Gibbs Sicht
Dieser Dreckskerl... Er war sogar noch gerissener als wir gedacht hatten und das bereitete mir große Sorgen. Wenn er sogar so gut war, um die Sicherheitssysteme der Navy zu überlisten, wo war Jen dann überhaupt noch sicher? Außerdem, und das sah man ihr deutlich an, war sie psychisch am Ende. Wer konnte es ihr verdenken? Auch ich verließ nun das Büro und ging zu Jen. Sie sah sogar noch schlimmer aus als damals in ihrer Wohnung. Sie war blass und zitterte. Ihrer angespannten Haltung nach, versuchte sie es zu unterdrücken, doch man konnte ganz klar sehen, dass sie unter Schock stand. Doch dann kam mir der zweite Gedanke: Konnte es auch am Tumor liegen?

Darüber hinaus stellte sich nun die Frage wo sie hin sollte. In einer anderen Situation hätte man jemanden in ihrer Verfassung nach Hause geschickt, doch ihr Haus musste erst noch neu renoviert werden. Des Weiteren wäre sie dort alleine nicht sicher. DiNozzo ging nochmals ins Büro, um ein paar letzte Fotos zu machen. McGee ging zu Abby und Ziva, um zu sehen ob er etwas helfen konnte. Also ging ich zu Jen. "Willst du einen Kaffee?" Sie deutete auf den Becher der neben ihrem Büro am Boden lag. "Mir ist die Lust auf Kaffee deutlich vergangen."

Seit Jens Büro verwüstet worden war, waren nun schon zwei Wochen vergangen. Diese hatten sich sehr lange hingezogen, denn der Mörder hatte uns in eine Sackgasse geführt. Außerdem schien Jen in den letzten Tagen nicht nur in sich gekehrt, sondern richtig apathisch zu sein. Vielleicht würde die Besprechung in Ottawa sie ein wenig auf andere Gedanken bringen. In drei Tagen ging der Flug, aber wir hatten noch nicht entschieden, wer von uns mit fliegen würde. Niemand riss sich um den Job. Bürokratische Angelegenheiten waren nicht unser Ding und viel mehr als Warten, während sie bei der Sitzung war, konnte man nicht. Doch Jens Zustand ließ mir einfach keine Ruhe und da ich wusste, dass ich mir während dieser Tage sowieso nur Sorgen machen würde, meldete ich mich freiwillig.

Seit gut einer Stunde saßen wir im Flugzeug Richtung Ottawa. Jen hatte noch kein einziges Wort gesprochen. "Weißt du eigentlich überhaupt noch wie man redet?" Sie zuckte zusammen. "Tut mir Leid, was hast du gesagt?" Ich seufzte. "Wie lange willst du noch weiter machen? Du arbeitest gut, aber alles andere... Du isst nur wenn man dich zwingt und kannst nur schlafen wenn du Tabletten nimmst." Sie öffnete den Mund als wolle sie etwas erwidern, lies es dann aber doch bleiben.

Am Flughafen war ein riesen Menschenauflauf, aber für diese Jahreszeit war das ja normal. Dafür, dass so ein Gedränge herrschte war unser Gepäck schnell aufgetrieben. Auch unser Mietwagen stand wie verabredet bereit. Doch kaum waren wir eingestiegen klingelte auch schon Jens Handy. "Shepard?" Sie hörte einen Moment zu. "In Ordnung, wir sind sowieso schon hier." Als sie aufgelegt hatte sah ich sie fragend an. "Die Sitzung wurde um eine Stunde vor verschoben. Anscheinend gab es doch mehr Traktanden als sie dachten." "Und wann fängt die Sitzung jetzt an?" Sie sah auf die Uhr. "In einer viertel Stunde."

Da wir keine Zeit mehr hatten, um ins Hotel zu fahren und unsere Zimmer zu beziehen, fuhren wir direkt zu dem Gebäude in dem die Sitzungen stattfanden. Hier war meine Anwesenheit eigentlich überflüssig. Vor und im Gebäude waren Sicherheitsleute positioniert. Ich wollte aber ganz in der Nähe bleiben. Langsam aber sicher kam ich mir paranoid vor, doch meinen Instinkt konnte ich nicht einfach so ausschalten.

Ich setzte mich in ein gegenüber liegendes Cafe und lies die zähen Minuten verstreichen. Nach fast einer Stunde vibrierte mein Handy, es war Tony. "Habt ihr was?"
"Oh ja.", sagte Tony, "Sogar ziemlich viel. Abby konnte das Profil zurückverfolgen mit dem unser Mörder mit Dunn in Kontakt getreten ist."
"Aber das hat sie doch schon vor zwei Wochen getan."
„Das schon, doch jetzt konnte sie den Server ermitteln von dem aus das Profil erstellt wurde. Ein Internet Cafe ganz in der Nähe. Sobald wir alle Überwachungsbänder des entsprechenden Tages durchgesehen haben wissen wir den Namen."

Obwohl wir mit etwas Glück heute den Namen des Mörders erfahren würden, hielt sich meine Euphorie in Grenzen, denn selbst wenn wir den Namen wussten, es würde alles andere als einfach werden den Mörder zu fassen.

Um kurz nach sieben bekam ich einen Anruf von Jen: Für heute war die Sitzung beendet. Wie verabredet wartete sie vor dem Sitzungsraum, sie schien ziemlich erschöpft zu sein. "Wie ist es gelaufen?"
"Gut, natürlich wollen sie im nächsten Jahr wieder an allen Ecken und Enden sparen." Wir traten auf die Straße hinaus, ein kalter Wind peitschte uns entgegen. In den letzten Tagen war die Temperatur sehr weit gefallen.

"Nach dieser Sitzung freue ich mich schon richtig auf den Abendverkehr.", sagte sie mit vor Ironie triefender Stimme. Alle Hotels in der Nähe waren ausgebucht gewesen, unseres lag zwanzig Minuten von hier entfernt. Im Abendverkehr konnte man die Zeit doppelt rechnen. "Wir können ja zuerst etwas essen gehen." Im Notfall würde ich sie vielleicht auch wiedermal zum essen zwingen und das wusste sie. "Na gut." Sie klang nicht gerade begeistert.

Wir hatten schnell ein Restaurant gefunden, dass nicht allzu überfüllt zu sein schien. "Bestellst du selber oder muss ich dich dazu zwingen?"
"Nein Danke Jethro, bestellen kann ich noch gerade so alleine." Wenn Blicke töten könnten wäre ich jetzt ungefähr drei Mal gestorben. Ich musste grinsen. Das musste ich oft, wenn Jen gereizt war. Denn dann schien sie keine Direktorin einer Bundesbehörde sondern ein eingeschnappter Teenager zu sein. Allerdings gab es auch durchaus Situationen, in denen man ihr aus dem Weg gehen sollte wenn sie gereizt war.

Ein Kellner kam auf uns zu. "Guten Abend, haben Sie sich schon entschieden?" Jen nickte und bestellte ein eine Suppe und einen Salat, meinen vorwurfsvollen Blick ignorierend. Nachdem auch ich bestellt hatte und der Kellner gegangen war herrschte wieder mal Schweigen zwischen uns. Ich hasste dieses Schweigen mittlerweile. "Mit etwas Glück wissen wir bald den Namen des Mörders." Ich war gespannt wie sie reagieren würde, doch ihre Mimik verriet nichts. "Ich bin erst beruhigt wenn dieses Schwein hinter Gittern sitzt.", erklärte sie. Mir war klar was sie meinte. Mit seinen Aktionen in ihrem Haus und im Büro hatte uns der Mörder gezeigt, wie einfach es eigentlich war einen Anschlag auf sie zu verüben. Doch das warf eine weitere Frage auf: Warum hatte er sie noch nicht angegriffen?
"Was hast du eigentlich heute Nachmittag gemacht?", fragte sie.
"Gewartet." Sie rollte mit den Augen.
"Nein wirklich?"

Flashback Anfang
"Wo waren Sie heute Nachmittag eigentlich?" Agent Shepard war erst seit kurzem beim NCIS und musste noch eine Menge lernen. Deswegen hatte ich ihr heute Nachmittag den Auftrag gegeben ein Restaurant zu observieren. Ich war darüber erstaunt wie gut sie ihre Sache gemacht hatte. Allerdings hatte ich ihr den Auftrag gegeben eine völlig unschuldige Person zu beschafften (falls sie es vermasseln würde). Das hatte sie nun herausgefunden und war alles andere als begeistert davon. "Ich habe gewartet", erwiderte ich gespielt unschuldig und wartete auf das wütende Funkeln in ihren Augen, das nicht lange auf sich warten lies.
Flashback Ende

Ich hatte schon lange nicht mehr an dieses Gespräch zurück gedacht, doch nun war es mir so präsent im Gedächtnis als wäre es erst gestern gewesen.

Jens Sicht
Gibbs war in Gedanken, das konnte ich sehen. Auch mir schwirrte wiedermal einiges im Kopf herum. Heute Nachmittag war ich auf das Zucken angesprochen worden. Gott sei Dank hatte ich mich irgendwie herausreden können, doch mir war klar das es nicht mehr lange dauern würde bis irgendjemand gegenüber dem SecNav eine Bemerkung machte. Nichts war für den SacNav leichter, als in meine Krankenakte einzusehen und innerhalb von kurzer Zeit wäre ich meinen Job los.

"Habt ihr außer Budgetkürzungen sonst noch etwas besprochen?"
"Ja." Ich konnte mir ein Lachen nur schwer verkneifen. "Anscheinend sollte der NCIS und das FBI ihre Beziehung zueinander verbessern." Ungläubig sah ich sie an.
"Wer ist denn auf den Mist gekommen?"
"Der neue Direktor des FBI." Ich hatte ihn von Anfang an nicht sonderlich gemocht und mit diesem Vorschlag hatte er sich weder beim NCIS noch bei den Agents vom FBI beliebt gemacht.

Gibbs bestand natürlich darauf die Rechnung zu bezahlen und ich kannte ihn schon lange genug um zu wissen, dass es keinen Sinn hatte zu protestieren. Wieder im Auto begannen wir eine hitzige Diskussion über bürokratische Angelegenheiten, die erst zum Stillstand kam, als meine Handy klingelte. "Wenn es irgendjemand von der Arbeit ist, der eine mitternächtliche Sitzung vorschlagen will, gib mir das Handy." Ich konnte mir Gibbs Worte bereits lebhaft vorstellen... Doch mit einem Blick auf das Display sah ich, dass es niemand von der Arbeit war. "Die Nummer ist unterdrückt." Ein mulmiges Gefühl stieg in mir hoch.

Gibbs parkte bei der nächst gelegenen Seitenstraße, es klingelte immer noch. Ich war hin und her gerissen. Wenn ich abnahm würde sich mein Verdacht bestätigen und ich könnte mich wieder mal auf einen Alptraum einstellen. Wenn ich es einfach klingeln lies konnte ich mich wenigstens der Illusion hingeben, dass es sich nicht um den Mörder handelte. Die Entscheidung wurde mir abgenommen, das Klingeln hörte auf.
Noch in der selben Minute rief Gibbs Abby an und gab ihr den Auftrag jeden Anruf der auf meinem Handy einging zurück zu verfolgen. Mit der schon fast ausgelassen Stimmung von vorhin war es nun endgültig vorbei.

An der Hotelrezeption holten wir die Schlüssel unserer jeweiligen Zimmer, sie lagen gleich nebeneinander. "Jen, ich weiß es ist schwer. Aber falls der Mörder nochmal anruft musst du versuchen das Gespräch so gut wie möglich in die Länge zu ziehen." Ich nickte und ging in mein Zimmer.
Das Zimmer war geräumig und das Bett sah gemütlich aus. Doch das, von mir aus gesehen, Beste war das große Badezimmer. Es gab eine große Badewanne, die mich gerade zu magnetisch anzog. Es gab nichts entspannenderes als ein schönes heißes Bad, um mich vom Tag zu erholen.

Auch der nächste Tag wurde anstrengend. Die Sitzungen zogen sich von acht Uhr morgens bis (von einer kleinen Mittagspause abgesehen) vier Uhr Nachmittags. Anschließend holte Gibbs mich ab und wir fuhren zum Hotel, um unsere Sachen einzupacken.
Starker Schneefall hatte eingesetzt und die Straßen waren überfüllt. So war es nicht sehr verwunderlich, dass wir erst um sieben Uhr beim Flughafen ankamen. Der nächste Flug nach D.C würde erst in einer Stunde starten, also kauften wir unsere Tickets und warteten.

Gibbs hatte in der letzten viertel Stunde zweimal auf die Uhr geschaut. Das war gar nicht typisch für ihn. "Wartest du auf etwas?"
"Auf einen Anruf von DiNozzo."
"Du willst wissen ob sie den Namen des Mörders
haben", mutmaßte ich. Er nickte. Auch ich sah nun immer wieder auf die Uhr. Nicht wegen dem Anruf, sondern weil sich unser Flug wegen den schlechten Wetterverhältnissen schon über eine Stunde verspätet hatte. Und schon wieder kam eine Durchsage, dass wir uns noch ein bisschen gedulden mussten.

Als unser Flugzeug dann endlich startbereit war, war es bereits nach elf Uhr. Ich war so erschöpft, dass ich einschlief bevor wir abhoben. Hin und wieder wachte ich für kurze Zeit auf, hörte die murmelnden Stimmen um uns herum oder sah zu Gibbs der aus dem Fenster starrte. Doch dann dauerte es nur wenige Sekunden bis ich wieder eingeschlafen war.

Das nächste Mal als ich erwachte waren wir bereits im Landeanflug nach D.C. Durch das schlechte Wetter war die Landung nicht gerade sanft und ich war überaus dankbar wieder Boden unter meinen Füßen zu spüren.
Diesmal war es nicht so leicht unser Gepäck aufzutreiben wie gestern in Ottawa. Unser Flug war nicht der einzige, der sich verspätet hatte und es herrschte ein richtiges Chaos.

Aber auch diese Hürde war irgendwann überwunden und um kurz nach drei trafen wir bei Gibbs ein. Ohne mich auch nur auszuziehen ließ ich mich auf das Sofa sinken und war innerhalb weniger Sekunden (ausnahmsweise ohne Tabletten) tief und fest eingeschlafen.