A/N: Hier eine sehr knappe Zusammenfassung der Götter von Faerûn:

Cyric - Böser Gott der Mörder und Diebe

Helm - Schutzpatron der Wächter und Beschützer

Kelemvor - Gott des Schicksal und Todes

Mystra - Göttin des Gewebes

Shar - Göttin der Nacht

Tymora - Göttin des Glücks

Tyr - Gott der Gerechtigkeit

Ausführlichere Informationen sind auf der englischen Wikipediaseite zu finden.


Kapitel 9: Visionen

Harry schwebte. Es war, als ob er in der Quelle lag und sich einfach vom Wasser tragen ließ. Mit einem wohligen Seufzer öffnete er seine Augen. Warmer, weißer Nebel umhüllte ihn und schmiegte sich an seinen nackten Körper. Da wurde Harry bewusst, dass er träumte und zwar einen Traum den er schon mal geträumt hatte. Bald würde sich der Nebel teilen und eine kleine Kugel aus Licht, das ständig seine Farbe änderte, würde ihn ansprechen: „Ich bin Mystra, die Göttin der Magie und du sollst mir dienen", hatte eine angenehme Frauenstimme zu ihm gesagt und ihm all sein Wissen eingepflanzt.

Jetzt teilte sich der Nebel vor ihm und die Silhouette eines Menschen zeichnete sich ab. Eine große Frau, in eine lange dunkelblaue Robe gehüllt, trat aus den weißen Schleiern heraus und blieb wenige Meter vor dem überraschten Harry stehen. Schwarzes, langes Haar fiel ihr in den Nacken und bildete einen starken Kontrast zu ihrer leuchtend, weißen Haut. Die schwarzen Augen blickten gütig aus dem markanten, aber trotzdem schönen Gesicht und ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. Die Robe war tief geschlitzt und zeigte viel von der Alabasterhaut an Armen und Beinen wenn sich die Mutter aller Magie bewegte. Das Dekolleté war großzügig und Harry war froh nur geistig anwesend zu sein.

Schamhaft wurde er sich seinem unbekleideten Zustand bewusst und auch wenn er keinen Versuch unternahm seine Blöße zu bedecken, musste sein Unbehagen erkennbar sein. Mystra zeigte ihre makellosen Zähne in einem flüchtigen Grinsen und unauffällig schob sich ein undurchsichtiger Nebelfetzen zwischen Harrys Unterleib und die Göttin. „Hallo, Harry. Verzeih mein direktes Auftreten."

Harry spürte den Drang etwas zu sagen, aber wie richtete man das Wort an eine Göttin? Eine sehr weibliche Göttin?

„Doch ich wollte dir diesmal persönlich gegenüber treten und dir zu deinem Sieg gratulieren. Dir ist es vielleicht nicht bewusst, aber du hast am heutigen Tag Großartiges vollbracht und ich bin sehr zufrieden mit dir. Zugegeben du hattest Hilfe und auch sicherlich Glück, doch wenn du aufwachst sollst du zum ersten Mal die vollen Kräfte eines Auserwählten spüren können. Du hast dich ihrer als würdig erwiesen. Aber ich warne dich, wie ich auch alle anderen meiner Kinder gewarnt habe. Ich gebe dir große Macht für eine große Aufgabe, glaube jedoch nicht, dass dich das über die Gesetze von Mensch und Göttern erhaben macht.

Auch entbindet dich diese Macht nicht von Moral und Anstand. Deshalb sei sparsam mit deiner Macht, nutze sie nie zu deinem alleinigen Vorteil und beraube die anderen Menschen nicht ihrer Verantwortung über ihr eigenes Leben entscheiden zu müssen. Ich persönlich bin dem Guten immer eine treue Weggefährtin, aber meine Aufgabe als Göttin verpflichtet mich zur Wahrung des Gleichgewichts zwischen Gut und Böse. Ich sehe jetzt die Leben der Sterblichen, ihre Helden- und Gräueltaten, mit den Augen einer Unsterblichen und mir ist schnell bewusst geworden, dass Ao weise ist in seinem Beschluss dem Bösen, wie auch dem Guten seinen Platz zu geben.

Denn wo wäre der Wert des Guten, wenn es kein Böses gibt, gegen das es aufgewogen werden kann? Tugenden können sich nur als Kontrast zur Schwäche der sterblichen Rassen entwickeln. Ehrlichkeit gegen die Lüge, Einsichtigkeit gegen Hass, Mut gegen Feigheit, Treue gegen Verrat. Das eine wird ohne das andere bedeutungslos. Also kämpfe nicht um das Böse zu besiegen, sondern um das Leid der Menschen zu verringern. Aber genug der Götterpredigt. Du musst nicht alles verstehen oder allem zustimmen was ich gesagt habe, aber irgendwann wirst du dich an meine Worte erinnern. Jetzt kehre zu deinem verdienten Schlaf zurück. Du bist gerade den ersten Schritt auf einer langen Reise gegangen, deren Ende nicht einmal die Götter kennen."


Als Harry aus seinem Schlaf aufstieg, hörte er das Prasseln des Regens und das Knistern eines Feuers. Seine Erinnerungen an die Drachen kehrten zurück und blitzartig war er hellwach. Schnell stellte er fest, dass keine Drachen in der Nähe waren und beruhigte sich wieder. Vor seinen Füßen züngelte ein kleines Lagerfeuer, das dem kalten Wind trotzte und die Ruine spärlich erleuchtete in der Harry sich befand. Es musste das Gebäude auf der Lichtung sein, von dem er bisher nur die Außenmauer gesehen hatte.

In einer Ecke des alten Hauses hatte ein Teil der Decke dem Verfall getrotzt und bot Schutz vor dem Regen. Es war nicht viel Platz, doch es reichte für die kleine Gruppe und ihre spärliche Ausrüstung. Quirin und Belgos lagen links und rechts von dem Lagerfeuer und schliefen. Quirin schnarchte ein wenig und hinter den geschlossenen Lidern von Belgos tanzten seine Augen nach dem Takt eines Traumes. Vor Harry tauchte kurz das Gesicht Mystras auf und lächelte ihn an. Harry spürte, dass er auch in der Wirklichkeit nackt war und zog die grobe Decke, mit der ihn jemand zudeckt hatte, enger an seinen Körper und sah sich weiter um.

In der Ecke erleuchtete der Feuerschein einen aufgestapelten Haufen Trümmer und an den zwei offenen Seiten des Unterschlupfes verlor sich das Licht schnell in der Dunkelheit und ließ nur die Silhouetten von ein paar Bäumen erahnen, die das voranrücken des Waldes ankündeten. In einem Durchbruch in der Mauer entdeckte Harry schließlich den Schatten eines Menschen, der an der Mauer lehnte und ihm den Rücken zuwandte. Vorsichtig, um seinen Freund und Mentor nicht zu stören, ging der Zauberer zu ihm herüber und blieb dicht hinter ihm stehen. Zusammen sahen sie still in den Regen heraus.

Es regnete heftig, ein Vorbote der Sommergewitter, die bald auf die Wälder niedergehen würden, und hin und wieder zuckte ein Blitz in der Ferne. In diesen kurzen Augenblicken der Helligkeit konnte Harry die Umrisse der Drachen erkennen, deren Kadaver draußen im Matsch lagen.

Kareths Aufmerksamkeit galt dem Drachen, der von ihm hingerichtet worden war. Der Halbdrache fühlte die Anwesenheit seines Schülers in seinem Rücken und war dem Jungen dankbar, dass er seine Ruhe nicht störte. Das war wohl ein Grund warum er Harry so mochte. Er wusste, dass es Sachen gab über die man nicht ausgefragt werden wollte und akzeptierte es, nicht alles über einen Menschen zu wissen.

Immer wieder sah Kareth die Augen der Bestie vor sich. In Moment des Tötens hatte er nichts empfunden außer abgrundtiefem Hass gegenüber seiner eigenen Natur, aber jetzt verfolgte ihn eine tiefe Unruhe, die er bisher noch nicht empfunden hatte. Er starrte in die Nacht heraus, um zu ergründen was ihn bewegte, doch sein Grübeln kam zu keinem Ergebnis.

Harry hing in der Zwischenzeit seinen eigenen Gedanken nach. Wieder einmal hatte sich seine Wahrnehmung verändert und neue Eindrücke erreichten sein Gehirn. Genau wie sein Mentor starrte er in die Dunkelheit, die für ihn nicht mehr so dunkel war. Muster schälten sich langsam aus der Dunkelheit, mal feine Linien, mal armdicke Stränge. Nach und nach sah Harry das magische Gewebe in seiner ganzen Pracht, eine unglaubliche Erfahrung, die seine Sinne auf eine ganz neue Ebene der Erfahrung brachten, denn das Muster war nicht starr, sondern es floss dahin wie Wasser.

Eine völlig andere Perspektive eröffnete sich dem Jungen und die Welt bestand nicht mehr nur aus Licht und Schatten, sondern auch aus einem mehr oder wenigem dichten Geflecht von Magie. Für Normalsterbliche mochte dies ein Wunder sein, das zwar ungeahnte Eindrücke vermittelte, doch für Harry war es weit mehr. Es war eine essentielle Fähigkeit, denn schon ein paar einfache, kleine Experimente zeigten dem Zauberer, wie sein Wille das Gewebe manipulieren konnte. Zum ersten Mal, nahm er nicht nur den Effekt wahr, den seine Zauber produzierten, sondern sah ihren Ursprung. Er konnte mit Gesten, Wörtern oder bloßen Gedanken die magische Energie falten, dehnen, biegen, verdrehen, umleiten, bündeln und zerreißen.

Während er seine neuen Empfindungen erprobte, veränderte sich auch sein Geist. Das Wissen war nicht länger ein Gast in seinem Verstand, sondern reihte sich in diesen ein und unterwarf sich seinem Willen. Wissen, das vorher sprunghaft gekommen und gegangen war, suchte sich einen festen Platz, verankert zwischen seinen Erinnerungen. Verständnis ersetzte Ahnung und aus Zufall wurde Regel. Er musste seine Grenzen nicht mehr ertasten, er sah sie jetzt klar und deutlich vor sich. Muster der Magie hatten sich in seinen Geist eingebrannt, unauslöschlich, bis an sein Lebensende, aber gleichzeitig wusste er auch, dass dieses Wissen ihm nicht unbegrenzt zu Verfügung stand.

Auf den ersten Blick ärgerlich, glaubte Harry zu verstehen, welcher Gedanke sich hinter dem Wirken seiner Göttin verbarg. Und die Limitationen, die für ihn galten, galten auch für seine Gegner. Vermutlich hatten diese sogar ein begrenzteres Repertoire an Zaubern, denn immerhin hatte Mystra durchblicken lassen, dass sie dem Guten einen gewissen Vorsprung einräumte.

Gerade als Harry anfangen wollte sein frei gesetztes Wissen genauer zu betrachten, sagte Kareth unvermittelt:

„Es begann mit meiner Großmutter. Der Drache hat an jenem Tag meine Familie zerstört. Sie überlebte die Geburt meines Vaters nicht, genauso wie meine Mutter, als ich geboren wurde. Das Austragen eines Halbdrachen ist zuviel für eine normale Frau. Es hat meinem Vater das Herz gebrochen. Ich weiß nicht genau, was mit ihm passiert ist. Ich erinnere mich nur noch an das Heim. In Atkatla, im Armenviertel. Ich hatte die ganze Zeit Hunger. Es stank. Die anderen Kinder hatten Angst vor mir. Wenn ich wütend wurde, tat ich unheimliche Dinge. Ich begriff sehr früh, dass ich anders war."

Die Stimme des Mannes war monoton und er drehte sich nicht um. Es war als würde er der Nacht sein Geheimnis anvertrauen und nicht Harry. Als der Kämpfer eine Pause machte, störte ihn Harry nicht. Der Zauberer spürte, dass sein Mentor gerade etwas sehr wichtiges erzählte, etwas, dass nur sehr wenige Menschen wussten. „Als ich ungefähr 10 Jahre alt wurde, fing ich an durch die Straßen der Stadt zu streunen, bettelte und stahl, um meinen Hunger zu stillen. Wenn ich mal einen vollen Bauch hatte, suchte ich mir einen Hinterhof und kämpfte mit einem Stück Holz gegen eingebildete Drachen. Damals war es ein unbedeutendes Spiel, ein bisschen Freiheit. Die Geschichte meiner Familie erfuhr ich erst später.

„Irgendwann, ich muss 12 oder 13 gewesen sein, fiel ich einer der Straßenbande in die Hände. Ich hatte mich in eine Kneipe geschlichen, die eine Arena hatte und den Gladiatoren zugesehen. Darüber hatte ich die Zeit vergessen und ging erst viel zu spät los. Ich hatte mich schon auf Ärger eingestellt, die Aufseherin war sehr streng, und bemerkte die Leute erst als sie vor mir standen. Ein langer Kerl mit einem Messer. Er hat mich angegrinst und im Licht der Laternen konnte ich seine verfaulten Zahnstummel sehen. „Na na, was haben wir den hier?", hat er gefeixt und seine Kumpanen haben gelacht.

„Dann schlug mich einer von hinten nieder und als ich aufwachte, lag ich in einem Käfig zusammen mit ein paar anderen Kindern. Es war eine schreckliche Zeit. Die Wärter waren Hundesöhne der übelsten Sorte und trieben ihre Späße mit uns. Natürlich hab ich versucht auszubrechen und hatte es auch geschafft einen Wächter zu überwältigen, aber dann haben die Aufpasser gedroht, die anderen Kinder zu töten. Erst habe ich gezögert und sie haben einen Jungen, ich denke keine 6 Jahre, mit einem Bolzen erschossen wie einen Straßenköter. An dem Tag hab ich Rache geschworen und Tymora, die Göttin des Glücks, war mit mir.

„Ich wurde an einen Spelunkenbesitzer verkauft, der eine illegale Arena in seinem Keller betrieb. Es war keine schöne Zeit, aber ich bekam gut zu essen und eine erste Unterweisung in der Schwertkunst. Ich musste gegen Schlicke und Riesenwürmer kämpfen, später auch gegen andere Gladiatoren. Ich hatte Spaß am kämpfen und da mein Besitzer ein gutes Geschäft mit mir machte, auch ein ruhiges Leben. Das ging so, bis ich fast ein Mann war. Ich weiß nicht, warum, aber entweder war ich zu erfolgreich und keiner setzte mehr gegen mich oder mein Besitzer sah mich plötzlich als Gefahr, jedenfalls stürmte eines Abends eine Schlägertruppe in meine Zelle.

„Ich bekomme nicht mehr genau zusammen was passierte, jedenfalls traf mich ein Armbrustbolzen in die Brust, aber Helm sei Dank nicht in das Herz oder die Lunge. Dann entlud sich meine angestaute Wut und meine zweite Natur, die ich jahrelang versteckt hatte, brach hervor. Ich glaub nicht, dass die Kerle Zeit genug hatten zu sehen voran sie starben, aber das wir mir ziemlich gleich. Ich hab mich nach draußen durchgeschlagen und bin schließlich wieder auf der Straße gelandet. Nachdem ich ein paar Tage ziellos durch die Stadt geirrt war, das Waisenhaus aus meiner Kindheit war verschwunden, schloss ich mich einer Gruppe Drachentöter an.

„Nicht das mich die Aufgabe sonderlich gereizt hätte, aber die Bezahlung war gut, ich bekam die Ausrüstung gestellt und ich wollte nicht zurück in die Arena. Sicher, der erste richtige Drache den meine Gruppe traf, ein Grüner, schlachtete uns ab. Die anderen aus meiner Truppe waren Draufgänger und Möchtegernhelden gewesen, die genauso viel von der Drachenjagd wussten wie ich, nur das ich zu naiv und unerfahren war, um ihr Gerede zu durchschauen und das zu erkennen. Aber sei es drum. Als Neuling hatte ich die ehrenvolle Aufgabe als erster in die Höhle zu stürmen. Leider war der Drache grad auf Jagd gewesen und überfiel uns von hinten. Künstlerpech.

„Der Drache brauchte einen Angriff mit seinem Säureatem und meine Kameraden waren dahin. Dann geschah etwas Seltsames. Der Drache hat sich freundlich bei mir bedankt und lies mich ziehen. Einfach so. Danach hab …". Kareths Erzählung wurde von einem lauten Grummeln aus Harrys Magen unterbrochen. Der Halbdrache drehte sich um und lächelte Harry ein wenig gekünstelt an. „Oh, verzeih mir, ich hätte nicht so viel reden sollen." Harry wollte abwehren und etwas sagen, doch Kareth kam ihm zuvor.

„Gedulde dich ein paar Minuten und ich zaubere dir etwas Feines. Eine Delikatesse, wie du sie noch nie gegessen hast", versprach der Mann und sein Grinsen wurde echt. Bevor Harry irgendwelche Einwände erheben konnte, machte sich Kareth enthusiastisch daran Kochutensilien hervorzukramen. Harry schüttelte denn Kopf, schluckte seine Einwände runter und schweifte in Gedanken durch seinen Geist, während Kareth in seinem Rücken werkelte. Bratenduft machte sich kurz darauf in dem Unterschlupf breit und Harrys Magen grummelte immer stärker.

„Es ist angerichtet", verkündete der Halbdrache schließlich und Harry drehte sich um. Quirin und Belgos schliefen immer noch, auch wenn sie unbewusst den Bratenduft einsogen und ihnen das Wasser ihm Mund zusammenlief. Harry, immer noch eng in seine Decke gehüllt, ließ sich am Feuer nieder und nahm den Holzteller von seinem Mentor entgegen. Ein rundlicher, unförmiger Klumpen leicht angebratenen Fleisches lag darauf. Die Soße bildete der eigene Bratensanft und garniert war das Gericht mit ein paar Kräutern, die Kareth immer bei sich zu tragen schien.

Mit einem Dolch und seiner geheilten Hand bewaffnet, begann Harry das Fleisch herunter zu schlingen. Beim Anblick des Bratens hatte er richtig Appetit bekommen und das Fleisch war zwar ungewöhnlich im Geschmack, aber köstlich. Im Gegenüber saß Kareth und grinste ihn an. Er schien auf etwas zu warten. „Das ist vorzüglich, Kareth", lobte Harry zwischen zwei Bissen und der Koch nickte wissend. Dann kam die Frage aller Fragen und das Grinsen des Halbdrachen schien so groß zu werden, dass es unmöglich noch in sein Gesicht passen konnte. Harry fragte schmatzend, „Was ist das für ein Fleisch?".

Kareth ließ sich Zeit zum Antworten und sah zu wie sein Schüler genüsslich auf einem Bissen rumkaute, schluckte und sofort ein neues Stück nachschob. „Drachenhoden", sagte er schließlich und ergötzte sich an der Reaktion Harrys. Dessen Kaubewegungen waren mit einem Mal gar nicht mehr so enthusiastisch, sondern machten einen sehr gezwungenen Eindruck. Schließlich schluckte er den Bissen, aber kein weiterer folgte. Der Appetit war ihm vergangen. Eine Zeit lang starrte Harry einfach nur auf seinen Teller, auf dem noch die Hälfte des Bratens lag.

Behutsam stellte der Hexenmeister den Teller dann beiseite und hielt sich den Magen. „Ich glaub, mir ist schlecht", stöhnte Harry, dessen Gesicht im Feuerschein reichlich blass wirkte. Vorsichtig erhob Harry sich und ging nach draußen. In dem Moment erwachte Quirin, geweckt von dem Lachen Kareths, und nachdem er sich gestreckt hatte, entdeckte er den Teller neben sich. Heißhungrig stürzte er sich auf das von Harry verschmähte Fleisch. „Hm, Dracheneier. Einfach göttlich", seufzte der Heiler laut genug, dass Harry ihn noch hören könnte. Aus Harrys Richtung ertönte ein Platschen.

Belgos erhob sich, als Quirin und Kareth lautstark anfingen darüber zu diskutieren, die Eier welcher Drachenart am besten schmeckten, und schnupperte in der Luft. „Da kräuseln sich ja die manikürten Fußnägel einer elenden Elfin, rieche ich da etwa Drachenklöten?" „Ganz Recht, mein Freund. Rote Drachenklöten, die besten die es gibt." Ohne zu zögern, griff der Drow zu und begann zu essen. Nach einigen Bissen, sagte er, „Lecker. Schön scharf, aber es fehlt das Prickelnde von einem Schwarzen." „Schon möglich, du Abklatsch eines Drow, aber selbst du Banause müsstest einsehen, dass die salzige Note von Blauen, sie dem Roten, die unser Freund so anpreist, weit überlegen macht", versuchte Quirin auf seinen Partner einzuwirken.

Die Diskussion unter den drei Feinschmeckern entbrannte erneut, unterbrochen von gutmütigem Lachen, wenn von draußen Würggeräusche herein getragen wurden. Harry schloss sich der Runde erst wieder an, als die Diskussion verlief und Kareth ihn zurückrief. Das Angebot noch ein Stück Drachenlende zu braten, lehnte der Junge rigoros ab und war denn Rest des Abends leise. Nachdem sich die Abenteurer über die zurückliegenden Ereignisse, die zu ihrem Zusammentreffen geführt hatten, unterhalten hatten, fragte Kareth, „Wie kommt es eigentlich, dass ein Drow und ein Mensch, zusammen durch die Ruinen von Myth Drannor streifen und, wie sagtet ihr noch gleich, ‚Gegenstände mit einem gewissem Wert bergen'?"

Belgos räusperte sich etwas pikiert. „Halbdrow, wenn ich bitten darf." Kareth legte eine Hand aufs Herz und neigte den Oberkörper als Zeichen der Entschuldigung nach vorne. „Schon gut", erwiderte Belgos und machte eine wegwerfende Handbewegung, „Ich habe schon weit schlimmere Beleidigungen gehört als Drow, wobei diese, zusammen mit Dämon, zu den Häufigsten gehört, die ich höre und beide sind nicht wirklich falsch. Immerhin", Belgos hob seine Hand die plötzlich von dunkelvioletter Energie eingehüllt wurde und auch durch die schwarze Haut des Arms schimmerte die Energie, „fließ das Blut von beiden Rassen durch meine Adern."

„Natürlich", seufzte der Halbdrache, „ein Warlock. So sieht also ein Eldritchschlag aus. Bisher habe ich immer nur in Geschichten davon gehört." „Was ist ein Warlock?", meldete sich Harry. Kareth setzte an zu Antworten, aber Belgos signalisierte ihm, dass er sprechen wollte. „Warlocks wie ich, sind das Ergebnis eines Paktes zwischen Humanoiden und Dämonen aus anderen Ebenen. In meinem Blut bleibt der Fluch meiner Familie erhalten. Einer meiner Vorfahren hat seine Seele gegen magische Fähigkeiten eingetauscht und seit meiner Geburt muss ich die Ausgrenzung von allen aus doppelter Sicht hinnehmen. Weder Drow noch Leute im Bund mit Dämonen sind auf der Oberwelt gerne gesehen. Deshalb sind wir hier draußen, weit weg von allen Siedlungen."

„Das ist einleuchtend, aber das erklärt nicht wie ihr beiden zusammengekommen seid", hakte der Halbdrache nach. „Ach die Geschichte ist schnell erzählt. Es war in einer dunklen Nacht, Shar hatte alle Sterne ausgelöscht und Cyrics düstere Gesellen streiften um die Häuser", begann Belgos und senkte seine Stimme zu einem geheimnisvollen Flüstern. Quirin verzog das Gesicht, doch Belgos bemerkte es nicht und fuhr ungerührt fort. „Ich war auf einer gefährlichen Mission in Lyrabar, der Hauptstadt von Impiltur, ein nettes Land nicht allzu weit in diese Richtung." Der Halbdrow wies nach Südosten.

„Zu der Zeit wurde die Stadt von einem Vampir tyrannisiert und ich stellte Nachforschungen an. Einer der mächtigsten Händler verhielt sich auffällig. Er empfing seine Partner nur noch im Keller seines Hauses, er verließ sein Anwesen nicht mehr und nachts versammelten sich die Fledermäuse um sein Haus. Mir war klar, dass ich handeln musste, also kämpfte ich mich durch die Wachen, drang in das Gemach des Mannes ein und da stand er vor mir. Er war grad aus seinem Sarg geklettert, die Haut Weiß wie bei einer Leiche, lange Eckzähne und krallenbewehrte Hände. Seine violetten Augen sahen mich erschrocken an und er versuchte meinen Willen zu unterwerfen, doch ich schüttelte seinen lächerlichen Versuch einfach ab." Mittlerweile hatte sich der Abenteurer erhoben und untermalte seine Erzählung mit dramatischen Gesten, während Quirin nur noch den Kopf schüttelte.

„Da bot er mir Gold und Edelsteine an, wenn ich ihn am Leben lassen würde, doch ich blieb standhaft. Darauf stürzte er sich mit einem verzweifelten Schrei auf mich und versuchte mich mit seinen Klauen zu zerreißen. Wild bis er um sich, aber ich konnte nur lachen. Er war kein Gegner für mich. Spielerisch zerschlug ich ihm Beine und Arme und er wand sich vor mir auf dem Boden und flehte um Gnade. Gerade wollte ich diesem Ungeheuer denn Gar ausmachen, als der Heilige hereinstürmte. Er hatte dieselbe Idee gehabt wie ich, nur war er zu spät gekommen. Obwohl er sah, dass ich der sichere Sieger war, rief er ‚Für Tyr' und tötete denn schon besiegten Feind. Danach hatte er auch noch die Frechheit sich die Heldentat anzumaßen und seit dem begleitet er mich, um die Schande wieder gut zu machen", schloss Belgos und warf sich in Pose, die einen geübten Schauspieler verriet.

Gestört wurde der Eindruck von dem lachenden Quirin, der wild in die Hände klatschte. „Eine schöne Geschichte, du Schatten eines Helden", feixte der Tyrgläubige, „Nur Schade das es sich ein wenig anders zugetragen hat, nicht wahr?" Belgos sah auf seinen Gefährten mit gespieltem Entsetzen herab. „Wie kannst du an dieser umwerfenden Geschichte zweifeln, du Dilettant?", fragte der Halbdrow empört. „Ich war dabei, wie du dich vielleicht erinnerst, und es ist nicht nett anderen Leuten einen Bären aufzubinden", erklärte der Heiler und grummelnd lies sich der Gescholtene wieder am Feuer nieder, während Quirin sich Harry und Kareth zuwandte.

„Es gab tatsächlich einen Vampir in der besagten Stadt, aber wovon unser Freund hier gehört hatte, war von dem großen Smaragd, der sich im Besitz eines reichen Händlers befand. Unser Held beschloss den Stein an einen besseren Besitzer zu überführen, also jemanden, der ihn für die Überführung königlich belohnte. Nachdem er sich an den Wachen vorbei geschlichen hatte und gerade den Edelstein an sich nehmen wollte, überraschte ihn der wütende Hausherr. Belgos wurde wie eine Puppe durch den Raum geschleudert als ich ankam. Zusammen mit meiner göttlicher Magie und seinen dämonischen Fähigkeiten konnten wir den Vampir schließlich vernichten. Belgos war danach in keinem guten Zustand und ich versprach ihm Heilung, wenn er von nun an sein Diebeswerkzeug zurücklassen würde. Er erklärte sich einverstanden und seit dem sind wir im Bergungsgeschäft tätig", stellte der Dolchtaler richtig.

„Meine Geschichte war besser", murmelte Belgos gespielt verdrießlich und Harry und Kareth stimmten in das Lachen von Quirin ein. Nun war es an Kareth und Harry ihre Geschichten zu erzählen, was sie auch in aller Kürze taten. Dann legte man sich schlafen, nur Harry bot sich als erste Wache an. Er war nicht müde und wollte noch weiter seine neuen Fähigkeiten erkunden. Etwas besonders Interessantes entdeckte er kurz vor Sonnenaufgang. Er konnte silbernes Feuer hervorrufen, das seinen ganzen Körper einhüllte. Nach und nach fand er nützliche Eigenschaften der Erscheinung heraus, die sich nicht mit Feuer in Einklang bringen ließen. Zwar hielt es ihn warm und wenn er es dazu zwang, konnte er es verschießen und den Boden verbrennen, aber die anderen Eigenschaften kamen sehr überraschend.

Zum einen konnte er mit den silber-weißen Flammen das Gewebe in seiner Umgebung wieder herstellen, was er nutzte, um ihre Zuflucht herum eine Insel normaler Magie in der Zone wilder Magie zu formen. Des Weiteren konnten ihn die Flammen nähren und sein Körper verlangte weder nach Nahrung noch nach Flüssigkeit. Obendrein konnten ihm die Flammen des Feuers nichts mehr anhaben und seine Gedanken wurden wie durch eine Wand geschützt. Insgesamt ein sehr nützliches Werkzeug, das Harry bis in den Morgen herein beschäftigte.

Kareth erwachte mit den ersten Sonnenstrahlen, die in ihren Unterschlupf reichten und fand Harry genau an dem Platz wo er den gestrigen Abend verbracht hatte. „Guten Morgen. Warst du die ganze Zeit wach?", fragte der Mentor seinen Schüler, der überrascht aufschreckte. Harry musste mehrmals blinzeln bevor er wieder klar sehen konnte und nickte dann, noch immer halb in sich selbst versunken. „Bist du nicht müde?", wunderte sich der Halbdrache, der Aufstand, um eine Mauer herumging und sich erleichterte.

„Nein", murmelte Harry und erschuf mit einer lässigen Bewegung aus dem Handgelenk ein Frühstück für drei Personen. „Mystra hat mich im Traum besucht und mir meine gesamten Kräfte als Auserwählter gewährt", erwähnte Harry beiläufig als sein Mentor wieder auftauchte, „Ich muss nicht mehr schlafen oder essen." Der Junge lies die silbernen Flammen erscheinen. „Ich hab jetzt das hier", sagte Harry ein wenig kühl. Kareth sah von seinem Teller auf und warf seinem Schüler einen musternden Blick zu. Er verschluckte sich fast als er die silber-weißen Flammen sah und er sah den Zauberer mit offenem Mund an.

Nach dem er sich wieder unter Kontrolle hatte, fragte Kareth, „Solltest du nicht ein wenig mehr … begeistert sein? Immerhin gibt es keine zwei Handvoll Menschen, die über diese Gabe verfügen." „Schon möglich", erwiderte Harry, der sich immer noch mehr mit sich selbst beschäftigte, als mit seiner Umgebung. Kareth schüttelte den Kopf und aß weiter. Leute, die mit Mystra zu tun hatten, schienen ihre Fähigkeit sich zu wundern einzubüßen, dachte er bei sich und fand sich damit ab.

Dabei hatte Harry keineswegs diese Fähigkeit eingebüßt, vielmehr das Gegenteil war der Fall. Seine neuen Fähigkeiten erstaunten ihn in einem solchen Maß, dass er sich nicht wundern konnte. Er litt an einem Schock und das Wundern wurde von seinem Geist künstlich hinausgezögert, damit es ihn nicht überwältigte. Je mehr Zeit er bekam, sich an diese Geschenke der Mutter aller Magie zu gewöhnen, desto sanfter würde der Schock ihn treffen.

Schließlich regten sich auch Quirin und Belgos und Harry verließ den Unterschlupf durch den Durchbruch. Der Morgen war kühl und nur selten brach die Sonne durch die lockere Wolkendecke. Das Gras war feucht von Regen und Tau, die Luft frisch und nur noch die Kadaver der Drachen wiesen auf den Kampf von gestern hin. Der Auserwählte nahm diese Eindrücke der Wirklichkeit nicht wirklich war, ihn interessierte das Gewebe und dessen Struktur vielmehr. Bedächtig schritt er über die große Lichtung und betrachtete mal hier und mal da Stellen der Magie genauer. Nach und nach konnte er nachvollziehen wie sich die Magie in diesem Gebiet verhielt und die Ereignisse während des Kampfes ergaben mehr und mehr einen Sinn.

Er hatte nicht aus dem Bereich teleportieren können, da die Magie in den Ruinen in sich gebogen war. Jeder Versuch sich magisch aus dem Einfluss der wilden Magie zu entfernen führte dazu, das die Magie an ihren Ursprung zurückkehrte, also man an dem Ort landete an dem man sich befand. Das Zaubersprüche mal funktioniert hatten und mal nicht, lag an der Dichte des Gewebes, die nicht nur von Ort zu Ort unterschiedlich war, sondern auch von Zeit zu Zeit. Die wilde Magie war in ständiger Bewegung und deshalb so unberechenbar. War gerade ein besonders dichter Teil des Gewebes um den Wirker konnte ein Spruch leicht stärker werden als sonst, vorausgesetzt das Gewebe ließ sich zu dem Muster formen, das gewünscht wurde und nicht selbstständig in ein anderes überging, was einen gänzlich anderen Effekt haben könnte.

„Hey, Harry!", rief Kareth und unterbrach die Überlegungen seines Schülers, „Harry!" „Ja?", rief Harry von der anderen Seite der Lichtung zurück, „Was ist?" „Wir wollen jetzt die Drachen ausschlachten! Komm her!" Langsam trottete Harry zurück, vorbei an den Kadavern und schlang seine Decke enger um sich, als er sich vorstellte wie die Männer die Bestien ausschlachten würden. Gott sei Dank stellte sein beschäftigter Geist nicht die Verbindung zwischen seinem letzen Abendessen und dem Umstand her, dass zwei der Drachen auf der Seite lagen.

Als Harry sich dem Unterschlupf nährte, fragte ihn Quirin, „Hey, Harry, wie weit hast du das Gewebe wieder hergestellt? Es wäre unglaublich praktisch wenn wir Magie benutzen könnten, um das Leder zu bearbeiten." Harry betrachtete das Gewebe und deutete dann auf einen Punkt ungefähr zwei Mannslängen von der Mauer entfernt. „Bis da und doppelt soweit wie von da zur Mauer in die anderen Richtungen", antwortete Harry. „Fantastisch. Habt ihr gehört?", fragte Quirin die anderen Abenteurer, die gerade aus der Ruine kamen. „Ja, ja", erwiderte Kareth, der sich seiner Kleidung bis auf die Hose entledigt hatte und sonst nur seinen Langdolch und die beiden Krummsäbel bei sich trug.

„Harry", wandte der Halbdrache sich an seinen Schüler, „Ich ziehe den Viechern jetzt die Haut ab, Quirin kümmert sich um die Innereien und das Fleisch und unser dunkelhäutiger Freund beschäftigt sich mit den Knochen. Du holst am besten ein paar gerade, lange Äste aus dem Wald, damit wir nachher Rahmen haben, auf die wir das Drachenleder spannen können und such dir auch einen neuen Stab, damit du trainieren kannst, während wir beschäftigt sind." Harry nickte und setzte sich Richtung Wald in Bewegung, froh dem Ausschlachten nicht beiwohnen zu müssen.

Derweil tauschten Belgos und Quirin fragende Blicke. Wortlos kamen sie zu einer Übereinkunft. „Warte, Harry!", rief Quirin dem Jungen hinterher. Der Zauberer blieb überrascht stehen und drehte sich um und auch Kareth fuhr verwundert herum. Der Heiler winkte Harry heran und verschwand dann kurz in ihrer provisorischen Unterkunft. Als er wieder herauskam, trug er einen kleinen Beutel bei sich. Während Harry wieder näher kam, langte der Mann in den Sack und erstaunlicher Weise verschwand sein gesamter Arm darin, ohne das sich eine Ausbeulung in dem Stoff bemerkbar machte. Nachdem er ein paar Sekunden gefischt hatte, begann Quirin einen schlanken Stab hervorzuzaubern, der am Ende sich als genauso lang erwies wie Harry.

„Hier", sagte der Mann und warf Harry den Stab zu. Das Holz war glatt poliert und kerzengerade. Die Enden des Stabes waren mit Eisen verstärkt und Leder war um den Griffbereich gewickelt. Reflexartig fing Harry die Waffe auf und dabei rutschte ihm die Decke von den Schultern. Sofort wehte ihm ein kühler Wind zwischen den Beinen hindurch und die Röte schoss ihm ins Gesicht. Die drei Männer grinsten und Kareth sagte taktvoll wie immer, „Kein Grund rot zu werden. Wir sind schließlich unter uns. Wobei, man hört immer wieder von Sirenen, die sich rum treiben sollen." Darauf lachten Quirin und Belgos kurz, bevor ihr Lachen zu einem Räuspern verkam.

Harry sammelte eine wenig fahrig die Decke wieder auf und bedeckte seine Blöße. Quirin verschwand wieder in der Ruine und kam mit einer Leinenhose wieder heraus. „Hier, die sollte dir passen. Aber geh vorsichtig damit um, dass ist meine letzte Reservehose." Rasch verschwand Harry hinter der Mauer und zog sich um. Nachdem er sich von Quirin den Dolch geliehen hatte und ein Stück Decke zum Gürtel umfunktioniert hatte, saß die Hose und Belgos verlangte nach einer Demonstration mit dem Kampfstab. Immer noch leicht rot im Gesicht, nahm Harry die Waffe wieder auf und strich den Schaft entlang. Dann ließ er probeweise den Stab schwingen und stellte rasch fest, dass dies keine normale Waffe war.

Es schien ein ähnlicher Zauber auf ihr zu liegen, wie auf dem Silberschwert, das Kareth ihm gegeben hatte. Vorsichtig ließ er die Waffe einmal kreisen und sofort verschwamm das Holz und nahm aus eigenem Antrieb Geschwindigkeit auf. Der Stab lag gut in seiner Hand und Harry ließ die Waffe durch die Luft zischen. Dann versuchte er sie zwischen beiden Händen wirbeln zu lassen und nachdem er sich wieder an das Eigenleben des Gegenstandes gewöhnt hatte, gelang ihm dies auch ganz gut. Langsam erhöhte er die Geschwindigkeit und wurde schneller und schneller. Angestachelt von seinem Erfolg wagte Harry sich an gewagtere Sachen als das einfache kreisen lassen vor dem Körper.

Er nahm eine offensivere Haltung ein, das eine Bein vorgebeugt, das andere nach hinten durchgestreckt, den Stab an seiner Seite wirbelnd. Beim Versuch die Seite zu wechseln und dabei einen Schritt nach vorne zu gehen, machte es BATZ. Harrys Nase verwandelte sich in eine Wolke aus Blut und vor Schreck taumelte der Junge zurück. Belgos und Kareth platze vor Lachen, während Quirin sich grinsend der Sache annahm. Der Schaden war mit einem Heilzauber repariert und lachend machten sich die Männer an die Arbeit, während ein bedröpelter Harry mit kameradschaftlichen Klapsen auf die Schultern in den Wald geschickt wurde.

Als Harry nach einer guten Stunde wieder mit den gewünschten Hölzern auftauchte, saß Belgos, mit ein paar großen Knochen neben sich, mit dem Rücken an die Mauer gelehnt in der Sonne und befreite das Gebein pfeifend von Geweberesten. Kareth zerlegte gerade den gehäuteten Drachen, der dem Flammenstrahl von Quirin zum Opfer gefallen war, während dieser im geöffneten Magen der Kreatur stand und Innereien nach draußen schaufelte. Angeekelt sah Harry zu dem Halbdrow herunter und fragte ihn, „Wozu brauchen wir das ekelhafte Zeug überhaupt?" „Hm?", machte der überraschte Mann und sah überrascht zu dem Jungen auf, den er anscheinend bisher gar nicht bemerkt hatte.

„Was wollt ihr mit den Innereien?", fragte Harry noch mal und der Dunkelelf zeigte seine weißen Zähne in einem Grinsen. „Oh, für vieles. Aus dem Darm kann man Fäden machen, die wir nachher zum nähen brauchen. Die Draconis Fundamentum könnte nützlich sein, wenn wir uns beeilen." Bevor Harry fragen konnte was sein Gegenüber meint, erscholl aus Richtung der Drachen ein Schmerzeslaut. „Bei Tyr, so eine Scheiße!", fluchte Quirin außer sich. „Was hat der Heilige jetzt schon wieder für eine Blödheit gemacht? Sag nicht er hat die Fundamentum angefasst!", rief Belgos rüber. Kareth zuckte nur mit den Schultern und nahm sich dann des Verletzen an.

„Idiot", murmelte der Drow, „Das Fundamentum hat bestimmt noch die Hitze von mehreren Lagerfeuern, das müsste er doch wissen." „Was ist eine Draconis Fundamentum?", fragte Harry nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass bei Quirin und Kareth alles wieder in Ordnung war. „So nennen Drachenjäger das Organ von Drachen mit dem sie alles verdauen und die Energie für ihre Odemwaffen produzieren. Da die roten Drachen das heißeste Feuer speien, das es auf Faerûn gibt, kannst du die vorstellen welche Hitze darin herrschen muss, auch wenn diese Drachen noch lange nicht ausgewachsen waren. Neben dem Darm und dem Fundamentum können wir noch die Nieren gebrauchen", ein böses Grinsen tauchte auf dem schwarzen Gesicht auf und die Platinfarbenen Augen funkelten schadenfroh, „Drachennierchen sind fast so köstlich wie Drachenhoden."

Harry konnte darüber gar nicht lachen, schulterte seine neue Waffe und verzog sich wieder in den Wald, verfolgt von dem gutmütigen Lachen Belgos.


Nach drei Tagen harter Arbeit und handwerklichem Geschick hatten die drei Männer und Harry ansehnliche Arbeit geleistet und von den Drachen war nichts mehr zu sehen. Nahezu jedes Stück Haut war zu einem Kleidungs- oder Rüstungsteil verarbeitet worden. Das weiche Leder der Flügel und die nicht ganz so harte Haut der Unterseite der Drachen war zu Unterkleidern aus Hose und Hemd verarbeitet worden und dienten als Gelenkstellen zwischen den starren Teilen der Rüstungen. Diese bestanden aus Schuhen, Beinschienen, Brustpanzer, Armschienen und Handschuhen. Darüber trugen die Gerüsteten bodenlange Mäntel aus Drachenleder und am Ende war sogar noch genug Material übrig geblieben um Quirin einen Schild zu bauen.

Alle Teile waren natürlich maßgeschneidert und behinderten ihre Träger kaum bei ihren Bewegungen. Deshalb waren bei Harry und Quirin die Brustpanzer kleiner und die Handschuhe aus sehr dünnem Leder, damit sie weiterhin die komplizierten Gesten der Zauber ausführen konnten. Belgos hatte die Fingerkuppen an seiner linken Hand entfernt damit seine Dämonenenergie weiterhin ungehindert hinausströmen konnte. Außerdem glänzte seine Rüstung schwarz, statt des schimmernden Rots, dass die anderen zur Schau trugen. Wie es sich herausgestellt hatte, hatte das göttliche Feuer die Haut des Drachen nicht ganz verbrennen können, sondern sie nur versenkt. Tödlich für den Drachen war vor allem der gewaltige Aufprall der Feuersäule gewesen, nicht deren Hitze.

Die Teile von Kareths Rüstung wurden von den leicht elastischen Sehnen der Drachen zusammengehalten und hatten am Rücken zwei Einschnitte. Sollte er seine Drachenform annehmen, würde so seine Rüstung nicht zerreißen, dass hoffte er jedenfalls. Letzte Hand an die Ausrüstung hatte Harry gelegt. Mit dem Wissen von Mystra hatte er die Teile mit Magie versehen, zum Beispiel das der Träger die Temperatur innerhalb der Rüstung durch seinen Willen regeln konnte und auf Kommando sich die Rüstung selbst ablegte.

Den endgültigen Schliff hatte in mühsamer Kleinstarbeit Quirin den Rüstungen verpasst in dem er aus dem bräunlichen Leder der Drachenunterseite die Symbole der Gottheiten geschnitten und aufgenäht hatte. Das bedeutete, dass er für jeden Stich die Schuppen beiseite schieben musste und dann die Nadel aus Drachenknochen mit einem Stein als Hammer durch die Haut treiben musste und der Dolchtaler war Perfektionist, der sehr viele Stiche verwendete. Am Ende prangte der Kriegshammer und die Waagschalen Tyrs auf dem Schild, der Handschuh Helms auf der Brustplatte, die sieben Sterne Mystras auf Harrys Mantel und ein kleiner asymmetrisch geformter Stern auf dem linken Handschuh von Belgos.

Als Harry nach der Bedeutung fragte, winkte Belgos ab und erwiderte knapp, „Ein anderes mal".

Während Quirin, Kareth und am Ende auch Harry mit der Haut der Drachen beschäftigt gewesen war, hatte Belgos ein ansehnliches Repertoire an Waffen aus den Knochen und Krallen der Drachen gefertigt. Die Knochen waren in Griffe und passende Scheiden verwandelt worden, während die rasiermesserscharfen Krallen wie gebogene Klingen funktionierten. Die Waffen muteten ein wenig merkwürdig an, da ihre scharfe Seite am Ende nach außen gebogen war und nicht in der klassischen Abrundung von Schnittwaffen. Harry bezweifelte, dass er mit diesen exotischen Klingen umgehen konnte und äußerte seine Bedenken. Quirin klopfte ihm auf den Rücken und erwiderte kryptisch, „Darauf kommt es nicht an. Du wirst irgendwann trotzdem froh sein, sie zu besitzen."

Jedenfalls besaß jetzt jeder in der Gruppe zwei Wurfdolche an jedem Unterarm, ein Langdolch in jedem Schuhschaft und noch einen Langdolch am Gürtel. Belgos trug zusätzlich 12 weitere Wurfdolche am Gürtel und Kareth hatte noch einen weiteren Langdolch an seinem Gürtel verstaut. Harry musste zugestehen das seine Begleiter ganze Arbeit geleistet hatten und aus den wenigen Ressourcen die sie zur Verfügung hatten, unglaublich viel gemacht hatten.

So gerüstet machte sich die Gruppe auf den Weg die Hütte von Kareth und Harry zu erreichen. Als die Sonne hinter dem Horizont versank erreichten sie den Fuß der Klippe, wo sie verwesende Leichen mehrer Orks fanden, die von Kareth fliegen geschickt worden waren. Eine schnelle Untersuchung ergab nichts neues, also wurden die Kadaver nicht weiter beachtet. Harry verteilte dann Flugzauber und mit wehenden Umhängen ging es Richtung Himmel. Zu Harrys Erleichterung stand das Haus noch und wartete einladen auf sie. Auch im Inneren war alles noch an seinem Platz, was Harry ebenfalls beruhigte. Er hatte befürchtet, jemand hätte die kostbaren Bücher von Elminster gestohlen, aber sie lagen noch genau dort, wo er sie zurückgelassen hatte.

Nur ein Pergament auf dem Tisch war fehl am Platz und Kareth las es auf und überflog das Papier. „Es ist eine Nachricht von Elminster. Er schreibt, dass in deiner Welt alles in Ordnung ist und wünscht uns viel Spaß bei unserem Ausflug. Die Orkleichen hat er entfernt, die würden die Umgebung verschandeln", sagte Kareth mit einem Lächeln zu Harry. Dann wurde sein Gesicht ernst. „Er weist uns an so schnell wie möglich nach Suzail zu reisen. Hier steht: ‚Mystra hat mir gesagt, der Junge ist bereit für neue Herausforderungen. Dort soll er sie finden. Eilt euch, die Zeit der Schlacht rückt näher'. Das gefällt mir gar nicht."

Harry, der seit der Vision von Mystra weder geschlafen noch gegessen hatte, streckte sich und gähnte. Auf sein Kommando löste sich die Rüstung von seinem Körper. „Für mich ist so schnell wie möglich morgen früh. Gute Nacht", mit diesen Worten fiel er auf sein Bett und war am Schnarchen.

„Klasse", stöhnte Belgos und hielt sich den Magen, „und wer zaubert jetzt das Abendessen herbei?"