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Dunkelheit.

Absolute und undurchdringliche Finsternis.

Es war einer dieser Tage, an denen die Schatten schwärzer waren als sonst. Einer dieser Tage, an denen es nicht möglich war, sich mit irgendwelchen Gedankenspielen abzulenken. Und an ein Entkommen war gar nicht zu denken. Er war allein mit der Dunkelheit und seiner Angst.

Die Dunkelheit indes blieb nicht auf Dauer vollkommen undurchdringlich. Wenn die Augen sich erst einmal daran gewöhnt hatten, konnten sie vage Konturen und Helligkeitsunterschiede wahrnehmen. Es war Winter in Chicago. Deshalb lief die Gasheizung, und durch das kleine, rechteckige Sichtfenster fiel ein schwaches blaues Glimmen, das gerade dazu ausreichte, die Hand vor den Augen erkennen zu können. Alles andere, alles, das weiter als eine Armeslänge entfernt war, blieb in der Finsternis verborgen. Wenn man es genau bedachte, machte es eh keinen Unterschied, ob es hell oder dunkel war. Abgesehen von der Heizungstherme war der Raum leer. Es gab weder Möbel, noch Teppich - rein gar nichts. Wozu brauchte man da Licht? Eine berechtigte Frage - die sich allerdings sehr schnell von selbst beantwortete.

Denn… ganz leer war der Raum leider nicht. Das wurde klar, wenn man erst einmal eine Weile dort zugebracht hatte. In den Ecken, die am weitesten vom Ofenlicht entfernt waren, wuchsen amorphe Schatten ins Unermessliche. Sie griffen nach ihm mit ihren weichen, klauenbewehrten Pranken. Grabschten nach seinen Beinen und Armen, versuchten, seine Haare zu packen, um ihn zu sich zu ziehen und ihm ihren kaltfeuchten Atem ins Gesicht zu hauchen.

Auf der anderen Seite war die Tür. Die schreckliche Tür, die innen keine Klinke hatte. Wer baute solche Türen? Und zu welchem Zweck? Meist fügte sich die Tür nahtlos in die formlose Schwärze ein, manchmal jedoch da konnte man den schmalen Spalt unten erkennen. Und auch das Schlüsselloch. Immer dann, wenn es auf der anderen Seite hell wurde.

Mucksmäuschenstill hockte Michael an der Wand in der Mitte zwischen Tür und Ofen. Nicht zu nah am Licht des Ofens, damit die Schatten ihn nicht sahen, nicht zu nah an der Tür. Man konnte nie wissen, wann sie sichtbar wurde.

Eben noch war alles schwarz gewesen, plötzlich leuchtete ein meterbreiter Lichtstrich auf Fußbodenhöhe auf. Michaels Augen zuckten automatisch zu der Stelle, nur um sich sofort schmerzerfüllt wieder abzuwenden. Die Tür war aufgeschwungen, hatte mit einem hörbaren Schlag gleißende Helligkeit hereingelassen, die in seine Augäpfel stach. Es war als seien in einem riesigen Stadion nachts plötzlich sämtliche Flutlichter auf einmal angegangen. Einen Augenblick lang saß Michael mitten im Lichtkegel und wagte nicht zu atmen.

Hier, in diesem dunklen Raum, gab es zwei Bedrohungen. Die Tür und die Schatten. Die Tür war schlimmer, denn obwohl die Schattenmonster permanent da waren, konnte man ihnen meistens ausweichen, wenn man geschickt war. Mann musste sich bloß ganz still verhalten, dann bemerkten sie einen vielleicht nicht. Aber sobald sich die Tür öffnete, gab es kein Entrinnen. Der Schatten, der dann herein kam, um ihn zu packen, war solide. Zielsicher. Riesengroß. Und oft sehr laut, wenn er Michael anherrschte, wie unartig er wieder gewesen sei, dass er zu nichts nütze sei und bestraft werden müsse. Obwohl es nach der stundenlangen Stille in Michaels Ohren weh tat, war es gut, wenn er schrie. Denn dann konnte Michael sich wappnen für die Schläge, die unweigerlich kamen.

Jetzt fiel die Tür sehr schnell wieder ins Schloss, und Michael zog die Arme ein wenig fester um seine Knie. Wieder war es finster und still, doch jetzt war ein neuer Schatten mit ihm im Raum. Diesmal schrie er nicht. Michael hörte ihn atmen.

„Hallo, Michael", tönte nach einer Weile eine sanfte Singsang-Stimme. „Wo bist du nur? Ich weiß doch, dass du da bist." Ein tonloses Lachen folgte.

„Komm her zu mir, mein Kleiner", lockte die Stimme, doch Michael rührte sich nicht. Das brauchte er auch nicht, denn einen Augenblick später hatte der Besitzer der Stimme ihn in seinen Fängen. Er hob ihn hoch und drückte ihn an sich.

„Ja, so ist gut. Shhh… ist gut, ist gut… gut, gut, gut…"

Michael ließ es zitternd und steif über sich ergehen. Was sollte er auch tun? Oft genug ging der Mann irgendwann einfach wieder weg. Angst vor Schmerzen musste er zumindest nicht haben. Er wusste, dies war einer der Tage, an denen es keine Schläge gab. Die Tür war nicht offen.

Eine große Hand fuhr ihm über den Kopf, dann den Nacken hinunter. Die Finger verweilten an seinem Hals, umfassten ihn beinahe zärtlich, dann strichen sie über seinen Rücken. Michaels Zähne klapperten immer stärker.

Der Mann hielt ihn an sich gedrückt. Er presste Michaels Gesicht in seine Halsbeuge, während er ihm das Haar streichelte. Dabei summte er wortlose Melodien in sein Ohr. Michaels Wange begann zu jucken, da wo sie den Hemdkragen berührte. Er versuchte, nicht zu atmen.

Jetzt strich eine große Hand seinen Arm hinunter. Bis zu seinem Handgelenk und wieder hinauf, wobei sie den Ärmel von Michaels Sweater hochschob und dort, wo sie seinen bloßen Arm berührte, eine Gänsehaut hinterließ. Dann wurde Michaels Hand hochgehoben, sie wurde an raue Lippen geführt, und die Lippen küssten seine Finger. Sie küssten die Handfläche, den Ballen und das Gelenk, und Michael musste daran denken, wie seine Mom ihm früher den Schmerz weggeküsst hatte, wenn er auf der Straße hingefallen war. Sie hatte gelacht und ihn getröstet, und dann war alles wieder gut gewesen. Jetzt war gar nichts mehr gut. Seine Mom war tot, Lincoln war nicht hier, und Michael war so allein wie nie zuvor. Michael schluckte, als er das Rascheln von Stoff hörte, das kehlige Atmen direkt an seinem Ohr, als er langsam wieder auf den Boden gestellt wurde. Der Mann kniete sich hin und brachte Michael durch den sanften Druck seiner Hände dazu, es ihm gleich zu tun.

„Komm, sei ein braver Junge", gurrte die Stimme. „Du willst doch, dass es Daddy gut geht."

Nein, das will ich nicht!, dachte Michael trotzig, sperrte sich gegen jede Bewegung und biss fest die Zähne aufeinander. Aber schon bald besann er sich. Er wusste, wie es ging. Wenn er sich wehrte, dauerte es umso länger.

„Ja, so ist brav… brav… mein Kleiner."

Seine zitternde Hand wurde nach unten geführt, und ohne noch einmal zu zögern, griff Michael zu.

Die großen Finger umfassten locker sein Handgelenk. Sie taten hm nicht weh, verhinderten lediglich, dass er sich entzog. Also schloss Michal die Augen ganz fest, obwohl es finster war, wandte sein Gesicht so weit ab, wie er konnte, und er tat, was der Mann von ihm verlangte. Er wünschte, er könnte seine Ohren verschließen, denn das Ächzen und Stöhnen verfolgte ihn jedes Mal hartnäckig bis in seine Träume.

Aber er konnte nichts dagegen tun, dass er hörte. Er bemühte sich, nichts zu sehen. Er bemühte sich, nichts zu fühlen. Das war schon schwieriger. Aber Michael stellte sich vor, dass es nicht wirklich seine Hand war, die diese Dinge tat. So gut es ging ignorierte er die Lippen in seinen Haaren, die Finger an seiner Wange, an seinem Ohr. Für wenige Minuten kapselte Michael sich von allem ab. Das war nicht er. Der Junge, der da auf dem Boden kniete, war so klein und feige. Eigentlich geschah es ihm ganz recht. Es war, als sähe er dem anderen Jungen bei dieser schändlichen Tat zu, schüttelte traurig den Kopf über soviel Dummheit und Schwäche, ansonsten fühlte er gar nichts. Fast nichts…

Es endete wie immer. Der Mann grunzte ein paar Mal wie ein Tier, gab Worte von sich, die Michael nicht verstand, dann war es plötzlich vorbei. Er drückte Michael ein Papiertaschentuch in die Hand und erhob sich keuchend.

„Das hast du gut gemacht, Michael", sagte er. „Du weißt, wie du Daddy glücklich machst."

Und der Mann, der nicht Michaels Daddy war, ging. Michael kroch auf allen Vieren in die dunkelste Ecke und weinte lautlos. Wenn er ihn doch nur geschlagen hätte…


„Michael?", wisperte eine Stimme in die Dunkelheit hinein. Michael reagierte nicht. Dann stupste ihn eine Hand vorsichtig an der Schulter, doch er drehte sich schniefend weg.

„Michael", sagte die Stimme dann lauter, „was ist los? Geht's dir nicht gut?"

Er wehrte sich, und die Hand rüttelte ihn stärker, und mit einemmal saß er kerzengerade und keuchend in seinem Bett im Kinderheim. Er blinzelte. Was war hier los? Der hellblonde Schopf von Patrick, dem Neuzugang, der unter ihm schlief, lugte über das kleine Geländer von Michaels Hochbett. Anscheinend stand er auf seiner eigenen Matratze. Er sah ängstlich aus. Aber das tat Patrick eigentlich immer. Es war offensichtlich, dass er sich noch nicht an sein neues Zuhause gewöhnt hatte. Nichts was Michael ihm vorwerfen konnte, denn er selbst betete auch jetzt, nach vier Monaten im Kinderheim, noch jeden Tag, dass er bald wieder nach Hause konnte. Patrick war erst seit einer Woche da. Er aß immer für sich alleine, beteiligte sich nicht an Spielen und hielt sich generell abseits. Wenn er etwas gefragt wurde, antwortete er einsilbig oder überhaupt nicht. Eine Woche ist nicht viel, dachte Michael, und dann fiel ihm ein, dass er vergessen hatte, Linc nach seiner Reststrafe zu fragen, aber Patricks verstörter Blick ließ ihn diesen Gedanken, wie alle anderen auch, beiseite schieben.

„Stimmt was nicht?", fragte Michael misstrauisch.

Patricks Augen wurden noch größer. „Das fragst du mich? Du… du hast die ganze Zeit gejammert und geweint. Erst dachte ich, du bist wach und hast vielleicht Heimweh, aber dann hast du angefangen um dich zu treten, und ich hab gedacht, gleich fällt er aus dem Bett. Da hab ich nachgesehen. Hattest du einen Alptraum?"

Was? Er sollte geweint haben? Michael hob die Finger an seine Wangen und fand sie feucht. Außerdem brannten seine Augen. Es stimmte. Er hatte in der Dunkelheit geweint. Schlagartig kam die Erinnerung zurück. Der Heizungskeller in der Pershing Avenue! Es war nur ein Traum, sagte er sich. Nur ein dummer, blöder Traum. Auf einmal dröhnte ihm sein Herzschlag in den Ohren. Er presste die Lippen fest aufeinander und atmete tief durch die Nase ein und aus. Nicht dran denken! Nicht die Augen schließen! Ignorier den Traum, dann verzieht er sich von selbst wieder. Aber er tat es nicht. Er griff mit seinen rauchartigen langen Schattenfingern nach Michael und tanzte für ihn. Michael begann zu zittern.

„Geht's dir gut? Kann ich dir irgendwie--"

„Bloß ein Traum. Geh wieder schlafen, Patrick."

„Aber ich hab gehört, wie du gesagt hast, er --"

„Nein!" Michael schüttelte energisch den Kopf. „Ich sag doch, es war nur ein Traum!"

„Aber…"

Lass mich in Ruhe!!!"

Patrick erstarrte. Einen Moment schien er etwas erwidern zu wollen, dann tat er es aber doch nicht. Stattdessen ließ er das Geländer los und begab sich ohne ein weiteres Wort in sein eigenes Bett zurück.

Damit drehte Michael sich zur Wand und deckte sich bis über die Ohren zu. Er wollte nichts sehen und nichts hören. Aber er wollte auch nicht mehr schlafen. Während er hoffte, dass bald die Sonne aufging, sagte er sich im Kopf methodisch die Reihe der Primzahlen auf. Zwei, drei, fünf, sieben, elf… Die ein- und zweistelligen gingen schnell, ab Einhundertundeins nahm er sich ein wenig mehr Zeit für jede Zahl. Langsam aber sicher fand sein Herz seinen normalen Rhythmus wieder, und die Traumbilder traten ein wenig in den Hintergrund. Doch Michael wusste, dass er sie nicht los war. Sie würden ihn immer verfolgen. Draußen wurde es allmählich heller.

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tbc.