Nach quälenden Stunden voller absurden und geisteskranken Ideen, wie die Länder dieser Welt die schleichende Globale Erwärmung abwenden könnten, endet endlich der G8 Gipfeltreff.
Deutschland hackt seine Finger ineinander, stützt sich mit seinen Ellenbogen auf den Tisch ab und lehnt seinen Kopf erschöpft gegen seine ineinandergeschlungenen Hände.
Seine Augen sind geschlossen und er hört den anderen dabei zu, wie sie laut quatschend den Raum verlassen.
Und natürlich handeln ihre Gespräche nicht von dem eben (versuchten) behandelnden Thema Globale Erwärmung, sondern von Wodka und Sonnenblumen, Katzen und kleine Schläfchen, Hamburger und Milchshakes und so weiter und so weiter.
Also im Grunde genommen dieselben Themen seit Beginn der Sitzung.
Amerika hatte zwar versucht beim Thema Globale Erwärmung zu bleiben, aber diese unrealistischen Ideen…
Deutschland seufzt schwer.
Warum muss ausgerechnet er sich mit solchen Idioten einen Kontinent teilen?
„Deutschland!"
„!"
Erschrocken schaut die große, blonde Nation auf. Italien steht neben ihm, mit diesem unschuldigen Lächeln im Gesicht.
„Wollen wir…?"
„Nein! Ich gehe jetzt keine Pasta mit dir essen!"
„Huch!"
Italien macht sich klein, seine Locke zuckt nervös.
„Seufz…tut mir leid. Bitte gehe schon mal vor. Ich komme gleich nach."
„…okay."
Mit hängenden Kopf verlässt der Braunhaarige den Raum. Deutschland sieht ihm nach.
Immer wieder schafft dieses unselbstständige Land ihm ein schlechtes Gewissen zu vermitteln.
„Herr Deutschland, bitte mache dir keine Gedanken. Ich werde mich um Italien kümmern."
„Danke, Japan…"
Die kleine, schwarzhaarige Nation erhebt sich von ihrem Stuhl und folgt Italien nach draußen.
Deutschland seufzt ein weiteres Mal auf. Was würde er nur ohne Japan tun?
Sein Blick fällt auf das Blatt Papier, auf dem Italien die ganze Zeit rumgemalt hatte.
Nach kurzem Zögern erhebt sich Deutschland von seinem Platz, geht hinüber und nimmt die Zeichnung in die Hand.
Er hebt eine Braue in Überraschung und Unglaube.
Mit einer (wie Deutschland zugeben muss) perfekten Zeichentechnik, ist er und Italien auf dem Papier zu sehen.
Sie beide stehen sich gegenüber, ihre kleinen Finger ineinander gehakt und auf ihre beiden Gesichter ein freundschaftliches und vertrauensvolles Lächeln (er lächelt?!). Und über den beiden steht mit großer und kunstvoll verzierter Schrift:
Stahlpakt – Eine Freundschaft für die Ewigkeit.
„…"
Italien…
„*räusper*"
„Huh?"
Deutschland schaut auf, in die Richtung der Tür, aus der das Geräusch kam. Genervt legt er das Bild zurück.
„Was machst du denn noch hier, England?"
Der Grünäugige lässt ein kurzes Lächeln über sein Gesicht huschen.
„Mir ist aufgefallen, dass du immer der Letzte bist, der den Raum verlässt."
„Du hast mir meine Frage nicht beantwortet", erwidert Deutschland kühl.
„Ich dachte, wir könnten mal zusammen das Gebäude verlassen."
„Warum solltest du das denken?"
„Nun sei doch nicht so. Ich habe keine Hintergedanken. Ich möchte nur ein wenig mit dir reden."
„…"
Deutschlands Blick strahlt Skepsis aus. Aber letztendlich stimmt er zu.
Je eher, desto schneller ist das vorbei.
Seite an Seite laufen die englische und die deutsche Nation durch den einsamen Flur.
Nach einem kurzen Blick auf Deutschland aus seinen Augenwinkeln, bricht England das Schweigen zwischen ihnen.
„Du bist sehr groß geworden."
„Hmh? Was soll das jetzt?"
„Ich musste nur an damals denken. In letzter Zeit denke ich oft darüber nach. Erinnerst du dich,…Neuengland?"
Deutschland bleibt abrupt stehen.
„Ich will nichts davon hören."
Mit einem Blick aus eines der Flurfenster und die Arme hinter dem Rücken gelegt, spricht er weiter, als hätte er Deutschland nicht gehört.
„Wenn es Preußen damals nicht gelungen wäre, dich mir abzunehmen, würde das alles heute mir gehören."
Nun schaut auch der große Blonde hinaus.
Sie befinden sich im obersten Stockwerk des G8-Gipfel-Treffens-Gebäude und haben eine gute Aussicht auf die deutsche Landschaft. Weit hinten am Horizont steht die dunkelgelbe Abendsonne über den Bergen, die Deutschland von Österreich trennen und die zarten, warmen Strahlen tauchen alles, was sie berühren, die Gesichter der beiden Länder miteingeschlossen, in ein goldenes Licht.
Die Silhouette des Schlosses Neuschwanstein hebt sich von allem ab und dominiert in ihrer einzigartigen Pracht.
„Obwohl du nie ein Königreich warst, besitzt du dennoch eine beachtliche Ansammlung von atemberaubenden Schlössern, die eines Königs würdig wären."
Es ist nicht leicht für England das zuzugeben, aber er meint es ernst. Und eben weil er es wunderschön findet, ärgert es ihn noch heute, dass damals nichts aus seinem Plan wurde.
Sie setzen ihren Weg fort.
„Preußen hatte Recht mit dem, was er damals sagte. Dass die englische und die deutsche Sprache sich sehr ähneln. Ich bedauere es, dass du kein Teil von mir geworden bist. Auch heute noch. Aber auf der anderen Seite bin ich froh, dass du als Deutschland existierst. Was wäre ich ohne einen Rivalen?"
„Für deine Rivalitäten hast du doch Frankreich."
„Pah! Dieser Volltrottel! Er ist ein nervtötender, perverser Schwächling."
Deutschland hebt eine Braue.
„No, ich meinte Rivale in Dingen wie Fußball. Unsere Spiele auf dem Fußballfeld werden als „Fußballkriege" bezeichnet. Und wir haben doppelt so viele Zuschauer als andere Länder. Auch wenn ich es nicht gerne zugebe, aber einige meiner Landsleute feuern dich in Europa- und Weltmeisterschaften an, obwohl ich schon längst draußen bin. Und ich bin nicht einmal wütend darüber. Und…ich genieße unsere gemeinsamen Spiele…
„…"
„Und unser gemeinsamer Großvater… Ich bereue es nicht, dass ich mich von der deutschen Sprache abgewendet habe. Aber ich habe in all den Jahrhunderten gemerkt, dass ich ein Teil von dir und den anderen deutschsprachigen Nationen bin und bleiben werde. Das kann ich nicht länger leugnen."
„England…"
Die beiden Länder erreichen den Ausgang und treten in die warme Abendluft hinaus.
„Ich dachte immer, ich der der einzige, der Probleme hätte. Aber du hast die auch."
„West! West!"
„Hmh?"
Preußen läuft den beiden entgegen.
„Und da ist schon eines deiner Probleme…"
„Was machst du denn hier?"
„Gilbird und ich wollten dich abholen."
„Tchip, tchip!"
Deutschland seufzt auf.
„Surprise!"
„Waah!"
Amerika wirft sich von hinten an England.
„Was soll das? Wieso bist du noch hier?"
„Wie? Wolltest du alleine nach Hause?"
„Daran hatte ich gedacht, yes!"
„Keseseses!"
„Was gibt es da so dumm zu grinsen?", zischt England.
„Nichts", antwortet Preußen unschuldig. „Ich finde es nur lustig, dass du auch heute noch so ein Trottel bist."
„WHAT?! Wie kannst du es wagen? Dieses respektlose Verhalten!"
„Wir sind gleich alt. Ich muss dir also keinen Respekt zollen."
„Ggrrr! Typisch deutsch!"
„Englisch!"
„Deutsch!"
„Englisch!"
„Deutsch!"
Deutschland und Amerika werfen sich verständnislose Blicke zu.
Plötzlich stoppen die sinnlosen Zurufe, nur damit Preußen und England die beiden auffordernd ansehen.
Amerika und Deutschland ist sofort klar, was die Älteren von ihnen wollen.
„Auf keinen Fall", schimpft die größte Nation. „Nur über meine Leiche werde ich in diese kindische Hymne miteinsteigen!"
„Amerika!"
„West!"
„Es geht um die deutsche/englische Ehre!", rufen beide synchron.
„Sorry, England, aber selbst ich finde das zu albern."
„Wir sehen uns zum nächsten Gipfeltreffen bei dir zuhause", wendet sich Deutschland nun zu Amerika, während Preußen und England sich wieder widmen.
„Alles klar! Komm gut nach Hause."
„Sicher."
Deutschland geht den einen Weg und Amerika den entgegengesetzten.
England und Preußen kommen nicht voneinander los. Ihr „deutsch-englisch"- Krieg ist kaum zu überhören.
Mit schnellen Schritten kehren Deutschland und Amerika um. Deutschland packt seinen großen Bruder am Kragen und schleift ihn hinter sich her, während Amerika England über seine Schulter wirft und seinen Heimweg wieder aufnimmt.
„Lass mich sofort runter!"
„Hey, England!", ruft Preußen zu ihm rüber. „Du siehst so unfantastisch aus! Keseseseses!"
„Wenn du nicht willst, dass ich dich ruhigstelle, dann hältst du jetzt den Mund, Bruder!"
„Och West. Werde doch endlich mal locker. Der Stock in deinem Hintern ist mindestens genauso groß, wie der von Englands…"
So schnell kann der Albino gar nicht gucken, wie die Faust auf seinen Kopf hinabsaust.
Gilbird piept laut und fliegt wild im Kreis herum.
Deutschland hebt den ohnmächtigen Preußen auf seine Schulter und setzt seinen Weg fort.
Gilbird lässt sich auf Preußens Beule nieder, die wie ein Pilz aus seinem Kopf gewachsen war.
Der Blonde schaut zum Himmel hinauf und ihm kommen Englands Worte wieder in den Sinn.
Nie hätte er gedacht, dass England so fühlt. Und um ehrlich zu sein, hatte es ihn berührt.
Deutschland muss oft über seine europäischen Mitbewohner schimpfen, aber jeder einzelne von ihnen hat seine Problemen und Freuden. Auch er selbst.
Vielleicht sollte er versuchen, etwas mehr Verständnis für die anderen aufzubringen. Denn wenn er ehrlich ist, ist alles gut so, wie es ist.
„Deutschland!"
„Hm?"
Er löst sich von seinem Gedankentiefgang und erblickt weit vor sich Italien und Japan. Italien winkt ihm freudig zu und das bringt Deutschland unweigerlich zum Lächeln.
