Die alte Frage...
Hogwarts lag im dunkeln Grau des späten Nachmittags. Zerfaserte Nebelschwaden hatten sich auf die Landschaft gelegt. Sie erweckten den Eindruck, dass das Schloss mit seinen unzähligen Türmen, seine Ländereien, der dunkle Wald und Hogsmeade in einem bleichen Meer dahintreiben würden. Die Dämmerung war bereits fortgeschritten und schummrige Lichter erleuchteten einige der Fenster, des dunklen Gebäudekomplexes der Schule. Die kathetralenartige Seitenfront der Großen Halle, mit ihren gewaltigen in spitzen Bögen zulaufenden gothischen Fenstern, strahlte hell in der Dämmerung. Das ausladende Dach erstreckte sich weit, geschmückt mit einer Unzahl an Schornsteinen, Türmen und Giebel. In einem der äußersten Türme befand sich der Gemeinschaftsraum der Gryffindor.
Durch die Scheiben der Fenster konnte man das Tanzen von Licht erkennen, das so typisch war für Kaminfeuer. Der große Raum wirkte warm und freundlich. Die beiden Creevey Brüder saßen auf dem Boden vor dem Kamin und blickten auf ein Schachbrett. Colin sah zufrieden wie seine Dame gerade dabei war einen der weißen Läufer mal kräftig zu verprügeln. »He! Das war unfair!« Anklagend wies Dennis´ Zeigefinger auf die schwarze Dame, die dessen ungeachtet den Bischofsstab des weißen Läufers genommen hatte und dazu übergegangen war ihm einige freundliche Schläge auf die Mitra zu geben. Colin grinste seinen jüngeren Bruder an und meinte er solle ihn doch verklagen. Das Lachen der beiden glitt durch den Gemeinschaftsraum und erstreckte sich bis zur Treppe die zu den verschiedenen Schlafsälen führte.
In einem der Räume herrschte rege Betriebsamkeit. Zwei kleine Laternen warfen ein schwaches Licht in den Raum. Statt ihn zu erhellen, schienen sie eher die dunklen Stellen herauszuarbeiten. Der fast schon antike Kanonenofen in der Mitte des runden Raumes polterte vor sich hin. Eine schwarze Winterrobe hing zum Trocknen an der Decke über ihm. Einige Kleidungsstücke hingen an seiner Seite. Fünf Himmelbetten standen Kreisförmig mit ihrem Kopfende an der Wand. Zwischen ihnen befanden sich kleine Nachttische, und der ein oder andere Stuhl. Am Fußende der Betten befand sich jeweils eine große Truhe deren Deckel das Hogwartswappen zierte. Im Gegensatz zu vier der Betten, die sauber und ordentlich waren, lag das fünfte in einem einzigen Chaos. Decken und Kissen lagen im wilden Durcheinander, während einige Pullover, Hosen und T-Shirts darüber verstreut waren. Andere Wäschestücke quollen aus der Truhe vor dem Bett.
Das Rauschen des Wassers aus der Gemeinschaftsdusche war zu hören. Plötzlich bahnte sich ein entsetzter Aufschrei seinen Weg aus der Dusche und nahm einen verärgerten Klang an. Dann konnte man einen nackten und plitschnassen Harry Potter fluchend über den eiskalten Steinboden hopsen sehen. Wassertropfen spritzten aus seinen wuscheligen Haaren die es tatsächlich schafften immer noch, selbst im nassen Zustand, nach allen Richtungen abzustehen.
»Ein Geschenk, ich brauche ein Geschenk!« Er wickelte sich ein Handtuch um die feuchten Hüften und tänzelte abwechselnd von einem Bein aufs andere. Er hatte absolut keine Idee was er machen sollte. Eben stand er noch gemütlich unter der Dusche und genoss die Hitze des Wassers, die langsam die Kälte aus seinem Körper vertrieb.
Er warf einen wütenden Blick auf den Kanonenofen, der zwar eine Unmenge an Krach und Gestank verbreitete, aber ansonsten nicht sehr mit dem Prinzip von Wärme und Heizen vertraut war. Außer das er ab und an den gesamten Raum mit dunklen Rauchschwaden zu überziehen pflegte.
Aber wie schon erwähnt, Harry ließ eben noch das heiße Wasser über seinen Körper strömen. Er freute sich auf den Abend. Er hatte ein Date! Nun es war nicht sein erstes, aber an dieses wollte er lieber nicht denken. Ihm schoss allen Ernstes die Frage durch den Kopf, ob es ihm gelingen würde, Malfoy in Tränen ausbrechen zu lassen wie damals Cho Chang? Die duftende Seife glitt über seine Haut und verbreitete ein wohliges Aroma von Aprikosen. Harrys Augen schlossen sich und er schnupperte grinsend an seinem Arm. Er freute sich auf das Weihnachtsessen heute Abend. Und da kam ihm der Gedanke der sich nicht wieder verscheuchen ließ. Er brauchte ein Geschenk für Draco.
Es war das erste Date, das sie beide miteinander hatten. Es war der Vierundzwanzigste Dezember, die Feier ging bestimmt bis in die frühen Morgenstunden des Weihnachtsmorgens und er war sicher, dass Malfoy ein Geschenk für ihn haben würde. In solchen Dingen war der Slytherin ein Perfektionist. Egal wie wenig Zeit man hatte, wie ungewöhnlich der Ort auch sein mochte oder wie überraschend das Zusammentreffen erfolgte. Man konnte sicher sein, war Weihnachten, hatte Malfoy ein Geschenk für einen. Sei es auch nur um den anderen zu beschämen, der natürlich keines hatte. Und der andere war in dem Fall Harry.
Er stand hopsend vor seiner Truhe und versuchte etwas Passendes herauf zu beschwören, in dem er wie blöd in seine Sachen stierte. Sein Blick wanderte zu den Kleidern auf seinem Bett und langsam spürte er ein flaues Gefühl in der Magengegend. »Was zieh ich an? Ich hab nichts zum Anziehen!« Es war zum aus der Haut fahren. Er konnte ja schlecht Dudleys alte Sachen anziehen. Er war sich sicher, dass Malfoy einfach an ihm vorbei gehen würde wenn er so zu ihrem Date aufkreuzen würde. In verfärbten, ausgeleierten Jeans und T-Shirt. Draco würde ihn keines Blickes würdigen und zwar für den Rest seines Lebens!
Auch die Pullover, die Misses Weasley ihm jedes Jahr strickte waren keine rechte Hilfe. Er liebte sie über alles, sie waren bequem, flauschig und warm, aber für einen festlichen Anlass eher ungeeignet. Harry unterdrückte den Impuls einfach gegen die Truhe zu treten, was mit nackten Füßen eh eine bescheuerte Idee wäre. Wieso kaufte er eigentlich nur seine Schuluniform in der Diagon Alley? Geld hatte er schließlich genug. Da könnte er sich Roben kaufen die selbst vor Draco Malfoys kritischem Auge bestehen könnten. Und der Blonde kam gewiss heute Abend wie aus dem Ei gepellt.
Harrys Füße froren auf den kalten Steinplatten und begannen wie von selbst im Kreis zu laufen. Seine Gedanken wirbelten um Anzüge, Hemden und Roben und plötzlich sah er auf seine Truhe. Eine Idee bahnte sich einen Weg durch das Chaos seiner Gedanken und er trat zögernd an die Truhe heran. Nach einem kurzen Moment hatte er eine schwarze Seidenhose, das dazu gehörige gefältete Hemd, den Kummerbund und den schweren, schwarzen Überwurf seiner Festrobe, die er zum Weihnachtsball während des Trimagischen Turniers trug, aus der Kiste genommen.
Behände schlüpfte er in die Hose, zog das Hemd über und fluchte herzhaft. Wieso mussten Teenager in seinem Alter immer so einen Wachstumschub hinlegen. Er stand vor dem Drehspiegel neben dem Fenster. Die Manschetten hingen ihm auf Höhe seiner Unterarme, während der Saum seiner Hosenbeine zwei Hand breit über seinen Knöchel flatterte. Missmutig ließ er sich aufs Bett fallen und zog einen Flunsch. Seine Augen glitten zu Hedwig die friedlich in ihrem Käfig schlief und ab und an verschlafen schuhute. Harry überlegte ob er sie nicht wecken und mit einem Brief zu Malfoy schicken sollte, in dem er das Date absagte. Aber er verwarf den Einfall wieder. Malfoy brächte es fertig, hier Mitten in der Nacht aufzutauchen und eine Erklärung zu fordern was der Unsinn sollte. Nein es musste noch eine andere Lösung geben.
Draußen wurde es immer dunkler und Harry kam zu dem Entschluss, dass ein Date mit Draco Malfoy um ein vielfaches komplizierter und nervenaufreibender war, als mit allen Mädchen in Hogwarts. Selbst als er mit Cho Chang am Valentinstag loszog war er nicht so verzweifelt gewesen. Jedenfalls zuerst! Ihr war es mehr oder weniger egal was er anhatte. Warum musste Draco in dieser Hinsicht nur so ein Pedant sein. Harrys Blick heftete sich auf Rons Bett und sank dann auf die Truhe seines besten Freundes. Plötzlich schlug sich Harry mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Ron!« Natürlich, er hatte doch vor zwei Jahren den Zwillingen das Versprechen abgerungen, das sie ihrem Bruder einen neuen Satz Festroben kaufen sollten, als er ihnen seinen Gewinn aus dem Trimagischen Turnier überließ. Denn das antike Teil das Ron damals zum Ball trug, erinnerte eher an ein modisches Armageddon. Fred und George kamen dieser Bitte auch nach und zwar jedes Jahr.
Er sprang vom Bett und hopste rüber zu Rons Truhe. Vielleicht sollte er sich wirklich langsam mal Strümpfe anziehen, sonst holte er sich noch eine Erkältung. Harry hob den Deckel und begann vorsichtig nach den Sachen zu suchen. In Anbetracht das Ron inzwischen einen ganzen Kopf größer war als Harry, müssten die Roben vom letzten Jahr ihm eigentlich passen. Er griff sich das feine Hemd, die Hose und eine Weste. Die Robe selbst und die Krawatte ließ er lieber liegen, das wäre dann des Guten doch zuviel. Schließlich ging er nicht in die Oper oder zu einem Ball.
Einige Augenblicke später betrachtete Harry sich wieder kritisch im Spiegel. Hemd, Hose, Weste und die Lackschuhe passten perfekt zu ihm. Er sah richtig edel aus und ließ den Kragen einfach hochgeschlagen. Verdeckte der doch, praktischerweise den dunkelschimmernden Liebesbiss, den Malfoy ihn verpasst hatte. Er griff sich eine seiner eigenen Schulroben, die er noch nicht getragen hatte und war mit seiner Erscheinung zufrieden. Das samtene schwarz der Robe wirkte sehr edel und das Gryffindorwappen blitzte trotzig auf seiner linken Brust. Er nickte sich im Spiegel zu und sagte sich selbst, das Ron bestimmt nichts dagegen hätte, wenn er sich die Sachen auslieh. Eine fiese kleine Stimme in seinem Hinterkopf merkte jedoch an, das sein Freund vielleicht nichts dagegen hätte, dass er seine Sachen trug, wohl aber für WEN er sich zurechtmachte. Die Stimme verkündete frech, sie wüsste den genauen Wortlaut den Ron von sich geben würde, wenn er sah, dass Harry mit Draco ein Date hatte. Ein »ARRGH!« zog sich durch seine Gedanken und er schnitt seinem Spiegelbild eine Grimasse.
Harry rieb sich die Hände. Problem Nummer Eins war gelöst, blieb nur noch die Suche nach einem passenden Geschenk. Etwas motivierter als eben, hockte er sich erneut vor seine Truhe und räumte die Wäsche etwas zur Seite. Im fiel ein schwarzer, kleiner Koffer ins Auge, nachdem er griff. Es handelte sich um den Koffer, eher ein Köfferchen, mit den Utensilien für den Zaubertränkeunterricht. Er musste sich letztes Jahr einen neuen kaufen, da sein erster schon arg mitgenommen aussah und ein Großteil seiner Gefäße und Bestecke zu Bruch oder verloren gegangen waren. Geschickt öffneten seine Finger den Verschluss und ließen den Deckel aufschnappen. Eine Reihe glänzender Phiolen war in rotem Samt eingebettet. Golden- und silberfarbene Bestecke und Gerätschaften säumten die Zwischenräume. Eine kleine Waage, sowie der obligatorische Mörser vervollständigten den kostbaren Inhalt. Schließlich erregte ein runder schwarzer Samtbeutel seine Aufmerksamkeit. Der gehörte normaler Weise nicht mit zum Grundsortiment. Harry erinnerte sich, dass der Beutel mit Inhalt eine Beigabe war. Ein Sonderangebot sozusagen. Er ließ den Inhalt in seine Hand gleiten und besah sich das Ding von allen Seiten.
Es war ein wunderschön gearbeiteter, kristallener Flakon. Rund und mit verschnörkeltem Stöpsel. Er war dafür gedacht einen Liebestrank zu verschenken. Ein zufriedenes Lächeln breitete sich auf Harrys Lippen aus. Das war immerhin ein Anfang, daraus ließe sich doch was machen. Er drehte den Flakon unschlüssig in seiner Hand und hob in vor sein Auge. Man konnte dadurch den Schlafsaal etwas verzerrt sehen, während die Reflexionen der Lichter über das Kristall tänzelten. Als Harry seinen Arm wieder senkte, schaute er geradewegs auf das Fenster. Er konnte den Schnee sehen, der gegen die Scheiben gewirbelt wurde und dann kurz aufblitzend im Dunkel verschwand.
Seine Zungenspitze schob sich wie von selbst zwischen seine Lippen, während er mit einer Idee spielte. Gedankenverloren stellte er das kleine Kristallgefäß auf seinen Nachttisch und erinnerte sich wieder, wie er früher als Kind oft heimlich bei den Dursleys ins Wohnzimmer geschlichen war, um sich immer wieder die hübsche kleine Schneekugel anzuschauen, die Tante Petunia von Bekannten aus deren Winterurlaub mitgebracht bekommen hatte. Er sah sich selbst, wie er die Kugel in seinen kleinen Händen hielt und seine großen Augen, verträumt dem Schneetreiben darin zusahen. Eines Tages hatte Petunia ihn erwischt, sie sah wie sehr ihm die kleine Glaskugel gefiel und mit einem hämischen Grinsen schmiss sie das Ding einfach in den Mülleimer. Dann packte sie Harry bei den Ohren und sperrte ihn wieder in den Schrank. Eine Woche lang bekam er als Strafe nichts zu Essen.
Harry schüttelte kurz seinen Kopf um die trüben Gedanken zu vertreiben. Eine einfache Schneekugel? Es sollte schon etwas mehr sein, das er dem wählerischen Slytherin schenken wollte. Harry lachte kurz auf. Was fand er eigentlich an Draco? Sollte er sein Herz wirklich an diesen arroganten, selbstverliebten, verwöhnten Schnösel verschenken? Sein Blick wanderte wieder zum Spiegel, er betrachtete sich. Seine Haare. ´Merlin ich glaube Medusa hatte nicht weniger Probleme mit ihren,´ Seine grünen Augen erwiderten seinen Blick aus dem Spiegel. Er bemerkte dass er Dracos Namen die ganze Zeit vor sich hinsprach als balanciere er eine Murmel in seinem Mund. Er überlegte einen Moment lang, während er den Sitz seiner Robe überprüfte und einen Fussel von seinem Ärmel stippte. Dann hatte sich vor seinem Innern eine Idee, aus einem Wust an Einfällen klar herausgeschält. Er machte einen kleinen Hüpfer und war ziemlich stolz auf seinen Einfall. Doch dazu brauchte er Rat und Hilfe und zwar von seiner Lehrerin für Verwandlung, Minerva McGonagall. Er ging kurz zu seinem Nachttisch, griff nach einem Abzeichen und trat wieder an den Spiegel. Er befestigte es über dem Hogwartswappen auf seiner linken Seite. Schlanke Finger glätten kurz den Stoff seiner Robe und streiften zum Abschluss nochmal über das kleine Wappen. Es war rot mit goldenem Rand. Ein großes verschnörkeltes C prangte darauf, in dessen Mitte ein goldener Schnatz abgebildet war. Es handelte sich um das Emblem des Captains der Quidditchmanschaft von Gryffindor. Er wusste das Draco dasselbe Abzeichen trug nur in grün und silber. Harry war mit seinem Aussehen zufrieden, er hoffte ein gewisser Slytherin würde es auch sein. Der Gryffindor zwinkerte seinem Spiegelbild zu und lief aus dem Schlafsaal.
Kurze Zeit später hörte man seine Schritte wieder die Treppe hochstürmen, sich selbst verwünschend stapfte er zu seinem Nachttisch und nahm den kristallenen Flakon. Er stopfte ihn in den Samtbeutel, den er dann vorsichtig in der Innentasche seiner Robe verstaute. Dann wirbelte er herum und lief zur Tür. Harry kam schlitternd zum stehen und änderte abermals seine Richtung, ging zu seiner Truhe und fischte nach einiger Zeit ein unscheinbares Blatt Pergament heraus. Er breitete es auf seinem Bett aus und berührte es mit der Spitze seines Zauberstabes. »Ich schwöre feierlich, ich bin ein Tunichtgut!« Von der Spitze seines Zauberstabes ausgehend flohen dünne Linien über das Pergament und man konnte den Grundriss von Hogwarts erkennen. Alle Räume und Zimmer lagen vor ihm ausgebreitet und annähernd Zwanzig kleine Wimpel mit verschiedenen Namen versehen bewegten sich hin und her.
Seine Augen verharrten kurz bei Dracos Namen, der sich gerade in der Gemeinschaftsdusche in den Slytherin Kerkern aufhielt. Harry bemerkte wie seine Wangen brannten und er zwang seinen Blick in eine andere Richtung. McGonagalls Büro war verwaist, aber er fand ihren Namen im Lehrerzimmer. Ein schlechter Geschmack stieg in ihm auf als er auch Snapes Namen dort las. Aber was soll's, er musste sich beeilen. Die Spitze seines Zauberstabes tippte kurz auf das Papier. »Unheil angerichtet!« Und die Zeichnung verschwand. Zurück blieb nur ein unscheinbares Stück Pergament, das wieder in die Truhe gelegt wurde.
Harry verließ den Schlafsaal und das Licht der Laternen verdunkelte sich etwas. Mann konnte den Wind gegen das Fenster wüten hören und Hedwig, die verschlafen in ihrem Käfig mit den Flügeln raschelte. Der alte Ofen in der Zimmermitte polterte zufrieden vor sich hin und stieß ein paar dicke, schwarze Rauchschwaden aus, die durch den Raum waberten.
Draco Malfoy stand in seinem Zimmer vor dem Spiegel. Mit seiner Ernennung zum Vertrauensschüler bestand er darauf dass ihm ein eigenes Zimmer zustand. Das war natürlich nicht der Fall, denn er war schließlich kein Schulsprecher. Aber Malfoy hatte so seine eigene Art mit Verboten und Regeln umzugehen. Er ließ seinen Blick bewundernd über seinen nackten Oberkörper schweifen und blickte dann zu den Hemden die auf seinem Bett lagen. Einige hingen an Bügeln, am Rahmen des Himmels, der über seine Schlafstätte gespannt war. Überhaupt sah es in dem Zimmer aus, als hätte eine ganze Kompanie Waschtag.
Vor dem Spiegel standen mehrere Paar Schuhe im Halbkreis angeordnet, an den offenen Schranktüren hingen Roben und Jacketts zur Begutachtung, und mehrere Hosen lagen auf dem Schreibtisch. Malfoy hatte sich eine sehr edle seidene Hose angezogen. Sie war schwarz und hatte an den Seiten jeweils einen dunkelgrünen Samtstreifen, ähnlich einer Smokinghose. Die Beine wurden am Hosensaum mit jeweils drei Samtknöpfen geschlossen. Barfüßig tapste er über den Steinfußboden, der im Gegensatz zu dem des zugigen Gryffindorturms, angenehm warm war. Was wohl an dem prasselnden Kaminfeuer lag. Malfoy entschied sich für ein weißes und ein schwarzes Hemd. In jeder Hand einen Bügel ging er zum Spiegel zurück und hielt sich ein Hemd nach dem anderen vor seinen Körper. er entschied sich für das Schwarze. Das Weiße warf er achtlos zurück auf´s Bett. Er wusste, dass die Hauselfen sich später darum kümmern würden und gnade ihnen Merlin wenn nicht!
Draco liebte es, wie das seidige Schwarz seine blasse Haut betonte, sie geradezu zum schimmern brachte. Er grinste und schlüpfte in ein Paar sehr eleganter Stiefel aus Drachenleder. Zielsicher griffen seine Hände nach einer dunkelgrünen Samtweste mit silbernen Knöpfen. Eine schmale Samtschleife in derselben Farbe komplettierte das Ensemble.
Eigentlich wollte er leger, mit offenem Kragen zur Party gehen und auf eine Schleife verzichten. Doch der dunkelrote Knutschfleck auf seiner ansonsten blassen Halsbeuge, den er missbilligend im Spiegel beäugte, wies darauf hin, dass ihm Potter einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte.
Malfoy stand etwas unschlüssig vor seinen Roben, er kniff die Augen zusammen und entschloss sich zu einem langen, flaschengrünen Gehrock mit Samtkragen und samtenen Ärmelaufschläge, den er an den Spiegel hängte. Aus einer kleinen Schatulle entnahm er eine silberne Brosche, die das Slytherinwappen darstellte und befestigte diese, mitten auf der Brusttasche des Jacketts. Darüber steckte er das Abzeichen des Vertrauensschülers. Das kleine grünsilberne Emblem, das ihn als Captain des Quidditchteams seines Hauses auszeichnete, fand seinen Platz am rechten Kragen.
Er langte nach seinem Chronometer und ließ den Deckel aufspringen, eine Vielzahl an Zeiger und Rädchen wirbelten in den verschiedensten Richtungen und Geschwindigkeiten über das Zifferblatt mit den Mondphasen. Zufrieden erkannte Draco, dass er noch jede Menge Zeit hatte und ließ sich in seinem Ohrensessel am Kamin nieder. Er griff nach einem Becher Wein und nahm einen kleinen Schluck, bevor er seine Augen schloss und die wohlige Wärme des Feuers genoss. Alkohol war den Schülern normalerweise verboten, aber Malfoy... , naja lassen wir dass.
Der heutige Tag war unglaublich. Am Morgen sah noch alles ziemlich tröge aus und kaum ein paar Stunden später hielt er Harry Potter in den Armen. Seine Wangen röteten sich als er daran dachte wie der Gryffindor sich unter ihm wand, er konnte noch immer dessen Erregung fühlen.
Draco leerte seinen Becher. Als er daran dachte wie Harry nach hinten stürzte und er ihn auffing, musste er lächeln. Typisch Potter, überließ sich dem Moment des Augenblicks und genoss Malfoys Zärtlichkeit, noch ohne zu wissen wer ihn da in seinen Armen hielt. »Gryffindors!« Er schüttelte seinen Kopf. Nachdem er seinen Becher auf den kleinen Tisch neben dem Sessel gestellt hatte, griff er sich das Kästchen daneben. Draco ließ das Medallion, das sich darin befand an dessen Kette etwas baumeln und besah es sich genauer. Es wurde ihm schon vor Jahren von seinem Vater überreicht und schien schon Urzeiten im Besitz der Malfoys zu sein. Seine Finger strichen zärtlich über das glänzende Mythrillsilber. Er wusste, dass es eigentlich viel zu wertvoll war, für ein Weihnachtsgeschenk zum ersten Date, aber er hatte sich nach reiflicher Überlegung doch dazu entschlossen.
Wären die Umstände normal gewesen, hätte er sich dieses Geschenk für später aufgehoben. Aber seine Liebe zu Harry glich eher einer Achterbahnfahrt. Er wollte ihn und nach den letzten sechs quälenden Monaten, würde er alles tun, um den Schwarzhaarigen zu bekommen.
Draco erhob sich aus dem Sessel und blickte in die Flammen im Kamin. Natürlich war dieses Geschenk nicht als Bestechung gedacht, schließlich wollte er den Gryffendor nicht kaufen. Aber Draco spürte dass ihnen nur wenig Zeit bleiben würde.
Diese seltsame Prophezeiung, die Voldemort so verzweifelt versucht war, in seine Klauen zu bekommen beschäftigte ihn schon seit einiger Zeit. Draco war sich sicher, dass Harrys und Voldemorts Zukunft auf tragische Weise miteinander verwoben war. Von seinem Vater wusste er, dass der Fluch, der Harry töten sollte und auf den dunklen Lord in so verheerender Weise zurückfiel, einige Kräfte Voldemorts auf den Jungen übertrug. Harry war ein Parcelmund, genau wie sein Widersacher, er konnte in seinen Träumen die Gedanken Voldemorts sehen. Und nachdem es Pettycrew gelungen war, mit Potters Blut seinen schrecklichen Herrn aus seiner todesähnlichen Existenz ins Leben zurückzuholen, war das Schicksal der Beiden auf´s Engste verbunden.
Der Slytherin riet zwar nur, war sich aber absolut sicher, dass Harry dazu verdammt war Voldemort zu töten oder selbst zu sterben. Vielleicht konnte Harry Voldemorts Leben nur dann auslöschen, wenn er selbst starb. Er schluckte hart und bemerkte das Tränen in seinen Augen brannten. Wütend wischte er sie weg und wandte sich seinem Antlitz im Spiegel zu. Er wusste nicht, wieviel Zeit ihnen beiden blieb, Monate, Wochen oder Tage. Vielleicht auch nur Stunden. Aber eines wusste er nur zu genau. Sollte Harry Potter aus diesem Kampf, wider alle Erwartungen lebend zu ihm zurückkehren, würde er nicht mehr derselbe Mensch sein, in den Draco sich verliebt hatte. Seine Seele würde nur noch ein Trümmerhaufen sein und vielleicht war dieses Wissen mitunter einer der Gründe, dass sich Harry in den vergangenen sechs Monaten so in sich selbst zurückgezogen hat. »Verdammt nochmal! Und ich dämliches Arschloch hab ihm auch noch die ganze Zeit über so zugesetzt.« Draco versetzte dem kleinen Tisch einen heftigen Tritt, der den Becher herunterfegte. Er seufzte, war das Geschenk für den ersten Abend zu viel? Ja, aber Harry war es ihm wert!
Er legte das Medaillon auf den Schreibtisch und griff nach seinem Zauberstab. Draco murmelte eine lange Beschwörungsformel und ließ ein gleissendes Licht über den Deckel des kleinen Schmuckstücks streifen. Fein zisilierte Linien schnitten sich in das Silber und bildeten zwei ineinander verschlungene Buchstaben. Ein D und ein H. Er betrachtete sein Werk und nickte zufrieden. Aber noch war er nicht fertig. Er hatte eine, Idee benötigte dazu aber Hilfe.
Seit dem Kuss auf dem See und dem mysteriösen Mistelzweig, hatte Draco so eine Vermutung, wer dahinter stecken könnte. Aber er musste seinen Verdacht erst noch überprüfen. Malfoy hakte die Kette seines Chronometers an seiner Weste ein und steckte es in seine Westentasche. Er schlüpfte in den Gehrock, warf einen letzten Blick in den Spiegel und verließ sein Zimmer.
Eilig durchschritt Draco den düsteren Gemeinschaftsraum der Slytherins und wollte gerade aus der Tür treten, als er seinen Namen hörte. Er blickte sich überrascht um, Draco war sich sicher, dass niemand im Gemeinschaftsraum war. Doch dann erkannte er eine Gestalt, die in einem der Sessel am Kamin saß. Er ging zurück und erkannte Prospero, der mit angezogenen Beinen da saß und in die verklimmende Glut sah. Der Vierzehnjährige machte einen müden Eindruck und blickte auch nicht auf, als Draco ihn ansprach. »Was ist los mit dir Pros? Du siehst ziemlich fertig aus.« »Draco? Woran erkennt man eigentlich, dass man verliebt ist?« Ein Lächeln stahl sich auf Dracos Lippen. Da schien es jemanden voll erwischt zu haben. Malfoy ging in die Hocke und legte eine Hand auf Prosperos Schulter. Er dachte ganz intensiv an Harry und ihren gemeinsamen Nachmittag. Leise sprach er zu dem anderen. »Weißt du, wenn du an den anderen denkst...« seine Hand ergriff die von Prospero und legte sie sich auf sein Herz. »... und es solche Gefühle in dir auslöst, dann bist du verliebt!« Weit aufgerissene, hellblaue Augen starrten Malfoy an, als der Schwarzhaarige Dracos wilden Herzschlag in seiner Hand spürte. Der ältere zwinkerte ihm kurz zu und erhob sich. Die hellblauen Augen blickten noch lange nachdem Malfoy den Raum verlassen hatte zum Eingang. Dann, seine Beine umklammernd, lehnte der Slytherin das Kinn auf die Knie und ließ seinen Blick wieder zum Kamin gleiten.
tbc...
