Kapitel 10: Ein Angebot
Am nächsten Morgen hatte Harry sich gerade eine Tasse Tee gemacht, als Mitty ihm sagte, dass Mr. Malfoy im Floh war und um Erlaubnis bat, sie zu besuchen.
„Scorpius?" Er hatte es doch sicherlich klar gemacht, dass er tun würde, was der Junge wollte.
„Mr. Lucius Malfoy, Master Harry, Sir", sagte Mitty und wrang ihre Hände entschuldigend, dass sie es nicht klar gemacht hatte.
Harry trank einen tiefen Schluck von dem heißen starken Tee, bevor er antwortete.
„Ich komme", sagte er und ließ seine Hand einen Moment sanft auf Mittys Schulter ruhen, als er an ihr vorbeiging, um sie zu beruhigen. Er war neugierig, aber wie immer ließ selbst der Gedanke an Malfoy Senior eine Abneigung in ihm aufsteigen.
Er ging in den Salon - ein Raum, der als ihr Flohempfangsraum verwendet wurde und nie für die Familie, und wartete ruhig mit gefalteten Händen dastehend auf Lucius.
Zu sagen, dass die Veränderung in Lucius Malfoy ihn schockierte, war eine Untertreibung. Er hatte Malfoy seit den Kriegsprozessen nach dem Fall von Voldemort nicht mehr persönlich gesehen und obwohl sein Bild nach seiner Freilassung nach seiner fünfzehnjährigen Freiheitsstrafe in der Presse zu sehen gewesen war, hatte ihn nichts auf das hier vorbereiten können. Er wusste nicht, ob Malfoys Erscheinungsbild wegen seiner eigenen Gefangenschaft war oder wegen der Aussicht auf dasselbe für sein eigenes Kind.
Der Mann hielt einen Moment inne, um die Asche von seinen Roben zu streichen; Harry hatte das starke Gefühl, dass er den Moment benutzte, um sich zu sammeln. Malfoys Haar, noch immer lang, verbarg sein Gesicht; aber Harry sah, dass das feine Haar nicht länger blond, sondern schlohweiß war.
Der Mann hob seinen Kopf und stand aufrecht da, sein Blick wanderte direkt zum Hausherrn.
Harry hielt seine Schultern entspannt. Sein Zauberstab war in seinem Ärmel, aber er fürchtete Malfoy nicht. Er war offensichtlich hier, um um Hilfe für seinen Sohn zu bitten.
Er fühlte, wie der Blick des älteren Zauberers über ihn hinwegstrich und ihn musterte. Er sah, wie seine Hand sich um seinen Stock verkrampfte.
„Mr. Malfoy", sagte Harry ruhig. „Bitte nehmen Sie Platz."
Die wenigen Worte sagten so viel aus. Höflich und formell, aber auch ein Zugeständnis an eine Gebrechlichkeit, von der Malfoy sicherlich vorziehen würde, sie nicht anerkannt gesehen zu haben. Es war auch offensichtlich, dass Harry ihm gegenüber höflich war, ihn aber nicht in die Räume der Familie im Haus bat.
„Ich danke Ihnen vielmals, Mr. Potter, dass Sie so freundlich waren, mich zu empfangen", sagte Lucius leise, als er sich auf einen der recht steifen Sessel setzte.
Harry war überrascht, dass kein Sarkasmus in seiner Stimme lag. Er versteckte es offensichtlich oder vielleicht hatte er in den Jahren seit dem Krieg tatsächlich Respekt gelernt.
„Sie möchten mit mir über Draco reden", sagte Harry und kam direkt zum Punkt.
Lucius Augen leuchteten kurz auf, vielleicht wegen dem Mangel an weiteren Nichtigkeiten.
Er schien sich innerlich vorzubereiten, seine Hände hielten den Stock vor ihm fest.
„Ich - Ja, Mr. Potter. Ich weiß nicht wie ich Sie überzeugen soll, aber ich kann nicht mit guten Gewissen schweigen. Ich glaube nicht, das mein Sohn Ihre Frau getötet hat."
Harry musterte seinen alten Gegner kalt.
„Sie glauben mir nicht", sagte Lucius.
„Ich verstehe und schätze, dass Sie ihren Sohn unterstützen möchten."
„Sie glauben, dass ich versuche, meine vergangenen Fehler mit Draco wiedergutzumachen?", fragte Lucius mit einem scharfen Tonfall.
Harry lehnte sich in seinem Sessel zurück und sagte nichts.
Lucius rutschte unbehaglich hin und her. „Es geht nicht um meine vergangenen Fehler", sagte er leise. Er packte den Stock noch fester. „Mein Sohn liebte Ginevra, Mr. Potter. Ich weiß, Sie möchten das nicht hören ..."
„Was lässt Sie das denken?", fragte Harry scharf.
„Es tut mir leid, Ihnen Schmerzen zuzufügen ..."
„Ich denke, es ist zu spät, sich Sorgen über die Schmerzen, die Ihre Familie meiner zugefügt hat, zu machen."
Lucius zog eine Grimasse und senkte besiegt seinen Kopf.
Harry war wieder überrascht. „Fahren Sie fort. Ich nehme an, dass nichts, dass Sie sagen, die derzeitige Situation verschlimmern kann."
„Nun gut. Draco erzählte es mir beinahe vor zwei Jahren; er sagte, dass Sie von ihrer Beziehung wüssten, aber keine Scheidung zulassen würden, bis Ihr jüngstes Kind Hogwarts abgeschlossen hat." Er schaute bestätigend zu Harry.
„Draco hat sich schuldig bekannt", sagte Harry, ohne auf Lucius Aussage einzugehen.
Es war eine Unterredung, wie Harry sie noch nie erlebt hatte. Er schaute ungläubig zu wie Lucius Malfoy sich von seinem Sitz erhob - jedoch nicht aufstand, sondern sich auf seine Knie fallen ließ. Harry setzte sich abrupt auf.
„Mr. Potter, ich bitte Sie, mein Leben anstelle das von Dracos anzunehmen", sagte Malfoy während er seinen Stock neben sich ablegte und seinen Kopf zu Boden neigte.
Harry hatte diesen Zaubererbrauch nicht mehr seit den Gerichtsverfahren nach dem Krieg gesehen. Ein Zauberer hatte das Recht, sein Leben im Austausch für das Leben einer seiner Familienmitglieder anzubieten. Sein Leben und all seine Besitztümer gingen an die Person, der er es angeboten hatte: dem Angeklagten blieb nichts weiter als sein Leben.
„Sie warten nicht auf die Verhandlung?", fragte Harry scharf. „Sie müssen ihren Sohn für schuldig halten."
Sein Kopf noch immer zu Boden geneigt antwortete Lucius: „Wegen der Erniedrigung, die ich auf meinen Familiennamen gebracht habe, glaube ich nicht, dass mein Sohn eine faire Verhandlung erhalten wird."
Er hatte nicht ganz Unrecht, dachte Harry.
„Ich dachte, Sie und Draco verstanden sich nicht besonders gut", kommentierte er.
„Er ist mein Sohn!" Lucius blickte mit feurigem Blick nach oben.
„Stehen Sie auf", sagte Harry.
„Ich erwarte Ihre Erwiderung ..."
„Sie können meine Erwiderung im Sessel erwarten", schnappte Harry.
Für einen Mann, der gekniet und gebittet hatte, hatte Malfoy noch immer seinen Stolz. Er kämpfte sich in den Sessel hoch und warf sein Haar zurück. „Danke", sagte er mit angespannter Stimme.
„Ich bin überrascht, dass Draco Ihnen von seiner Beziehung erzählt hat", sagte Harry kalt, als Malfoy wieder saß. „Wo er mir doch versichert hatte, das Sie nie in sein Haus eingeladen wurden und dass meine Kinder Sie nie treffen müssten."
Er sah, wie etwas durch Malfoys Augen flackerte, aber es wurde schnell versteckt. Er war sich nicht sicher, ob es Schmerz oder Beschämung oder eine Spur von Bewunderung war. Harry war ziemlich unbarmherzig, aber Lucius Malfoy brachte das Schlimmste in ihm hervor. Nur sein Anblick weckte in ihm die Erinnerungen an zu viele Situationen, in denen er hilflos gewesen war und Malfoy ihn verhöhnt hatte. Er schuldete dem Mann nichts.
„Ich glaube nicht, dass er dies getan hätte. Es gab - familiäre Beweggründe - diese Sache mit mir zu besprechen", sagte Malfoy stolz.
Harry schaute ihn nur an: „Wenn Sie meine Hilfe wollen, Malfoy, dann erklären Sie es besser."
„Ich möchte mich an seiner Stelle anbieten!"
„Schnell und einfach das Ganze", sagte Harry. „Sie sehen schon ganz ermüdet aus. Sie sehen nicht so aus, als würden Sie das Leben sehr vermissen werden", sagte er wie nebenbei.
Malfoy saß wie erstarrt da.
Harry wartete. Er war unhöflich gewesen, aber um ehrlich zu sein, fand er es schwer, nicht ein klein wenig Gefallen daran zu finden, Malfoy so aus dem Gleichgewicht zu bringen. Aber der Mann schien sich wieder zu fangen.
„Sie wollen die Wahrheit: Ich habe nur versucht, Sie nicht zu kränken", sagte er höflich.
Harry fühlte, wie er begann, seine Zähne zusammenzubeißen: „Wirklich? Ich werde das selber beurteilen."
„Wie Sie wünschen." Malfoy beugte leicht seinen Kopf. „Sie möchten wissen, warum ich Ihnen mein Leben im Austausch gegen Dracos anbiete? Weil mir der Familienname wichtig ist ..."
Harry schnaubte.
Malfoys Gesicht spannte sich an. „Unser Stammbaum geht Jahrtausende zurück. Ich würde lieber mein Leben verlieren als ihn aussterben zu sehen. Ginevra Weasley war nachgewiesenermaßen fruchtbar. Ihre Familie ist - unzweifelhaft."
„Sie haben sie immer verachtet", meinte Harry.
„Ich gebe zu, dass sie sich gut geschlagen haben", sagte Malfoy hochmütig. „Und die Familienlinie ist gut dokumentiert", fügte er hinzu und forderte Harry damit praktisch heraus, etwas zu sagen.
„Ich kann verstehen, warum eine Allianz mit den Weasleys dem Malfoynamen helfen könnte", sagte Harry.
Malfoy atmete scharf ein. Und sagte nichts.
Er verbarg etwas.
Harry dachte noch einmal über die Unterhaltung nach.
„Wieso machen Sie sich Sorgen darüber, dass Ihre Linie ausstirbt? Draco hat bereits einen Erben. Sie haben auch nicht für „Extras" gesorgt, als sie Draco hatten."
„Ich habe keinen Sohn gezeugt, der sich weigert, die Familienlinie fortzuführen!", schnappte Malfoy. „Sind Sie nun glücklich, dass Sie nun alle schmutzigen Geheimnisse meiner Familie kennen?"
„Ich finde das höchst unwahrscheinlich", antwortete Harry beinahe automatisch. Was war hier los? „Scorpius weigert sich, weitere Malfoys in die Welt zu setzen?"
„Sie finden wirklich Gefallen an Erniedrigungen, Mr. Potter. Ich hatte keine Ahnung. Nun gut, wenn dies Ihr Preis ist. Mein Enkel hat unnatürliche Interessen. Sein Vater weigert sich, sich ihm gegenüber durchzusetzen und ihn dazu zu bringen, zu heiraten und die Linie fortzuführen. Draco ist daher essentiell. Und ich bin es nicht."
„Unnatürliche Interessen? Scorpius? Was hat- oh! Er mag Männer?", fragte Harry.
„Wie Sie sagen", sagte Malfoy voller Abscheu.
„Ich verstehe."
Harry stand auf und ging durch den Raum. Er konnte nicht fassen, das Malfoy so kaltblütig war. Es ging nicht darum, dass er sich um seinen eigenen Sohn kümmerte, nur darum, sicherzustellen, dass der Malfoyname nicht aussterben würde. Harry drehte sich um: „Sie könnten selber noch einmal heiraten."
Malfoys Gesicht verzog sich ein wenig mehr.
„Erzählen Sie mir nicht, dass Sie um Narcissa trauern und sich so etwas nicht vorstellen können, wenn Sie erwarten, dass ihr eigener Sohn eine Reihe von Erben zeugen soll, trotz der Tatsache, dass die Frau, von der er behauptet, das er sie liebt, tot ist. Eine Frau, die er übrigens umgebracht hat."
„Wie ich bereits sagte, glaube ich nicht, dass Draco sie getötet hat. Darum geht es jedoch nicht."
Harry fühlte, wie ihm die Luft von der Frechheit des Mannes wegblieb.
„Der Punkt ist, dass - sollte er leben - er sich erholen wird und eine neue Frau wird kommen. Er ist jung und hat - glücklicherweise - seinen eigenen Reichtum gemacht. Mein Tod und der Transfer der Malfoybesitztümer zu Ihnen sollte seine Chancen, eine angemessene Frau zu finden, nicht behindern. Die Besitztümer sind recht umfassend. Ich habe Gringotts eine Liste für Sie vorbereiten lassen.", sagte er und legte einen Umschlag auf den Tisch neben ihm.
„Sie denken, Geld kann mich dazu verführen, den Mörder meiner Frau zu verschonen?"
„Kommen Sie, Mr. Potter. Wir wissen beide, dass Sie einer Scheidung bereits zugestimmt hatten. Der trauernde Ehemann ist kaum ein angemessenes Verhalten."
„Ich würde es schätzen, wenn Sie jetzt gehen würden", sagte Harry im Stehen. Er konnte seinen Zorn beinahe nicht im Zaun halten.
Malfoy verstand anscheinend, dass er zu weit gegangen war. Er stand ebenfalls auf, seinen Gehstock fest in der Hand haltend.
„Sie wollen Erniedrigung? Ich bin unfähig, Kinder zu zeugen. Wollen Sie mir gerne ins Gesicht lachen, oh Retter der Zaubererwelt? Mein Zustand war eine Strafe vom Dunklen Lord. Ich habe für meine Verbrechen gezahlt, Mr. Potter. Lassen Sie nicht meinen Sohn für etwas büßen, dass er nicht getan hat."
Harry war wahrhaftig geschockt, dass Malfoy so viel über sich und seine Familie preisgegeben hatte. Er musste wirklich verzweifelt sein.
„Wenn Ihr Sohn Ginny nicht umgebracht hat, wer glauben Sie war es? Jemand, der zufällig vorbeikam? Ein Todesser, der auf Rache aus war?"
Malfoy musterte Harry. Er schien die Frage das erste Mal zu überdenken. „Ich denke, wir können das Erstere ausschließen", sagte er schließlich. „Das zweite könnte eine Möglichkeit sein."
Harrys Blick verschärfte sich: „Gibt es etwas, dass Sie mir nicht sagen?"
„Eine neue Bewegung ist im Aufbau. Ich bin nicht an ihren Aktivitäten interessiert, aber das bedeutet nicht, dass sie nicht existiert."
„Sie wurden angesprochen? Sie ... Sie denken sich das aus, um von Draco die Schuld abzuwälzen! Er hat es zugegeben!"
„Als er vor Trauer zerstört war!", sagte Malfoy.
Harry wanderte auf und ab.
„Ich werde zu ihm gehen. Ich verspreche nichts, Malfoy."
Lucius Malfoy beugte seinen Kopf im Einverständnis. „Und ich verspreche Ihnen mein Leben und meinen Reichtum, wenn mein Sohn lebt. Sie haben meinen Eid."
Ende Kapitel 10
