Hermione nahm ihren Strafdienst sehr ernst. Nach einer kurzen Begrüßung ging sie direkt in Snapes Kämmerlein und begann sofort, die Gefäße von Hand abzustauben. Ihre Augen und Hände mit den Glas-Gruseligkeiten beschäftigt, hoffte sie, dass keine Nachfragen von Snapes Seite kamen oder gar Schlimmeres. Einen unendlich langen Augenblick lang hatte er im Türrahmen gestanden und ihre Arbeit beobachtet, sich aber dann tonlos zu seinem Platz zurückbegeben.

Als Hermione spät abends mit schmutziger Kleidung und Spinnenweben im Haar den siebten Stock erreichte und eine aufgebrachte Frauenstimme hörte, war ihre Müdigkeit mit einem Mal verflogen. Das war gar nicht gut. Sie spurtete dem Lärm entgegen und fand V mit in die Hüfte gestützten Händen vor einem Bild stehen.

„Es ist überhaupt nicht schief", beharrte er im gereizten Ton.

Hermine wusste nicht, ob sie wütend oder amüsiert sein sollte. Aber erleichtert war sie, da V nicht an einen Lehrkörper geraten war, der ihn vielleicht für einen Dieb halten würde.

„Und ob!", fauchte ihn die Dame auf dem Portrait an. „Noch etwas schiefer und ich würde hinausfallen."

V schüttelte entnervt den Kopf. „Was mache ich hier eigentlich? Das ist doch absurd, von einem Bild ausgeschimpft zu werden…"

„Ist es nicht, du unverschämter maskierter Wüstling. Häng mich jetzt richtig auf oder ich sehe mich gezwungen, den Hausmeister zu rufen!", schnappte sie zurück. Und das war die Stelle, wo sich Hermione in den Streit einmischte. Sie kannte die Dame auf dem Bild: Lola die Tugendhafte, die ihrem Beinamen nicht gerecht wurde. Man hatte sie nicht ohne Grund in den 7. Stock geschafft, weil sie ständig üblen Tratsch verbreitete.

„Lola, Ihr Bild hängt absolut gerade, und wenn Ihr hier noch weiter zetern, oder…" Hermione senkte bedrohlich ihre Stimme, „auch nur ein Wort über heute Abend verlieren solltet, werde ich persönlich Argus Filch damit beauftragen, Euch auf den Dachboden zu bringen."

Nun war die Dame sprachlos und etwas blasser geworden.

„Wir verstehen uns also?", beendete Hermione das Gespräch und wandte sich zu V um. Stumm bat sie ihn bis zum Wandteppich zu folgen, auf dessen gegenüberliegender Seite sich schon die Tür zum Raum der Wünsche abmalte.

Kaum standen sie in der Haupthalle der falschen Schattengalerie, da wischte sich Hermione nicht vorhandenen Schweiß von der Stirn und seufzte: „Das ist genau das, was ich befürchtet habe. Wir sind hier nicht alleine, ganz bestimmt nicht. Du hast Glück gehabt, dass es nur dieses Bild war, du hättest…" Sie atmete hörbar aus und suchte nach Worten. Er war ihr Gast und er würde ganz gut ohne sie klarkommen, wenn sie ehrlich zu sich selbst war. Aber eins würde er nicht schaffen...

Sie sah ihn an. V hatte vorsichtig den Zeigefinger gehoben, als ob er etwas Wichtiges einwenden wollte. Sie musste ihm noch etwas zu der Situation gerade erklären. „Hier im Schloss gibt es nicht nur Menschen oder andere Kreaturen, sondern auch Geister. Die meisten…"

V räusperte sich „Hermione Granger…"

Irritiert sah sie ihn an. Er war näher gekommen und gestikulierte immer noch mit dem Zeigefinger.

„Einen Moment, V. Lass mich diese eine Sache…"

V hatte die restlichen Schritte zu ihr zurückgelegt und streckte seine Hand in ihre Haare. Hermione klappte der Mund auf für einen überraschten Protest, der ihr aber von V abgeschnitten wurde: „Mit Verlaub, Hermione Granger – du hast einen blinden Passagier."

Hermione schoss das Blut in die Wangen und sie stand stocksteif da. Was hatte sich aus Snapes Kerkern bei ihr eingenistet? Dann zog V seine Hand zurück und sie beobachtete, wie sich eine ordinärere Spinne von seinem Handschuh in fluchtartiger Absicht abseilte.

Erleichtert atmete sie aus. „Danke." Ein Lächeln machte sich nun auf ihrem Gesicht breit. „Wegen vorhin – so ein Streit kann manchmal das Gespenst Peeves anlocken und der ist wirklich ein Quälgeist. Wenn der dich gesehen hätte, dann hätte ich deine Anwesenheit direkt ans schwarze Brett pinnen können."

V nickte verstehend. „Eigentlich schade, dass ich nicht alle deine Mitbewohner kennenlernen werde." Nun bemerkte Hermione den übrigen Staub und Schmutz, der noch an ihr haftete und sie richtete verlegen den Zauberstab auf die betroffenen Stellen. V ging diskret zur Wurlitzer hinüber und suchte die Liedliste ab.

„Wie bist du eigentlich mit Lola, ich meine, mit dem Bild in Streit geraten?", signalisierte sie, dass sie wieder sauber war.

„Es sind ganz andere Lieder in dieser Musikbox", stellte V leise fest und wählte zögernd einen Titel aus. Wind Of Change erklang und V schüttelte fast unmerklich den Kopf. Dann drehte er sich zu Hermione um. „Ich habe mich nur ein wenig in meiner neuen Behausung umgesehen." Er klang fast belustigt. Im Plauderton erzählte er weiter: „…aber ich habe den Raum nicht mehr gefunden. Ich glaube, ich bin den gesamten Korridor bestimmt fünf Mal auf und abgegangen, bis mich das Bild angesprochen hat."

Hermione nickte und zog die Stirn kraus, als ob sie über etwas angestrengt nachdachte.

„Dann habe ich das Bild abgenommen, um den Mechanismus dahinter zu untersuchen – aber ich habe nichts gefunden. Wie funktioniert das?", fuhr er mit offensichtlicher Neugier fort.

Hermione lächelte ihr Musterschüler-Lächeln. „Es sind magische Portraits. Ich weiß selber noch nicht genau, wie es funktioniert. Für mich war es auch faszinierend, als ich nach Hogwarts kam – und das ist es immer noch."

V ließ sich entspannt auf der Couch nieder und deutete Hermione, auf einem Sessel Platz zu nehmen.

„Wir hatten keinen guten Start gestern", sagte er sanft. Sein halber Angriff war ihm immer noch sichtlich peinlich. „Du kannst nicht wissen, was mir passiert ist und noch weniger kannst du etwas dafür. Du wolltest nur behilflich sein."

Hermione rutschte etwas auf dem Sessel herum. „Wo wir gerade von Hilfe reden, ich habe mich heute bei deinem Retter bedankt." V legte den Kopf schief und fixierte sie. Er wirkte etwas angespannt und Hermione fuhr schnell fort: „Hagrid ist todgut. Er wird nichts erzählen; er hat dich magisch geheilt, obwohl es ihm strengstens verboten ist, zu zaubern. Aber wo kein Kläger, da kein Richter." Ein Schatten legte sich auf Hermiones Gesicht. „Du musst sehr schlimm verletzt gewesen sein."

Vs Anspannung hatte bedrohlich zugenommen. Wie sollte sie ihm das erklären, was ihr heute bei Hagrid in den Sinn gekommen ist? Wie sollte sie ihm ihre Hilfe bei seiner Rückkehr anbieten? Entschlossen sah sie ihm ins Gesicht, in die schwarzen Augen und hoffentlich in seine richtigen, die hinter der Schwärze lagen: „Willst du zurück?" Es war eine rhetorische Frage, die sie sich eigentlich hätte sparen können.

Vs Schultern sanken etwas nach unten und die Maske senkte sich ebenfalls. „Mehr als alles andere."

„Ich werde dir helfen, so wie du mir geholfen hast. Aber ich muss so viel wie möglich über die Umstände wissen. Du warst also schlimm verletzt und konntest noch so eben den Felix Felicis trinken?"

V schüttelte vehement den Kopf. Hermione runzelte die Stirn und formulierte direkt die nächste Frage: „Die Phiole ist zerbrochen. Wie genau ist das passiert?"

V versteifte sich. Mit der Frage hatte er wohl nicht gerechnet. Die Maske senkte sich, als ob er nachdachte, wie oder was er antworten sollte. Dann sprach er: „Sie wurde von einer Pistolenkugel getroffen."

Diese Information sank langsam, aber umso tiefer in Hermiones Bewusstsein. Mit vor Schreck geweiteten Augen starrte sie ihn an, dann lies Trauer ihre Züge etwas erweichen. Ihr Blick lies V unbehaglich werden. So hatte ihn Evey angesehen, als er in ihrem Armen lag. Aber Evey war fort. Er konnte diesen Blick nicht ertragen und wechselte das Thema: „Wieso habe ich den Raum nicht gefunden?"

Überrascht sah Hermione ihn an und ordnete ihre Gedanken. „Ich kann es dir nicht genau sagen, ich habe eine Vermutung, dass der Raum nur von magisch begabten gefunden werden kann." Sie kaute ein paar Momente gedankenverloren auf ihrer Unterlippe. V legte seinen Zeigefinger an das Kinn seiner Maske, als ob er gerade etwas über diese schlechte Angewohnheit sagen wollte, da sprang Hermione auch schon auf. „Ein Schlüssel! Du brauchst einen magischen Schlüssel für diesen Raum. Etwas, das hier hingehört…" Ihre Augen fuhren suchend in der Galerie herum - über den Flügel, die Wurlitzer, das Sofa, über Kunstwerke und Statuen. Aber all diese Gegenstände waren für ihren Zweck zu groß. Ohne ein weiteres Wort stürmte sie in die Nische mit der kleinen Küche und riss eine Schublade nach der anderen auf. V war ihr gefolgt und betrachtete mit schief gelegtem Kopf ihr Gehabe. Dann drehte sie sich zu ihm um, und präsentierte ein Tee-Ei. „Das wird genügen", bestätigte sie freudig und berührte dieses Tee-Ei mit ihrem Zauberstab.

Ebenso enthusiastisch forderte sie V auf, ihr auf den Gang vor die Galerie zu folgen. Draußen übergab sie ihm den Tee-Ei-Schlüssel und erklärte ihm, was er zu tun hatte. Und zu ihrer großen Erleichterung klappte es. Der Raum der Wünsche öffnete sich für den Muggel V. Zum Glück, denn kaum war V in dem Raum verschwunden, schwirrte Peeves durch den Gang und stimmte einen schiefen Spottgesang an, sobald er Hermione erblickte. Als sich der Quälgeist verzogen hatte, kehrte auch Hermione zurück in die falsche Galerie.

V hatte vor einem Bild stehend auf sie gewartet; aufrecht stehend mit ineinander verschränkten Händen und mit leicht zur Seite geneigtem Kopf. Mit der genauso unerschütterlichen Ausstrahlung, wie sie ihn kennengelernt hatte. Unwillkürlich huschte ihr ein Lächeln über die Lippen.

„Was amüsiert dich, Hermione Granger?", fragte V in seiner Singsang-Stimme.

Hermione schüttelte den Kopf. „Es kam mir vor wie damals… Als ich bei dir war."

V nickte langsam zur Bestätigung. „Als ob nie tief greifende Ereignisse dazwischen gekommen wären…"

Hermiones Amusement verschwand von ihren Zügen. V hatte es in diesem einen Satz mit einer erschreckenden Wahrheit zusammengefasst. Nichts würde mehr so sein wie vorher. Die vielen lieben Menschen, die im Kampf gegen Voldemort ihr Leben gelassen hatten… Vor ihrem geistigen Auge sah sie noch einmal ihre Gesichter vorbeiziehen und hatte es gar nicht bemerkt, wie V mit vorsichtigen Schritten auf sie zu getreten war.

Als sie seine Hand auf ihrer Schulter spürte, brach sie aus ihren traurigen Erinnerungen und sah in die grinsende Maske, die so nah war. „Die Vergangenheit kann uns nur etwas tun, wenn wir es zulassen."

Hermione schluckte die Tränen weg, die in ihren Augenwinkeln piksten. „Sprichst du aus Erfahrung?"

Langsam lies V seine Hand von ihrer Schulter gleiten. „Meine Vergangenheit ist nicht der springende Punkt – ich weiß nicht, ob ich die Zukunft zum Guten oder Schlechten gewendet habe." Er wandte sich ab und ging unruhig auf den Flügel zu. Hermione beobachtete ihn. „Ich werde dir helfen, zurückzukehren. Hoffentlich habe ich morgen Abend die richtigen Informationen schon zusammen. Heute kann ich leider nichts mehr für dich tun."

V bedachte sie mit einem Blick, den sie nicht sehen, aber spüren konnte. Als wollte er sagen, dass dies ein Ding der Unmöglichkeit sei. Da kannte er Hermione schlecht; aber dennoch entließ er sie mit einem freundlichen Nicken.

Her