Montag, 10. Dezember 1984, 13.19 Uhr

Große, bittende, kullerrunde Augen.
Smaragdgrün traf auf Smaragdgrün.
Ein schiefgelegter Kopf auf der einen Seite, zuckende Mundwinkel auf der anderen. Dann, endlich...

"Na schön, Harry!" Lily lachte. "Du hast dein Gemüse aufgegessen und dein Zimmer haben wir auch aufgeräumt. Na los, geh zu deinem Adventskalender, dieser Hundeblick ist ja nicht mehr zu ertragen!" Der Kleine quietschte begeistert, hüpfte vom Sofa herunter, auf dem er sich mit seiner Mummy nach dem Aufräumen noch ein Bilderbuch angeguckt hatte und lief dann so schnell er konnte in die Küche. Seine Mutter schmunzelte, ließ das Bilderbuch mit einem Wink ihres Zauberstabes wieder in seinem Zimmer erscheinen und folgte ihrem Sohn dann. Dieser stand mal wieder auf einem Stuhl und streckte jetzt die Arme in die Höhe und griff nach einem der Säckchen. Diesmal machte er sich nicht die Mühe, den Knoten zu öffnen, sondern zog einfach so heftig an dem Stoffstück, dass es aus dem Bändchen herausrutschte. "Uhm", machte er nachdenklich, legte den Kopf schief und sah seine Mutter fragend an. "Wofür ist der Schlüssel, Mummy?" Lily lächelte. "Überleg doch mal, Schatz. Was ist dein Lieblingsraum im Haus, in den du aber nur mit einem Erwachsenen zusammen gehen darfst?" Die Augen des Kleinen leuchteten auf und er klatschte vergnügt in die Hände. "Der Dachboden!" Ihr Lächeln wurde noch breiter und sie nickte zustimmend. "Richtig, Liebling. Und wofür brauchen wir einen Schlüssel?" Harry runzelte die Stirn und machte dabei ein so angestrengtes Gesicht, dass Lily in Versuchung kam, ihm eine Windel anzuhexen, weil er ja offenbar gerade dabei war sein großes Geschäft zu verrichten. Aber Harry war nicht Sirius, mit dem man diese Art der Scherze durchaus machen konnte und wenn der andere nicht wenigstens innerlich mitlachte, machte das Ganze ja nun wirklich keinen Spaß, wie sie vor gar nicht allzu langer Zeit schon einmal festgestellt hatte.

"Die Schatztruhe!", kreischte Harry plötzlich und seine Stimme überschlug sich vor lauter Aufregung. "Wow", murmelte die Rothaarige und rieb sich instinktiv über das rechte Ohr. "Du hast Sirius' Organ geerbt!" "Huh?" "Seine Stimme, du hast seine Stimme geerbt! Meine ist nämlich nicht so laut und durchdringend, das hast du von ihm!" "Geht ja gar nicht!", widersprach Harry, schien sich da aber nicht so ganz sicher zu sein und machte sein nachdenkliches Gesicht, was Lily erneut zum Schmunzeln brachte. "Du hast recht, wir gehen auf den Speicher und dann durchsuchen wir die Schatztruhe und nehmen so viel mit herunter, wie wir tragen können!" Auffordernd hielt sie ihm ihre rechte Hand hin, die er prompt ergriff, dann auf den Boden sprang und ihr in den ersten Stock folgte, wo sie mit einem Wink ihres Zauberstabes eine zusammengeklappte Treppe aus der Decke zauberte. Mit drei geübten Griffen klappte sie diese auf, immer darauf bedacht, dass ihr Sohn nicht im Weg stand und möglicherweise verletzt wurde. Dann schob sie ihn auf die Treppe zu und kletterte hinter ihm hoch, sodass sie ihm im Falle eines Sturzes auffangen konnte.

Auf der letzten Stufe angekommen beugte sich Harry nach vorne, sodass er ohne das Gleichgewicht zu verlieren von der Treppe auf den Boden gelangen konnte. Allerdings stand er danach nicht auf, sondern krabbelte auf Händen und Knien über den leicht staubigen Boden und als Lily ihm gefolgt war, machte sie zwei schnelle Schritte auf ihn zu, packte ihn unter den Achseln und stellte ihn auf die Füße. "Bist du ein Baby, Harry? Wenn ja muss ich dir vielleicht wieder eine Windel umlegen und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass Babys keinen Adventskalender bekommen!" Für einen Moment sah der Schwarzhaarige so aus als wolle er ihr reumütig zustimmen, aber dann verschränkte er trotzig die Arme vor der Brust und schob die Unterlippe vor. "Aber du sagst immer "Baby" zu mir!" "Wow", machte Lily und nickte beeindruckt. "Touché!" Grinsend verwuschelte sie sein Haar und schob ihn dann weiter durch den Raum, wusste sie doch, dass ihr Sohn die Angewohnheit hatte, sich schnell ablenken zu lassen und sie hatte wirklich keine Lust, längere Zeit in dem unbeheizten Raum zu verbringen und damit eine erneute Erkrankung ihres Babys zu riskieren. Sie hatte schließlich noch eine Menge für die nächsten zwei Wochen geplant und davon abgesehen war sie natürlich wie jede Mutter ein wenig übervorsichtig wenn es um ihr Kind ging.

"Mit vier Jahren bist du schon so verd... so schlagfertig! Mann, wenn wir das Onkel Siri erzählen... der platzt uns glatt vor Stolz!", lachte sie, woraufhin Harry die Nase in die Luft streckte. "Ich bin schon halbfünf!" Lily verdrehte die Augen. "Erstens heißt es viereinhalb und..." "Aber halbfünf hört sich viel cooler an!" Er hielt inne, als er den Blick seiner Mutter bemerkte. "Nicht unterbrechen?" Sie nickte. "Jap. Also, was ich sagen wollte: Und zweitens stimmt nicht mal das, denn da fehlen dir nämlich noch sechseinhalb Wochen!" Sie lächelte zärtlich, als sie den leicht beleidigten Blick des Kleinen sah. "Aber du hast natürlich völlig recht, es hört sich viel cooler an", fügte sie ernsthaft hinzu und er begann zu strahlen, woraufhin sie dann auch lachen musste. "Weißt du eigentlich wie lieb ich dich habe?", fragte sie mit zärtlichem Blick und er nickte ernsthaft. "Sooooo doll", antwortete er und riss dabei die Arme so weit wie möglich auseinander. "Nein", sagte Lily und für einen Moment erschien ein unsicherer Ausdruck in seinen Augen. "So doll hab ich dich lieb!" Dabei öffnete auch sie die Arme so weit wie möglich und ihr Sohn machte große Augen. "Das ist aber ganz schön doll!" "Jup", grinste Lily. "Und wo wir jetzt schon so dastehen, müssten wir uns doch eigentlich umarmen, oder was meinst du?" "Hmm", machte Harry und schien ernsthaft darüber nachzudenken, woraufhin Lily schmunzelte, aber geduldig auf seine Entscheidung wartete. "Ja", sagte er schließlich und schlang seine kurzen Ärmchen dann blitzschnell um die Oberschenkel seiner Mutter. Diese quiekte, schaffte es aber trotz der Überraschung, das Gleichgewicht zu halten und erwiderte die Umarmung zärtlich.

"So", sagte sie nach einer Weile und schob ihn sanft von sich. "Wollen wir jetzt mal nach der Schatztruhe suchen? Wir haben heute nämlich noch eine ganze Menge vor und dein Adventsgeschenk musst... darfst du auch noch auspacken!" "Du bist ja dumm", sagte Harry kopfschüttelnd. "Das habe ich doch grad gemacht!" Er kicherte. "Oder bist du auch schon so alt wie Onkel Siri?" "Wow", machte Lily erneut. "Du wirst ja immer besser! Bist du sicher, dass du mein Harry-Schatzi-Butzilein bist?" Der irritierte Blick und das "Aber guck doch, ich bin doch hier!" ließen sie lächelnd aufseufzen, aber bevor sie noch etwas sagen konnte, entdeckte Harry schon die Schatztruhe und stürzte mit einem begeisterten Schrei auf sie zu. Wie die Schatztruhe zu ihrem Namen gekommen war? Vor etwa ein oder zwei Jahren hatte Harry seine Piratenphase gehabt und als er dann das erste Mal mit seiner Mutter auf den Dachboden durfte um den Weihnachtsschmuck herunterzuholen, hatte er die große Truhe mit dem glitzernden Inhalt sofort als Piratenschatz identifiziert und seitdem liebte er diese Box heiß und innig.

Kurz nach seiner Entdeckung und während Lily gerade mit den drei Rumtreibern die passende Weihnachtsdekoration zusammensuchte und nach unten trug, schaffte es Klein-Harry damals den Speicher unbemerkt mit Ron zu erklimmen, dem er unbedingt sein neues Lieblingsspielzeug zeigen wollte. Während Lily und Remus den leicht blass um die Nase wirkenden Sirius verarzteten, der es irgendwie hingekriegt hatte, eine Schneekugel herunterzuschmeißen und dann in die Scherben hineinzutreten und sich James über ihn lustig machte, weil er zwar ohne mit der Wimper zu zucken Todesser aus dem Weg räumte, ihm aber bei einem einzigen Blutstropfen ganz flau im Magen wurde (was er erst überwand, als es sein Patensohn schaffte, von seinem Kinderbesen zu fallen, im Schotter zu landen und sich das Knie bis aufs Fleisch aufzuschaben, seitdem war er zwar geheilt, aber Lily ließ ihren Sohn nicht mehr alleine in die Nähe eines Besens), versteckte sich Harry in seiner Schatztruhe und ließ sich von seinem besten Freund suchen. Dieser -damals nicht wirklich die hellste Leuchte, um es mal vorsichtig auszudrücken- vergaß prompt, was er hatte tun wollen, als er die große Truhe entdeckte und begann Pirat zu spielen. Nachdem er schließlich lange genug auf dem Deckel herumgeklettert war und die Luftmünzen großzügig an seine Crew verteilt hatte, schloss er das große Vorhängeschloss und nahm so dem Schwarzhaarigen, der Minuten vorher in die Kiste gekrabbelt und den gegen die Wand angelehnten Deckel irgendwie über sich zugezogen hatte, jegliche Chance sich wieder zu befreien. Es dauerte eine Weile, bis Ron sich wieder daran erinnerte, dass er ja seinen besten Freund hatte finden wollen und Harry bemerkte, dass er eingeschlossen war. Als der Rothaarige schließlich verstand, wo sich sein bester Freund befand und dieser langsam Panik bekam, wie verrückt gegen das Holz schlug und anfing zu schreien, bekam auch er Angst und nachdem er in Tränen ausgebrochen war, riss er sich zusammen, straffte seine Schultern und rief immer wieder nach Harrys Mutter.

Als diese schließlich angelockt von der Panik in seiner Stimme mit James, Remus und einem humpelnden Sirius die Treppe hochstürmte und dann von dem mittlerweile wieder schluchzenden Rothaarigen über die Situation aufgeklärt wurde, hatte Remus alle Mühe gehabt, die völlig panischen Eltern davon abzuhalten, die Truhe in die Luft zu sprengen, um ihren Sohn zu befreien und von seiner Angst zu erlösen, beziehungsweise sogar noch Schlimmeres zu verhindern. Als Sirius dann das einzig Richtige und Ungefährliche tat und mit einem einfachen "Alohomora!" das Schloss knackte und dann den Deckel der Truhe hochriss und den laut schluchzenden Harry in seine Arme schloss, hatten Lily und James den armen Remus in ihrem Eifer zur Seite gerempelt, sodass er unsanft auf dem Boden aufkam und ihren Sohn minutenlang zitternd an sich gedrückt. Seitdem war die Truhe stets verschlossen, der Schlüssel wurde an einem für Harry unerreichbaren Ort versteckt und es war dem Kleinen strengstens verboten, den Speicher alleine zu betreten.

Lily schüttelte sich als sie an den Vorfall dachte, lächelte dann aber betont fröhlich und nickte Harry zu, der daraufhin mit dem Schlüssel das Vorhängeschloss öffnete und mit seiner Mutter zusammen den Deckel der Truhe hochstemmte. "Was wollen wir denn mit runternehmen? Die Engel auf jeden Fall, oder?" Harry nickte und drückte seiner Mutter zwei große Tonfiguren in die Arme. Wie jedes Mal, wenn es um seine geliebte Schatztruhe ging, übernahm er die Führung, schickte seine Mutter herum und bestimmte was nach unten kam und was nicht. Lily konnte sich wie immer wenn er sich mit seinem wichtigen Gesicht ein wenig wie ein Erwachsener verhielt ein Lächeln nicht verkneifen und kam seinen Aufforderungen brav nach. Als sie schließlich mit Engeln, Schneekugeln, einer Kiste voll kleiner Figuren und mehreren Kerzen bepackt die Leiter wieder herunterwankte und Harry ihr folgen wollte, warf sie ihm über einen goldenen Flügel hinweg einen strafenden Blick zu. "Was hatten wir gesagt? Ich hole dich gleich, ich möchte nicht, dass du die Treppe herunterfällst!" Der Kleine nickte, setzte sich an den Einstieg der Treppe und fing fröhlich an mit den Beinen hin und her zu wackeln, worüber seine Mutter alles andere als begeistert zu sein schien, ihre besorgten Blicke sprachen Bände. So schnell sie konnte stapelte sie die Dekoration auf dem Boden des ersten Stocks und kletterte dann wieder zu ihrem Sohn hinauf. Dieser wollte die riesige, hässliche Weihnachtsmannfigur aber partout nicht loslassen und so hielt er das Plastikteil schließlich fest umklammert, während Lily sich mit der einen und ihn mit der anderen Hand festhielt und sie so Schritt für Schritt dem sicheren Boden entgegensteuerten.

Lily wirkte merklich erleichtert, als sie endlich wieder festen Boden unter den Füßen hatte und auch ihrem Sohn nichts mehr passieren konnte, wackelte schnell mit dem Zauberstab, woraufhin sich die Treppe zusammenklappte und dann wieder in der Decke verschwand. Erneut bis oben hin beladen schaffte es Lily trotzdem noch darauf zu achten, dass sich ihr Sohn auf die Stufen konzentrierte und so sicher in der Eingangshalle ankam. Während Harry nun die leichten Sachen im Untergeschoss verteilte, zauberte Lily mit einer schlichten Bewegung einen Haufen Lichterketten herbei, die sie nicht mehr hatte tragen können und wollen und legte sie dann auf den Wohnzimmertisch, wo auch schon ein paar frisch geschnittene Mistelzweige lagen. Lily lächelte. "Danke Mina!", rief sie in den Raum hinein und einen Wink später befanden sich die Mistelzweige über der Haustür, inmitten des Wohnzimmers und im Schlafzimmer der Potters, wobei Lily allerdings darauf verzichtete, sie mit dem sonst so häufig benutzten Zauber zu belegen, erinnerte sie sich doch noch zu genau an die Situation im Fuchsbau und war auch nicht wirklich erpicht darauf, dass ihr Sohn sich an solche Zärtlichkeiten gewöhnte und dann vielleicht schon früh und unüberlegt Vater wurde und sich so seine Zukunft verbaute, die Sorgen einer Mutter eben. Natürlich waren Lily und James selbst relativ früh Eltern geworden, aber zum einen hatten sie gewusst, dass der jeweils andere der bzw. die Richtige war und zum anderen war Harry mehr als geplant gewesen, sie hatten praktisch auf ihn hingefiebert und unzählige Schwangerschafttests gemacht. Außerdem hatten sie ihre Ausbildungen etwa ein halbes Jahr vor seiner Geburt beendet und die Zeiten waren auch nicht so einfach gewesen, dass sie ihren größten Wunsch noch hätten aufschieben können, denn dann wäre es vielleicht zu spät und nicht mehr möglich gewesen.

Lily schüttelte den Kopf und versuchte so die aufsteigenden Gefühle von damals zu unterdrücken. Die Vergangenheit war vorbei und so eine Situation würde ganz sicher nie wieder entstehen, denn jetzt waren die Hexen und Zauberer gewarnt und könnten im Notfall schon früher eingreifen und das Ausbreiten des... des Virus verhindern. Mal davon abgesehen waren sämtliche gefährlichen Todesser tot oder in Askaban, es gab also keinen Grund sich zu sorgen. Aber das sagte man mal einer Mutter...

"Wo soll ich die Lichter anbringen, Schatz?", fragte die Rothaarige und beobachtete mit einem Schmunzeln, wie ihr Sohn sich in die Brust warf und ganz offensichtlich stolz die Entscheidung fällen zu dürfen auf eine Stelle über dem Kamin zeigte. "Und aufs Dach!", bestimmte er und sie nickte. "Aber das machen Daddy und Onkel Siri dann heute Abend, okay? Mummy kann das nicht so gut mit dem Zauberstab und per Hand ist mir das wirklich zu gefährlich." Zwar war Lily mindestens so talentiert wie ihre Jungs, aber sie hatte nicht so viele Ideen wie die Rumtreiber, die es letztes Jahr sogar geschafft hatten, aus den Lichtern Figuren zu zaubern, die dann leuchtend über das Dach galoppiert und gerannt waren und damit die Hauptattraktion des Gegend gewesen waren. Lily selbst war zwar schwer beeindruckt gewesen, hatte gleichzeitig aber auch erleichtert aufgeseufzt, dass mehrere Zauber auf ihrem Anwesen lagen und sie so nicht in Gefahr gerieten, ihre gesamte Existenz zu verraten.

"Ich muss dann mal eben in den Schuppen, die Leiter holen. Du wartest hier und bleibst vom Kamin weg, klar?" "Aber..." Lily hob eine Augenbraue. "Harry!", sagte sie warnend, aber er öffnete trotzdem erneut den Mund. "Aber Mummy..." "Harry!" Ihre Augenbrauen hoben sich in Richtung Haaransatz, aber diesmal gehorchte er nicht, sondern verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. "Mummy, es ist nicht sehr höflich mich zu unterbrechen! Ich wollte sagen, dass du gar keine Leiter brauchst! Du kannst doch hexen!" "Uhm", machte Lily. "Du meinst, dass ich sie auch bunt zaubern soll? Dann sollten wir vielleicht lieber auf Daddy warten, du weißt doch, dass er da viel bessere Ideen hat!" Harry runzelte die Stirn. "Nein, nicht bunt! Aber du kannst doch fliegen, dann geht das viel schneller!" Lilys linke Augenbraue verschwand fast unter dem Haaransatz. "Fliegen ist cool, keine Frage, aber du kennst doch die Regeln: Keine Besen im Haus." "Außer zum Putzen", gluckste Harry und seine Mutter nickte lachend. "Außer zum Putzen, richtig." "Aber du kannst doch in der Luft schweben! Weißt du, so wie dieser kleine Mann, der immer die Weihnachtsbäume hübsch macht!" "Uuuhh!", machte Lily und schlug sich gegen die Stirn. "Natürlich. Mann, du bist ja richtig gut, Baby, da wäre ich alleine nie drauf gekommen!" Harry grinste stolz und lief dann in die Küche, um die Stuhl- und Tischbeine mit Lametta zu umwickeln.

Lily lächelte, schüttelte dann aber den Kopf und konzentrierte sich mit geschlossenen Augen auf sich selbst, woraufhin sie sich ganz langsam in die Luft erhob, bis sich ihre Füße irgendwann etwa eineinhalb Meter über dem Boden befanden und sie so die Lichterketten an die Wand halten und mit schwachen Klebeflüchen befestigen konnte. Als Harry ein paar Sekunden später in das Wohnzimmer zurück lief und in seiner Eile ausrutschte und mit einem lauten, erschrockenen Quietschen auf dem Hintern landete, wollte sich Lily -durch den Schrei ihres Kindes aufgeschreckt- instinktiv umdrehen, verlor das Gleichgewicht, kippte mit dem Oberkörper nach hinten und als wäre es nicht schon schlimm genug gewesen, dass sie nun wie ein Käfer auf dem Rücken lag, löste sich durch die fehlende Konzentration jetzt auch noch der Zauber, sie fiel mit einem erschrockenen Schrei von der Decke und landete dann mit einem lauten Knacken auf dem Wohnzimmerboden.

Harry schrie panisch auf, rappelte sich hoch und rannte zu seiner Mutter herüber, wo er sich auf die Knie fallen ließ und zitternd nach ihrer Hand griff. "Mummy?" Ihre Augen waren geschlossen und sie rührte sich nicht, woraufhin ihr Sohn noch ängstlicher wurde. "Mummy? Mummy!", weinte er mit gebrochener Stimme und patschte mit seinen Händen immer wieder gegen ihre Wangen. Es dauerte nur ein paar Sekunden, die ihm allerdings wie Stunden erschienen, bis Lily wieder zu sich kam und nach Luft schnappte. Das Atmen fiel ihr deutlich schwer und trotz ihrer offensichtlichen Schmerzen quälte sie sich in eine sitzende Position und nahm ihren Sohn tröstend in die Arme, woraufhin er sich laut schluchzend an sie klammerte. "Schschsch, alles gut", murmelte sie und strich ihm vorsichtig über den Kopf. "Ist ja nichts passiert, mir gehts gut!" Seine Finger krallten sich in ihren Rücken und sie biss sich so heftig auf die Unterlippe, dass diese zu bluten begann. Sanft aber bestimmt schob sie ihn von sich, stemmte sich hoch und ging dann langsam zum Sofa herüber. Als sie die nötigen drei Schritte endlich geschafft hatte, seufzte sie erleichtert auf, als sie sich daraufhin aber hinsetzen wollte, durchschoss ein scharfer Schmerz erneut ihren Rücken und so schoss sie sofort wieder hoch, was ihr erneute Schmerzen bescherte. "Schatz, wärst du so lieb und guckst mal, ob Daddy seinen Zweiwegspiegel in seiner Nachttischschublade hat?", bat sie ihn verkrampft lächelnd und er nickte schnell und rannte auf die Treppe zu. "Geh langsam!", ermahnte sie ihn. "Ich möchte nicht, dass du dich verletzt und es eilt auch wirklich nicht!"

Als ihr Sohn allerdings daraufhin nickte und langsam aus ihrem Sichtfeld verschwand, fiel die Maske aus ihrem Gesicht und Lily verzog schmerzerfüllt das Gesicht. "Verdammte Scheiße", murmelte sie leise. "Das ist jawohl mal wieder typisch, warum passiert so was immer mir? Hab ich irgendsoein Schild auf dem Rücken, auf dem "Bitte treten, ich kanns vertragen!" steht? Findet ihr da oben das irgendwie lustig?" Anklagend blickte sie gen Himmel und verschickte dabei so bitterböse Blicke, dass sie fast schon wieder schmunzeln musste. Als sie kurz darauf wieder die Schritte ihres Sohnes hörte, setzte sie erneut ein unverfängliches Lächeln auf und als er ihr dann das gewünschte Objekt in die Hand drückte, strich sie ihm lobend über den Kopf und klappte den schwarzen Spiegel auf. "Sirius Black", presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen heraus und war einmal mehr froh, dass James den Spiegel nur mitnahm, wenn er ganz alleine einen Auftrag ausführte und ansonsten darauf bestand, dass er bei Lily blieb, damit sie und Harry sich jederzeit im Notfall an Sirius wenden konnten, man hatte schließlich nicht in jeder Situation eine Eule zur Hand und mit Mina oder dem Kamin konnte man eben nur die Personen erreichen, von denen man genau wusste, wo sie sich in dem Moment befanden.

"Lily?", riss sie in dieser Sekunde die Stimme ihres besten Freundes aus ihren Gedanken, sie senkte den Kopf und blickte mitten in das breit grinsende Gesicht des Schwarzhaarigen. "Was, Lils? Soll ich wieder alles stehen und liegen lassen, um dir acht verschiedene Sorten Eiscreme vorbeizubringen?" "Ey!", maulte die Rothaarige und trotz ihrer Situation zuckten ihre Mundwinkel deutlich. "Ich war im fünften Monat und hatte Hunger und wir hatten nun mal nur noch Schoko, Schoko-Karamell und Schoko-Schoko!" Sie gluckste, schrie aber nur eine Zehntelsekunde später auf und ließ prompt den Spiegel fallen, als sie sich instinktiv an den Rücken griff. Zischend biss sie die Zähne zusammen und versuchte den Schmerz wegzuatmen, was das Ganze allerdings nur noch schlimmer machte. Völlig in ihren Schmerzen gefangen bekam sie gar nicht mit, dass Sirius immer wieder nach ihr rief und langsam wirklich panisch wirkte und Harry dann nach dem auf dem Boden liegenden Spiegel griff und mit weinerlicher Stimme berichtete, dass es seiner Mummy gar nicht gut ginge. Keine Minute später leuchtete das Feuer im Kamin grün auf, Sirius trat heraus und stürzte sofort auf Harry zu, nahm ihn hoch und trug den jetzt wild schreienden und protestierenden Schwarzhaarigen die Treppe hoch in sein Zimmer. "Ja, ignorier mich, bin ja nur ich", maulte Lily gespielt beleidigt, fand sie doch auch, dass ihr Sohn sie in diesem Zustand nicht sehen sollte, sie wollte schließlich nicht, dass er noch mehr Angst bekam.

Nur Sekunden später trat James aus dem Kamin und stürzte mit besorgtem Gesichtsausdruck auf seine Frau zu. "Ich hab Moony meinen Patronus geschickt, er kommt gleich vorbei, notfalls holen wir noch Poppy. Was ist denn passiert?" "Bin auf den Rücken geknallt, als ich eine Lichterkette anbringen wollte", murmelte seine Frau, woraufhin er sich hinter sie stellte und vorsichtig ihren Pullover hochschob. "Ähm, Lils? Ich will dir ja echt keine Angst machen, aber da ist so ein Knubbel, der sieht irgendwie seltsam aus." "Aha", murmelte Lily nur und schloss erschöpft die Augen. "Sirius kümmert sich um Harry, ja?" "Ja", sagte James und strich vorsichtig über ihren Rücken, woraufhin sie schmerzerfüllt aufschrie. "Tut mir Leid. Du hast uns übrigens echt Angst gemacht, du hättest Sirius sehen sollen. Er ist auf mich zugestürmt, hat mich von meinem Schreibtisch weggerissen, gesagt, dass mit dir was nicht stimmt und ist dann im Kamin verschwunden, ich habe ihn selten so erschrocken erlebt." "Wow, pass auf, dass ich nicht total eingebildet werde, weil Sirius, der Sirius Black mich so sehr liebt, dass er panisch wird, wenn irgendetwas bei mir nicht in Ordnung zu sein scheint. Ich meine, er wusste ja noch nicht einmal was los war." "Du weißt doch, dass er dich liebt", lachte James und drückte ihr dann von hinten einen kurzen Kuss auf die Wange. "Aber nicht so sehr wie ich!" "Natürlich nicht", antwortete Lily ernst und entspannte sich ein wenig. "Das bei dir grenzt ja fast schon an Wahnsinn."

Empört holte James aus, um ihr einen Klapps zu verpassen, erinnerte sich dann aber noch rechtzeitig daran, dass das vermutlich keine gute Idee gewesen wäre und ließ die Hand schuldbewusst wieder sinken. Lily gluckste, sagte aber nichts, was allerdings auch daran liegen konnte, dass in diesem Moment endlich Remus aus dem Kamin trat. "Wow, das ging ja schnell", kommentierte Lily und erklärte ihm dann mit knappen Worten was passiert war und dass sie vermutete, sich eine Rippe gebrochen zu haben. "Ich hab oben einen Trank, der die Knochen in Windeseile wieder zusammenwachsen lässt, aber es wäre vielleicht ganz gut, wenn du vorher mal guckst..." Remus nickte. Er war zwar alles andere als ein ausgebildeter Heiler, aber als Lily mit ihrer Ausbildung begonnen hatte, hatte sie meist mit ihm zusammen gelernt, weil ihn das Heilen schon immer interessiert hatte und mittlerweile kannte er sich zumindest mit Knochenbrüchen ganz gut aus und auch bei anderen Verletzungen hatte er zumindest mehr Ahnung als Sirius und James und so arbeiteten Lily und Remus eigentlich immer Hand in Hand, jedenfalls wenn es nichts Ernstes war.

Der Werwolf schwang seinen Zauberstab und sprach einen lautlosen Zauber, woraufhin Lily das altbekannte Kribbeln ihn ihrem Oberkörper spürte. Sie zählte innerlich bis drei, dann... "Uäh, man sieht ja ihre Innereien!", machte James und verzog das Gesicht. "Ähm, ich meine... also bei dir sind natürlich auch deine Knochen und Organe attraktiv, versteht sich doch von selbst", versuchte er zu retten, was zu retten war und Remus und Lily verdrehten gleichzeitig die Augen. "Und?", fragte die Rothaarige schließlich und Remus räusperte sich. "Eine deiner Rippen hat sich ein wenig verdreht oder verbogen oder was auch immer... Jedenfalls drückt sie gegen deine linke Lunge. Wir müssen sie zurück in ihre alte Lage bringen, danach können wir den Bruch ohne jegliche Probleme heilen. Aber..." "Es wird wehtun", nickte Lily, lächelte aber tapfer. "Hey, ich habe Harry mit seinem Dickschädel zur Welt gebracht, dann schaffe ich das auch!" "Von wem er den wohl hat?", murmelte James, woraufhin sie ihm einen gekonnten Schlag in die Magengegend verpasste. "Na, so schlecht kann es dir ja nicht gehen", lachte er und sie blitzte ihn bitterböse an. "Dafür reicht meine Kraft gerade noch! AAAAAAAHHHHHHH! Remus, du verdammter Mistkäfer!"

Der Angespro... pardon, der Angeschrieene hob entschuldigend die Hände. "Man sagt doch, dass es weniger weh tut, wenn man nicht daran denkt." "Falsch!", fauchte sie. "Man hat dann weniger Angst, aber das ändert doch nichts an den Schmerzen, du Oberpflaume!" "Au", setzte sie noch maulend hinzu, lächelte ihren Freund dann aber entschuldigend an. "Du weißt, dass ich dich liebe, oder?" Remus lächelte nur milde und griff nach ihrem Zauberstab, der auf dem Boden lag und glücklicherweise nicht kaputtgegangen war. "Ich weiß nicht, wo der Trank ist, also..." "Alles klar", sagte sie und bewegte leicht die Schulterblätter, woraufhin sie erneut das Gesicht verzog. "Richtig, eingerenkte Knochen heißt nicht geheilte Knochen. Aua", machte sie trocken und rief dann ohne ein weiteres Wort den Trank herbei. "Urgh", kommentierte sie den Geschmack und brachte damit James und Remus zum Lachen. "Ich sag ja immer wieder, dass es eine völlig veraltete Vorstellung ist, dass Tränke scheußlich schmecken müssen, aber du..." "Zucker zerstört die Wirkung der meisten Tränke, Mister Besserwisser!", fuhr sie dazwischen, woraufhin er ihr die Zunge rausstreckte. "Sagte die Frau, die mir in der dritten Klasse erzählen wollte, dass in meinen Hausaufgaben über Werwölfe ein Fehler steckte." "Du hattest "wir" statt "sie" geschrieben! Und außerdem: Sagte der Mann, der meine Tampons für übergroße Ohrenstäbchen hielt, sie sich in die Gehörgänge stopfte und dann breit grinsend damit herumrannte." "Das war Harry", antwortete Remus trocken und sie zog eine Schnute. "Verdammt. Okay: Sagte der Mann, der mein Hochzeitskleid den Bedürftigen spenden wollte!" "Das war James", entgegnete er ohne eine einzige Regung im Gesicht, woraufhin dieser ein bockiges Gesicht machte. "Sie braucht es jawohl nicht mehr, sie hat nämlich schon den perfekten Mann gefunden!" "Arrogant sind wir ja mal gar nicht, oder?", schnaubte Lily, stutzte aber dann. "Moment mal, hast du ernsthaft geglaubt, dass du mich an dich bindest und ich für immer bei dir bleibe, wenn du mein Hochzeitskleid weggibst?" "Uhm, nein?", machte er, aber seine geröteten Wangen sprachen eine ganz andere Sprache. "Oooohhh", seufzte Lily. "Du bist ja sooo süß!" "Hrm", machte James. "Ich... ich geh mal nach oben und sag Sirius und Harry Bescheid, dass mit dir wieder alles in Ordnung ist." Damit flüchtete er praktisch aus dem Wohnzimmer.

Lily kicherte und auch Remus konnte sein breites Grinsen nicht verbergen. "Er ist schon niedlich, nech?" Zum Abknutschen", antwortete der Werwolf trocken, lachte aber leise. Lily und James waren einfach ein Traumpaar. Sie passten zusammen wie Topf und Deckel, Romeo und Julia, Eier und Speck. Sie waren wie... Sirius und sein heißgeliebter Schokoladenkuchen: Süß und absolut zum Auffressen.