Kapitel 10 – Rätsel in der Dunkelheit

Nachdem Hermine Malfoys Haus verlassen hatte, apparierte sie zum Ministerium. An Samstagen gingen sehr wenige Menschen zur Arbeit, doch es waren genug, als dass sie nicht auffallen würde. Sie ging in ihr Büro, war aber zu abgelenkt, um sofort mit der Arbeit anzufangen. Das Abendessen mit Malfoy hatte sie verwirrt.

Draco hatte gesagt, dass sie dort sein musste, doch alles, das sie getan hatte, war am Tisch zu sitzen und zu essen. Als er sich mit dem Paar getroffen hatte, hatte er sie nicht gebeten, ihn zu begleiten, und das fand sie merkwürdig. Auch sein Verhalten war verwirrend. In der einen Minuten brüllte er sie an, in der nächsten sprach er ruhig mit ihr. Sie hatte fest erwartet, dass er wegen des Weines und des Nachtischs explodieren würde, doch stattdessen hatte er tatsächlich darüber gelacht.

Hermine seufzte. Draco Malfoy war in der Tat eine komplizierte Person, sehr viel komplizierter als sie zunächst gedacht hatte. Alles, das sie über ihn wusste, basierte auf ihren Erfahrungen aus Hogwarts und allem, das sie in der Zeitung und bei der Arbeit von ihm gehört hatte. Nichts davon war auch nur im Entferntesten gut. In der Schule hatte er sie und ihre Freunde gehänselt, sie Schlammblut genannt und sich generell wie ein verwöhntes, feiges Balg benommen. Nach der Schule hatte er sich in seinem Dienst für Voldemort gnadenlos gezeigt. In den ersten zwei Jahren stand sein Name mit den schlimmsten Verbrechen in Verbindung. Die letzten beiden Jahre über tauchte sein Name nicht mehr so regelmäßig auf und in den Monaten, bevor er sich gestellt hatte, war er überhaupt nicht mehr aufzufinden gewesen. Als sie zurückdachte, realisierte Hermine, dass sie seinen Namen zwei Monate vorher schon nicht mehr im Tagespropheten gesehen hatte.

Sie runzelte die Stirn. War das wichtig? Hatte es etwas zu bedeuten? Hermine schüttelte den Kopf. Es würde nichts bringen, darauf herumzureiten. Er war so gut im Verstecken. Sie glaubte nicht, ihn jemals begreifen zu können. Außerdem hatte sie viel wichtigere Dinge auf dem Herzen. Nämlich möglichst alles über die Todesser zu erfahren, die Malfoy ihnen gegeben hatte.

Hermine sah immer noch Aktenordner durch, als es sechs Uhr wurde. Um Viertel nach sechs sah sie auf die Uhr und stellte fest, dass sie zu spät war. Hastig legte sie die Ordner zur Seite, nahm ihre Tasche und rannte in die Lobby. Seamus wartete bereits und lächelte ihr entgegen, während sie auf ihn zurannte.

„Sorry!", sagte sie außer Atem. „Ich hatte gerade zu tun und habe die Zeit vergessen."

„Es ist okay, Hermine. Bist du bereit zum Gehen?"

Sie nickte, immer noch nach Luft schnappend. Sie traten auf die Straßen von Muggle- London und unterhielten sich, während sie zu dem Restaurant liefen. Seamus hielt nach 15 Minuten vor einer Einrichtung an, die traditionell englisches Essen servierte. Er öffnete die Tür und ließ Hermine vor ihm eintreten.

Als sie sich gesetzt hatten, besahen sie sich die Speisekarte. Hermine hatte an diesem Tag bereits Fisch gegessen. Eigentlich hatte sie schon zu Abend gegessen, da es in Neuseeland Abendessenszeit gewesen war. Sie entschied sich für einen Salat mit einer Suppe. Seamus bestellte ein Steak.

Sie fuhren mit ihrer Unterhaltung fort, doch Hermine bemerkte, dass ihren Gesprächspartner etwas beschäftigte.

„Seamus?", sagte sie, als die Speisen gebracht worden waren. „Ist alles in Ordnung?"

Er blickte sie mit einem grimmigen Gesichtsausdruck an. „Hast du den Propheten von heute gesehen?"

Hermine schüttelte den Kopf. „Nein, warum?"

„Es gab einen Anschlag gestern Abend, in Berkshire."

„Todesser?"

Er nickte. „Sie haben eine ganze Familie getötet."

Hermine sah Seamus weiter an, auf nähere Informationen wartend. Unglücklicherweise war diese Art von Neuigkeiten typisch für Todesser und sie glaubte nicht, dass er es erwähnen würde, wenn es dabei nicht um mehr ging.

„Sie hatten es auf Auroren abgesehen."

Sie keuchte auf. Selten verfuhr Voldemort so nahe am Ministerium, sondern machte stattdessen Jagd auf Muggle und Muggle- Geborene. Nur wenn er sehr wütend war, attackierte er ausgebildete Auroren.

„Warum?", fragte sie.

„Das weiß keiner. Uns wurde das Auftauchen des Dunklen Mals um 11 Uhr gemeldet und sechs von uns haben sich zur weiteren Nachforschung aufgemacht. Wir – wir haben sie alle gefunden, tot."

„Wer, Seamus?", erkundigte sich Hermine. Sie war nicht sicher, ob sie die Antwort wirklich hören wollte.

„Die Pruitts. Alle sechs von ihnen."

Hermine schloss die Augen und holte tief Luft.

„Aber da ist noch etwas", fuhr Seamus fort. Sie sah ihn an. „Eine kurze Notiz. Von einem Todesser, einem, mit dem du vertraut bist. Lucius Malfoy."

Wäre Hermines Aufmerksamkeit nicht ohnehin voll auf Seamus' Geschichte fixiert gewesen, wäre sie spätestens jetzt gefesselt gewesen. „Lucius? Was hat er geschrieben?"

„Das ist das Seltsamste. Darauf stand: Gebt ihn zurück. Das war alles."

„Wen zurückgeben?"

„Das weiß keiner. Das macht es ja auch so merkwürdig! Das Ministerium hat im Augenblick keine Todesser in Azkaban, noch haben wir irgendwelche Indizien. Deshalb sind wir völlig verblüfft von der Nachricht."

Hermine war beinahe sicher, dass sie wusste, wer mit „ihn" gemeint war. Doch natürlich sagte sie nichts davon. Ihre Gedanken galten einzig der Frage, was geschehen würde, wenn Lucius nicht zufrieden gestellt werden würde. Würden noch mehr Personen verletzt werden? Oder vielmehr umgebracht? Sie schauderte.

„Wie läuft deine Arbeit in den letzten Tagen, Hermine? Scheint so, als wärst du immer dort, jetzt sogar an Wochenenden."

„Oh, die Arbeit ist super. Meine augenblickliche Aufgabe läuft gut voran. Ich habe nur das Gefühl, dass ich nahe an etwas dran bin, so dass es mich noch härter arbeiten lässt, und manchmal bemerke ich nicht einmal mehr, dass alle anderen nach Hause gegangen sind."

„Aber du solltest nicht so viel schuften. Du hast jetzt einen ganzen Monat lang nonstop gearbeitet, wie ich festgestellt habe. Du siehst so aus, als würdest du nicht genug Schlaf oder Ruhe bekommen."

Hermine bedachte ihn mit einem schüchternen Lächeln. „Also wirklich, Seamus, einem Mädchen zu sagen, dass sie nicht allzu gut aussieht, ist nicht gerade nett."

Er lächelte. „Ich habe damit nicht gemeint, dass du nicht gut aussiehst." Er errötete leicht und Hermine lächelte wieder. „Du siehst heute Abend – bezaubernd aus. Lass uns nicht mehr über die Arbeit sprechen, was meinst du?"

„Gute Idee", sagte sie, eifrig die Gedanken zu einem anderen Pfad zu lenken.

Sie verbrachten den Rest der Mahlzeit in angenehmer Unterhaltung über Freunde von Hogwarts. Hermine fühlte sich unbeschwerter, als sie es seit sehr langer Zeit getan hatte. Sie konnte wirklich lachen und für ein paar Stunden den Krieg vergessen und den Mann, mit dem sie erst vor ein paar Stunden zu Abend gegessen hatte. Es fühlte sich normal an, etwas, das sie nicht mehr empfunden hatte, seit Malfoy wieder in ihr Leben getreten war. Und sie genoss das Gefühl. So sehr, dass sie vorsichtig seine Einladung zu einem zweiten Date annahm.

Nach dem Abendessen spazierten sie im Muggle- London umher und beobachteten die Muggle, denen nicht bewusst war, dass sie eine Hexe und ein Zauberer in ihrer Mitte hatten. Es wehte ein kühler September- Wind, der Blätter durch die leeren Straßen fegte. Lampen und Ladenlichter strahlten hell, als sie sich auf dem Weg zu Hermines Wohnung machten. Seamus wünschte ihr Gute Nacht und disapparierte. Hermine blieb einige Minuten auf der Vordertreppe ihres Hauses stehen, bevor sie zum Edge disapparierte.

Hermine war tief in Gedanken versunken, nicht nur über Seamus, sondern auch über die Neuigkeiten, die er ihr mitgeteilt hatte, als sie die Tür von Dracos Haus aufschob. Sie war so tief in Gedanken versunken, dass sie nicht bemerkte, dass das Licht im Salon eingeschaltet war und jemand in dem Zimmer saß und ein Buch las.

„Du bist zurück", ertönte eine Stimme, die Hermine zusammenzucken ließ und sie aus ihren Gedanken riss. Sie wandte sich zu der Quelle der Stimme und sah Malfoy, der sein Buch zuklappte und von seinem Sessel aufstand. Er schaltete das Licht aus, das er zum Lesen verwendet hatte, und kam auf sie zu.

Etwas an der Art, wie er sich bewegte, erschreckte sie. Hermines Herz begann zu rasen und ihre Haut wurde kalt. Das einzige Licht, das den Raum erhellte, stammte vom Mond und Draco glühte beinahe in dem blassen, silbernen Licht. Seine scharfen Gesichtszüge standen in starkem Kontrast zu der Schwärze, die ihn umgab und von ihm zu kommen schien.

Als noch etwa 20 Zentimeter zwischen ihnen waren, blieb Draco stehen. Hermine schluckte und wich unwillkürlich leicht zurück. Draco feixte, als er ihre Furcht spürte.

„Entspann dich, Granger", sagte er. Er ging an ihr vorbei aus dem Zimmer und die Treppen hinauf. Als sie hörte, wie die Tür von seinem Zimmer zufiel, stieß Hermine den Atemzug aus, den sie angehalten hatte.

Atme, sagte sie sich selbst. Wenn er mich verletzen wollte, hätte er es inzwischen schon getan. Richtig? Langsam machte Hermine sich auf den Weg zu ihrem Zimmer und fiel in einen unruhigen Schlaf.


Am nächsten Tag wachte Draco in einer üblen Laune auf. Er versuchte, sich selbst davon zu überzeugen, dass es nicht wegen Hermines Date am vorigen Abend war, schaffte es jedoch nicht vollständig. Er war nicht eifersüchtig – nein, nein, nein – ganz und gar nicht. Es war schlichtweg die Tatsache, dass er nicht die Kontrolle über etwas hatte, das möglicherweise ihn und seine Ziele betreffen könnte. Schließlich war es nur ein Date.

Aber – was wenn ein Date zu mehreren Dates wurden? Und wenn sie dann – etwas mehr? Sie würde alles, was sie, er und Harry taten, vor dem Kerl (im Augenblick ihr Date vom letzten Abend, doch falls es nicht funktionierte, könnte es nach ihm jeder sein, und zwar wirklich jeder) verbergen müssen und was war, wenn sie sich als nicht so engagiert herausstellte wie Harry? Er vertraute darauf, dass Harry es nicht ausplaudern würde, aber Hermine? Konnte sie es vor jemandem geheim halten, der ihr mit der Zeit mehr und mehr am Herzen lag? Würde sie wieder in ihre Wohnung in London zurückziehen? Sie könnte völlig den Fokus auf die Arbeit verlieren, die sie seinetwegen verrichtete.

Dracos Miene verfinsterte sich und er zwang sich selbst aus dem Bett. Er war mürrisch während des Frühstücks, des Trainings mit Harry, des Mittagessens und des darauffolgenden Trainings. Wenn Harry bei Hermine war, verließ Draco das Zimmer und belauschte sie in der Hoffnung, etwas über ihr Date zu hören – und was ihm noch wichtiger war, ihre Verbindung zu dem Kerl. Sean? Shingles? Etwas in der Art.

Endlich, kurz vor dem Abendessen, ging sein Wunsch in Erfüllung. Er und Harry kamen vom Training herein. Draco ging direkt in sein Zimmer und, wie er es den ganzen Tag über getan hatte, lauschte ihrer Unterhaltung, obwohl er nicht wirklich erwartete, etwas Wichtiges zu erfahren.

„Hey, Harry", hörte er Hermine sagen.

„Hey."

„Du siehst müde aus. Wie war das Training?"

„Malfoy war heute ja vielleicht in einer Stimmung. Er hat mich härter rangenommen als sonst."

„Welche Art von Stimmung?"

„Eine üble, das ist alles, das ich weiß." Harry massierte seine Schulter und verzog das Gesicht, als er eine wunde Stelle traf. „Ich will aber nicht davon sprechen. Erzähl mir von dem Abendessen mit Seamus letzte Nacht."

„Es war schön. Ich wollte eigentlich beim Abendessen darüber sprechen."

„Oh. Okay. Wenn du willst." Draco hörte an dieser Stelle auf zu lauschen. „Gut", dachte er. „Endlich bekomme ich etwas mit." Von ihrem Engagement zu diesem Projekt, und das war alles, worum es ihm ging. Wirklich. Nun aufgeregt auf das Abendessen und die Unterhaltung, ging er in den unteren Stock, um das Essen vorzubereiten.

Nachdem sie sich gesetzt hatten, sprachen Harry und Hermine beinahe 15 Minuten lang über die Weasleys, was Draco verrückt machte. Es regte ihn immer etwas auf, wann immer die Weasleys zur Sprache kamen, doch an diesem Abend wartete er ebenfalls auf Details über „das Date". Weil er wissen musste, wo Hermines Prioritäten lagen.

Als ein paar Minuten in Schweigen vergingen, eröffnete Hermine endlich das Wort.

„Ich denke, wir sollten den Tagespropheten bestellen." Draco starrte sie hart und verärgert an, weil es nichts mit dem zu tun hatte, das er wollte. Hermines Blick war auf das Essen auf ihrem Teller gerichtet, in dem sie herumstocherte, ohne einen Bissen zu nehmen.

„Warum?", fragte Harry.

„Ich finde einfach, dass wir auf dem Laufenden bleiben müssen, was in unserer Welt vor sich geht."

„Wir werden nichts bestellen", sagte Draco fest.

„Warum nicht?", fragte sie und sah ihn mit einer ausdruckslosen Miene an.

„Wir können hier nicht jeden Tag Eulen ein- und ausfliegen lassen. Es wird Verdacht erregen."

„Bei wem? Es gibt kilometerweit niemanden in der Nähe!", protestierte sie.

„Man kann sich nie sicher sein. Ich will nichts riskieren, das Aufmerksamkeit auf diesen Ort ziehen könnte."

Hermine verdrehte die Augen. „Nichts würde passieren, Malfoy. Du bist paranoid."

„Keine Zeitung. Du kannst all die Informationen über die Welt erfahren, wenn du bei der Arbeit bist."

„Ja, in der Woche schon. Aber was ist mit den Wochenenden?"

„Ist etwas vorgefallen, Hermine?", erkundigte Harry sich, ein wenig besorgt angesichts der Beharrlichkeit seiner Freundin.

„Ja, in der Tat. Seamus hat mir davon erzählt." Dracos ohnehin finstere Miene verdüsterte sich noch mehr, doch er war froh, dass sie endlich zu dem „Date" kamen. „Es gab einen Anschlag freitags nachts. Todesser."

Er hörte ihrer Stimme an, dass es etwas war, das sie verstörte, doch er schrieb es ihrer sensiblen Natur zu. „Ist das alles? Todesser schlagen die ganze Zeit zu, Granger. Wir brauchen nicht unbedingt jedes Mal ein Update, wenn es passiert." Er sagte es so, als wollte er ausdrücken, dass es keinen Bedarf gab, die Diskussion fortzuführen.

„Diesmal war es anders", sagte sie verstimmt. Sie sah Harry an. „Sie haben Auroren angegriffen."

Harrys Augen weiteten sich und seine Gabel blieb auf dem Weg zu seinem Mund in der Luft hängen. „Auroren?"

„Ja. Und ihre Kinder."

Harry legte seine Gabel nieder. Plötzlich hatte er keinen Hunger mehr. „Das ist krank."

Draco wusste, dass Todesser sich nicht scheuten, solche Maßnahmen zu ergreifen, doch er zügelte seine Zunge. Er glaubte nicht, dass sie seinen Einwand gut aufnehmen würden. Dennoch, selbst er, der unzählige Verbrechen und Gräueltaten gesehen und seine Genossen damit prahlen gehört hatte, war wütend über die Neuigkeiten. Es erzürnte und beschämte ihn, dass er auf irgendeine Weise mit den Leuten in Verbindung stand, die Kinder getötet hatten. Auch er legte seine Gabel nieder.

„Wer – wer war es?", flüsterte Harry.

„Scott und Julie."

Harry stieß die Luft aus. „Sie haben gerade ein Baby bekommen!", rief er. Ihm war noch übler als zuvor schon.

Hermine sah, wie Draco seine Augen schloss und die Fäuste ballte, bis seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Sie runzelte ein wenig die Stirn. Was ging es ihn schon an? Er hatte wahrscheinlich noch schlimmere Taten begangen. Sie schüttelte den Kopf. Er half Harry jetzt. Es würde nichts bringen, auf Malfoys Verbrechen herumzureiten.

„Da ist noch mehr", sagte sie. Harry und Draco blickten sie beide an. „Sie haben eine Notiz hinterlassen. Darauf stand: Gebt ihn zurück."

„Was? Das war's?", sagte Harry ungläubig.

„Es war unterzeichnet", fuhr Hermine fort. Sie drehte sich zu Draco. Als ihre Blicke sich trafen, spürte er, dass sie versuchte, in ihn zu sehen. Er glaubte, dass sie seine Augen mit ihrem Blick ausbrennen könnte. „L.M."

„Wer ist – ", begann Harry. Dann schien er die Bedeutung der Initialen zu begreifen und er erblasste, seinen Blick auf Draco gerichtet.

„Mit `ihn´ muss Malfoy gemeint sein", sagte Hermine, die ihn immer noch ansah. Draco war wie versteinert und konnte seinen Blick nicht von ihr abwenden. Er spürte ein furchtbares sinkendes Gefühl in seinem Bauch, als er langsam die Teile zusammenpuzzelte – sein Vater war dort gewesen, hatte den Mord an jenen Kindern mitangesehen, hatte sie vielleicht selbst getötet. Als er seinen Blick endlich von Hermines Augen lösen konnte, stand Draco auf und rauschte hinaus, bevor er sich noch in der Küche erbrechen musste.

„Wir haben gewusst, dass es nur eine Sache der Zeit ist, bevor sie nach ihm suchen", sagte Harry mehr zu sich selbst als zu Hermine. „Wir – wir wussten, dass es Konsequenzen geben würde – "

„Harry! Wie kannst du das sagen? Wie kannst du das einfach so akzeptieren?"

„Das tue ich nicht, Hermine! Ich wusste nicht, was geschehen würde. Ich hatte keine Ahnung, dass sie so aufgebracht von seinem Verschwinden sein würden. Er hat es klingen lassen, als würde er kaum vermisst werden."

„Vielleicht trifft das auf die meisten Todesser zu, aber sein eigener Vater wird es bemerken, wenn er nicht mehr bei den Treffen auftaucht!" Sie krallte ihre Hände in ihr Haar und starrte auf ihren Teller.

„Was wollen wir tun? Das kann nicht so weitergehen. Ich werde nicht für den Tod und Schmerz von anderen Leuten verantwortlich sein! Dagegen habe ich schon immer angekämpft!"

„Hermine, du bist nicht dafür verantwortlich, das weißt du. Es sind diese bösen, kranken Monster, die ekelerregend stolz auf ihre Arbeit sind."

„Aber wenn wir nicht hier wären, wenn du nicht gegangen wärst – "

„Wenn Malfoy nie zu mir ins Ministerium gekommen wäre, du hast Recht, wären Scott und seine Familie noch am Leben. Aber wie viele andere Menschen wären stattdessen tot? Etwas hat ihn umkehren lassen. Wenn das nicht geschehen wäre, hätte er nicht sein Angebot gemacht und wir würden jetzt nicht hier sitzen. Wir wären kein bisschen näher an Voldemort und es gäbe keine Möglichkeit zu wissen, wie viele Opfer es inzwischen gäbe. Du solltest auch auf seiner Liste stehen, weißt du noch?"

Hermine zuckte bei diesem Gedanken zusammen. Malfoy war befohlen worden, sie zu töten. Ohne seinen Gesinnungswechsel wäre sie nicht mehr am Leben. Sie schauderte. „Aber Harry, das kann nicht so weitergehen! Ich werde nicht zulassen, dass jemand durch das verletzt wird, das wir tun."

„Hermine, du könntest jetzt auf der Stelle gehen und nichts würde sich verändern. Du weißt, dass all das wegen Malfoy und meinetwegen passiert."

„Nein, Potter, es ist meinetwegen", sagte Draco, der in der Tür stand. Er wirkte viel blasser als üblich, sogar ein wenig grünlich. „Und ich werde es wieder beheben." Er rauschte durch die Küche und nahm zwei Stufen auf einmal. Harry und Hermine hörten seine Tür zuschlagen und sahen dann einander an.

„Was, denkst du, wird er tun?", fragte Hermine leise, nachdem ein paar Minuten vergangen waren.

„Ich habe keine Ahnung. Nichts Dummes, hoffe ich."

„Wie zum Beispiel?"

„Zum Beispiel sich in Teufelsküche zu bringen."

Harry zog sich nach dem Abendessen bald zurück und Hermine ging auf die Veranda. Sie nahm ihr Buch mit, doch ihre Gedanken wirbelten chaotisch umher und machten es ihr schwer, sich auf die Worte vor ihr zu konzentrieren. Schließlich gab sie den Versuch zu lesen auf und ließ ihren Geist wandern. Er blieb rasch auf Malfoy ruhen und sie versuchte, sich aus ihren widersprüchlichen Gefühlen ihm gegenüber einen Reim zu machen.

Manchmal schien es ihr unmöglich, ihn auch nur anzusehen, ohne daran zu denken, was er ihr und unzähligen anderen angetan hatte. Dann war sie wiederum so beschäftigt, dass sie alles vergessen konnte. Oder zumindest eine Weile nicht daran denken. Sie konnte die Tatsache vergessen, dass er vor noch nicht einmal drei Monaten der Feind gewesen war, da sie so konzentriert bei der Arbeit war.

Es erstaunte sie, dass sie solch eine Vergesslichkeit befallen konnte. Zugegeben, sie wollte nicht immer mit ihm streiten, aber sie wollte sich auch nicht mit ihm verstehen. Es musste einen Mittelweg geben, oder nicht? Einen Weg für sie, eine Distanz zu ihm zu wahren, aber zur gleichen Zeit eine Form von Interaktion, die keine harschen Worte oder Zauberstäbe bedurfte. Gab es so etwas wie nicht Freunde, nicht Feinde und doch nicht einfache Bekannte?

Sie dachte an all die Male, die sie draußen aufgewacht war, gewärmt von seinem Umhang. Etwas in dieser kleinen Geste berührte einen Teil ihres Herzens und sagte ihr, dass es vielleicht, nur vielleicht, etwas in ihm gab, das sie verstehen konnte. Es war eine Liebenswürdigkeit, die er zeigte, und sie war vertraut mit Liebenswürdigkeit. Sie schätzte und bewunderte sie, wann immer sie sie sah, weil es so selten in solch dunklen Zeiten war.

Jeden Morgen dachte sie an seine Liebenswürdigkeit und konnte nicht anders, als den Tag damit zu beginnen, ihn zu tolerieren. Und üblicherweise war sie am Ende des Tages weniger tolerant. Sie hatte jedoch den Verdacht, dass das Level der Toleranz langsam, ganz langsam anstieg.


Nachdem er sich in sein Zimmer eingesperrt hatte, begann Draco wütend auf und ab zu laufen. Er musste etwas tun, um seinen Vater davon abzubringen, nach ihm zu suchen, und noch wichtiger, andere bei dem Versuch zu verletzen. Er wusste, dass Lucius bei dem Gedanken von Dracos Verrat an den Dunklen Lord vor Wut rasen und es als Verrat an sich selbst ansehen würde. Er lief eine Ewigkeit auf und ab, entschied schließlich aber, dass er direkt an seinen Meister appellieren musste.

Draco setzte sich an seinen Schreibtisch und verfasste einen eiligen Brief.

Meister,

ich habe von dem Anschlag meines Vaters an die Auroren gehört. Er handelt vorschnell. Ich arbeite an einem Projekt für Euch und wünsche nicht, dass er sich einmischt. Wenn das Ministerium auch nur Verdacht schöpft, könnte es für mich ruiniert sein. Das alles tue ich für Euch, mein Lord. Ich habe Euch nicht von meinen Aktionen in Kenntnis gesetzt, weil ich wusste, dass selbst Ihr mit eurer grenzenlosen Weitsicht glauben würdet, dass ich in den Wahnsinn verfallen oder, noch schlimmer, auf die andere Seite übergelaufen bin. Doch es läuft voran. Ich bin schon sehr nahe am Ziel. Wut führt zu Fehltritten und ich kann mir keine leisten, wenn ich erfolgreich sein soll.

Euer ergebener Diener

D.M.

Er las sich den Brief fünfmal durch, um sicherzugehen, dass er genug Huldigung und Arroganz enthielt, den Dunklen Lord zu überzeugen, dass er tatsächlich immer noch für ihn arbeitete. Er wusste nicht, ob Voldemort den Anschlag an den Auroren befohlen hatte, doch er bezweifelte es. Es entsprach nicht seiner Vorgehensweise. Und er hätte mit Sicherheit nicht in solcher Art und Weise versucht, einen vermissten Todesser zu finden. Draco durfte dem Dunklen Lord keinen Grund liefern, seine Meinung darüber zu ändern, dass er immer noch loyal war, immer noch für ihn arbeitete, immer noch folterte und hasste.

Draco band den Brief an Bubos Bein und schickte sie hinaus. Er sah sie in den Nachthimmel verschwinden, dann verglasten sich seine Augen, während er weiter aus dem Fenster ins Nichts starrte. Er wurde wieder in die Realität gerissen, als er Gelächter von unten hörte. Harry und Hermine waren draußen.

Sein Blick verfinsterte sich und er schloss das Fenster. Dann warf er sich aufs Bett. Was es nur für ein völlig mieser Tag gewesen war. Er war mürrisch und besonders gereizt gewesen und hatte Harry und Hermine beinahe jedes Mal, wenn er den Mund aufgemacht hatte, angekeift. Dann beim Abendessen – die Neuigkeiten über seinen Vater. Sicher, er hatte seinen Vater berücksichtigt, während er Pläne geschmiedet hatte, doch er hatte nie gedacht, dass er seinen Sohn würde finden wollen. Wahrscheinlich um mich zu foltern, dachte Draco voller Bitterkeit. Schließlich verrät niemand einen Malfoy.

Und er hatte immer noch kein Wort von ihrem Date gehört!

„Arghh!", brüllte er und drehte sich auf seine andere Seite. Er starrte die Wand vor ihm an, die es gewagt hatte zu existieren. „Was interessiert mich ihr dummes Date?", dachte er ärgerlich. Er konnte das Mädchen nicht einmal ausstehen! Okay, das entsprach nicht ganz der Wahrheit, doch im Augenblick meinte er es wirklich so.

„Dumm, dumm, dumm", murmelte er. Es war nur ein Date. Nichts mehr. Und er sorgte sich nicht einmal darum! Er weigerte sich, sich darum zu sorgen. Er hatte einen Pakt mit sich selbst geschlossen, dass ihm nichts an ihr liegen würde. Es war zu gefährlich. Am Ende – nun, er konnte nicht darüber nachdenken. Nicht wenn er ohnehin schon in einer schrecklichen Stimmung war.

Knurrend stieg Draco vom Bett und griff sich ein Buch von seinem Regal. Er kehrte zu seinem Bett zurück und zwang sich, sich auf die Wörter zu konzentrieren und seine Gedanken zu verdrängen.

Nach etwa einer Stunde legte Draco das Buch zur Seite und schloss die Augen. Er sollte schlafen. Der nächste Morgen würde lang und hart sein, wie seine Tage es immer waren. Doch alles der Reihe nach. Er verließ sein Zimmer und ging an Harrys geschlossener und Hermines offener Tür vorbei in den unteren Stock. Draco fand Hermine draußen, wo sie in einem Sessel las.

„Geh ins Bett", brummte er.

Sie sah ihn über die Kante ihres Buches an und runzelte die Stirn. „Und warum sollte ich das tun?"

„Darum. Es ist Zeit."

„Ich lese noch, wie du vielleicht siehst."

Er funkelte sie an. „Das ist mir egal."

Sie musterte ihn für einen Moment. „Ich glaube nicht, dass ich es jetzt will." Sie wandte sich wieder ihrem Buch zu und sagte dann, die Augen immer noch auf die Buchseite gerichtet: „Du bist nicht mehr ganz so grün wie vorhin."

Er höhnte: „Seit wann kümmert es dich?"

„Das tut es nicht", sagte sie gleichmütig.

„Mir geht's gut."

„Vorhin nicht. Das ist alles, was ich gesagt habe."

„Lass es. Geh ins Bett."

„Ich bin nicht müde", entgegnete sie sachlich.

Draco sah sie düster an. „Na schön." Er drehte sich um und trat wieder ins Haus.

Zwei Stunden später – zwei! – war sie eingeschlafen und Draco konnte endlich selbst schlafen gehen. Er war immer noch in einer üblen Stimmung, als er zu ihr hinausging und über alles und jedes schimpfte, das ihm an diesem Tag auf den Schlips getreten war. Als er sie sah, tief schlafend, das Buch offen auf dem Schoß, wurde sein Gesichtsausdruck kurz sanfter und verdoppelte sich dann. Er trug Hermine zu der Schaukel und deckte sie mit seinem Umhang zu. Die ganze Zeit über blickte er finster drein, doch er bemühte sich, seine Bewegungen davon unbeeinflusst zu lassen, um sie nicht zu wecken.

Als er sich endlich in sein Bett gelegt hatte, entspannte er sich. Morgen konnte unmöglich noch schlimmer werden als heute, dachte er, während er spürte, wie sein Körper allmählich schlaff wurde.

Draco wurde am nächsten Morgen von einem Klopfen geweckt. Er zwang seine Augen auf und drehte den Kopf, um die Quelle des Geräuschs zu finden. Bubo wartete ungeduldig vor seinem Fenster. Langsam stand Draco von seinem Bett auf und ließ sie herein. An ihrem Bein war ein Brief gefestigt und sein Herz tat einen Satz, als er realisierte, von wem er stammte. Nun hellwach beeilte Draco sich, den Brief abzulösen.

Kleiner Malfoy

Dein Vater ist für seine Taten zur Verantwortung gezogen worden. Ich akzeptiere es nicht, aus deinen Plänen ausgelassen zu sein. Du gehorchst mir. Vergiss das niemals. Ich bin jedoch recht interessiert. Halte mich über deine Fortschritte auf dem Laufenden. Oh, und bevor ich meine treuen Anhänger auf dich hetze, verrate mir, was du ausheckst. Lass nichts aus. Ich werde es wissen, das weißt du. Denk daran, dass deine Mutter oft allein gelassen wird, jetzt wo du fort bist und dein Vater damit beschäftigt ist, nach meiner Pfeife zu tanzen.

Draco erblasste bei der Erwähnung seiner Mutter. Der Dunkle Lord war äußerst gewieft und einfallsreich darin sicherzustellen, dass ihm seine loyalen Anhänger immer noch folgten. Der Brief war nur mit einem Abbild des Dunklen Mals unterzeichnet. Draco zerknüllte ihn, warf ihn durch das Zimmer und verbrannte ihn mit einem „Incendio" zu Asche, bevor er auf den Boden fiel. Er stierte finster vor sich hin. Er würde etwas von seinen Tätigkeiten aufgeben müssen, doch er hatte sich bereits auf dieses Szenario gefasst gemacht. Rasch zog er ein frisches Pergament hervor und kritzelte los.

Meister

Ich danke Euch für Euer Vertrauen in mich. Ihr werdet nicht enttäuscht werden. Ich weiß, dass mein Erfolg zu unserer Sache beitragen und einen schweren Schlag gegen die Muggle- Liebenden bedeuten wird.

Harry Potter wird nun seit einigen Wochen vermisst. Ich habe durch meine Kontakte und überzeugende Verhörtechniken in Erfahrung gebracht, dass er beabsichtigte, auf eigene Faust zuzuschlagen. Ich verfolge ihn gerade und füttere ihm falsche Informationen und Fährten zu. Er ist im Augenblick in Moskau, wo er darauf wartet, von einem Kontakt zu hören, der nicht existiert. Ich werde als der Kontakt auftreten und ihn weiter in die Irre leiten. Währenddessen beobachte ich seine Schritte und all diejenigen, mit denen er in Kontakt kommt. Ich glaube, dass es einen Verräter unter Euren treuesten Anhängern gibt, und beabsichtige, ihn zu finden und auszulöschen und dann Potter zu Euch zu bringen. Doch ich muss warten, bis der Verräter zum Vorschein kommt.

Ich danke Euch abermals für Euer Vertrauen. Meine Jahre unbeirrbarer Loyalität haben mir dieses Vertrauen eingebracht. Jedoch weiß ich, dass Euch reine Worte nicht genügen. Ich werde Euch auf dem Laufenden halten und Euch bald handfeste Beweise meiner fortwährenden Treue zukommen lassen.

Ergeben bis zum Tod,

D.M.

Draco las sich den Brief mehrere Male durch, denn es war von äußerster Wichtigkeit, dass er die richtigen Worte und Phrasen verwendete, um jeglichen Verdacht von sich abzulenken. Als er fertig war, zog er sich an und ging mit dem Brief in der Hand nach unten. Harry und Hermine frühstückten und unterhielten sich gerade.

„Morgen, Malfoy", sagte Harry.

Draco nickte und reichte den Brief an Harry.

„Was ist das?", erkundigte er sich, während er ihn betrachtete.

„Lies es einfach", erwiderte Draco. Er machte sich Frühstück.

Harrys Augen weiteten sich, während er las. „Malfoy – ich verstehe nicht – was ist das?"

„Ich habe dir doch gesagt, dass ich es beheben werde, nicht wahr?"

„Ja, aber – wie wird das irgendetwas beheben?" Hermine nahm Harry den Brief aus der Hand und las ihn ebenfalls.

„Als ich all das in die Wege geleitet hatte, habe ich versucht, an jede Möglichkeit zu denken." Draco setzte sich gegenüber von Harry und Hermine, während er in erster Linie Harry ansprach. „Eines der ersten Dinge, die mir eingefallen sind, war die Tatsache, dass mein Verschwinden nicht unbemerkt vom Dunklen Lord sein würde. Es war zu offensichtlich. Das ist der Notfallplan, den ich entwickelt habe für den Fall, dass er zu wissen verlangt, was mit mir passiert ist."

„Ein Notfall?", fragte Hermine.

„Ja."

„Also ist das, was du dir gestern Abend hast einfallen lassen? Dieser Brief?", sagte Harry.

„Nein. Ich habe ihm schon geschrieben und diese Antwort heute Morgen bekommen. Das ist mein zweiter Brief an ihn."

Hermines Augen weiteten sich. „Ihr steht in Briefkontakt miteinander?"

„Jetzt ja", sagte er beiläufig. „Aber ich wusste, dass es sich letztendlich so ergeben würde."

„Wie kann das funktionieren? Ich meine, ich bin nicht in Moskau."

„Das habe ich schon vor Ewigkeiten ausgeklügelt. Es wird mich ein paar Monate kosten, dich aufzuspüren, bevor ich die Identität des Verräters herausfinden kann. Währenddessen werde ich den Dunklen Lord mit Informationen über dich und den Verräter füttern, ohne England zu verlassen."

„Was sind diese handfesten Beweise, die du ihm schicken willst?"

„Bilder. Von dir, während du dich mit einer dunklen, vermummten Gestalt im Wald triffst. Ich werde die Rolle des Verräters spielen, du bist du selbst und Granger spielt mich und nimmt die Bilder auf. Es gibt einen Wald am westlichen Rand meines Grundstücks."

„Und du hast schon an all das gedacht."

„Natürlich. Ich habe viele Notfallpläne für verschiedene Szenarios, die aufkommen könnten."

„Ich denke, wir sollten sie besprechen", sagte Hermine.

„Es sind Dutzende. Es wäre Zeitverschwendung."

„Sagst du", erwiderte sie. „Was, wenn sie mich beinhalten? Oder Harry?"

„Natürlich beinhalten sie dich. Ich habe Pläne für den Fall einer Gefangennahme, einer Verletzung, eines Verrats und eines Todesfalls, um ein paar zu nennen."

„Ich würde niemals Harry verraten", entgegnete Hermine heftig.

„Nein, natürlich nicht", sagte Draco. Er warf ihr einen harten Blick zu. „Aber du würdest nicht zögern, mich zu verraten. Ich muss vorbereitet sein auf alle möglichen Ereignisse."

„Wer ist der Verräter, von dem du sprichst?", erkundigte Harry sich, noch immer auf den Brief konzentriert.

Draco feixte. „Na ich natürlich."

Harry runzelte die Stirn, doch Hermine blickte ihn mit einer Miene der Erleuchtung an.

„Du führst ihn auf eine falsche Fährte, indem du ihm den Gedanken einpflanzt, dass jemand ihn verrät, und du sagst, dass du diese Person finden willst. Aber die ganze Zeit bist du es und du tust in Wirklichkeit gar nichts."

„Dein Geplapper macht mich ganz schwindelig, Granger. Aber du hast die Grundessenz erfasst."

„Du verrätst Voldemort wirklich." Es war eine Frage und doch zur gleichen Zeit eine Aussage der Erkenntnis, als hätte sie erst jetzt begriffen, was wirklich vor sich ging.

Draco sah ihr tief in die Augen, während sie ihn mit einem verwirrten Gesichtsausdruck anstarrte. „Und manche Leute sagen, du wärst nicht die hellste Hexe in unserer Klasse."

„Malfoy", sagte Harry warnend.

Draco hob die Hände als Zeichen, dass er sich zurückhalten würde. Hermine starrte ihn immer noch mit dem seltsamen Blick an. „Was?", sagte er, als es nicht danach aussah, dass sie damit aufhören würde.

Sie schien aus einer Trance aufzuwachen und blinzelte. „Ich – ich weiß nicht – ich schätze, ich habe die Bedeutung von dem, was du tust, nicht wirklich realisiert. Warum, Malfoy?"

Er schüttelte de Kopf. „Diese Unterhaltung hatten wir schon. Ich habe dir meine Antwort gegeben."

„Deine Insel."

„Ja."

„Und was jetzt?", fuhr Harry dazwischen, bevor sie in einen Streit ausbrechen konnten, wie sie es immer taten.

„Nichts wird sich ändern", sagte Draco. „Wir fahren mit unserem Training fort, Granger macht weiter ihren Job und ich schicke dem Dunklen Lord ab und an Updates von meinen Fortschritten. In einer oder zwei Wochen werden wir die Bilder aufnehmen." Er stand auf und wusch seinen Teller ab. „Und nachdem ich lange darüber nachgedacht habe, bestehe ich immer noch darauf, keine Zeitung zu abonnieren. Zu riskant."

Harry nickte. „Wollen wir dann damit anfangen, uns wie jeden Tag zu prügeln, als ob unser Leben davon abhinge?"

„Ja, gleich. Ich werde diesen Brief in ein paar Tagen abschicken. Da wir angeblich in Russland sind, muss ich meine Antworten etwas aufschieben. Ich wollte es dir sagen, Harry, weil du es wissen musst, falls jemals eine Gelegenheit dazu aufkommen sollte. Ich denke nicht, dass es passieren wird, aber nur für den Fall."

Er drehte sich um und kehrte in sein Zimmer zurück.

„Ich vertraue ihm immer noch nicht", sagte Hermine.

Harry seufzte. „Ich weiß. Du musst es auch nicht unbedingt, schätze ich. Aber Hermine, ich vertraue ihm."

„Und ich vertraue dir. Also heißt das wohl, dass ich ihm indirekt vertraue."

„Wir setzen jeden Tag, den wir hier verbringen, Vertrauen in ihn, weil er uns jeden Tag töten oder, noch schlimmer, an Voldemort ausliefern könnte. Er ist in dieser ganzen Angelegenheit zu uns beiden nichts als offen gewesen."

„Außer in Bezug auf die Gründen, weshalb er all das tut."

„Ja, da hast du Recht. Abgesehen davon."

Sie hielt inne, um nachzudenken. Sie wusste nicht, ob sie ihm jemals vertrauen würde, trotz allem, das er für sie und Harry getan hatte. Zwischen ihnen stand zu viel, nämlich jene riesige Mauer, die sie in ihrem Geist von ihm errichtet hatte. Sie war ziemlich sicher, dass er eine ähnliche Mauer um sein Bild, sein Konzept von ihr erbaut hatte. Vertrauen würde langsam eintreten, wenn überhaupt, und es würde ein Ziegelstein nach dem anderen sein, der aus jenen Mauern herausfiel.