°°KAPITEL 10°°
Wenn einem bewusst wird, dass das alte Leben fort ist
…und wenn ihr dann in vielen Jahren sterbend in eurem Bett liegt, wärt ihr dann nicht bereit jede Stunde einzutauschen von heute bis auf jenen Tag, um einmal nur, ein einziges Mal nur wieder hier stehen zu dürfen, um unseren Feinden zuzurufen: "Ja sie mögen uns das Leben nehmen, aber niemals nehmen sie uns – unsere Freiheit!"
William Wallace
Draco Malfoy war ihr zuerst nicht besonders aufgefallen. Nicht in den Gängen, nicht im Unterricht, nicht beim Essen. Vielleicht hatte sie gemieden ihn mit ihren Augen zu suchen. Aber heute, ein paar Tage nach ihrer Ankunft, sah sie ihn am Slytherintisch sitzen und es nahm ihr den Atem. In der einen Woche ihrer Abwesenheit hatte sich sein Äußerliches unglaublich verändert. Die Augenringe waren bis zu dem Gryffindortisch zu sehen. Er sah müde aus, hatte den Kopf gelangweilt auf seine Hand gestützt und stocherte lustlos in seinem Essen.
Während Hermine eine Kartoffel in der Bratensoße hin und her schob, spekulierte sie, was passiert war. Hatte er sich mit seinen Freunden in die Haare bekommen? War er nicht mehr der große Anführer unter ihnen? Hatte er Schwierigkeiten mit der Schule? Oder mit seinen Eltern? Oder… hatte es vielleicht mit dem angeblichen Auftrag, mit dem Harry sie seit Wochen nicht in Ruhe lassen wollte, zu tun? Hermine beschloss, diesen Gedanken erst einmal zur Seite zu schieben. Sie bekam Bauchschmerzen wenn sie erwog, zu was Draco Malfoy alles fähig war.
Sie wandte sich wieder ihrer, nun ziemlich vermatschten, Kartoffel zu. Während sie die, mit dem Püree beladene, Gabel zu ihrem Mund führte, hielt sie plötzlich auf halben Weg inne. Sie hatte das Gefühl, dass jemand sie beobachtete. Reflexartig sah sie von ihrem Teller auf und sah zum Slytherintisch.
Da saß er.
Immer noch den Kopf auf einer Hand aufgestützt und mit der anderen seine leere Gabel haltend, die eine große Unordnung auf seinem vollen Teller hinterlassen hatte. Während sein Blick auf ihr ruhte, lächelte er nicht. Er sah sie nicht einmal herablassend an, gelangweilt oder wütend. Er blickte ihr einfach nur ungeniert in die Augen. Hastig schloss Hermine ihren Mund, der immer noch in Erwartung des Essens offen gestanden hatte.
Während sie überlegte, wie sie ihren inneren Willen umgehen, aufstehen und aus der Halle fliehen konnte, passierte es: Ein leichtes ziehen in ihrem Unterleib. Wirklich nicht stark, aber trotzdem da.
Der Augen stark bewusst, die immer noch auf ihr ruhten, wagte sie es nicht, ihre Hand auf ihren, noch flachen, Bauch zu legen. Das Baby, das sie, trotz seines Vaters, jetzt schon über alles liebte, hatte sie aus dem Bann des Slytherin gezogen und sie wandte ihren Blick auf ihren Unterleib. Es war, als könnte sie das Kind durch den Stoff und die Haut sehen. Wahrscheinlich war es noch nicht einmal größer als der Fingernagel ihres Daumens. Ein Lächeln legte sich auf ihre Lippen. Den Jungen in ihrem Rücken vollkommen vergessen, der als Vater unterbewusst einen großen Anteil ihres Glücksgefühles ausmachte, drehte sie sich wieder ihrer Kartoffel zu und beförderte sie endlich mit einer schnellen Bewegung in ihren Mund.
An diesem Abend blieb sie noch lange wach. Harry, Ron und Ginny erzählten von ihren Ferien in Hogwarts und Hermine erzählte von ihren. Obwohl sie meinte, dass das Wort lügen in diesem Falle angebrachter war.
Die nächste Woche verging und Hermine realisierte, wie viel sie bei ihren Eltern zu Hause herumgesessen hatte. Hier in der Schule, wo sie die ganze Zeit von Klassenzimmer zu Klassenzimmer hechtete, tagsüber von vielen lauten Schülern umgeben war und abends lernen musste, war sie oft schlapp und müde. Dennoch vermutete sie, dass es weniger an dem Trubel des alltäglichen Lebens, sondern mehr an dem Trubel in der Schwangerschaft lag, in der sie mittlerweile in ihrer achten Schwangerschaftswoche angelangt war.
An dem ersten Wochenende nach den Ferien, das sie größtenteils mit Lernen verbrachte, war sie dann trotzdem entspannter. Die anstrengende Schulwoche war erst einmal vorbei und Harry, Ron und Hermine ließen sich am See nieder, damit das Lernen etwas angenehmer sein würde. Es war schön nach einem langen Winter die warme Aprilsonne auf das Gesicht scheinen zu lassen. Sie verbrachten so viel Zeit wie möglich draußen, denn dieses schöne Wetter würde nicht lange anhalten. Sicher lauerten hinter den nahen Bergen schon die nächsten grauen Wolken, die nur darauf warteten, die Sonne wieder zu verdrängen um sich wieder über das Land zu verbreiten und jedem mit ihrem Regen miese Laune zu bereiten.
Mit den Heften auf dem Schoß und den Büchern neben sich auf dem Boden fand man viele Schüler um den See herum verteilt. Harry, Ron und Hermine saßen nahe dem Wasser, das leicht plätscherte und dennoch keine freundliche oder einladende Farbe hatte. Der See war, wie immer, von einem sehr dunklen Blau, sodass man nur erahnen konnte, was sich auf dem Grund abspielte. Und nachdem Harry bei dem Trimagischen Tunier, davon einen kleinen Vorgeschmack bekommen hatte, war Hermine nicht sehr wild darauf in dem Wasser ein paar Bahnen zu drehen. Mit einem Schmerzen in der Magengegend erinnerte sie sich an ihr viertes Schuljahr, in dem sie einfach ein Teenager hatte sein dürfen. Die einzigen Sorgen war, dass sie das Schuljahr nicht mit einem guten Notendurchschnitt abschloss. Das etwas jüngere Gesicht von Malfoy schob sich in ihre Erinnerungen. Hätte man ihr damals gesagt, dass sie mit diesem Jungen im Bett landen würde, hätte sie nur laut gelacht. Diese Vorstellung, allein der Gedanke, war damals so abwegig gewesen. Das war er auch jetzt noch, nur mit dem Unterschied, dass er nicht mehr nur der arrogante und idiotische Junge aus ihrem Jahrgang war, sondern ihre Vergangenheit. Ihre Gegenwart.
„Glaubt ihr Fred und George würden mir einen Trank erfinden, der die Wirkung vom Imperiusfluch imitiert?", stöhnte Ron nach ein paar Minuten des Schweigens „Ich würde es auch nur bei McGonnagall anwenden."
„Oder ein bisschen davon unter Snape's morgendliche Waffeln rühren", warf Harry ein.
Ron fuhr fort: „Ich würde den Lehrer nur das Bedürfnis nehmen uns bei diesem schönen Wetter mit Hausaufgaben zu untergraben. Wie sollen wir da denn noch was von der Sonne sehen? Dieser Berg von Hausaufgaben ist doch unmenschlich!"
Hermine lächelte. Doch gerade als sie sich umdrehte um nach einem Buch aus ihrer Tasche zu greifen, stöhnte sie genervt auf.
„Mist", seufzte sie. „Ich habe mein Arithmantik Buch in meinem Zimmer vergessen."
„Kein Problem!", meinte Ron und griff eifrig nach seinem Zauberstab. „Ich zaubere es dir her!"
Hermine winkte ab. „Was würde Filch sagen, wenn er in den Korridoren auf ein fliegendes Buch stoßen würde? Selbst bei einem Buch, das alleine durch das Schloss streift, wird er nicht geizig mit der Verteilung von Strafen umgehen und das fällt wiederum auf dich."
Sie rappelte sich mühsam von dem Boden auf.
„Ich hole es schnell!"
Ron und Harry warfen ihr verzweifelte Blicke zu.
„Ich beeile mich!", versprach sie lachend und verschwand.
In dem Schloss war es kühler als draußen. Als sie die Eingangshalle durchquerte, fröstelte sie. Sie war noch nicht ganz an der großen Steintreppe angelangt, die in die oberen Stockwerke führte, da sah sie eine Gestalt durch die Halle vor ihr hasten. Malfoy sah gehetzt aus und schaute sich immer wieder unruhig um. Leise folgte Hermine ihm. War er wieder auf dem Weg zu dem Raum der Wünsche? Alles, was Harry ihr über die Aufgabe und das Dunkle Mal erzählt hatte, hatte Hermine für schlicht unmöglich gehalten. Anders gesagt: sie konnte Harry schlecht sagen, dass sie ganz sicher wusste, dass auf seinem Arm nicht das Dunkle Mal gebrannt wurde, da sie ihn in Unterwäsche gesehen hatte.
Malfoy hatte schon die ersten Stufen der Treppe erklommen, da blieb er plötzlich stehen und drehte sich zu Hermine um. Mit hochgezogenen Augenbrauen sah er sie an.
„Granger", sagte er und es klang eher schwach als höhnisch. „Womit habe ich deine nervtötende Neugier verdient? Ich fände es wirklich angebrachter, wenn du endlich aufhören würdest mit wie ein Hund nachzulaufen."
„Ich wusste gar nicht, dass man in ein von Arroganz so überlaufendes Gefäß noch etwas dazugeben kann", meinte Hermine giftig, wütend darüber, dass er sie durchschaut hatte.
„Dazugeben kann man immer, Granger", meinte er nüchtern. „Was du damit anfängst ist die Frage. Und du solltest deinen überflüssige Neugier nicht dazu benutzen mir auf die Nerven zu gehen."
„Mein Gemeinschaftsraum liegt nun einmal im siebten Stock und ob es dir passt oder nicht, ich muss diese Treppen hoch."
„Und wieso schleichst du dann hinter mir her, als wärst du irgendein Auror auf der Suche nach Todessern?" Sie schluckte. Verdammt. Spontan beschloss sie das Thema zu wechseln
„Wo wir eben bei dem Thema Gemeinschaftsraum waren. Deiner-" sie zeigte in die Richtung der Kerker. „-liegt dort hinten. Was führt dich in der Mittagspause in die oberen Stockwerke?" Er antwortete nicht „In den siebten Stock vielleicht?" fügte sie nüchtern hinzu.
Malfoy ging die paar Treppenstufen, die er schon hinter sich gebracht hatte, wieder hinunter.
„Rede nicht von Dingen, von denen du keine Ahnung hast", zischte er und seine Stimme nahm einen gefährlichen Unterton an.
„Von denen ich keine Ahnung habe, oder Harry?", fragte sie und blickte ihm ohne zu blinzeln in die Augen.
„Du!", spuckte er ihr entgegen. „Ich weiß nicht was ihr glaubt über mich zu wissen, aber es geht euch, besonders dich, nichts an. Und wie ich glaubte dir klar gemacht zu haben, möchte ich nicht, dass du irgendein überflüssiges Wort mit mir sprichst."
Sie sah ihn ein wenig überrascht an. Von dem Jungen aus der großen Halle, der sie vor ein paar Tagen angestarrt hatte, war nichts mehr zu sehen.
„Malfoy, du explodierst ja gleich."
„Verdammt Granger, ich wäre nicht so furchtbar wütend, wenn du mich endlich in Ruhe lassen würdest."
Hermine verdrehte die Augen. Immer die gleiche Leier. Lass mich in Ruhe. Ich will alleine bleiben. Ich bin ein unnahbarer, arroganter Eisklotz. War nicht irgendwo der Junge aus der Nacht? Der Junge, dessen Hände zart über ihren Körper gefahren waren?
„Lass dich doch mal gehen", meinte sie leise. „Vor was auch immer du davonläufst, dein zwanghafter Zorn wird es nicht abschütteln. Dein Leben wird immer noch da sein, das wartet schon." Dann drehte sie sich kopfschüttelnd um und wollte davon gehen, doch schon als sie die Hand auf ihrem Oberarm spürte, wurde ihr bewusst, wie er ihre Worte verstanden haben musste. Er zog sie in die Dunkelheit und Hermine, die erschrocken aufquiekte, glaubte den Besenschrank von ihrem dritten Jahr wiederzuerkennen, in dem sie sich mit Harry und dem Zeitumkehrer versteckt hatte.
Sie konnte nichts sehen. Der Besenschrank war winzig und sie spürte Malfoys Atem vor sich. Hier in der Dunkelheit war es so viel leichter loszulassen. Sie konnten sich beleidigen, sich aus dem Weg gehen und sich hassen, doch hier drinnen war es bloß ihre Anwesenheit und keine Realität. Und deshalb konnten sie es auch tun. Hermine stellte sich langsam auf ihre Zehenspitzen und kam mit ihrem Gesicht dem Malfoys näher. Etwa auf halbem Wege traf sie auf sein Gesicht und als sich ihre Lippen berührten, war es etwas vollkommen Unerwartetes. Es war definitiv nicht Malfoy, den sie hier küsste, denn Malfoy würde sie niemals auch nur anfassen. Es war Draco, der seine Arme um ihren Oberkörper geschlungen hatte und sie zu sich hinzog. Und es war definitiv nicht Granger die sich gierig nach mehr zu ihm hinlehnte. Doch sie war sich nicht sicher ob es Hermine war. Würde Hermine es wagen einen völlig Fremden in einer dunklen Kammer zu küssen? Aber war er denn fremd? Wäre da nicht diese Nacht gewesen, dann hätte sie sich in etwas vollkommen Unbekanntes gestürzt. Das Gefühl seiner Lippen und seiner Hände müsste ihr doch eigentlich bekannt vorkommen, sie taten es aber nicht.
Hermine machte einen Schritt nach vorne und drückte ihn gegen ein Regal. Malfoy fuhr mit seinen Händen unter ihr Shirt und zog es ihr über den Kopf. Er lies es achtlos in die Dunkelheit unter ihr fallen. Hermine löste ihre Lippen von ihm. Langsam hatten sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt und sie konnte ein paar Umrisse erkennen. Mit ihrer Hand fuhr sie an sein Hemd und begann die Knöpfe zu öffnen. Doch plötzlich, und Hermine hatte keinen blassen Schimmer wieso, schubste er sie nach hinten, sodass sie gegen die Wand hinter ihr taumelte. Es lag eine Spannung zwischen ihnen, mit so viel Misstrauen und Unsicherheit getränkt, dass man sie schon zu sehen glaubte. Während Hermine schwer atmend in seine Richtung starrte, spürte sie einen Kloß in ihrem Hals aufkommen.
Sie glaubte zu sehen, wie er den Kopf senkte. Plötzlich bewegte er sich und die Dunkelheit wurde durchbrochen, als er die Tür aufriss und hinausstürmte. Ohne ein Wort. Einfach weg.
Hermine starrte auf den Lichtstrahl, der durch die halb geöffnete Tür in den kleinen Raum schien und die sonst verborgenen Staubpartikel sichtbar machte. Dann ließ sie sich langsam an der Wand hinunter gleiten und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Ihr Schluchzen hörte Malfoy schon nicht mehr, als er die Steintreppe zu dem siebten Stock hoch hetzte.
