„Sherlock, mach´ die Tür auf!"

„Lass mich in Ruhe! Lasst mich alle in Ruhe. Ich brauch´ euch nicht!"

Mycroft ließ die Stirn gegen Sherlocks Tür sinken und stöhnte. Manchmal fühlte er sich überfordert mit seinem kleinen Bruder. Er wünschte, Sherlock hätte es im Leben einfacher. Er spürte plötzlich eine Hand auf seinem Rücken und erschrak. Seine Mutter stand hinter ihm und musterte ihn intensiv.

„Was ist passiert?"

„John hat ein wenig die Beherrschung verloren. Und Sherlock…, er war eben wie er ist."

„Ich kümmere mich um die Jungs. Kümmere du dich um deine Hausarbeit."

Mycroft warf noch einen Blick auf die verschlossene Tür von seinem Bruder und nickte dann nur.

Kaum hatte Sherlock das Zimmer verlassen, lief Mycroft ihm nach. John blieb alleine zurück. Alles, an was er denken konnte, war der enttäuschte und verletzte Gesichtsausdruck auf Sherlocks Gesicht. Aber verstand Sherlock denn nicht, wie es ihm ging? Er wollte einfach nur wieder nach Hause. Er hörte, wie Sherlock seine Zimmertür zu knallte und seinen Bruder draußen stehen ließ. John stand noch immer wie versteinert da, als Mycroft wieder zurück kam. Sein Blick fiel auf John.

„Tut mir leid," murmelte John leise.

Mycroft setzte sich auf sein Bett und zog John zu sich. Er merkte, wie der Junge am ganzen Körper anfing zu zittern. Er drückte ihn vorsichtig an sich, wie es seine Mutter mit ihm früher immer gemacht hatte.

„Alles kommt wieder in Ordnung. Sherlock wird sich wieder beruhigen. Im Moment ist er verletzt. So wie du."

„Ich dachte, wie wären Freunde."

Bei den Worten musste Mycroft lächeln, er zog John etwas näher an sich ran und hoffte, dass sich wirklich alles irgendwie lösen ließe.

„Sherlock ist dein Freund, er wollte nur dein Bestes. Er hat sich Sorgen gemacht. Und wenn du auf jemanden böse sein willst, dann auf mich. Ich habe mit unserem Vater geredet. Nicht Sherlock."

„Trotzdem…, ich will nach Hause. Ich mache hier alles kaputt, Dad hat Recht gehabt…"

„Mit was hat dein Dad Recht gehabt?"

„Dass ich nur Ärger mache und nichts wert bin."

John drückte Mycroft von sich weg, der hielt ihn allerdings fest und starrte ihn entsetzt an.

„Das glaubst du nicht wirklich, John? Das stimmt einfach nicht. Du bist etwas ganz Besonders! Sonst hättest du nicht so einen Eindruck bei Sherlock hinterlassen."

„Ich will nach Hause."

Mr. Holmes legte den Hörer auf. Dass es so schnell zu Hause eskalieren würde, hätte er nicht gedacht. Er wollte eigentlich nur noch zu seiner Familie fahren, leider stand noch ein unangenehmer Termin zwischen ihm und seiner Heimfahrt.

„Die Dame vom Jugendamt ist da, Mr. Holmes."

„Danke, schicken sie sie rein und nehmen sie sich den Rest des Tages frei."

Mr. Holmes überflog kurz das Dokument, das vor ihm lag, bevor er es unterschrieb und zurück in die Dokumententasche legte. Momentan erschienen ihm die Dispute der verschiedenen Regierungen und das Geplänkel im Europaparlament wie die reinste Erholung. Mit ein paar klugen Schachzügen im Verborgenen konnte er die Ergebnisse erzielen, die für Großbritannien und auch für die restliche Welt die beste Lösung waren. Bei seiner Familie, zu der er jetzt auch John zählte, war das alles nicht so einfach. Er seufzte und schob die Akte in seine obere Schreibtischschublade, die er abschloss. Kurz darauf öffnete sich seine Bürotür. Mit Missmut registrierte Mr. Holmes, dass Anklopfen wohl nicht zu den Fähigkeiten dieser Person gehörte. Er erhob sich von seinem Schreibtisch und reichte seiner Besucherin die Hand. Auch wenn er sein Gegenüber von der ersten Sekunde nicht ausstehen konnte, war dies kein Grund, seine Manieren zu vergessen.

„Roysten Holmes, herzlichen Dank, dass sie gekommen sind. Nehmen sie bitte Platz."

„Selina Green, ich bin die Sachbearbeiterin in der Familiensache Watson."

„Am Besten, wir kommen gleich zum Wesentlichen. Warum wurde den Eltern der Aufenthaltsort ihres Sohnes mitgeteilt?"

„Das ist das normale Vorgehen."

Mr. Holmes beobachtete die Frau vor ihm mit wachsendem Unbehagen. Eine Beamtin, die sich stur an ihre Dienstanweisungen hielt und ihren Verstand nicht einsetzte.

„Ihnen ist schon klar, dass sie damit sowohl John einer Gefahr aussetzen, als auch meine Familie?"

„Welche Gefahr?"

„Mr. Watson hat sowohl ein Alkoholproblem, als auch eine Neigung zur exzessiver Gewalt, wie sie an seinem Sohn sehen können."

„Diese Einsschätzung teilt das Jugendamt nicht."

Mr. Holmes starrte sie an und machte keinen Versuch, seine aufkeimende Wut zu verbergen.

„Bitte?"

„Wir hatten Gelegenheit, die Familienverhältnisse ausreichend zu prüfen. Die Arbeitslosigkeit und der damit einhergehende Alkoholkonsum von Mr. Watson ist ein Problem, dessen er sich bewusst ist. Er arbeitet hier an sich. Zudem ist John ein sehr schwieriges Kind…"

„Ein schwieriges Kind? Abgesehen davon, dass dem nicht so ist, würde es nicht rechtfertigen, sein Kind derart zu schlagen."

„Da muss ich ihnen natürlich Recht geben. Daher wird die Familie vom Jugendamt begleitet werden, sobald die Rückführung erfolgreich war."

Mr. Holmes fuhr sich mit der Hand durch das Gesicht und atmete tief durch. Er fragte sich, ob er diese Unterhaltung gerade wirklich führte. Er hatte den Eindruck, sie befanden sich beide nicht in derselben Realität.

„Sie wollen John wieder zu seinen Eltern schicken?"

„Das ist im Sinne des Kindeswohls. Nach einer sanften Annäherung beider Parteien, die von uns begleitet wird. Wir sind ihnen sehr dankbar, dass sie als Pflegefamilie für den Jungen da sind, aber das ist natürlich keine Dauerlösung. Gerade in ihrer familiären Situation."

Der letzte Satz ließ Mr. Holmes aufhorchen.

„Auf welche Situation spielen sie an?"

„Es ist bestimmt nicht leicht für sie und ihre Frau mit einem Pflegekind und einem eigenen, behinderten Jungen."

Mrs. Green sah Mr. Holmes mit einem mitleidigen Blick an, den er nur zu gut von sämtlichen Erziehern, Psychologen und Ärzten kannte, die mit ihm über Sherlock und seinen vermeintlichen Autismus gesprochen hatten. Mrs. Green rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her, je länger Mr. Holmes sie mit unerbittlichem Blick anstarrte.

„Sie…ähm…ihr jüngerer Sohn leidet doch an Autismus, oder?"

„Sie müssen sich um die Gesundheit meiner Kinder keine Sorgen machen. Beide entwickeln sich gemäß der zu erwarteten Standards, die ihre Behörde zu Grunde legt. Herzlichen Dank für ihren Besuch, Mrs. Green."

Mr. Holmes machte nicht die Anstalten die Dame hinaus zu begleiten, er klappte seinen Laptop auf und konzentrierte sich auf den Bildschirm. Erst als er die Tür ins Schloss fallen hörte, schlug er mit der Faust auf den Schreibtisch. Er ignorierte den Schmerz und starrte wütend auf die Tür. Wie konnte sie es wagen? Sein Blick fiel auf ein Foto, das leicht versteckt auf seinem Schreibtisch stand. Es zeigte seine beiden Jungs im letzten Urlaub und war ein Schnappschuss, den beide nicht bemerkt hatten. Weder Mycroft noch Sherlock ließen sich gerne fotografieren. Er blickte das Foto lange an, seine Jungs waren perfekt, so, wie sie waren. Er machte sich eine Notiz, dass seine Assistentin nächsten Tag sämtliche Akten, die es über Sherlock oder Mycroft gab, überprüfen und bereinigen sollte. Außerdem sollte man die Arbeitsweise und die Befähigung dieser Mrs. Green einmal durchleuchten.