Naomi ging zuerst zu Lia um nach ihr zu sehen. Zu ihrer Erleichterung hatte sich das Befinden des Kindes nicht verschlechtert, allerdings hatte sie immer noch Fieber und den hartnäckigen Husten. Nachdem sie ihr noch eine Geschichte erzählt hatte und sie wieder eingeschlafen war, machte Naomi ihre übliche Runde im Krankenhaus, vergaß aber diesmal nicht, wie versprochen eine Pause im Labor einzulegen.
Das MHN erkundigte sich nach dem Befinden von Lia, was die Halb-Ktarianerin sehr freute. Dann eilte Dr. Rallek herein mit der dringenden Bitte an den Doktor, ihr bei Neuzugängen zu helfen. Auch Naomi wollte helfen und daher verließen alle drei gemeinsam das Labor.

Diesmal war die Situation kompliziert. Die neuen Patienten litten nicht an der Viruserkrankung, stattdessen hatte es einen Unfall gegeben und vier Valuka waren schwer verletzt und mußten dringend operiert werden. Das Problem war nur sie vor dem Virus zu schützen. Im Krankentransportschiff waren sie in eine autarkte Umgebung gebettet worden, der Nachteil war aber, daß man sie nicht mehr optimal versorgen konnte. Das MHN und Dr. Rallek entschieden, die Verletzten in einen Raum zu bringen und diesen mit tragbaren Sterilisatoren virenfrei zu halten.
Naomi fand sich dabei wieder, nach Möglichkeit alles zu besorgen, was die beiden Ärzte brauchten. Sie waren beide allein mit der Versorgung der Verletzten, das restliche Personal mußte sich um die anderen Kranken kümmern, das machte Naomi zu einer unentbehrlichen Helferin.
Nach einer Stunde hatte sie es dann geschafft alles zu besorgen und einzurichten und fühlte sich total kaputt.
"Dok, wenn Sie noch etwas brauchen, dann melden Sie sich einfach. Ich bin bei Lia", informierte sie ihn über den Kommunikator.
"Verstanden", kam die kurze Antwort zurück, weswegen Naomi aber keineswegs gekränkt war. Sie wußte, daß die beiden Ärzte sich gerade mitten in den Operationen befinden mußten.
Lia war nicht allein, eine Pflegerin war bei ihr und Naomi beschleunigte ihre Schritte als sie merkte, daß etwas nicht in Ordnung war.
"Was ist los?", fragte sie, kaum daß sie neben der Liege ankam. Die Pflegerin, die Naomi als Alasia erkannte, hatte ihren Arm unter Lias Oberkörper geschoben und die Kleine aufgerichtet. Lia hatte einen fürchterlichen Hustenanfall und Naomi sah mit Schrecken, daß es auf ihren Lippen verräterisch rot glänzte. Alasia hielt Lia ein Tuch dicht vor Mund und Nase und Naomi zog trotz der Schutzmaske der stechende Geruch von Eukalyptus gemischt mit einer Arzei in die Nase. Das Tuch war getränkt davon, aber es schien ihr zu helfen. Langsam hörte der Hustenanfall auf und Alasia ließ die völlig erschöpfte Lia wieder sachte auf die Liege sinken. So unauffällig wie möglich für das Kind wischte sie dabei noch einmal die Lippen ab und verbarg das Taschentuch mit den Blutspuren schnell in ihrer Tasche. Dann schaute sie zu Naomi und in ihrem Blick konnte sie lesen, daß sich Lias Zustand gerade ins nächste Stadium verschlimmert hatte. Als nächstes würde sie Fieberkrämpfe bekommen und dann würde der Tod bald eintreten.
Das kleine Mädchen atmete schnell und flach, als es aber Naomi anblickte formte sich ein zaghaftes Lächeln auf ihren Lippen. Naomi erwiderte es und drückte Lias Hand.
"Hey, da bin ich einmal kurz weg... was machst Du denn für Sachen?", fragte sie mit einem gespielt strengen Ton.
"Tut mir leid", flüsterte sie zurück, "ich wollte nicht..."
Wieder mußte sie husten, aber zum Glück nur kurz. Naomi hielt ihr schnell ein Glas Wasser an die Lippen und Lia nippte dankbar dran.
"Psst, Du darfst nicht so viel reden Lia, Du mußt Deine Kräfte schonen. In zwei Tagen kommt die Voyager hier an, und wenn Du Captain Janeway wirklich kennenlernen möchtest, dann brauchst Du viel Kraft. Versuch jetzt noch ein wenig zu schlafen, okay?"
Naomi strich ihr beruhigend über den Kopf und das Kind nickte. "Erzähl mir noch eine Geschichte", bat sie nur kurz noch und schloß dann die Augen.
"Okay, warte mal... ich habe Dir schon von dem riesen Monster erzählt, das unser Schiff einmal verschlingen wollte und von Seven, als sie sich ständig in andere Persönlichkeiten verwandelt hat.. wie wäre es mit einer Geschichte über Fair Heaven? Ich werd Dir erzählen, was Tom seinem Freund Harry für einen lustigen Streich gespielt hat, aber Du mußt mir versprechen, nicht zu viel zu lachen, okay?"
Lia nickte und Naomi begann zu erzählen, was es mit dem Holodeck auf sich hatte, der Kleinstadt Fair Heaven und dem Moment, als Tom Harrys Geliebte in eine Kuh verwandelt hatte, als Harry sie gerade küssen wollte. Lia schmunzelte kurz an der Stelle und schlief dann langsam ein.
Naomi blieb noch eine Weile bei ihr sitzen, bis die Stimme des MHN aus ihrem Combadge kam.
"Naomi, wir brauchen ein paar Medikamente, bitte sag jemanden vom Personal Bescheid, daß er uns Nachschub bringt."
"Verstanden Doktor", erwiderte sie und stand langsam auf und suchte jemanden, der die Medis besorgen konnte.
Als das erledigt war machte Naomi noch eine Runde durch das Krankenhaus. Bei Dr. Rallek und dem MHN schaute sie auch vorbei, aber die beiden bemerkten sie vor der Schleuse nicht. Sie waren immer noch mit einem der vier Verletzten beschäftigt und Naomi beschloß, sich etwas mit den Kranken zu unterhalten wenn es ging.

Sie saß gerade wieder bei Lia am Bett als Dr. Rallek und das MHN hinter ihr auftauchten.
"Und? Werden sie wieder gesund?", fragte die Halb-Ktarianerin sogleich.
"Ja, wenn wir sie jetzt noch von dem Virus schützen können, dann werden sie alt und grau", meinte Dr. Rallek lächelnd. "Und das haben wir hauptsächlich Ihrer Hilfe zu verdanken", fügte sie hinzu und lächelte das MHN an.
"Sie hätten das auch wunderbar alleine hinbekommen", gab dieser das Kompliment zurück und sah dann Naomi streng an. "Ich glaube, ich hatte etwas von Pause alle zwei Stunden und Nahrungsaufnahme gesagt, oder?"
Naomi schaute schuldbewußt auf den Boden, daran hatte sie gar nicht mehr gedacht.
"Tut mir leid, ich habe nicht auf die Zeit geachtet", sagte sie möglichst zerknirscht.
Das MHN rollte mit den Augen und seufzte. "Ich hatte wirklich gehofft Dir klarzumachen, in welcher Situation wir uns befinden."
"Das haben Sie, ich habe nur einfach die Zeit vergessen, es tut mir wirklich leid."
Der Doktor konnte Naomi einfach nicht böse sein, aber er wollte ihr es auch nicht zu leicht machen. Er behielt seine strenge Miene bei und sagte dann eindringlich: "Ich hoffe, Du achtest ab jetzt besser auf Dich. Ansonsten werde ich Dich auf das Labor beschränken müssen."
"Ja Doktor", antwortete sie leise.
"Naomi?", kam auf einmal eine leise Stimme.
"Lia, waren wir zu laut? Entschuldige bitte", sagte Naomi besorgt und strich ihr über die Haare.
Lias Augen waren derweil zum Doktor gewandert. Sie betrachtete ihn eigehend und das MHN trat zu ihr.
"Hallo Lia, es freut mich, Dich endlich einmal kennenzulernen, Naomi hat mir schon viel von Dir erzählt", sagte er freundlich lächelnd.
Lia lächelte ihn ebenfalls an und sagte dann: "Naomi hat gesagt, Sie können uns alle wieder gesund machen."
Das MHN kniff die Augen leicht zusammen, blickte Naomi an und sagte dann behutsam: "Ich werde versuchen Euch zu helfen Lia, versprechen kann ich es nicht, aber ich werde alles tun, was in meiner Macht steht."
"Danke, Doktor", sagte das kleine Mädchen und erlitt prompt einen neuen, heftigen Hustenanfall. Sofort war das MHN an ihrer Seite und holte den Tricorder hervor. Ohne groß etwas zu sagen lud er ein Hypospray, drückte es dem Kind an den Hals und hielt ihm außerdem noch einmal das scharf riechende Tuch vor das Gesicht. Lias Augen fielen langsam zu und ihr Husten beruhigte sich. Dann war sie wieder eingeschlafen.
Das MHN wollte Naomi gerade wegen ihrer voreiligen Versprechen tadeln, aber als er sie anschaute sah er, daß es in ihren Augen verräterisch glänzte. Er seufzte leise, nahm sie dann sanft am Arm und meinte: "Gönnen wir ihr etwas Ruhe, die nächsten Stunden schläft sie. Und Du wirst Dich jetzt auch ausruhen."
Naomi nickte nur und folgte dem MHN in das Labor.
Drinnen angekommen zog sie sich schweigend den Anzug aus und verbrachte ungewöhnlich viel Zeit damit, ihn sorgfältig zu glätten und dann sehr ordentlich über die Stuhllehne zu legen.
Das MHN beobachtete sie die ganze Zeit über und da Naomi mit dem Rücken zu ihm stand, bemerkte sie es nicht. Als sie nicht mehr länger so tun konnte den Anzug noch ordentlicher hinzulegen ging sie zu dem kleinen Tisch und goß sich ein Glas Wasser ein. Eine Weile stand sie einfach so da, das Glas in der Hand und schaute abwesend zur Tür.
Eine Hand legte sich auf ihre Schulter und um ein Haar hätte sie ihr Wasserglas fallen lassen. Doch sie drehte sich nicht um, sie wußte, wer hinter ihr stand.
"Ich weiß, wie viel Dir Lia bedeutet und ich sehe auch, wie sehr Du allen anderen hilfst", sagte das MHN.
Naomi wischte sich einmal kurz mit dem linken Ärmel über die Augen und drehte sich dann zum Doktor um.
"Ich habe Angst um sie, sie hat schon Blut gehustet vorhin."
Das MHN nickte mitfühlend. "Ich möchte keinen Patienten verlieren, aber leider ist es nicht immer möglich alle zu retten. Und gerade bei Kindern ist es immer am schwersten. Aber möchtest Du mir vielleicht erklären, warum Du Dich so sehr zu ihr hingezogen fühlst? Es gibt auch noch andere Kinder hier, aber Du bist besonders auf Lia fixiert. Warum?"
Naomi zuckte mit den Schultern. "Ich weiß nicht..."
Das MHN sagte nichts sondern wartet ab und gab ihr somit Zeit auch für sie selber einen Grund zu finden.
Naomi fing an langsam hin und her zu laufen. Schließlich blieb sie stehen und schaute das MHN hilflos an. "Vielleicht weil sie so allein ist", meinte sie dann. "Es war keiner bei ihr und dann habe ich erfahren, daß ihre Eltern letzte Woche gestorben sind. Und sie hat sonst niemanden mehr."
Der Doktor kniff leicht die Augen zusammen und nickte. "Du siehst in ihr eine Art Schwester von Dir, kann das sein?"
"Vielleicht", sagte Naomi vorsichtig und ließ sich dann auf einen Stuhl fallen. "Ich weiß es nicht, Dok. Aber ich ertrage es nicht, wenn sie sterben sollte."
"Wenn sie stirbt", korrigierte sie das MHN sacht. "Sie hat fast das Endstadium erreicht, Naomi. Ich fürchte, Du mußt Dich darauf vorbereiten, daß sie nur noch ein paar Tage leben wird."
Naomi sagte nichts, aber das MHN bemerkte, daß ihre Lippen leicht zitterten.
"Ich denke, Du solltest Dich etwas hinlegen", sagte er dann. "Die Nacht war kurz und ein kleiner Mittagsschlaf wird Dir gut tun."
"Nein, ist schon okay, ich werde wieder...", fing Naomi an, doch dann sah sie das Gesicht des Doktors.
"Das war keine Bitte, Naomi", sagte er bestimmt und deutete auf die Liege.
Das Mädchen starrte ihn noch einen Augenblick an und stand dann auf. "Ich bin gar nicht müde", versuchte sie es noch, doch das MHN zeigte auf die Liege.
"2 Stunden, dann wecke ich Dich wieder."
Naomi sah ein, daß sie keine Chance hatte und ging zur Liege. Das MHN drückte ihr ein Hypospray an den Hals und ihr fielen die Augen zu.
Der Doktor zog ihr noch die Decke zur Hälfe über und setzte sich dann wieder an seine Arbeit.
Er machte sich Sorgen um sie. Wenn Lia starb, und er sah in dem Punkt keine Hoffnung mehr, würde es sie schwer treffen. Er dachte an die Zeit zurück, als Samantha Wildman bei einem Angriff in einem Shuttle umgekommen war, damals kam es überraschend und natürlich hatte Naomi getrauert. Jetzt jedoch erlebte sie das Dahinsiechen Tag für Tag mit und das machte dem MHN mehr Sorgen, vor allem, weil es so ein tückischer und schmerzhafter Krankheitsverlauf war. Nicht zum ersten Mal wünschte er sich, daß er nicht so dicht bei Naomi im Delta Flyer gewesen wäre. Nur deshalb wurde sie schließlich mit hinüber gebeamt. Aber er konnte jetzt auch nichts mehr an der Tatsache ändern sondern nur noch versuchen, das Beste daraus zu machen.

Als Naomi erwachte, blickte sie direkt in das Gesicht des MHN.
"Lia?", fragte sie gleich und setzte sich auf.
"Ihr Zustand ist unverändert", antwortete er. "Dr. Rallek hat gerade das Mittagessen für Dich gebracht", meinte er noch und deutete auf den kleinen Tisch, auf dem ein Teller mit noch heißem Essen stand.
"Danke", sagte Naomi und setzte sich hin. Während sie aß blickte sie verstohlen auf das Chronometer, das über der Schleuse hing. Der Doktor hatte offensichtlich Wort gehalten, denn es waren knapp 2 Stunden vergangen seit er sie zum Mittagsschlaf verdonnert hatte.
Als sie fertig war zog sie wieder ihren Anzug über und wollte wieder zu Lia gehen.
"Naomi", hielt sie die Stimme des MHN auf.
"Ja?"
"Denk an Deine Pausen", sagte er mahnend.
"Ich werde es diesmal nicht vergessen Dok, bis nachher", sagte sie und verließ das Labor.

Die nächste Zeit verbrachte Naomi ausschließlich bei Lia. Das Mädchen war inzwischen auch wieder aufgewacht und abgesehen von zwei heftigen Hustenanfällen ging es ihr nicht schlechter.
Diesmal achtete Naomi auf die Zeit und nachdem sie dem Kind erklärt hatte, daß sie Ärger mit dem Doktor bekommen würde, wenn Sie für ein paar Minuten nicht zu ihm ins Labor gehen würde, meinte sie zu ihr: "Ich verspreche Dir, daß ich mich beeilen werde, okay?"
"Ich warte auf Dich hier", meinte Lia nur und Naomi drückte noch einmal ihre kleine Hand. Dann ging sie zurück ins Labor, wo sie das MHN schon erwartete.
"20 Minuten, Zeit genug um genug zu Trinken und den Anzug auszuziehen", meinte das MHN und Naomi gehorchte.

Kaum war ihre Zwangspause zu Ende war Naomi schon wieder weg. Als sie bei Lia ankam sah sie, daß das Mädchen wieder eingeschlafen war. Um sie nicht zu wecken beschloß Naomi, noch einmal einen Rundgang zu machen.
Sie war gerade in der Nähe des großen Einganges, da sah sie, wie Dr. Rallek, Alasia, das MHN und drei weitere Ärzte herankamen. Die Schiebetüren öffneten sich und Naomi konnte schon von weitem das Stöhnen der Leute hören. Schnell lief sie ebenfalls hin um zu helfen. Mindestens ein Dutzend neue Kranke, die an dem Virus litten, wurden hereingebracht und Dr. Rallek und das MHN machten eine Schnellsichtung des Zustandes eines jeden Neuankömmlings. Dann gaben sie Anweisungen, wohin die Neuzugänge gebracht werden sollten.
Naomi hatte sich bereitgestellt und sah dann einen jungen Mann, der noch im Wartebereich lag, dem es scheinbar ziemlich schlecht ging. Er hatte offenbar Probleme beim Atmen und Naomi lief zu ihm hin.
Der Mann krallte seine Finger um Naomis Arme und brachte mühevoll ein paar Worte hervor: "Hilf mir... bitte..."
Naomi drehte sich in die Richtung um, wo das MHN und Dr. Rallek standen und rief: "Doktor, ich brauche hier Hilfe!"
Das MHN, das nicht damit gerechnet hatte, daß Naomi hier war, schaute alarmiert auf und sagte hastig zu seiner Kollegin: "Erstes Stadium, übernehmen Sie ihn bitte, ich muß sehen, was da los ist."
Dr. Rallek nickte nur und schon war das MHN bei Naomi und dem jungen Mann angekommen.
"Er bekommt keine Luft mehr", erklärte die Halb-Ktarianerin aufgeregt.
Der Mann hatte immer noch seine Finger um ihre Arme gekrallt und schien eine Art Krampf zu haben.
Naomi biß die Zähne zusammen, denn der Mann hing fest an ihr und ihre Arme schmerzten. Er zog sie immer weiter zu sich heran, da lösten sich auf einmal seine Finger und er verdrehte die Augen.
Was dann passierte, ging so schnell, daß weder Naomi noch das MHN später den Ablauf rekonstruieren konnten. Der Tricorder des Doktors gab auf einmal eine Reihe an Alarmtönen von sich, gleichzeitig drehte das MHN sich um und rief nach einigen Helfen und Medikamenten. Der junge Mann riß plötzlich die Augen auf, schoß von der Trage hoch und klammerte sich um Naomis Hals.
"Doktor!", versuchte sie zu rufen, doch der Mann drückte ihr die Luft ab. Verzweifelt versuchte sie seinen Griff zu lösen, da endlich hatte auch das MHN die Lage erfaßt und er packte die Hände des Mannes von hinten und versuchte ihn von Naomi runterzubringen.
Der Mann schien sich in einer Art Todeskampf zu befinden, denn er zuckte unkontrolliert, schlug mit den dem Kopf wild hin und her und traf schließlich Naomi am Kopf. Das Mächen sah für einen Moment Funken und spürte, wie sie auf dem Boden lag. Endlich gelang es dem MHN mit Hilfe von zwei weiteren Pflegern den Kranken von ihr herunterzuholen und hielten ihn auf dem Boden.
Der Mann zuckte noch einige Minuten lang heftig und das MHN versuchte, ihm ein Sedativum zu verabreichen, scheiterte aber da der Mann sich, trotz dem er festgehalten wurde, so heftig bewegte.
"Wir brauchen hier Hilfe!", rief das MHN Dr. Rallek zu und diese suchte nach weiteren Pflegern, die sie zum Doktor schicken konnte. Doch alle Bemühungen kamen zu spät, denn der Mann riß er ein letztes Mal seine Augen weit auf und erschlaffte dann.
"Er ist tot", sagte das MHN, der einen Tricorder über ihn hielt, von dem nur ein langgezogener Piepton ausging. Er nickte den beiden Pflegern zu und diese brachten die Leiche weg.
Naomi, die sich die ganze Zeit nicht gerührt hatte und den verzweifelten Todeskampf des Mannes mitbekommen hatte, rang nach Luft und das MHN untersuchte sie hastig. Schließlich entspannten sich seine Gesichtszüge und er meinte: "Nur eine leichte Quetschung des Kehlkopfes, das haben wir gleich wieder." Er wollte gerade Naomis Oberkörper aufrichten, da erstarrte er auf einmal und er blickte mit aufgerissenen Augen und offenem Mund scheinbar neben Naomi.
"Was ist los?", fragte sie immer noch heiser und drehte sich um. Sie konnte aber nichts sehen.
Eine Hand vom MHN glitt auf Naomis Schulter und dann sah sie es auch - ihr Anzug war aufgerissen und ihre Halspartie lag frei.
Ihre Augen weiteten sich und sie flüsterte nur: "Dok?"
Das MHN zögerte keine Sekunde länger, zog Naomi auf die Beine und während er den Riß versuchte zuzuhalten bugsierte er sie zur Schleuse vor das Labor.
"Zieh den Anzug aus und setz Dich auf die Liege, ich komme sofort nach", sagte er, dann schob er Naomi in die Schleusentür und startete den Sterilisationsvorgang.
Naomi fühlte sich, als ob sie träumen würde. Dann tastete sie selber nach der offenen Stelle im Anzug und spürte ihre Haut unter ihren Fingern. Als das lilafarbene Licht erloschen war und die Anzeige für die Labortür auf grün, öffnete sie diese und ging langsam hinein.
Wie es das MHN ihr gesagt hatte zog sie den Anzug aus, legte ihn über die Lehne und setzte sich auf die Liege. Der Riß schien sie anzugrinsen und Naomi wandte das Gesicht ab. Dann jedoch ertönte eine Stimme in ihr.
Reiß Dich zusammen, Dein Anzug hatte vielleicht einen Riß, das muß aber nicht heißen, daß Du jetzt auch krank wirst.
Naomi atmete einmal tief durch und tadelte sich selber, denn die Stimme in ihr hatte Recht. Sie würde nichts überstürzen.

Das MHN hatte unterdessen Dr. Rallek über die Situation informiert und das Labor ebenfalls unter Quarantäne gestellt. Jetzt passierte er ebenfalls die Schleuse und kaum, daß sie sich Labortür geöffnet hatte, holte er den Tricorder hervor und ging zu dem Mädchen. Er wirkte äußerst angespannt und sogar bestürzt, dachte Naomi als sie ihn anblickte.
"Vielleicht habe ich mich gar nicht angesteckt", versuchte sie ihn und auch sich selber etwas zu beruhigen. Der Doktor klappte seinen Tricorder derweil zu und sagte: "Du hast am Hals einen sehr feinen, aber blutigen Kratzer Naomi."
Das Mädchen faßte an die Stelle und bemerkte, daß sie wirklich einen ganz leichten rosa Blutschlieren an den Fingern hatte. Damit war es fast unmöglich, daß der Mann sie nicht angesteckt hatte.
Das MHN hatte derweil ein Hypospray geholt und bat sie nun: "Leg den Kopf etwas schief, ich muß Dir etwas Blut abnehmen."
Naomi tat es und kurz darauf war das Hypospray gefüllt.
Der Doktor brachte es gleich zur Analyse an sein Elektronenmikroskop, schaute in den Scanner und nahm nach ein paar Sekunden langsam wieder den Kopf zurück.
"Bin ich infiziert?", fragte Naomi, als das MHN nichts sagte.
Der Doktor schaute sie an und nickte dann. "Ich fürchte ja", sagte er noch und rutschte dann vom Scanner weg, sodaß Naomi durchsehen konnte.
Eine kalte Welle schien durch sie durchzuspülen, als das MHN ihr die Tatsachen mitteilte, aber trotzdem ging sie zu ihm um selber zu schauen, was sie demnächst umbringen würde.
"Siehst Du die länglichen, schwarzen Virenstämme?"
Naomi bejahte. Für das menschliche Auge unsichtbar und doch so tödlich, dachte sie und blickte dann wieder zum MHN.
"Es tut mir leid, Naomi, ich hätte Dich hierbehalten müssen", sagte er schließlich.
"Nein, es war ein Unfall, Doktor, dafür konnte keiner etwas. Und ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar, daß Sie mich hier nicht eingeschlossen haben. Außerdem wird die Voyager übermorgen hier eintreffen und dann werden Sie ein Heilmittel finden", sagte sie mit einem überzeugenden Lächeln.
Dem MHN war jedoch nicht nach Optimismus zumute, er zweifelte nicht einmal unbedingt daran, daß er irgendwann wirklich ein Heilmittel finden würde, vielmehr zweifelte er daran, ob er es auch rechtzeitig für Naomi schaffen würde. Das behütete und beliebteste Kind der Voyager mit einem tödlichen Virus infiziert, ein schlimmeres Szenario wollte dem MHN schon gar nicht einfallen.
"Doktor?", fragte Naomi. "Ich würde jetzt gerade wieder zu Lia gehen."
"Auf keinen Fall", antwortete der Doktor sofort, bis ihm einfiel, daß es jetzt auch schon zu spät war.
Trotzdem wollte er sie lieber hierbehalten.
"Doktor, bitte, Lia wartet auf mich. Ich bin jetzt eh schon infiziert, schlimmer kann es nicht mehr werden, oder?" Naomis sanfte und bittende Stimme untergrub seine Meinung und schließlich nickte er.
"Also gut, aber ich bestehe auf zwei Dinge, erstens: Du wirst nur bei Lia sitzen bleiben, keine Visiten mehr, je mehr Du Dich anstrengst, desto schneller verläuft die Krankheit und zweitens wirst Du jede Stunde wieder zu mir kommen, damit ich Dich einmal durchchecken kann. Das ist nicht verhandelbar."
Naomi nickte dankbar. "Versprochen. Danke, Doktor." Dann ging sie hinaus. Die Schleuse deaktvierte sie, denn sie würde sie jetzt ohnehin nicht mehr brauchen. Und obwohl sie den Gedanken noch nicht wirklich fassen konnte, daß sie bald wie alle anderen sterben würde, konnte sie der ganzen Sitaution etwas positives abgewinnen - wenigstens brauchte sie diesen heißen und unbequemen Anzug nicht mehr tragen.