Trigger-Warnung: Bastonade, Rohrstock, Kerzenwachs.
Das blaue Licht
(Teil 10)
„Feuer und Eis"
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Sebastian spähte durch die Klappe in der Tür, hinein in den runden Raum.
Die durchdringenden Schmerzensschreie des gefesselten Körpers berührten ihn nicht.
Doch etwas anderes erfüllte ihn mit Besorgnis.
Das Interesse das sein Boss seinem Spielkameraden entgegenbrachte, überstieg langsam aber sicher ein gewisses Maß und grenzte in manchen Momenten fast schon an eine Manie.
Sebastian missbilligte es, dass sein Boss von den feineren Methoden der psychologischen Folter auf die eher brachialen und körperlichen Torturen umgeschwenkt war. Auf Sebastian wirkte das alles viel zu... intim – und das gefiel ihm nicht. Das gefiel ihm ganz und gar nicht.
Was ihm hingegen gefiel, war die tödliche Grazie mit der sein Boss den Rohrstock handhabte. Die Präzision, die notwendig war, um mit diesem Schlaginstrument punktgenau zu treffen, genau die richtige Menge an Kraft in den Hieb zu legen... das alles nötigte Sebastian den größten Respekt ab. Es war ein Schauspiel, dessen er nicht müde wurde. Sebastian hatte schon viele Männer in dieser Fertigkeit unterrichtet, doch keiner von ihnen hatte diese Stufe der Vollendung erreicht. Jim Moriarty war hier wirklich sein Meisterschüler.
Sebastian verstand nicht allzu viel von Theater oder Ballett, doch für ihn mutete Moriartys Darbietung wie eine Art Tanz an. Ein Tanz, zu dem die gepeinigten Laute des Opfers Rhythmus und Melodie bereitstellten.
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Als Sherlock erwachte, saß er bereits senkrecht in seinem Bett. Sein Herz hämmerte in seiner Brust, als ob es ausbrechen wollte, sein Puls raste, Schweiß stand ihm auf der Stirn.
Der Alptraum, der ihn dieses Mal in seinen Klauen gehalten hatte, stand ihm noch so plastisch und real vor Augen, als ob...
Sherlock schluckte krampfhaft, zwang sich zur Ruhe. Was war es noch gewesen? Ein Raum? Ja, ein runder Raum... ein Sofa... nein, eher eine Liege. Waren da Fesseln gewesen? Richtig... weiche, gepolsterte Lederfesseln um seine Handgelenke. Ein Gurt um seine Körpermitte, der ihn auf der Liege festhielt. Er hatte auf dem Bauch gelegen, seine Handgelenke waren ihm auf den Rücken gefesselt worden. Seine Beine...
In höchster Konzentration presste Sherlock seine Augenlider zusammen.
Seine Beine... Oh ja – angewinkelt, so dass die Fußsohlen zur Decke des Raumes gezeigt hatten und... fixiert... doch wie? Er hatte es nicht sehen können, aber es hatte sich wie ein gepolsterter Balken angefühlt. Warum war in seinem Traum alles bequem und weich gewesen?
Verständnislos runzelte Sherlock die Stirn. Er forschte weiter dem namenlosen Grauen hinterher, das ihn aus seinem Schlummer gerissen hatte.
Feucht... waren seine Fußgelenke mit feuchten Tüchern an den Balken festgebunden gewesen? Warum nur? Hatte er das nicht auch im Traum gefragt? War da eine Stimme gewesen? Eine Antwort? Keine Spuren...
Ein vages Schnauben entwischte Sherlocks Lippen. Netter Einfall, den sein Unterbewusstsein da gehabt hatte. Fesseln ohne Fesselspuren... durch nasse Tücher. Ähnlich den fehlenden Würgemalen an Hals und Kehle, wenn zur Strangulation ein nasses Tuch verwendet worden war.
Aber diese Worte... Kannte er diese Stimme?... Keine Spuren... war da noch mehr gewesen? Er erinnerte sich an ein Zischen. Ein Zischen in der Luft. Und dann dieser Schmerz! Dieser plötzliche, brennende, stechende Schmerz, der sich ausgehend von seinen Fußsohlen bis in seine Eingeweide gefressen hatte.
Sherlock rang nach Atem.
Bastonade.
Schläge auf die Fußsohlen. Eine alte Methode der Bestrafung aus dem Orient. Das Zischen? Ach ja, natürlich... das Geräusch des Schlaginstrumentes, wie es zur Übung und zur Einschüchterung des Opfers scharf durch die Luft gezogen wird. Eine Gerte? Nein... eher ein Rohrstock.
Wieder runzelte Sherlock die Stirn.
Warum sollte er im Traum von einer Bastonade heimgesucht werden? Er hatte sich nicht besonders intensiv mit diesem Thema beschäftigt – vor allem nicht in letzter Zeit. Er wusste lediglich, dass hier mit besonderem Geschick vorgegangen werden musste, da andernfalls die Knochen des Fußes bei einer solchen Behandlung zerbrechen konnten, was in einigen Fällen zur Verkrüppelung des Opfers führen konnte.
Sherlock schüttelte den Kopf.
Was für einen ausgemachten Schwachsinn man doch zusammen träumte!
Entschlossen warf er die Bettdecke von sich. Eine Tasse Tee würde ihm jetzt guttun und die letzten, absurden Schrecken aus seinem überreizten Gehirn vertreiben. Wie hatte er auch nur eine Sekunde lang annehmen können, dieser Traum wäre real gewesen.
Er schwang die Beine über den Rand seines Bettes und stand auf.
Doch in dem Moment, in dem seine Fußsohlen den Boden berührten, durchzuckten ihn heftige und völlig unerwartete Schmerzen, die wie glühende Zungen an seinen Beinen empor leckten. Ein Schrei entrang sich seiner Kehle und er brach auf dem Fußboden zusammen.
Ein Gedanke, ein Bild, ein Mann, eine Stimme durchzuckten in diesem Moment der Pein sein Gehirn.
Moriarty.
Doch sofort schüttelte er den Kopf. Das war nicht möglich. Moriarty würde ihm bei einer solchen Gelegenheit natürlich als erstes in den Sinn kommen. Doch das konnte nicht sein. Es war nur ein Traum. Nur ein Traum. Nie würde es gelingen, ihn aus seinem eigenen Bett zu entführen.
Sherlock lachte leise, doch es klang ängstlich und überzeugte nicht einmal ihn selbst. Behutsam befühlte er seine Fußsohlen. Sie schmerzten, doch er sah nichts außer einer leichten Rötung. Der Grund für seinen Sturz lag nicht so sehr in der Stärke der Schmerzen begründet, als vielmehr in der Tatsache, dass er nicht darauf gefasst gewesen war.
Doch woher kamen die Rötung und die Schmerzen? Eine allergische Reaktion? Vielleicht auf die neuen Schuhe, die er erst seit einer Woche trug? War so etwas möglich?
Er zuckte die Schultern. Etwas hielt ihn davor zurück, der Sache weiter auf den Grund zu gehen. Vorsichtig bewegte er seine Zehen. Es funktionierte noch alles vorschriftsmäßig. Was war nur mit ihm los? Doch auch vor der Beantwortung dieser Frage scheute sein Geist zurück.
Langsam versuchte er aufzustehen. Es ging ganz gut. Auch der erste Schritt war... erträglich.
Vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, machte er sich auf den Weg in die Küche.
John stand vor dem Herd und stocherte in einer Pfanne herum.
„Sie sind schon wach? Wollen Sie auch etwas Rührei?" Dann drehte er sich um und erkannte Sherlocks unregelmäßiges Bewegungsmuster. Seine Stirn legte sich in Falten. „Seit wann humpeln Sie denn?"
„Seit gerade eben. Zeh angestoßen", sagte Sherlock und wusste selbst nicht, warum er log.
„Ah, deshalb der Schrei. Ich habe mich schon gefragt..." John unterbrach sich und Sherlock wusste einfach, dass John sich Sorgen gemacht hatte aber nicht danach handeln wollte, weil er ihn insgeheim immer noch verdächtigte, Drogen zu nehmen. „Eisbeutel?", fragte John schließlich und widmete seine Aufmerksamkeit wieder der Pfanne.
„Später vielleicht", erwiderte Sherlock und humpelte weiter ins Wohnzimmer.
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Da war er wieder. Der Raum. Der runde Raum und das blaue Licht.
Es war ein blitzartiges Erkennen und gleichzeitiges Nicht-Erkennen, welches Sherlocks Gehirn durchzuckte.
Moriartys Gegenwart überraschte ihn und gleichzeitig hatte er sie erwartet.
„Oh... Sie erkennen... Sie erinnern sich...", flüsterte Moriartys leise Stimme. Begierig, fasziniert.
„Ein Traum", murmelte Sherlock mit schwerer Zunge. Drogen? Waren Moriartys Drogen für seinen Zustand und Johns Verdächtigungen verantwortlich? „Ich erinnere mich an diesen Traum. Ich... hatte ihn schon einmal..."
Moriarty kicherte amüsiert.
„Nennen Sie es von mir aus, wie Sie wollen. Traum, Erinnerung, Vision, déjà-vu.
Das ist mir völlig einerlei. Ich bedauere lediglich, dass unsere gemeinsame Zeit nun ein Ende finden wird." Er seufzte übertrieben melancholisch. „Die Zeit... sie vergeht wie im Fluge, wenn man sich gut amüsiert, nicht wahr?"
„Ich habe mich schon weniger gelangweilt", gab Sherlock mit schwacher Stimme zurück. Er war nicht gefesselt und dennoch war es ihm unmöglich, sich zu bewegen.
Moriarty hob stumm eine Augenbraue in die Höhe.
„Tatsächlich?", fragte er mit kalter Höflichkeit. „Dann will ich Sie nicht länger auf die Folter spannen." Kühl, emotionslos und präzise wurden diese Worte geäußert. Kein einziger Hauch seines sonstigen exaltierten Gehabes war erkennbar und Sherlock fragte sich, ob es wirklich so klug gewesen war, seinen Gegner zu reizen.
Sherlocks Blick folgte Moriarty, der stumm um Sherlocks Lager herumging, bis er an seinen bloßen Füßen stehenblieb. Erst jetzt wurde Sherlock gewahr, dass er völlig nackt war. Doch ebenso wenig, wie Moriarty einen besonderen Genuss aus dieser Nacktheit zu beziehen schien, verursachte sie bei Sherlock auch keine übermäßige Scham.
Abschätzend und etwas gelangweilt betrachtete Moriarty Sherlocks Fußsohlen. Seine Füße... Gegenwart, Vergangenheit, Traum und Realität wirbelten in Sherlocks trägem Gehirn durcheinander. Was war nur an seinen Füßen so bemerkenswert... Oh! Die Schmerzen. Die Bastonade. Einzelne Puzzleteilchen fügten sich zusammen, doch das große Bild blieb verborgen und nebulös.
Moriarty schmunzelte.
„Sie erinnern sich tatsächlich... wissen aber nicht, ob diese Erinnerungen auch der Realität entsprechen. Interessant." Seine linke Hand bewegte sich auf Sherlocks Füße zu, berührte mit den Fingern sacht die Zehen, während sein Daumen behutsam über die Sohle streichelte. „Tun die Füßchen noch weh?", fragte er spöttisch.
„Nein", antwortete Sherlock und wappnete sich, dennoch konnte er einen Schrei nicht ganz unterdrückten, als sich Moriartys Daumennagel brutal in seine Fußsohle bohrte. Die Erinnerung an die vergangene Pein war schlimmer als der akute Schmerz und führte dazu, dass Sherlock – gegen jede Vernunft und ohne es zu wollen – in kalten Schweiß ausbrach.
„Sie sollen doch nicht lügen, Sherlock", tadelte Moriarty mit unverhohlenem Spott. „Sie sind doch einer von den Guuuuuten."
„Was wollen Sie von mir?", fragte Sherlock, ohne auf diese Bemerkung einzugehen.
Moriarty seufzte und ging zu dem Tisch auf welchem ein Kerzenleuchter mit dicken, blauen Kerzen stand, die mit blauer Flamme brannten. Erneut krampfte sich Sherlocks Magen in düsterer Vorahnung zusammen. Er ärgerte sich darüber. Warum war er nur so furchtsam?
„Das fragen Sie mich jedes Mal...", erwiderte Moriarty verdrossen. „Fällt Ihnen denn so gar nichts anderes ein?" Er nahm den Kerzenleuchter vom Tisch und ging zurück zu Sherlocks Lager. „Wissen Sie, ich dachte wirklich, es könnte amüsant sein Sie jede Nacht entführen zu lassen, damit Sie mir ein wenig helfen, die Langeweile zu vertreiben. Aber wie das so ist mit Wünschen... sie werden ein wenig schal, wenn sie erfüllt werden." Er hielt inne und schlug sich eine Hand vor den Mund. „Oh, nicht dass Sie jetzt glauben, ich hätte Ihnen gerade die Schuld an meiner fortgesetzten ennui gegeben. Nein, Nein... Sie waren ein mustergültiges Opfer. Sie haben wirklich alle Erwartungen erfüllt."
Trotz seines rasenden Pulsschlages – warum beunruhigte ihn die Nähe der blauen Kerzen nur so sehr? - gelang Sherlock eine halbwegs schlagfertige Antwort: „Sie nehmen mir damit wirklich eine Last von der Seele."
Ein anerkennendes Lächeln huschte über Moriartys Lippen.
„Ich bewundere Ihre Unverfrorenheit. Habe ich schon immer getan. Dennoch gibt es gleichzeitig nichts an Ihnen, was mich mehr ärgert." Er bleckte die Zähne und nahm eine der Kerzen aus ihrer Halterung. „Bienenwachskerzen – habe ich mir sagen lassen – brennen am heißesten... im Vergleich zu anderen Kerzen. Ich frage mich, ob die Zusätze, welche die blaue Flamme hervorbringen, darauf irgendeinen Einfluss haben."
Ohne jede Vorwarnung goss Moriarty das geschmolzene Wachs, welches sich in der Kerze gesammelt hatte in einem Schwung über Sherlocks rechte Brust.
Sherlock biss sich auf die Lippen, um nicht zu schreien. Hinter seinen zusammengepressten Augenlidern sammelten sich die Tränen.
Heiß. So heiß. Wie tausend glühende Nadeln stach die brennende Hitze in seine Haut, bis sie langsam abkühlte und der Schmerz verebbte, bis nur noch ein dumpfes Glimmen übrig war. Sherlocks Mund öffnete sich und er schnappte angestrengt nach Luft.
„Unangenehm, nicht wahr?", säuselte Moriarty.
„Es geht", presste Sherlock zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Moriarty lachte.
„Köstlich... dieser heldenhafte Sarkasmus bringt mich immer wieder zum Lachen. Er ist so... unnötig." Er stellte die erste Kerze wieder in den Ständer zurück und griff nach einer weiteren. „Aber ich gebe zu, das war gerade sehr plump von mir. Etwas mehr Finesse ist durchaus angebracht." Die zweite Kerze schwebte nun über Sherlocks linker Brust, wurde leicht gekippt und nur tröpfchenweise traf das heiße Wachs direkt auf seine Brustwarze.
Der Schmerz fühlte sich an wie kleine, peinigende Bisse, deren Abebben von dem nächsten glühenden Tropfen und dem nächsten Biss überdeckt wurde. Tropfen für Tropfen fiel so punktgenau auf seine Brust, bis er das Gefühl hatte, auf widerlich-sanfte Art gebrandmarkt zu werden. Ein schwaches Zucken war alles, was sein Körper an Gegenwehr zustande brachte und so war er Moriartys perversem Spieltrieb völlig ausgeliefert.
Erst als eine durchgehende Wachsschicht seine Brustwarze bedeckte, ließ der Schmerz nach, war das gemarterte Fleisch durch die Wachsschicht isoliert und schützte es so gegen die restlichen Tropfen.
Auch Moriarty wurde dessen gewahr und stellte die Kerze zurück in den Ständer. Fast zärtlich befühlte er die Wachsschicht und begutachtete sein Werk.
„Schade, dass ich es Ihnen nicht abpeitschen kann", bemerkte er mit leiser Sehnsucht.
„Was hindert Sie daran?", fragte Sherlock.
„Hm... das würden Sie gerne wissen, nicht wahr?" Mit dem Nagel seines linken Zeigefingers kratzte Moriarty an der Wachsschicht herum und legte die Brustwarze erneut frei.
„Gehe ich Recht in der Annahme, dass Sie es mir nicht sagen werden?", hakte Sherlock nach. „Und Sie werden mir ebenfalls verschweigen, was Sie mit mir vorhaben."
„Oh, das habe ich Ihnen alles schon gesagt. Mehr als einmal. Sie wissen es nur nicht mehr. Eine äußerst nützliche Nebenwirkung des Medikaments, welches Ihnen bei jeder Entführung verabreicht wird." Moriarty sprach im Plauderton und ließ erneut etwas Wachs auf Sherlocks Brustwarze spritzen.
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Auch an diesem Abend beobachtete Sebastian die Vorgänge durch die kleine Klappe in der Tür.
Er sah den konzentrierten Blick aus Jim Moriartys tiefen, dunklen Augen und er war wütend, dass dieser Blick dem Gefangenen galt, der dieses Blickes absolut unwürdig war.
Diesen Blick und diese völlige konzentrierte Hingabe hatte dieses Objekt nicht verdient. Niemand hatte diesen Blick verdient. Niemand. Sebastians Hände ballten sich zu Fäusten.
Moriartys Fixierung auf den Gefangenen nahm wirklich Ausmaße an, die Sebastian befremdeten. Es konnte nichts Gutes dabei herauskommen. Würde womöglich seinem Boss noch zum Verhängnis werden.
Sebastian sah zu, wie sich sein Boss über die Lippen leckte und die ersten Wachsspritzer auf Penis und Eichel des Gefangenen trafen. Noch erfüllten Schreie den Raum. Aber bald würde da nur noch Schluchzen und Wimmern sein.
Nach einem letzten, grimmigen Blick auf die Szene schloss Sebastian die Klappe. Er hatte genug gesehen. Er wollte nicht mehr länger mit ansehen, wie sich sein Boss dazu herabließ, sich mit diesem Objekt zu beschäftigen. Wollte nicht mehr länger mit ansehen, wie sich sein Boss mit einer Ausschließlichkeit auf dieses Objekt konzentrierte, die Sebastian nicht verstand und die ihm daher ekelhaft war. Wie konnte sich sein Boss so weit herablassen, sich so weit erniedrigen? Sebastian begriff nicht, warum Moriarty nicht ihm dieses schmutzige Geschäft der Folter überlassen hatte. Er verstand sich nicht nur aufs Töten. Er war es schließlich gewesen, der Moriarty den richtigen Umgang mit dem Rohrstock beigebracht hatte. Warum wollte sein Boss sich partout selbst die Finger schmutzig machen... noch dazu ohne Ergebnis?
Das war das Schlimmste an der ganzen Sache. Soweit Sebastian informiert war, hatte die ganze Aktion noch keine verwertbaren Ergebnisse hervorgebracht. Der ganze Aufwand... das ganze Risiko... und wofür? Für nichts.
Sebastian beschloss, seinen untergeordneten Rang für einen Moment zu vergessen und seinen Befehlshaber – im Rahmen des Erlaubten – zur Rede zu stellen.
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Ungeweinte Tränen brannten hinter Sherlocks Augenlidern. Die Sinnlosigkeit und Gleichmäßigkeit der Folter zermürbten ihn. Moriarty sprach nur noch wenig, und wenn, dann waren es Belanglosigkeiten. Vielleicht auch nicht. Sherlock hörte nicht mehr zu. Der runde Raum schien ihn zu ersticken, obwohl die Luft darin kühl und einigermaßen frisch war. Das allgegenwärtige blaue Licht löste eine Art Desorientierung in ihm aus, je länger er ihm ausgesetzt war.
Er hatte daher die Augen geschlossen und sich auf sich selbst zurückgezogen. Doch in seinem Innersten war kein Ruhepol mehr, nur noch Furcht und namenloses Grauen.
Seine Schreie waren verebbt, seine Kehle fühlte sich wund an und er wusste, dass die Laute, die er nun von sich gab – jedes Mal, wenn Moriarty die Kerzen wieder und wieder auf ihn tropfen ließ – einem Wimmern sehr nahe kamen. Er schämte sich dafür und wusste doch, dass er dafür keine Scham empfinden sollte.
Das Schlimmste war irgendwann nicht mehr das Wachs, sondern die Eiswürfel, die Moriarty immer dann zum Einsatz brachte, wenn er die – noch warme – Wachsschicht von seiner Haut gekratzt hatte um seine empfindlichen Körperteile für die nächste Attacke zugänglich zu machen.
Bald konnte sein Körper nicht mehr zwischen Hitze und Eiseskälte unterscheiden und war in einem Teufelskreis aus Schmerzen und Krämpfen gefangen. Die Krämpfe in seiner Muskulatur waren bald genauso schmerzhaft, wie das Wachs und das Eis. Zur Regungslosigkeit verdammt, rebellierten seine Gliedmaßen, reagierten dennoch auf die äußeren Reize und verfielen in heftige Spasmen, die schließlich zu Muskelkrämpfen im ganzen Körper führten.
Er registrierte kaum, wie Moriarty das Wachs komplett von seinem Körper entfernte, ihn sogar mit einem feuchten Handtuch ein wenig erfrischte. Erst als sein Peiniger mit dem Handtuch auf seinem Gesicht herumtupfte, schlug er die Augen auf und blickte in diese abgründigen Augen.
Eine der zurückgehaltenen Tränen entwischte seinem Augenwinkel, was Moriarty natürlich nicht entging.
Mit einer zärtlich anmutenden Geste wischte er die Träne mit seinem Daumen von Sherlocks Wange.
„Oh, nicht doch...", hauchte Moriarty mit falscher Besorgnis in sein Ohr. „Wer wird denn gleich weinen... alles Schöne hat einmal ein Ende - muss ein Ende haben, denn ohne Ende gibt es keinen Anfang."
Sherlock nahm es gleichmütig hin. Die Berührung, den Spott. Sein Körper und sein Geist waren erschöpft, die Energiereserven aufgebraucht.
Moriarty richtete sich auf und wandte sich der einzigen Tür zu.
„Seb!", rief er barsch. Sofort betrat ein Mann den Raum. Sherlock musterte ihn, prägte sich ihn ein. Hochgewachsen, athletisch, Körperhaltung... ah, Soldat. Aber welcher Art? Sandblondes Haar, militärisch kurz, breiter Kiefer… war das eine Narbe an der Wange? Erst Moriartys Stimme riss ihn wieder aus seinen Gedanken.
„Man soll bekanntlich aufhören, wenn es am Schönsten ist. Und als kleines Abschiedsgeschenk werde ich ihm heute selbst die Spritze verabreichen."
„Boss..." Es klang wie ein Einwand. Respektvoll vorgebracht, dennoch...
„Ich sagte, Ich werde ihm die Spritze selbst geben! Gibt es dazu irgendetwas zu bemerken?!" Moriartys Stimme hatte einen harten, kalten Ton angenommen und war tatsächlich etwas lauter geworden.
Seb zuckte mit keiner Wimper und überreichte Moriarty ein schwarzes Kästchen.
„Danke", sagte dieser mit leichter Verächtlichkeit. „War das nun so schwer?"
„Boss...", fing Seb wieder an. „Meiner Meinung nach sollten wir die übliche Vorgehensweise..."
„HABE ICH DICH NACH DEINER MEINUNG GEFRAGT?", schrie Moriarty in unerwarteter Lautstärke. „ICH WARTE! HABE ICH DAS?!"
Wieder wirkte Seb völlig unbeeindruckt. Er schien nicht einmal zu blinzeln.
„Nein, Sir", erwiderte er mit stoischer Ruhe.
Verärgert wandte sich Moriarty wieder Sherlock zu und entnahm dem schwarzen Kästchen eine bereits aufgezogene Spritze.
„Ich bin von Idioten umgeben", murmelte er halblaut und wirkte dabei sehr verdrossen. Er prüfte die Spritze und wartete, bis auf seinen Druck hin etwas von der klaren Flüssigkeit aus der Spitze der Nadel floss. Dann nahm er Sherlocks linken Arm und setzte die Nadel in seiner Armbeuge an. „Das wird jetzt ein wenig wehtun", meinte er gutgelaunt und stach zu.
Kaum vermischte sich der Inhalt der Spritze mit Sherlocks Blut, war er nicht mehr in der Lage, die Augen offenzuhalten. Kurz darauf verlor er das Bewusstsein.
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Als Sebastian feststellte, dass der Gefangene nicht mehr ansprechbar war, versuchte er erneut, seine Bedenken vorzubringen.
„Man wird die Einstichstelle entdecken. Wir hätten lieber bei dem bisherigen..."
Moriarty drehte sich zu ihm um und es war ihm anzusehen, dass er sich nur mühsam beherrschte. Sebastian war es alles andere als wohl, doch wenn er eines gelernt hatte, dann das: Vor dem Boss niemals Angst zeigen.
„Moran." Kalt, leise, gefährlich. „Was für ein Problem hast du? Sprich dich ruhig aus. Ich werde zuhören. Aber nur ausnahmsweise und auch nur, weil du es bist."
„Die Einstichstelle. Es ist zu riskant. Sie wird bemerkt werden. Nach all der Mühe... Es ist zu riskant", wiederholte Sebastian.
Zu seiner Überraschung grinste Moriarty. Es war ein kaltes, unschönes Grinsen.
„Das Risiko ist genau kalkuliert... ich werde schließlich das bekommen, was ich will."
„Und was ist das?", fragte Sebastian. Nicht, dass es ihn wirklich etwas anging oder ihn wirklich interessierte, aber dieses eine Mal hatte er das Bedürfnis, die Beweggründe hinter einem Auftrag zu verstehen. Er wollte keine Fehler machen und damit die ganze Operation in Frage stellen oder seinen Boss in Gefahr bringen.
„Was das ist?" Moriarty musterte seinen Gefolgsmann und saugte nachdenklich an seiner Unterlippe. „Kurz gesagt: Informationen", antwortete er schließlich. „Sherlock... konnte sie mir nicht geben, hätte sie mir wohl auch nicht gegeben, selbst wenn ich danach gefragt hätte." Er zuckte die Schultern. „Es wäre auch reichlich unelegant gewesen, ihn direkt zu fragen." Ein Blitzen trat in seine Augen. Begehrlich und ein wenig verstörend. „Aber ich weiß, wem nichts anderes übrig bleiben wird, als mir das zu geben, was ich will – auch wenn ich mich dafür auf einen Tauschhandel werde einlassen müssen. Ein netter Nebeneffekt davon wird sein, dass es mir damit wahrscheinlich gelingen wird, einen Keil zwischen gewisse Personen zu treiben."
Durch diese Worte wurden Sebastians dunkle Befürchtungen zur schrecklichen Gewissheit.
„Sie WOLLEN gefasst werden!", rief er perplex aus.
Moriarty betrachtete ihn amüsiert.
„Meine Güte... eine Gefühlsregung bei meinem treuen Soldaten. Wer hätte das gedacht. Ja, möglicherweise will ich das...Aber keine Sorge, Sebastian. Mir passiert schon nichts... es dient alles einem viel größeren Spiel, als es das hier ist... und es wird auf einem wesentlich größeren Spielplatz gespielt werden..."
„Wozu dann das alles?", fragte Sebastian und umfasste mit einer knappen Geste den Raum, die blauen Kerzen, den reglosen Körper.
Moriarty vergrub die Hände in den Hosentaschen und zuckte mit den Schultern.
„Ein Versuch... eine Zerstreuung... ein Test… ein wenig Vorarbeit", erwiderte er leicht gelangweilt. „Immer mit der Option, dass das hier vielleicht auch schon ausgereicht hätte. Aber das hat es nicht." Seine Miene erhellte sich, seine Stimme nahm einen singenden Tonfall an. „Ist das nicht wunderbar? Umso mehr Spaß für mi-hich!"
Er zog seine linke Hand aus der Hosentasche und reichte Sebastian ein kleines Knäuel aus Klarsichtfolie. Sebastian befühlte es vorsichtig. Kapseln? Er warf seinem Boss einen fragenden Blick zu.
„Ja", sagte Moriarty. „Heute war das letzte Mal. Versteck das in seiner Wohnung. Und zwar genau dort, wo ich dir gesagt habe."
„Geht klar, Boss", bestätigte Sebastian.
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Fortsetzung folgt…
