du das Gefühl wenn sich jemand deines Körpers bemächtigt? Wenn du zu einem Zuschauer in deiner eigenen Haut wirst ohne die Möglichkeit Einfluss auf deine Tate zu nehmen?"
Eragon nickte schweigend. Als Rhönun durch ihn das Schwert gefertigt hatte, hatte sie genau das getan, doch sie hatte diese Macht über seinen Körper nicht missbraucht und Eragon hätte sie jederzeit wieder aus seinen Gedanken verbannen können. Murtagh hatte diese Möglichkeit nicht gehabt und er konnte sich vorstellen was für eine grauenvolle Erfahrung es besonders für jemanden wie Murtagh, der seinen Gedanken stets mit eisernen Mauern umgeben hatte, gewesen sein musste.
„Es war das Schrecklisten was ich je in meinem Leben erfahren habe. Ich habe versucht mich zu wehren, aber Galbatorix ist zu mächtig. Er hat Oromis getötet, aber ich bin es gewesen, der das Schwert gehalten hat. Ich werde den Ausdruck in Oromis' Augen niemals vergessen als die Klinge sein Herz durchbohrte. Er hat mich angesehen und… er hatte Mitleid mit mir. Er wusste, dass ich nicht freiwillig gehandelt habe und er hat mir vergeben, obwohl er wusste, dass er sterben würde."
Eragon konnte nichts weiter tun als Murtaghs Worten schweigend zuzuhören, und selbst wenn es etwas gegeben hätte, dass er antworten wollte, der dicke Kloß in seinem Hals verhinderte, dass er es gekonnt hätte. Er konnte Oromis' Gesicht beinahe vor sich sehen und er wusste instinktiv, dass Murtagh ihn nicht belog. Der Elf hätte ihm vergeben, das wusste er und Eragon wusste auch, dass er Murtagh ebenfalls vergeben musste, und dass er nun, nach diesen Worten dazu in der Lage war.
„Es war nicht deine Schuld", sagte er kaum hörbar und seine Stimm war rau, so als habe er sie seit Ewigkeiten nicht mehr benutzt.
Murtagh sah ihn an und obwohl deutlich zu sehen war, dass er diese Absolution nicht gewollt hatte, so war er doch unendlich dankbar dafür.
„Danke, Eragon", erwiderte er, bevor er seinen Blick wieder in die Flammen richtete.
Eragon tat es ihm gleich und beobachtete eine Zeit lang schweigend wie das trockene Holz in den Flammen knisterte und sich glühend rot färbte, während es vom Feuer langsam verzehrt wurde. Um sie herum legte sich die Schwärze der Nacht wie ein samtener Mantel über das Ufer des Sees und überzog alles mit einer lautlosen Stille.
Murtagh schwieg ebenfalls, doch er hatte endlich mit Eragon geredet, was wahrscheinlich einzig und allein der Tatasche zuzuschreiben war, dass Eragon zum ersten Mal bereit gewesen war ihm zuzuhören, ohne dass Wut und Hass seine Gedanken vernebelten. Er konnte spüren, dass sich etwas zwischen ihnen geändert hatte, und auch wenn er nicht wusste was es war, so hoffte er doch, dass es nicht wieder verschwinden würde.
Auch Eragon wollte nicht länger gegen Murtagh kämpfen und er wusste, dass Murtagh genauso empfand. Er wollte diesen kostbaren Moment in dem es nichts zwischen ihnen gab außer der Wahrheit, die ihm flackernden Schein des Feuer ihr unverfälschtes Antlitz zeigte, für immer aufrecht erhalten, doch gerade weil er wusste, dass er das nicht konnte, hielt er seine nächsten Worte nicht zurück, obwohl er sich nicht sicher war, ob er die Antwort, die Murtagh ihm aller Wahrscheinlichkeit nach geben würde, hören wollte.
„Was ist passiert, nachdem Oromis tot war?", fragte er leise und hielt seinen Blick auf das Feuer gerichtet, als er die unumstößliche Wahrheit zum ersten Mal frei von Hass auf denjenigen, der das Schwert gehalten hatte, aussprach. Alles was blieb war eine unbändige Trauer über den Tod seines Meisters, die umso schwerer zu ertragen war, da sie nicht mehr von dem Gefühl nach Rache überlagert wurde.
Murtagh starrte unentwegt in die Flamme, als er zu sprechen begann und seine Stimme machte deutlich, dass er meilenweit von dem knisternden Feuer am Ufer des Tüdosten entfernt war.
„Galbatorix hat meinen Geist wieder frei gegeben und mir befohlen nach Urû'baen zurück zu kehren. Er hat uns einfach dort zurückgelassen. Dorn war nach dem Kampf mit Glaedr schwer verletzt und es hätte mich beinahe das Leben gekostet, als ich versucht habe ihn zu heilen. Die Eldunarí waren allesamt erschöpft und wird brauchten beinahe vier Tage bis wir Urû'baen erreichten. Eine Zeit lang dachte ich wir würden es nicht schaffen. Als wir zurückkamen hat Galbatorix Dorn geheilt, aber es war bereits zu spät um seine Schwanzspitze wieder neu wachsen zu lassen. Galbatorix war nach Oromis' Tod immer noch vollkommen euphorisch und hat davon abgesehen mich für meinen Ungehorsam zu bestrafen. Stattdessen hat er mich mit Lob überschüttet. Mir ist beinahe schlecht geworden."
Eragon konnte sich nur bedingt vorstellen wie es für Murtagh gewesen sein musste für einen Mord beglückwünscht zu werden, den er nicht hatte begehen wollen und wie schwer die Schuld noch immer auf seinen Schultern lastete. Geblendet durch seinen Hass und sein Verlangen nach Rache hat er nicht gesehen, das Murtagh unter dieser Schuld bereits größeres Leid erdulden musste, als er ihm je hätte zufügen können.
Nach einem Moment der Stille sprach Murtagh weiter, ohne dass Eragon ihn erneut dazu hätte auffordern zu müssen. Die Worte kamen einfach aus seinem Mund, ohne dass er sie hätte zurückhalten können.
„Ich hab mich danach vollkommen zurückgezogen und kaum ein Wort mit jemandem geredet, nicht einmal mit Dorn. Ich wollte alleine sein, obwohl ich die Stille kaum ertragen habe."
Murtaghs Blick war unentwegt in die Flammen gerichtet und obwohl die glühenden Holzscheite genau vor seinen Augen im Feuer knisterten, sah er sie nicht, denn er war mit seinen Gedanken nicht mehr im hier und jetzt. Seine Stimme war kaum lauter als ein Flüstern und Eragon hatte Mühe seine Worte zu verstehen.
„Es war an einem Nachmittag. Der Himmel war mit grauen Wolken bedeckt und es hat geregnet. Ich war in meinem Zimmer über einem Buch gesessen, als plötzlich die Tür aufging. Es war Anija, eine der Dienerinnen. Sie wollte mir nur etwas zu Essen bringen. Das Geräusch hat mich aus meinen Gedanken gerissen und ich bin zusammengefahren. Mit einem Mal war ich so wütend, dass sie mich gestört hatte. Ich habe sie angeschrieen wie sie es wagen kann einfach so herein zu platzen. Sie hat angefangen sich zu entschuldigen, aber ich habe ihr überhaupt nicht zugehört. Ich war so unglaublich wütend. Und dann - dann hab ich mein Schwert aus der Scheide gezogen und es nach ihr geworfen."
Eragons Kopf ruckte hoch und er starrte Murtagh voller Entsetzen an.
„Du hast was?!"
Er konnte kaum glauben was er eben gehört hatte und nur sehr langsam wurde ihm bewusste, was das für Murtagh bedeutet haben musste, falls er überhaupt in der Lage war das zu begreifen.
Murtagh spürte Eragons Blick auf sich und als er den Kopf hob um ihn anzusehen, blickte er Eragon direkt in die Augen.
„Ich hab mein Schwert nach ihr geworfen. Kannst du dir das vorstellen, Eragon? Ich habe Zar'roc nach ihr geworfen!"
Murtaghs Gesicht glich einer schmerzverzerrten Maske aus unvorstellbaren Qualen und unsagbarer Schuld und Eragon war nicht fähig etwas zu erwidern. Er starrte Murtagh lediglich mit vor Entsetzen geweiteten Augen an, während ihm langsam bewusst wurde, was das bedeutete. Murtagh hatte aus blankem Zorn heraus, der noch dazu vollkommen ungerechtfertigt gewesen war, ein Schwert nach seiner Dienerin geworden. Doch damit nicht genug. Es war nicht irgendein Schwert gewesen, das er durch die Luft geschleudert hatte, sondern es war Zar'rocs blutrote Klinge gewesen, die er nach dieser Dienerin geworfen hatte, so wie Morzan einst genau dieses Schwert nach ihm selbst geworfen hatte.
Eragon erinnerte sich nur zu deutlich in die lange Narbe, die Murtagh nach dieser Laune seines unberechenbaren Vaters davon getragen hatte und er konnte sich Murtaghs eigenes Entsetzen kaum vorstellen, als ihm klar geworden sein musste, was er gerade getan hatte. Doch er war nicht in der Lage diesen Gedanken weiter zu verfolgen, denn ein fürchterlicher Verdacht keimte in Eragon auf und seine Stimme klang atemlos vor Entsetzen, als er Murtagh seine Frage stellte.
„Hast du sie getroffen?"
Murtagh schloss für einen Moment die Augen und schüttelte dann mit einem erleichterten Seufzen den Kopf.
Eragon atmete hörbar aus und er konnte Murtaghs Erleichterung spüren, als wäre es seine eigene. Er wollte sich nicht vorstellten was gewesen wäre, wenn er diese Dienerin tatsächlich getroffen hätte.
„Zar'roc hat sie verfehlt. Sie hat das Tablett fallen lassen und ist aus dem Zimmer gestürzt und ich konnte nichts weiter tun als einfach nur dazustehen und meine Hände anzustarren", sagte Murtagh leise und seine Blick war wieder zu den Flammen gewandert, als er gesprochen hatte, doch dann hob er den Kopf wieder und sah Eragon durchdringend an.
„Verdammt Eragon! Ich hab Zar'roc nach ihr geworfen!!"
Murtagh schrie die letzten Worte voller Verzweiflung aus sich heraus und sie hallten in der Stille der Nacht erschreckend laut wieder. Das Grauen und das Entsetzen über seine eigene Tat standen ihm nur zu deutlich ins Gesicht geschrieben und Eragon wünschte sich, dass er in der Lage wäre irgendetwas zu tun um ihm die Qualen, die ihn innerlich auffraßen, zu nehmen. Doch er wusste nicht wie er das anstellen sollte, und so blieb er einfach sitzen und richtete seinen Blick wieder auf die lodernden Flammen, weil er es nicht mehr ertrug Murtagh in die Augen zu sehen.
Er hatte sich gefragt was es gewesen war, das Murtaghs wahren Namen geändert hatte und er hatte sich nicht vorstellen können, dass irgendeine Erkenntnis so mächtig sein konnte, dass sie in der Lage war das ganze Wesen eines Menschen zu verändern. Jetzt konnte er es. Er konnte sich nur im Ansatz vorstellen, was Murtagh durchgemacht haben musste, als ihm klar geworden war, dass er wie sein grausamer Vater es einst getan hatte, Zar'roc nach einem anderen Menschen geworfen hatte, vollkommen Grundlos, nur aus einem Gefühl blanken Hasses auf die Welt heraus. Alles in ihm hatte sich gegen diesen Vergleich gewährt. Er wollte nicht so werden wie sein Vater es geworden war nachdem er sich Galbatorix angeschlossen hatte, und die Erkenntnis, dass es dafür vielleicht schon zu spät sein könnte, hatte ihn so sehr erschüttert, dass er voller Entsetzen und Abscheu vor sich selbst zurück geschreckt war. In diesem Moment hatte er seine Entscheidung getroffen und aus dieser Entscheidung heraus hatte sich sein wahrer Name geändert.
„Du bist nicht wie dein Vater, Murtagh", sagte Eragon sanft und er legte alle seine Überzeugung in diese Worte, doch Murtagh hob den Kopf und seine Lippen verzogen sich zu einem grimmigen Lächeln.
„Ach nein?"
„Nein, das bist du nicht!", erwiderte Eragon entschieden. „Morzan hat sich Galbatorix aus freien Stücken angeschlossen, du wurdest dazu gezwungen. Und du hast dich dazu entschieden, dass du nicht so werden willst wie er und diese Entscheidung hat dir die Freiheit geschenkt. Nur weil er dein Vater ist, bedeutet das nicht, dass du so sein musst wie er!"
Murtagh starrte Eragon einen langen Moment an und Verzweiflung legte sich über seine Züge.
„Woher willst du das wissen?", fragte er leise und Eragon spürte seine Unsicherheit und seine Angst davor, dass er nicht wusste wozu er womöglich noch in der Lage sein könnte. Er hatte bereits sein Schwert nach einem Menschen geworfen, obwohl er es niemals für möglich gehalten hätte, dass er dazu fähig sein würde und er fürchtete sich zutiefst davor, wozu er noch fähig sein könnte ohne es zu wissen.
„Ich weiß es, weil ich dich kenne. Du bist kein schlechter Mensch, Murtagh. Das Leben hat dir übel mitgespielt, aber du hast nicht aufgehört zu kämpfen. Du hast nicht aufgegeben und du hast deine Entscheidung getroffen, sonst wärst du jetzt nicht hier. Das ist das einzige was zählt."
Eragon blickte Murtagh entschlossen an und nach einem langen Augenblick schloss Murtagh die Augen und nickte schwach.
„Du hast Recht", sagte er leise, aber seine Stimme hatte einen festeren Klang angenommen als zuvor, und als er wieder aufblickte, sah Eragon in seinen Augen neuen Mut funkeln.
„Ich werde es nicht noch einmal vergessen", versicherte er ihm und Eragon nickte zufrieden.
Während er nach der anderen Hälfte des Brotlaibes griff und seinen Blick wieder auf die knisternden Flammen des Lagerfeuers richtete, wusste er, dass noch längst nicht alles zwischen ihnen geklärt war, doch die Zeit hatte bereits begonnen ihre Wunden zu heilen und er tat sich nach diesem Gespräch weitaus leichter damit Murtagh zu verstehen, als das zuvor der Fall gewesen war.
tbc.
