Als ich vollständig verwandelt bin, erforsche ich meine Umgebung mit meinen geschärften Sinnen. Dies ist das erste Mal, dass ich mich außerhalb meines Käfigs verwandele und ich genieße das Gefühl der Freiheit.
Ich strecke mich und blinzele. Die Welt ist in feine Schwarz-, Braun- und Grautöne verblasst. Aber die Luft ist viel reichhaltiger, als noch gerade eben. Ich hebe die Schnauze und atme. Waldgerüche stürmen auf mich ein. Moos und Rinde, ein zertretener Farnwedel.
Die Gerüche des Rudels umgeben mich, betäuben mein Gehirn. Sie sind hundertmal intensiver jetzt und die wilde Note, die sie alle gemeinsam haben, ist viel deutlicher. Ich schnuppere noch einmal und identifiziere Nicks Geruch aus dem Mischmasch. Er ist ganz in der Nähe.
Als hätte er meine Gedanken gehört, heult er wieder. Ich schließe die Augen und lasse den Klang in mir widerhallen. Er ruft nach mir. Ich werfe den Kopf zurück und antworte. Von weiter weg höre ich ein weiteres Heulen, aber bevor ich auch darauf antworten kann, rauschen hinter mir die Büsche und Nick tritt auf die Lichtung.
Er kläfft erfreut und springt mich an. Ich bin in dieser Art Spiele nicht geübt und falle. Er tritt zurück und duckt sich das Hinterteil in der Luft, das Maul offen mit heraushängender Zunge und nach vorn gerichteten Ohren. Seine Augen glitzern.
Ich grinse zurück, drehe mich um und renne davon. Ich kann hören wie er mich verfolgt und wechsele überraschend die Richtung. Ich komme nicht weit, bis der Geruch der anderen mich noch einmal die Richtung wechseln lässt.
Ich breche durch ein Gebüsch und dort stehen sie alle, auf der Lichtung und schauen mir erwartungsvoll entgegen.
Der menschliche Teil meines Gehirns ordnet ihnen ihre Namen zu, der wölfische analysiert die Rangordnung.
Am liebsten wäre ich sofort zu Nick gelaufen, der gerade hechelnd von der anderen Seite auf die Lichtung tritt, aber meine Instinkte befehlen mir etwas anderes.
Vorsichtig nähere ich mich Jeremy, der gelassen auf mich wartet. Ich ducke mich ein wenig und winsele. Ich stoße ihm meine Schnauze unters Kinn und lecke seinen Mundwinkel, aber ich weiß, dass es noch nicht genug ist und werfe mich ergeben auf den Rücken, präsentiere dem Alpha meinen hellen Bauch.
Er seufzt zufrieden und leckt dann seinerseits einmal kurz über mein Gesicht, um mir zu zeigen, dass er mich als Teil seines Rudels anerkennt. Ich springe auf und schüttele mir Laub und Erde aus dem Pelz. Sofort umringen mich die anderen, stupsen mich mit ihren Nasen und schnappen spielerisch nach mir.
Plötzlich stehe ich Clay gegenüber. Ich weiß was er will, aber ihm gebe ich es widerstrebender als Jeremy, trotzdem, ich weiß, dass ich verlieren würde, wenn ich es verweigerte. Ich bin bei weitem die zierlichste von allen. Sogar Elena ist eine Handbreit größer als ich.
Alle anderen haben mich als gleichgestelltes Mitglied akzeptiert, nur Clay brät mal wieder eine Extrawurst. Ich starre ihm eine Sekunde herausfordernd in die Augen, damit er weiß, dass er mit mir trotzdem nicht alles machen kann was er will.
Er erkennt meinen Widerspruchsgeist sofort, schnappt nach mir und wirft mich auf den Rücken. Er wird mich nicht töten, aber ich spüre seine Zähne an meiner Kehle und ich weiß, dass er es weiß.
Endlich dreht er sich um und geht. Erleichtert stehe ich wieder auf. Jeremy stößt ein kurzes Heulen aus und wir, sein Rudel antworten gemeinsam. Er trabt voraus in den Wald, auf einem kaum sichtbaren Pfad und wir folgen wie die Wilde Jagd.
Es ist ein einziges Stolpern und Rempeln, Kläffen und Schnappen. Der kleine Wildwechsel ist einfach zu eng für uns alle auf einmal. Jeremy steigert das Tempo und bald rasen wir dahin.
Meine Pfoten finden ihren Rhythmus und donnern auf den Waldboden. Endlich kann ich rennen, meine überschüssige Energie loswerden. Mein Herz hämmert.
Um mich herum höre ich den hechelnden und keuchenden Atem der anderen. Er bildet weiße Wölkchen in der Luft, die der Fahrtwind sofort davon reißt. Der Geruch der anderen betäubt mich und wiegt mich in Sicherheit.
Ich fühle wie in meinem Innern das letzte Puzzleteil an seinen Platz fällt. Ich gehöre hierhin. Mitten in dieser rennenden Horde Wölfe ist mein Platz. Sie sind mein Rudel und meine Familie. Dies ist unser Wald, unser Territorium, mein Zuhause. Endlich habe ich es gefunden.
Das Glück überflutet mich und ich will es mit den anderen teilen. Ich komme schlitternd zum Stehen, werfe den Kopf zurück und heule, rufe nach den anderen, die weiter gerannt sind.
Die Musik ergießt sich aus meiner Brust, ein greifbarer Ausdruck reinster Lebensfreude. Ich lausche und erfreue mich an der Antwort der anderen. Sie lassen mich wissen, dass sie da sind und ich zu ihnen gehöre. Jubelnd mache ich mich auf und trabe ihnen hinterher.
Viele Stunden später verwandelten wir uns zurück und stolperten erschöpft ins Haus.
